Die große Chance für Rapid [Kommentar]
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Die große Chance für Rapid [Kommentar]

Der SK Rapid ist wieder einmal mit sich selbst beschäftigt. Schuld sind Geschäftsführer, Co-Trainer und Spieler, die nach dem Sieg im Wiener Derby beim Schimpfen und dem Singen von sexistischen und schwulenfeindlichen Gesänge gefilmt wurden. Was groß angekündigt wurde, muss jetzt auch umgesetzt werden. Es ist eine große Chance für Rapid.

Auch wenn Rapid die „meisten und besten Fans“ Österreichs hat - der Verein hat das Umfeld über Jahre kultiviert und toleriert, das derartige Entgleisungen der Spieler und Funktionäre erst möglich macht.

Georg Sohler

Der Fußball und alle Beteiligten existieren nicht abgekoppelt in einer Blase, fernab der gesellschaftlichen Realität. Was außerhalb der Stadien geschieht, muss sich zwangsweise auch drinnen niederschlagen

Georg Sohler

+ + 90minuten.at PLUS - Ein Kommentar von Georg Sohler + +

 

Am 26. Februar machten die ersten Handyvideos von Feierlichkeiten nach dem 3:0 gegen Austria Wien die Runde. Zunächst Geschäftsführer und Legende Steffen Hofmann, der den Lieblingsgegner „Oaschlecha“ nannte. Dann Spieler, die „Favoriten ist der größte H*****bezirk“, sangen. Ein bekanntes, als sexistisch wertbares Schmählied. So weit, so dumm, aber noch nicht skandalös. Erst als das Video mit „Wir sind keine o********** Veilchen“, maßgeblich mitgesungen von Co-Trainer, Kapitän und Starspieler herumgereicht wurde, brannte die grün-weiße Welt lichterloh. Nun kann man über den Sexismus bei „H*****bezirk“ vermutlich noch diskutieren, dass hoch bezahlte Leistungsträger schwulenfeindlichen Dreck singen, nicht.

 

Das Urteil

Der Verein tat, was zu tun ist. In einer Aussendung entschuldigte man sich. Die Worte, dass Stefan Kulovits, Guido Burgstaller oder Marco Grüll nicht homophob wären, kann man ihnen glauben oder nicht. Es ist der normale Lauf der Öffentlichkeitsarbeit, dass man sich für einen offensichtlichen Fehler einmal entschuldigt. Während on- und offline noch die - vollkommen aus der Zeit gefallene – Diskussion lief, ob „o*******“ jetzt wirklich schwulenfeindlich wäre bzw. es ja eh nicht so gemeint war, befasste sich der Senat 1 mit der Causa. Die Strafen sind am unteren Ende dessen, was möglich gewesen wäre. Rapid nimmt das Recht, gegen das erstinstanzliche Urteil zu protestieren, verständlicherweise wahr. Fliegt man wegen der Verfehlungen noch aus der Meistergruppe, hat das letztlich ja sportliche Konsequenzen für ein Verhalten, das abseits des Platzes geschah.

 

Die Entschuldigung

Der Aussendung folgte die Vorlage eines Plans, wie man der Lage nun Herr werden möchte. Edeltraud Hanappi-Egger ist als Vizepräsidentin dafür wohl geeignet wie kaum eine andere Person. Organisationsstudien zu Gender/Diversität sind ein Forschungsschwerpunkt der Universitätsprofessorin, die ehemalige Rektorin an der WU Wien hat zu dem Thema mehr als 350 Publikationen verfasst. Bei der dem Urteil folgenden Pressekonferenz war auch sie die Wortführerin, Präsident und Ex-ORF-General Alexander Wrabetz war anzusehen, dass er gerne so gut wie überall anders gewesen wäre, als bei diesem Medientermin. Aber: Neben heimischen Medien hatte schon die Bild-Zeitung berichtet, Sportminister Werner Kogler hatte sich zu Wort gemeldet und die Hütteldorfer gescholten. Selbst Falter-Chefredakteur Florian Klenk fühlte sich bemüßigt, die Sachlage zu kommentieren.

Es fielen viele kluge und vermutlich genauso viele weniger kluge Statements zur Causa. Eine öffentlichkeitswirksame Reaktion war notwendig. Dass man die Strafe auch ohne Protest hinnehmen hätte können, wäre übrigens auch eine Möglichkeit gewesen und hätte dem Ansinnen zur Besserung Nachdruck verliehen. Aber es geht auch um das Sportliche und in weiterer Folge das Geld. Denn der Anhang bejubelt generell lieber Spiele gegen Salzburg und Sturm als Hartberg und Wattens.

