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Die 7 ... Veränderungen im ÖFB unter Ralf Rangnick (2)

Ohne lange Vorbereitungszeit stand Ralf Rangnick im Juni erstmals als ÖFB-Teamchef an der Seitenlinie. In wenigen Monaten hat sich im Nationalteam viel getan.

Punkt 5: Die Rückkehrer

Neuer Teamchef, neue Chancen für einige Spieler, die unter Franco Foda kaum oder gar nicht berücksichtigt wurden. Vor dem Spiel gegen Kroatien im Juni war Maximilian Wöber letztmals im November 2019 für die Nationalmannschaft im Einsatz. In der Innenverteidigung war die Konkurrenz groß, links hatte zeitweise Teamkollege Andi Ulmer die Nase vorne – angesichts der guten Leistungen in den letzten Spielen sorgt die lange Nichtberücksichtigung von Wöber aber schon für Verwunderung. Ob er sich unter Rangnick langfristig als Stammspieler durchsetzen kann, wird sich zeigen, der Teamchef dürfte sich jedenfalls weiter nach Alternativen umsehen. Wenn Wöber fit ist, sollte er gegen Frankreich ein Kandidat für die Startelf sein, es wäre das (erst) zehnte Länderspiel des 24-Jährigen.

Andi Weimann war zwar in den letzten Spielen der Ära Foda schon wieder mit dabei, kam aber gegen Wales und Schottland nur auf insgesamt 29 Minuten. Unter Rangnick folgte dann der erste Startelf-Einsatz seit 2014, der inzwischen 31-jährige Stürmer wurde zuvor fast sieben Jahre nicht berücksichtigt. Weimann spielt derzeit für den englischen Zweitligisten Bristol City, blühte dort vor allem in der vergangenen Saison auf. 22 Tore und 10 Assists über 46 Spiele waren es 2021/22, nach den ersten zehn Partien der laufenden Saison hat er drei Tore und vier Vorlagen auf dem Konto. Verdienter als bei Weimann kann eine Rückkehr ins Nationalteam eigentlich kaum sein, sein Länderspieltor beim 1:1 gegen Frankreich war das erste in seiner Karriere.

Auch Kevin Danso stand unter Foda vereinzelt im Kader, der Einsatz gegen Kroatien war dann aber der erste seit Juni 2018 für den gerade 24 gewordenen Innenverteidiger. Dansos Entwicklung verlief in den letzten Jahren nicht unbedingt reibungslos, nach einer wenig erfolgreichen Leihe zum FC Southampton und Ralph Hasenhüttl und einem besseren Jahr in Düsseldorf folgte 2021 der Wechsel nach Frankreich zum RC Lens - beim aktuell Vierten in der Ligue 1 ist er unumstrittener Stammspieler. Gernot Trauner durfte 2018 unter Franco Foda sein Nationalteam-Debüt feiern, wurde nach aber nur sporadisch einberufen – ab März 2021 dann gar nicht mehr. Unter Ralf Rangnick kam der Verteidiger von Feyenoord Rotterdam dreimal über 90 Minuten zum Einsatz. Hannes Wolf stand 2022 nicht zum ersten Mal in einem ÖFB-Kader. Auch wenn er letztendlich nicht zum Einsatz kam, war es die erste Einberufung des 23-Jährigen seit 2017. Das Trainerteam hatte ihn als Option für die Position links hinten bzw. als "Wing-Back" im Auge, letztendlich entschied man sich für die Lösung mit Wöber. Nach einer erfolgreichen Leihe bei Swansea City konnte er sich bei Borussia Mönchengladbach noch nicht durchsetzen, für die nächsten Wochen fällt er mit einer Schulterverletzung aus.

Punkt 4: Die Neuen im ÖFB-Team

Der erste und bisher einzige echte Debütant der Ära Rangnick war Patrick Wimmer, mit Muhammed Cham und Romano Schmid gibt es jetzt zwei neue Kandidaten gegen Frankreich und Kroatien. Wimmer kickt inzwischen nicht mehr für Arminia Bielefeld, sondern für den VfL Wolfsburg, kam dort aber erst auf zwei Einsätze in der Bundesliga. Der Grund: nach der bereits dritten Kopfverletzung seiner Karriere war er mehrere Wochen lang nicht einsatzfähig, möchte aber nach der Länderspielpause (dann mit Helm) wieder voll durchstarten. Für eine weitere Einberufung konnte er sich so nicht empfehlen, es bleibt vorerst bei den 45 Minuten gegen Dänemark.

