Werner Gregoritsch: "Durch diesen Modus fast gar keine U21-Spieler"
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Werner Gregoritsch: "Durch diesen Modus fast gar keine U21-Spieler"

U21-Teamchef Werner Gregoritsch war zu Gast in der Sky-Sendung 'Talk und Tore' und machte sich Gedanken über den Ligamodus aus Sicht des Nachwuchsteamchefs.

Durch diesen Modus ist es so, dass es Vereine gibt, die fast gar keine U21-Spieler einsetzen, weil es die schwierige Situation nicht zulässt.

Werner Gregoritsch

Wer mich kennt weiß, dass ich meinen Sohn mehr gefordert habe, als andere Spieler.

Werner Gregoritsch

Werner Gregoritsch (ÖFB-U21-Teamtrainer)
…über sein Verhältnis zu Sturm Graz: „Ich habe in der U21 viele Spieler trainiert. Wenn Spieler gekommen sind und gefragt haben, welcher Verein die beste Möglichkeiten bietet, habe ich den Spielern oft gesagt, dass bei Sturm sehr viel passt. Man muss natürlich eine gewisse Wartezeit haben. Wenn man als Junger kommt, heißt das nicht, dass man gleich spielt. Das macht Christian Ilzer sehr gut mit seinem Team, ich schätze auch Andi Schicker sehr, er hat sich sehr gut entwickelt als Manager. Die Transferpolitik ist sensationell, das ist fast eine Kopie von Salzburg zu den besten Zeiten. Ich habe großen Respekt und freue mich, dass auch eine steirische Mannschaft da mitspielt. In mir schlägt aber ein rotes Herz und ich würde mich sehr freuen, wenn diese Mannschaft auch bald in der Bundesliga spielt.“

…über den Abstiegskampf in der österreichischen Bundesliga: „Es darf in dieser Gruppe nicht passieren, dass sich eine Mannschaft zurücklehnt. Ich kenne das selbst aus meiner Zeit. Bei den kleineren Vereinen ist es so, dass man geerdet bleiben muss, seine Identität bewahren muss. Hartberg ist ein Verein, der kleinere Brötchen backen kann. Auch nach dem 5:0 jetzt, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Man muss die Meisterschaft über die ganze Saison hindurch sehen. Man muss lernen, das richtig einzuschätzen, wenn man verliert, nicht gleich das Selbstbewusstsein zu verlieren.“

…über die Problematik der Spielerentwicklung bei Vereinen im Abstiegskampf: „Durch diesen Modus ist es so, dass es Vereine gibt, die fast gar keine U21-Spieler einsetzen, weil es die schwierige Situation nicht zulässt. Wenn du heute sagst, ich möchte Spieler entwickeln, ist das eine schöne Vorgabe, aber im Endeffekt geht es nur um das Ergebnis, es geht nur um die Punkte. Da bringt jedes Spiel, das verloren wird, Schwierigkeiten im Verein.

…über Dominik Prokop: „Dominik Prokop habe ich selber mitverfolgt bei der U17-WM. Da war er eines der größten Talente. Der hat damals mit einem Dembele mithalten können, hat dort ausgezeichnet gespielt und wurde von sämtlichen Spitzenvereinen beobachtet. Er hat dann eigentlich eine sehr dürftige Karriere für sein Talent hingelegt, warum kann ich nicht beurteilen. Eigentlich hat man sich gedacht, er hätte sehr viel drauf, aber von der Mentalität her wird er es nicht zu einem Spitzenspieler schaffen.“

…über die Entwicklung der U21 in seinen zwölf Jahren als U21-Teamchef: „Als ich die U21 übernommen hat, hat es im Jahr vielleicht ein Spiel im Fernsehen gegeben. Die U21 ist unter ‚ferner liefen‘ gelaufen. Die Spieler sind zum Teil aus der Regionalliga gekommen. Keiner hat die U21 so richtig ernst genommen, dementsprechend waren auch die Erfolge nicht so da. Der Unterbau für die Veränderung war die Konzeption im Nachwuchsbereich mit den Akademien, die von den Vereinen sehr professionell betrieben wurden. Es hat damals bei der Austria begonnen und wurde bei Red Bull Salzburg zur Blüte entwickelt. Wir sind dann 2019 erstmals nach 50 Jahren zur U21-WM gefahren, wo zum Teil mehr als die Hälfte der Stammspieler Legionäre waren. Die sind gekommen und haben den anderen Spielern eine unglaubliche Professionalität vorgelebt. Das Fernsehen ist aufgestiegen auf diese Mannschaft und bringt jetzt fast jedes Spiel. Durch die U21 sind dann sehr viele Spieler ins Ausland gegangen und haben gute Verträge bekommen. Das ist ein Riesen-Anreiz gewesen für die Spieler.“


