Rapid: Eine (sehr schmerzhafte) Bereicherung für den Frauenfußball [Exklusiv]
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Rapid: Eine (sehr schmerzhafte) Bereicherung für den Frauenfußball [Exklusiv]

Wenn man sich bei der zukünftigen Konkurrenz des SK Rapid Frauenteams umhört, zeigen sich die meisten interessiert und optimistisch. Dass der Einstieg dem einen oder anderen Verein wehtut, nimmt man allseits sportlich. 90minuten.at liefert einen Überblick.

 

++ 90minuten.at PLUS – eine Reportage von Daniel Sauer ++

 

Nachdem vor allem die eigenen Fans mit Kritik deutlich wurden, kam beim SK Rapid ab Ende Juni 2022 Bewegung in das Thema Frauenfußball. Als "beliebtester Fußballverein des Landes" müsse man sich seiner gesamtgesellschaftlichen Vorbildwirkung bewusst sein, es sei "unverständlich, warum der österreichische Männer-Fußball-Rekordmeister, der in seinem Leitbild stolz auf seine breite Zugänglichkeit ist", bei den Frauen im Rückstand ist – so der damals erfolgreiche Antrag grün-weißer Mitglieder, von dem die Verantwortlichen zum Handeln aufgefordert wurden.

 

Start von "sozusagen" ganz unten

In der Saison 2023/24 ging erstmals ein grün-weißes Mädchenteam in der Wiener Mädchenliga an den Start und seit Anfang Februar trainiert die Frauen-Kampfmannschaft in Hütteldorf. In weniger als zwei Jahren hat man Strukturen geschaffen, die in nächster Zeit weiter wachsen sollen – stolz ist Rapid vor allem darauf, nicht wie andere Vereine den schnelleren Weg einer Kooperation oder Spielgemeinschaft gewählt zu haben. "Wir wollen sozusagen ‚ganz unten‘ starten und uns dann auch im immer populärer werdenden Frauenfußball Schritt für Schritt nach oben arbeiten", erklärte vor eineinhalb Jahren der damals noch amtierende Präsident Martin Bruckner.

Tatsächlich hat man es sich jetzt allerdings ein Stück leichter gemacht: Die erste Rapid-Frauenmannschaft startet dank einer Sondergenehmigung ab Herbst in der Wiener Frauen Landesliga, es geht also in der dritthöchsten Spielklasse los. Mit Sicherheit kein Nachteil für die Hütteldorferinnen, letztlich aber die wahrscheinlich beste Lösung für alle Beteiligten, an der sich auch niemand stören dürfte.

Freude mit einem "Aber"

Wie sehr man sich bei der künftigen Konkurrenz freuen soll, weiß man noch nicht so genau. Ein neuer Verein kann bei aktuell nur acht aktiven Landesliga-Teams, von denen nächstes Jahr eines verloren geht, jedenfalls nicht schaden. Sorgen macht hingegen die sportliche Integrität: Die Qualität im grün-weißen Kader reicht laut vielen Beobachter:innen für die 2. Bundesliga, ein Durchmarsch und mehrere zweistellige Siege würden niemanden überraschen.

"Man hat es auch beim LASK gesehen: Dort hatte man auch viele Spielerinnen mit Bundesligaerfahrung im Team, in der Landesliga hatte die Konkurrenz eigentlich keine Chance", vergleicht beispielsweise Anna Ressmann vom aktuellen Zweitplatzierten FC Mariahilf. Die Linzerinnen wurden im Frühjahr mit einem Torverhältnis von 135:4 Meisterinnen in der OÖ-Landesliga und könnten schon ein Jahr später den Sprung in die Bundesliga schaffen. Irgendwie nimmt man dann als kleinerer Verein aber auch in einer solchen Situation das Positive mit: "Klar ist es bitter, wenn man hoch verliert. Gegen einen übermächtigen Gegner kann man aber eigentlich nur gewinnen – jedes Tor und jeder Punkt sind sicher ein Erfolgserlebnis", meint Ressmann.

Im November haben uns drei Spielerinnen Bescheid gesagt, dass sie zum Sichtungstraining gehen wollen, dann wurden es immer mehr.

