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Foda-Ablöse? Kein Stein darf am anderen bleiben [Kommentar]

ÖFB-Teamchef Franco Foda ist mehr als angezählt. Doch nur den Trainer zu wechseln, das darf nicht alles sein. In Wahrheit braucht der ÖFB nicht nur im sportlichen Bereich eine grundlegende Reform.

+ + 90minuten.at Exklusiv - Ein Kommentar von Georg Sander + +

 

Das Herrennationalteam ist das Aushängeschild des österreichischen Fußballbundes. Und es ist weit hinter den Erwartungen zurück geblieben. Tabellarisch in der WM-Quali, man ist Vierter, hinter Schottland und Israel. Spielerisch am Feld, weil die gesamte Offensivabteilung vorgabenlos auf den Faktor Zufall hofft. Atmosphärisch im Kader, da das Leistungsprinzip abgeschafft scheint und weil das Team mangelnde Vorgaben beklagt und Franco Foda selbst von seinen Vorgesetzten im Frühjahr öffentlich gerügt wurde. Die Forderung nach einer Ablöse des Teamchefs ist folgerichtig, es passen weder Ergebnisse, noch Spiel, Zukunftsentwicklung im Kader. Aber was dann?

 

Baustellen, wohin man schaut

"Die Trennung von Foda ist unumgänglich. Sie wäre aber nur eine Kosmetik und würde für sich allein gesehen den ÖFB als Ganzes keinen Schritt voranbringen." - Georg Sander

Der ÖFB braucht ein Nationalstadion, ist zum Teil auf öffentliche Gelder angewiesen. Der Fußballbund braucht eine Geschäftsstelle bzw. ein Trainingszentrum. Kostet auch Geld, das ist schwer aufzustellen, gerade in Zeiten der Pandemie. Aber es geht noch tiefer. Die „Causa“ Milletich, die keine zu sein schein dürfte, zeigt den Riss auch innerhalb des aktuellen Präsidiums. Sacharbeit für den Verband rückt dabei oft in den Hintergrund, es geht dann oftmals nur um das Waschen von Schmutzwäsche. Davor war auch das Wahlprozedere zum neuen ÖFB-Präsidenten eine Komödie in mehreren Akten. Aber auch in der Geschäftsstelle hapert es, wie die Investigativrecherche in Sachen Schiedsrichter zeigte. Da wirkt Leo Windtners Resümee zum Abschied schon fast zynisch: „Der ÖFB ist gut aufgestellt - wirtschaftlich, organisatorisch und zukunftsorientiert.“ So sehr es sein mag, dass Windtner den Verband aus den Untiefen der Nullerjahre zwischenzeitlich in die Gegenwart führte: Da ist er nicht. Sorry.

 

Was nun?

Wenn sich im Verband nichts ändert, ist es beinahe unerheblich, ob Sportdirektor Schöttel ein Experiment wagt und Philipp Semlic aus Lafnitz holt, den damals-nicht-Trainer Peter Stöger installiert, einen Ralph Hasenhüttl von Southampton nach Österreich holt oder bei den Euromillionen gewinnt und Pep Guardiola, Julian Nagelsmann und Hansi Flick gleichzeitig zum A-Team lotst. Es ist schlichtweg egal, wer im November, März oder in der nächsten Quali an der Seitenlinie steht. Jeder halbwegs bei Sinnen befindliche Klubfunktionär weiß, dass es in den 20er-Jahren des 21. Jahrhunderts mehr braucht als einen Kampfmannschaftstrainer und eine Handvoll gute Kicker. Das kann einige Zeit lang gut gehen, stimmt schon. Aber nicht ewig.

 

Expertise in die richtigen Hände

Nicht, dass man einen Fußballtrainer, der nicht mehr mit seinem Kader zusammenarbeiten kann, mit der Politik vergleichen kann, aber man sieht: Gesichter auszutauschen hilft eben meist wenig. Aber: Ein Sportverband ist keine politische Partei. Es ist, in Bezug auf den Leistungssport, ein Freizeitdienstleister. Da müssen die Entscheidungswege stimmen, analog zu vielen Fußballklubs braucht es wohl sportliche und wirtschaftliche Vorstände, darüber ein Präsidium. All dies gibt es theoretisch auf dem Papier. Doch gelebt wird es anders: An den sportlichen Schalthebeln wurde vor ein paar Jahren Peter Schöttel installiert, weil „Willi Ruttensteiner hat den ÖFB wie sein Unternehmen geführt, der Schöttel lässt sich auch etwas einreden“, wie Niederösterreichs Landespräsident Johann Gartner treffend formuliert hat. Eine bessere Beschreibung für die Sinnkrise der ÖFB-Strukturen kann man nicht beschreiben.

Die Trennung von Foda ist unumgänglich. Sie wäre aber nur eine Kosmetik und würde für sich allein gesehen den ÖFB als Ganzes keinen Schritt voranbringen. Eine Trennung von Foda kann eigentlich nur der Anfang sein.

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