…erzählt eine Anekdote über Martin Hinteregger: „Du kannst bei der U21 keine Mannschaft entwickeln und sagen, mit dieser Mannschaft gehst du zur WM. Hinteregger war so ein Beispiel, der hat bei mir drei mal gespielt und hat gesagt: ‚Trainer, wie gehen zur WM!‘, sag ich ihm: ‚Du wirst nicht dabei sein‘. Er hat mich angeschaut und gefragt warum. Dann habe ich gesagt: ‚Weil du die nächsten zwei Spiele vielleicht noch bei mir dabei sein wirst und dann wirst beim A-Team sein!‘. Und das war dann so.“

…über den Druck, der auf den Schultern von jungen Spielern lastet: „Ich habe sicher bei 90% der Spieler, die ich hatte, sagen können, dass sie eine Karriere machen werden oder dass es sich nicht ausgeht, weil die Anforderungen einfach zu groß sind. Manche Spieler haben es einfach nicht draufgehabt. Diese Spieler haben ihre Jugend hergeschenkt. Mein Sohn hat zum Beispiel in den letzten zehn Jahren vielleicht drei Wochen Urlaub gehabt – selbst da hat er ein Programm mitbekommen. Wenn das einmal passiert, dass die Spieler heutzutage normale Menschen sind, werden sie kritisiert oder aufgerissen. Das ist das Problem, das wir heute haben, dass der Druck auf die jungen Spieler immer stärker wird. Ich glaube, dass viele Spieler, die die Qualität gehabt haben, an dem Druck zerbrochen sind. Ich habe es einigen Spieler gesagt: ‚Du dablost des ned. Es ist sinnlos, du kannst mit dem nicht umgehen!‘. Du musst heute gewisse körperliche Voraussetzungen haben, aber das Entscheidende ist, du musst einfach Mentalität haben.“

…über Nicolas Seiwald: „Nici Seiwald hat mir gefehlt beim letzten Lehrgang. Ohne Nici Seiwald sind wir praktisch um 50% schlechter gewesen. Ohne seiner Qualität, das Spiel lesen und Fußball zu spielen, haben wir keine Chance gehabt. Aber, das muss man akzeptieren, als Teamchef bist du nicht nur erfolgreich, wenn du Ergebnisse einfährst, sondern es geht auch darum, wie du den Spieler weiterentwickelst.“

…über die Zusammenarbeit mit ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick: „Bei Ralf Rangnick ist es so, dass das ein absoluter Konzeptmensch ist, ein Systematiker, der diese Red-Bull-Schule entwickelt hat. Es geht darum, dass diese Spielphilosophie vom A-Team runter gehen soll bis in die Nachwuchsteams. Das ist sehr wichtig, wir versuchen diese Spielformen so gut wie möglich umzusetzen.“

…über seinen Sohn Michael Gregoritsch: „Beim Michael ist es speziell, weil er seinen Vater acht Jahre lang als Trainer gehabt hat, gerade in der entscheidenden Phase von 15 Jahren weg. Wer mich kennt weiß, dass ich meinen Sohn mehr gefordert habe, als andere Spieler. Für mich war es wichtig, dass er sich in Deutschland selbständig gemacht hat, kein Protektionskind war, weil den Papa hat dort keiner gekannt. Ich bin sehr stolz, weil er diese Möglichkeit hat, bei einem Spitzenklub zu spielen, der nicht immer Abstiegskampf hat. Ich freue mich, dass es sich so entwickelt hat und auch im Nationalteam bestätigt hat, dass auf ihn Verlass ist. Für mich ist eine einzige Sache entscheidend, dass mein Sohn ein selbständiger, erfolgreicher Sportler geworden ist und seinen Vater nicht gebraucht hat. Ich war nur Unterstützer.“

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