Dominika Piatkowska

Rundherum bedient

Einfacher hätte man es wahrscheinlich, wenn man sich dem SK Rapid in Bestbesetzung stellen könnte. Für einige Vereine, wie die in der Landesliga auf Platz vier liegende Sportunion Schönbrunn, ist das aus einem einfachen Grund nicht möglich: Mehrere der wichtigsten Spielerinnen haben die Seiten gewechselt. Im Herbst wurden mit Julia Trieb, Tatjana Tinesz, Natascha Wurm und Teodora Nikolic vier Stammspielerinnen abgeworben. "Im November haben uns drei Spielerinnen Bescheid gesagt, dass sie zum Sichtungstraining gehen wollen, dann wurden es immer mehr. Im ersten Moment war es ein Schlag, es spricht aber auch für unsere Qualität. Ich vertrete die Linie, dass jede Spielerin dort spielen soll, wo sie möchte", gibt sich Schönbrunn-Sektionsleiterin Dominika Piatkowska sportlich. Im ersten Testspiel, in dem die beiden Vereine aufeinander trafen, stand dann auch noch die Schönbrunn-Torfrau Verena Bürger für Rapid auf dem Platz. Sie wird im Sommer wechseln.

Auch den SV Horn, der in der 2. Bundesliga gegen den Abstieg spielt, hat es erwischt. Lisa Rammel und Viktoria Bittendorfer waren wichtige Stützen, die dem Verein im Frühjahr fehlen: "Der sportliche Verlust ist riesengroß. Im Winter ist es nicht leicht, neue Spielerinnen zu bekommen, so gesehen konnten wir diese Abgänge nicht kompensieren", so Geschäftsführer Andreas Zinkel. Auch bei Torfrau Jasmin Zotter wird sich noch etwas tun. Sie bleibt vorerst bei Horn, wird aber immer wieder in Hütteldorf mittrainieren und -spielen. "Rapid hat im Sommer die Möglichkeit, die Spielerin gemäß der vorgeschriebene Ablöse zu erwerben", so Zinkel. Das wird auch so kommen, Rapid bestätigt den Wechsel von Zotter im Sommer. Böses Blut – das betonen alle Seiten – gibt es zwischen den Vereinen aber nicht.

Im Nachwuchsbereich wiegen Verluste teils noch schwerer, weil einige Vereine händeringend suchen müssen, um überhaupt genug Spielerinnen zu finden. Ob man zum Beispiel beim SC Brunn am Gebirge aktuell gut auf Rapid zu sprechen ist, nachdem zwei Spielerinnen abgewandert sind, darf bezweifelt werden. Positiv ist, dass dank den Grün-Weißen einige Mädchen neu beim ÖFB angemeldet wurden. "Alle, für die es dann bei Rapid nicht reicht, sind immer noch sehr gut und können anderen Vereinen helfen", betont Anna Ressmann.

Keine Angst

Läuft alles nach Plan, spielt Rapid in zweieinhalb Jahren in der Bundesliga und dort mittelfristig um die Meisterschaft mit. Noch hat das große Zittern bei den dort etablierten Nachbarn aber nicht angefangen: "Wir sind gespannt auf die Konkurrenz und sind sicher, dass sie das Geschäft belebt", meint beispielsweise Vienna-Vizepräsident Jonas Puck. Über wechselwillige Spielerinnen musste man sich jedenfalls bisher noch keine Sorgen machen: "Keine der Spielerinnen aus unserer ersten und zweiten Mannschaft ist aktiv mit einem Wechselwunsch zu Rapid auf den Verein zugekommen. Ich finde es toll, was Rapid vorhat – es ist aber zuerst ein großes Versprechen an die Zukunft", erklärt Puck und ergänzt: "Ich habe in keiner Form Angst, sondern eine sehr positive Perspektive auf das, was Rapid tut. Für uns sind sie ein Ansporn, uns ständig zu verbessern".