 

Viele Worte

Alexander Wrabetz war bei der Pressekonferenz auch nicht müde geworden, hervorzukehren, wie toll und zahlreich eben jene Rapidfans wären. In einem Kommentar auf 'newsflix.at' schrieb er am 7. März: „Rapid ist mit ca. 1,4 Millionen Fans in ganz Österreich, seinen 20.000 Mitgliedern, den meisten Stadionbesuchen, TV-Zusehern und seiner 125-jährigen Geschichte nicht irgendein, sondern DER österreichische Fußballverein.“ Dabei ist es gerade ein Teil der Fans, der den Verein erst in diese Bredouille brachte. Es stimmt schon, dass unter Vorgänger Rudolf Edlinger gemeinsam mit der aktiven Szene rechtsextreme, antisemitische, rassistische und fremdenfeindliche Aktivitäten und Parolen verbannt wurden. Ein Verdienst, gewissermaßen, allerdings war Edlinger von 2001 bis 2013 Präsident, nicht 1981 bis 1993. Aus heutiger Sicht eigentlich schwer verständlich, dass derartige Parolen beim größten Verein des Landes so lange gesungen wurden. Das wird man sich aber auch bei den schwulenfeindlichen Gesängen in ein paar Jahren denken.

 

Ein Verweis

Einigen in der Fanszene, namentlich den Tornados, dämmert es ohnehin schon, wie sie in ihrem Magazin schreiben. Je nachdem, wie man es betrachte, „sind wir mittlerweile entweder eine der letzten standhaften Fanszenen im deutschsprachigen Raum, die derartiges trotz jahrelanger Kritik immer noch koordiniert singt, oder wir eine der letzten zurückgebliebenen Kurven, die sich damit lächerlich macht.“ Wie sehr dieses „lächerlich machen“ wirkt, erklärte beispielsweise schon Oliver Egger von der Stelle 'Fußball für alle' gegenüber 90minuten.at: „Man darf nicht nur an gefestigte Persönlichkeiten denken. Wie geht es Jugendlichen, die sich vielleicht selbst noch nicht sicher sind und mit sich selbst hadern, wenn schwul jedes Mal als negativer Begriff verwendet wird. Das ist ein fatales Zeichen.“ Immerhin: Der Holzweg wurde erkannt. Leider ist Wrabetz auf einen anderen Irrweg geraten.

In seinem Kommentar setzt er damit fort, man wolle „nun das Thema der in vielen Stadien leider nach wie vor verbreiteten homophoben und sexistischen Schmähgesänge angehen und mit der Strahlkraft von Rapid einen Veränderungsprozess für Sport und Gesellschaft einleiten.“ Das ist nett gemeint, aber Ablenkung von den Problemen vor der eigenen Haustüre ist aktuell gar nicht angebracht.

 

Die Zukunft

Klarerweise finden sich in den Zeitungsarchiven genug verwerfliche Blödheiten anderer Klubs, Spieler oder Funktionäre. Etwa das (mittlerweile anscheinend endlich bereinigte) Naziproblem der Austria, ein LASK-Spieler, der Fans des Gegners via Instagram drohte, Tierkadaver an Brücken in Graz und vieles mehr. Der Fußball und alle Beteiligten existieren eben nicht abgekoppelt in einer Blase, fernab der gesellschaftlichen Realität. Was außerhalb der Stadien geschieht, muss sich zwangsweise auch drinnen niederschlagen. Dieser Umstand darf aber nicht als Ausrede hergenommen werden. Die grassierende, offensichtliche und vermutlich allen bewusste Schwulenfeindlichkeit in Sprechchören ist ein Problem der grün-weißen Fanszene. Damit ist es ein SK Rapid-Problem und dieses Bewusstsein muss sich wirklich durchsetzen.

Mit der Ablenkung, dass die anderen ja auch so sind, kommt der Verein nicht weiter. Denn auch wenn Rapid die „meisten und besten Fans“ Österreichs hat - der Verein hat das Umfeld über Jahre kultiviert und toleriert, das derartige Entgleisungen der Spieler und Funktionäre erst möglich macht.

Rapid muss den Worten jetzt Taten folgen lassen. Mit Edeltraud Hanappi-Egger im Präsidium ist auch davon auszugehen, dass dies passieren wird. Rapid muss vor der eigenen Türe kehren – und dann ist diese Krise wirklich auch eine sehr große Chance für den eigenen Klub im Speziellen. Und erst in zweiter Linie auch für alle anderen Vereine in Österreich.

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