Ried vs Rapid: Beobachtung eines Spiels, bei dem zwei Serien halten [Exklusiv]
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Ried vs Rapid: Beobachtung eines Spiels, bei dem zwei Serien halten [Exklusiv]

Ried ist traditionell kein guter Boden für den SK Rapid. Gegen keinen anderen Gegner konnten die Innviertler in ihrer Bundesligageschichte mehr Heimsiege einfahren als gegen die Hütteldorfer. Weil die Rieder saisonübergreifend seit zwölf Heimspielen ungeschlagen waren und Rapid in der aktuellen Saison noch keinen vollen Auswärtserfolg einfahren konnte, war die Favoritenrolle vor dem Match auch diesmal nicht so klar, wie es die Buchmacher ausgemacht hatten.

+ + 90minuten.at Exklusiv - Von Gerald Emprechtinger + +

 

Rapid begann druckvoll und brachte die Rieder gleich zu Beginn mehrmals in Bedrängnis. Das Konzept der Heimmannschaft, immer wieder spielerisch aus dem eigenen Strafraum kommen zu wollen, sorgte in der Anfangsphase nach zwei Abspielfehlern für zwei Topchancen der Hütteldorfer. Diese konnten jedoch durch einen erneut in Topform agierenden Samuel Sahin-Radlinger abgewehrt werden. 

 

Gegentreffer als Weckruf für Wikinger

Das 0:1 war aufgrund des Spielverlaufs trotzdem nur eine Frage der Zeit. Nach einer Freistoßflanke, einer unglücklichen Verlängerung durch SVR-Kapitän Marcel Ziegl und einem Abstauber von Ercan Kara aus kurzer Distanz fiel das zu diesem Zeitpunkt überfällige Tor auch noch innerhalb der ersten Viertelstunde im Spiel.

SV Ried-Interimscoach Christian Heinle sprach nach dem Spiel von einer schlechten Balance zu Beginn. Man wollte das Pressing seiner Aussage nach höher auslösen als in den letzten Spielen, was am Anfang aufgrund des hohen Pressings der Hütteldorfer jedoch zu Lasten der Chancen gegen seine Mannschaft ging. Diese Balance wurde allerdings nach dem Weckruf durch den Verlusttreffer besser gefunden.

Foto © GEPA Zog richtige Schlüsse. Christian Heinle

So musste Rapid-Torhüter Paul Gartler in weiterer Folge zweimal in extremis gegen den heranstürmenden Ante Bajic parieren. Nach einem Lochpass von Stefan Nutz war er zunächst beim Herauslaufen knapp schneller am Ball, nach einem weiteren Lochpass von Nikola Stosic parierte er glänzend per Fußabwehr. Das zu diesem Zeitpunkt verdiente 1:1 fiel für die Wiener jedoch einigermaßen unglücklich. Stojkovic fälschte einen Reiner-Kopfball nach Nutz-Freistoßflanke aus größerer Distanz unhaltbar ins Tor ab.

 

Und wieder kippt das Spiel

Nach dem Ausgleich der Heimmannschaft kippte das Spiel erneut. Der ehemalige SVR-Goalgetter Marco Grüll hätte bereits vor dem Halbzeitpfiff zweimal für die erneute Führung von Rapid sorgen können. Nach einem Stellungsfehler in der aufgerückten Rieder Abwehr scheiterte der Salzburger zunächst nach einem Solo von der Mittellinie am erneut starken Samuel Sahin-Radlinger, der Nachschuss konnte von Constantin Reiner von der Linie gekratzt werden. Nur wenige Minuten später landete ein Schlenzer von der Strafraumkante an der Innenstange und sprang von dort wieder aus dem Tor. Hier fehlten Grüll nur wenige Millimeter zu seinem sechsten Saisontor.

Christian Heinle reagierte und brachte zu Beginn der 2. Halbzeit zwei neue Spieler. Philipp Pomer ersetzte den überforderten Felix Seiwald auf der linken Seite der Fünferkette und Luca Meisl rückte für Milos Jovicic in die halblinke Position in der Dreierkette der Rieder. Im Gegensatz zur 1. Halbzeit plätscherte das Spiel zunächst etwas dahin, mehr als Halbchancen von beiden Teams waren nicht zu verzeichnen. Nach knapp einer Stunde reagierte auch Steffen Hofmann und brachte Taxiarchis Fountas sowie Christoph Knasmüllner für Thierno Ballo und Thorsten Schick.

Ab diesem Zeitpunkt überluden die Hütteldorfer immer öfters die linke Abwehrseite der Rieder mit Meisl und Pomer, welche offensichtlich als Schwachstelle ausgemacht wurde. Doch entgegen der eigentlichen Spieltendenz war es die SV Ried, welche in der 72. Minute mit 2:1 in Führung gehen konnte. Über Stefan Nutz und Ante Bajic gelangte der Spiel zum knapp zuvor eingewechselten Leo Mikic. Der 24-jährige Kroate sorgte mit einem herrlichen Schlenzer von der Strafraumkante für Jubel unter den zugelassenen Ried-Anhängern im ansonsten menschenleeren Stadion. Für Mikic war es das bereits vierte Saisontor als Joker.