Österreichs Serienmeisterinnen vom SKN St. Pölten geht es ähnlich, für sie spricht Präsident Wilfried Schmaus: "Es ist einfach ein Verein mehr. Im Frauenfußball gibt es kaum Traditionsvereine, die meisten haben erst vor 10 oder 15 Jahre angefangen". Sorgen macht man sich jedenfalls auch hier keine: "Wenn die Zahl der Fußball spielenden Frauen und Mädchen gleich bleibt, ist der Konkurrenzkampf um Spielerinnen größer. Es kommen aber immer wieder neue Vereine dazu, dafür sperren leider andere zu". Die allgemeine Hoffnung ist aber, dass durch die Aufmerksamkeit, die Rapid in den nächsten Monaten generiert, mehr Mädchen zum Fußball finden. Einzig über die Transferzeitpunkte einiger Spielerinnen äußert Schmaus Skepsis: "Hätte Mai oder Juni nicht auch noch gereicht", meint er gegenüber 90minuten.at. Jetzt habe man ein halbes Jahr vor dem ersten Pflichtspiel Vereine geschwächt, die sportliche Ziele für die noch laufende Saison haben.

Irgendwann wird es in der Bundesliga ein Wiener Derby geben, es ist großartig, dass wir das den Fans bieten können.

Lisa Makas

Wiener Derby auch bei den Frauen?

Beim Stadtrivalen dürften die Entwicklungen beim SK Rapid naturgemäß eine größere Rolle spielen, als bei anderen Vereinen. "Wenn bei Rapid etwas Großes passiert, wird auch bei uns darüber gesprochen – das ist umgekehrt sicher nicht anders", erklärt die sportliche Leiterin der Wiener Austria, Lisa Makas, gegenüber 90minuten.at. Ungefragt kommt sie gleich auf das spannendste Thema zu sprechen: "Irgendwann wird es in der Bundesliga ein Wiener Derby geben, es ist großartig, dass wir das den Fans bieten können". Makas gerät schnell ins Schwärmen: "Für viele Spielerinnen ist es noch gar nicht greifbar, welche Emotionen ein Derby auslösen kann. Wenn viele Fans im Stadion sind, treibt das auf dem Platz enorm an".

Im Rennen um die Talente im Nachwuchs sieht sie die Grenzen bereits einigermaßen abgesteckt: "In vielen Fällen hängt das von den Eltern ab. Vor einiger Zeit wollten wir eine Spielerin haben, die sich für das Interesse bedankt hat, aber nie zu uns gekommen wäre, weil sie und ihre Familie Rapid-Fans sind. Die meisten Austria-Fans werden ihre Kinder auch nicht zu Rapid bringen. Beim Großteil der Spielerinnen geht es aber darum, sie mit unserer Qualität und Infrastruktur von uns zu überzeugen".

Auf ihre ehemalige Nationalteam-Kollegin und Neo-Rapidlerin Carina Wenninger angesprochen meint Makas: "Ich kenne die Carina schon sehr lange, wir sind gut befreundet. Persönlich freut es mich sehr, dass sie wieder Fußballspielen kann. Ich bin jetzt lange genug bei der Austria – ein bisschen sticht es schon, an unserer Freundschaft ändert es aber nichts". Zum ersten Duell könnte es zwischen Young Violets in eineinhalb Jahren in der 2. Liga kommen – sofern kein Testspiel vereinbart wird.

 

Welche Seite zeigt Rapid?

Das Interesse und die vorsichtige Hoffnung rund um den Start der SK Rapid Frauen sind spürbar. Das erste Testspiel ist Ende Februar bereits erledigt, für viele Spielerinnen auf dem Platz war es einer von hoffentlich vielen beeindruckenden Erlebnissen. Noch vor dem Eklat beim Wiener Derby der Männer machten allerdings einzelne Fans auch bei den Frauen negativ auf sich aufmerksam. "Wenn sie nicht so pummelig wäre, wäre die Nummer XY auch schoaf", "Des ist ja fix ein Typ die Oide", "Dem gehört die Hose ausgezogen, um zu schauen, ob er einen Schniedl hat" – eine Auswahl aus mehreren inakzeptablen Äußerungen Einzelner, die beim ersten Testspiel für einen großen Teil des Publikums und damit auch viele junge Mädchen gut hörbar waren. Man wird sich innerhalb der Szene überlegen müssen, wie man mit solchen Situationen in Zukunft umgeht. Repräsentativ waren einzelne Entgleisungen nicht, die Atmosphäre durchaus positiv – es bleibt zu hoffen, dass Rapid den Erwartungen auch in dieser Hinsicht gerecht wird.