Muhammed Cham dürfte zumindest Fans der 2. Liga ein Begriff sein, für Lustenau konnte in der Aufstiegssaison 15 Tore und 12 Assists erzielen – derzeit spielt der bald 22-Jährige (Geburtstag 26. September) wieder für seinen Stammverein Clermont Foot in der französischen Ligue 1. Ralf Rangnick lobt vor allem seine technischen Fähigkeiten, er sei „einer der wenigen Spieler, die wirklich aus dem Tempo-Dribbling kommen“. Der Sprung in eine der besten Ligen der Welt ist jedenfalls geglückt, er gehört zum Stammpersonal, kommt entweder offensiv zentral oder über die Flügel auf insgesamt acht Spiele beim Tabellen-Elften. Cham hat bisher drei Tore auf dem Konto, sollte auch mit den Pressing-Aufgaben in Rangnicks System zurechtkommen und darf sich berechtigte Hoffnungen auf erste Einsatzminuten machen. Romano Schmid stand bei Werder Bremen zuletzt dreimal in der Startelf, kommt dort vor allem als zentraler Mittelfeldspieler zum Einsatz. Der heute 22-Jährige machte mit 17 den Sprung von Sturm Graz nach Salzburg, 2019 ging es dann in Bremen weiter – vor dem Durchbruch in der vergangenen (Aufstiegs-)Saison war er an den WAC verliehen. Auch Schmid sollte flexibel genug sein, um im Nationalteam für mehrere Positionen infrage zu kommen. Er bringt jedenfalls – ähnlich wie Cham – starke technische Fähigkeiten mit, das dürfte eine Priorität für die beiden verbleibenden Spiele gewesen sein.

Ja, Patrick Pentz durfte eigentlich schon unter Franco Foda debütieren. Drei Minuten in einem Freundschaftsspiel gehen aber eher noch nicht als echte „Chance“ durch, unter Rangnick kamen immerhin zwei Einsätze über 90 Minuten dazu. Bei der Kaderbekanntgabe ließ Rangnick die Frage nach der Nummer eins unbeantwortet, einer der drei Keeper werde jedenfalls spielen. Ob Pentz derzeit die besten Karten hat, ist fraglich - bei Stade Reims wurde er von Trainer Oscar Garcia vorläufig degradiert und zum Sündenbock für den schwachen Saisonstart ernannt – vielleicht bring das Nationalteam ein wenig Abwechslung. Die notwendigen Fähigkeiten bringt er jedenfalls mit, wie er im Juni zeigen konnte. Mit Martin Fraisl hatte ein weiterer Keeper erstmals Aussichten auf Minuten im ÖFB-Team, kam letztendlich aber nicht zum Zug. Für die kommenden beiden Spiele kam er nach mehreren Wochen ohne Spielpraxis nicht infrage.

Punkt 3: Große Ambitionen, keine Angst

Jeder Trainer möchte gewinnen. Nicht jeder Trainer schafft es, diese Ambitionen dann auch gemeinsam mit der Mannschaft umzusetzen. In seiner bisherigen Amtszeit hält Rangnick bei einem Sieg, einem Unentschieden und zwei Niederlagen. In der höchsten Kategorie der Nations League gibt es keine einfachen Gegner, die Frage ist also, mit welcher Einstellung man als "Underdog" in Spielen gegen starke Teams bestehen möchte. Aktuell funktioniert der ÖFB nach dem Motto "Gewinnen, egal gegen wen", in einem Interview war zuletzt die Rede davon, ein unangenehmer Gegner sein zu wollen: "Wir müssen das Spiel so intensiv gestalten, dass die sagen: Hey, so spielt gegen uns normalerweise keiner". Im neuen 90minuten.at-#RalleCast lobte Sportdirektor Peter Schöttel die Herangehensweise als "bemerkenswert", man sei überzeugt von den eigenen Möglichkeiten. "Wir reden bewusst vom Gewinnen, nicht vom 'gut ausschauen' oder guten Ergebnissen", so Schöttel.

Nach der Nations League wartet als Nächstes die Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Gegenüber dem ORF meinte Rangnick: "Der Anspruch, den wir selber haben, ist, uns zu qualifizieren. Sowohl für die Euro, als auch zwei Jahre später für die Weltmeisterschaft und dann natürlich die Gruppenphase zu überstehen - mit einer Art von Fußball, den die Leute sehen wollen."

 

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