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Schlechte Spielleitung

Das Schiedsrichterwesen in Österreich gehört nicht zur Europaspitze, 90minuten.at-Recherchen zeichnen ein Bild eines Managements, das auf mehreren Ebenen versagt.

+ + 90minuten.at Investigativ – Von Georg Sander + +

 

Die Zeiten, als Österreich mit Konrad Plautz einen weit über die Grenzen hinaus bekannten Topschiedsrichter hatte, sind lang vorbei. Er beendete seine Karriere 2009. Im selben Jahr endete auch die FIFA-Schiedsrichtertätigkeit von Fritz Stuchlik, einem umstrittenen Schiedsrichter, der später für diese Berufssparte zuständig war und dessen Arbeit ebenfalls nicht ohne Störgeräusche ablief. 2018 endete die Ära Stuchliks mit einer knappen Presseaussendung, in der von einer einvernehmlichen Trennung die Rede war. Dem vorangegangen sind Medienberichte über eine Suspendierung.

Sein Nachfolger: Andreas Fellinger (siehe Bild oben), ehemaliger Schiedsrichter und bis dato weitgehend unbekannt. Eine Recherche von 90minuten.at zeigt, dass unter dem aktuellen Management Missstände herrschen, die sich nachteilig auf die Perfomance der Schiedsrichter auswirken.

 

Warten auf das Gehalt

Die Ende August von der 'Kronen Zeitung' öffentlich gemachten, ausstehenden Zahlungen für Bundesligaspiele und VAR-Einsätze decken sich mit der Recherche von 90minuten.at. Doch dem nicht genug: Wie 90minuten.at exklusiv in Erfahrung bringen konnte, war auch die erste Runde des ÖFB-Cups Anfang September noch nicht überwiesen. Die (regulären) Spiele fanden von 16. bis 18. Juli statt, das Geld war also bereits seit über sechs  Wochen überfällig. Doch nicht nur die Schiedsrichter mussten das erste Mal darauf warten. Zudem waren auch Zahlungen an die Trainer der Schiedsrichter zum Teil unverhältnismäßig lange ausständig. 

Die Eliteschiris sind zwar in Österreich nicht angestellt, für ein Bundesligaspiel gibt es für den Hauptschiedsrichter 1.350 Euro, die Linienrichter kassieren die Hälfte, der oder die 4. Offizielle 330 Euro. Der VAR erhält pro Einsatz 810 Euro, sein Assistent 405 - alles ohne Fahrtspesen und Diäten. Sprich: Zwar sind die Spielleiter keine Profis, haben Brotberufe, aber wer würde trotz einer Anstellung mit bis zu 40 Stunden wochenlang auf sein Geld warten können oder schlichtweg wollen? Vor allem, wenn andernorts sehr wohl genug Geld da zu sein scheint.

 

Geld versenkt, keine Vorgaben

Doch nicht nur in diesem Bereich ist der ÖFB säumig. Zuständig für diesen Breich ist aktuell der ehemalige Schiedsrichter Andreas Fellinger und dieser hat ein Video-System implementiert, mit dem sich die Schiedsrichter verbessern können, eine E-Learning-Plattform. Der Kostenpunkt: Mehrere tausend Euro, mit monatlichen Kosten von knapp 1.000 Euro. Die Schiedsrichter nutzen dieses Tool aber nicht, beziehungsweise können es gar nicht nutzen, da es keine Zugänge gibt und keine Einschulung. Während der Verband es also nicht schafft, die Schiris sowie deren Trainer zeitnah zu entlohnen, wird hier Geld de facto seit Monaten versenkt.

"90minuten.at wollte klarerweise Stellungnahmen des ÖFB. Eine Mail mit entsprechenden Fragestellungen wurde vergangenen Donnerstag um 11 Uhr an die Pressestelle des Fußballbundes mit Fragen an Generalsekretär Thomas Hollerer geschickt. (...) Die Antworten zu den weiteren Missständen bleibt der ÖFB jedoch schuldig. Wir bleiben dran."

Im negativen Sinne abgerundet wird das Managementversagen durch den Umstand, dass es keinerlei Vorgaben gibt, wie sich die Schiris auf die Matches vorbereiten. Zwar werden etwaige Hotelkosten oder Ruhequartiere vor dem Spiel rückerstattet, aber während sich die Klubs kasernieren, alles für eine professionelle Vorbereitung bereitstellen, können Schiedsrichter – und das kommt relativ häufig vor – zum spätestmöglichen Zeitpunkt anreisen, pfeifen und heimfahren. Das ist keine optimale Vorbereitung auf eine doch entlohnte Leistung. Während die Profiklubs in Europa herumfliegen und Millionenbeträge umsetzen, gibt es vonseiten des Verbandes keine Vorgaben, wie sich die, die auf die Fairness am Feld schauen, vorbereiten sollen.

 

Keine Antworten des ÖFB

Viele dieser Missstände werden häppchenweise immer wieder an die Oberfläche gespült. Auch jetzt, wo mit dem VAR die größte Revolution seit vielen Jahrzehnten im Schiedsrichterwesen gibt, wurde an diesen Stellschrauben offensichtlich nicht gedreht, man ließ es einfach weiterlaufen. Zum Leidwesen aller, auch der Schiedsrichter selbst. 90minuten.at wollte klarerweise Stellungnahmen des ÖFB. Eine Mail mit entsprechenden Fragestellungen wurde vergangenen Donnerstag um 11 Uhr an die Pressestelle des Fußballbundes mit Fragen an Generalsekretär Thomas Hollerer geschickt.

Mit Verweis auf die anstehenden Länderspiele (Israel und Schottland) wurde man vertröstet. Auf eine Nachfrage am Freitag kam es zu einem Telefonat aus Haifa, dass die Fragen in der Kürze nicht beantwortet werden können. 90minuten.at anerkannte die prekäre Situation und verlängerte die Deadline auf Sonntagabend. Damit hatte der größte Sportverband Österreichs insgesamt dreieinhalb Tage Zeit, die vier Fragen zu beantworten. Doch auch diese Frist ließ der ÖFB verstreichen, hatte lediglich ein Gespräch mit Hollerer nach dem Lehrgang angeboten. 90minuten.at wollte sich auf die abermalige Verzögerung nicht einlassen. 

 

Baustelle Schiedsrichterwesen

Immerhin: Wie 90minuten.at in Erfahrung bringen konnte, wurden die offenen Cupzahlungen nach Übermittlung der Presseanfrage an die Schiedsrichter offenbar in Windeseile nachgeholt - insofern wurde eine der vier Fragen indirekt beantwortet. Die Antworten zu den weiteren Missständen bleibt der große Sportverband jedoch schuldig. Wir bleiben dran.

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