 

Rapid bricht nicht

Frühere Rapid-Mannschaften wären nach diesem Nackenschlag in Ried oftmals auseinandergebrochen, nicht aber diese. Im Gegenteil, es folgten wütende Angriffe auf das Tor vor der Rieder Osttribüne. Nur fünf Minuten nach dem Führungstreffer hatten die Rieder zunächst noch Glück. SR Jäger erkannte nach Konsultation des VAR einem Kopfballtreffer von Ercan Kara die Gültigkeit ab, weil Sahin-Radlinger die Sicht durch eines im Abseits stehenden Rapidlers genommen war - im Endeffekt eine nachvollziehbare Entscheidung.

Doch nur wenige Minuten später fiel das hochverdiente 2:2 dann aber doch. Der eingewechselte Knasmüllner sorgte mit einem Kopfball aus kurzer Distanz für den Ausgleich. In der Nachspielzeit hatten die Hütteldorfer den Matchball zweifach in der Hand. Doch zunächst blockte Reiner einen Schuss von Fountas ab und der darauffolgende Eckball ging nur in das Rieder Außennetz. Trotz eines deutlichen Übergewichts von 23:1 Flanken, 9:1 Ecken und 5:2 Schüssen aufs Tor hielten die bestehenden Serien beider Teams. Ried ist nunmehr 13 Heimspiele in der joskoArena ungeschlagen, Rapid wartet auf den ersten Auswärtssieg seit dem 28. April (damals in der Meistergruppe ein 3:2 bei der WSG Wattens).

Foto © GEPA Unzufrieden und wehmütig: Steffen Hofmann

Ein sichtlich unzufriedener bzw. nach eigenen Angaben wehmütiger Steffen Hofmann sprach in der Pressekonferenz nach dem Spiel von einem akzeptablen Punkt, weil die Rieder Mannschaft Qualität habe, unangenehm sei und die Trauben in dieser Saison in Ried relativ hoch hingen. Als mangelhaft wurde die Chancenverwertung kritisiert. Lob sprach er hingegen der Einstellung seiner Mannschaft zu, weil diese auch nach dem 1:2 nicht an eine Niederlage dachte, sondern die Partie auch nach dem 2:2 noch gewinnen wollte. Das Erreichen der Meistergruppe sieht Hofmann als kein Problem an, wenn die Mannschaft so weiterarbeitet wie bisher.

 

Trainersuche und Derbies

Von der Trainerentscheidung Ferdinand Feldhofer hatte er am Tag vor dem Match von Zoran Barisic erfahren. Es steht laut eigener Aussage noch nicht fest, wie es mit seiner eigenen Personalie innerhalb von Rapid weitergeht. Seine Bilanz als Verantwortlicher auf der Rapid-Bank fällt mit einem knappen Sieg gegen Altach, einer Niederlage in der Europa League gegen West Ham sowie dem Unentschieden gegen Ried durchschnittlich aus.

Für SVR-Coach Christian Heinle war der Punkt ein gewonnener, weil seine Mannschaft die Balance zwischen Defensive und Offensive nicht wirklich gefunden hatte und zu viele Chancen zugelassen hatte. Das Fehlen der eigenen Fans bezeichnete er jedoch einmal mehr als große Schwächung. Auf die Meistergruppe angesprochen zeigte er sich einmal mehr zurückhaltend. Man wolle in der Liga so lange wie es geht dagegenhalten, um einen Platz unter den ersten sechs zu erreichen. Dass man zwei Runden vor der Winterpause auf dem 5. Platz liegt, sei eine schöne Momentaufnahme.

Am kommenden Sonntag heißt es für beide Mannschaften Derbytime. Rapid wird im ersten Spiel unter Neo-Cheftrainer Ferdinand Feldhofer versuchen, den Derby-Fluch im Allianz Stadion zu beenden und den ersten Wiener Derby Heimsieg seit April 2016 einzufahren. Damals hatte Tomi Correa für den 1:0 Siegtreffer gesorgt, Steffen Hofmann war noch selber auf dem Platz gestanden. Die SV Ried muss in Pasching beim LASK antreten und kann dafür sorgen, dass der Conference League Gruppensieger aus der Landeshauptstadt seine Pläne für die Meistergruppe der Bundesliga schon frühzeitig ad acta legen muss. Wohl kaum jemand hätte vor der Saison damit gerechnet, dass die Innviertler sechs Spieltage vor Ende des Grunddurchgangs sieben Punkte vor dem Lokalrivalen liegen würden. Nach dem Derby kommt vor der Winterpause noch der Tabellenletzte aus Altach ins Innviertel.

 

Im Gegensatz zu Rapid gibt es Im Innviertel noch keine Neuigkeiten hinsichtlich des neuen Cheftrainers. Diesen will man noch vor der Winterpause vorstellen, die Liste der Kandidaten hat sich laut SVR-Sportchef Thomas Reifeltshammer in einem Sky-Interview in der Halbzeitpause bereits deutlich reduziert. Es bleibt also weiterhin spannend.

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