Carina Wenninger: "Der erste Schritt muss „equal play“ sein" [Exklusiv-Interview]
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Carina Wenninger: "Der erste Schritt muss „equal play“ sein" [Exklusiv-Interview]

Eigentlich ist Carina Wenninger seit Sommer Managerin der Admiral Frauen-Bundesliga. Nun schnürt sie ihre Fußballschuhe wieder, beim SK Rapid. Warum macht sie das, wie schätzt sie die Entwicklung ein und warum ist es wichtig, Sportmedizin genderspezifisch zu denken? All das erklärt sie im 90minuten.at-Exklusiv-Interview.

Manche spielen dann so lange es eben geht, andere hören zu einem Zeitpunkt auf, zu dem es sehr gut läuft, studieren schon oder sind in einem Alter, in dem sie sich vorstellen können, dass sich die Familiensituation bald ändert.

Carina Wenninger

In Bezug auf Kreuzbandrisse heißt das, dass es Pre-Activation machen muss, um die Knie zu kräftigen: Als Verband kann man versuchen einzugreifen, aber entscheidend ist die tägliche Arbeit der Vereine.

Carina Wenninger

Wenn bei uns ein Spiel eine halbe Stunde von Wien entfernt unter der Woche um 19 Uhr bei drei Grad stattfindet, muss man schon ein großer Fan sein.

Carina Wenninger

+ + 90miuten.at PLUS - Das Gespräch führte Georg Sohler + +

 

90minuten.at: Frau Wenninger, Sie haben in den größten Ligen der Welt gespielt und eigentlich aufgehört. Wie viel Hobby ist es, beim großen SK Rapid zu kicken?

Carina Wenninger: Das wird sich in den nächsten Monaten herauskristallisieren, wie ich meine Rolle neben der Tätigkeit als Ligamanagerin ausfüllen kann, weil ich will natürlich beides bestmöglich machen will. Ich möchte den jungen Spielerinnen Erfahrung weitergeben, auf und neben dem Platz – und als Spielerin will ich dem SK Rapid leistungstechnisch helfen. So habe ich es auch mit der Trainerin Katja Gürtler besprochen. Aber man muss sich sicherlich in ein paar Monaten anschauen, wie sich mein Vollzeitjob mit den Trainings am Abend vereinbaren lässt. Für mich ist das ja etwas Neues. Es ist schon etwas anderes, als Profispielerin zu sein oder wie im letzten halben, dreiviertel Jahr voll dem Job als Ligamanagerin nachzugehen.

 

90minuten.at: Wie wichtig waren Ihre ehemalige Mitspielerin Gürtler bzw. der Name Rapid, um die Fußballschuhe wieder auszupacken?

Wenninger: Ich habe mich im Sommer dazu entschieden, meine aktive Karriere zu beenden, das hat sich damals extrem gut und richtig angefühlt. Nach ein paar Monaten kam das Gefühl mehr und mehr, dass mir der Fußball fehlt. Ich habe mir überlegt, wie ich das alles miteinander vereinbaren kann, weil als Ligamanagerin kann ich ja nicht in der Admiral Frauen-Bundesliga spielen. Das wäre ein Interessenskonflikt. Vor Weihnachten hat mit dann Katja angerufen und das Projekt gefällt mir. Der SK Rapid ist spät auf den Zug Frauenfußball aufgesprungen, meiner Meinung nach für einen Traditionsverein sehr spät, aber ich habe das Gefühl, dass sie es professionell und sehr toll machen. Das deckt sich auch mit meinen eigenen Ansprüchen, die ich als Legionärin hatte

 

90minuten.at: Sie sind ja auch nicht die Erste, die als Profi im Ausland gekickt hat und die dann hierzulande noch unterklassig weiter kickt. Gibt es da auch einen Vertrag mit den Hütteldorferinnen? Weil die Frage nach der Bundesliga wird sich über kurz oder lang stellen.

Wenninger: Wir haben ja kommuniziert, dass wir und im Sommer anschauen, wie es längerfristig aussehen kann. Jetzt haben wir eine Absprache. Es muss dem SK Rapid etwas bringen und auch für mich so handlebar sein, dass es gut passt – und darum gibt es noch keine vertragliche Vereinbarung. Wenn es auf eine langfristige Zusammenarbeit hinausläuft, wird sich diese Frage aber natürlich stellen.

90minuten.at: Sie sind ja erst 33. Andreas Ulmer spielt beispielsweise mit im Herbst 39 noch Bundesliga und Champions League. In den letzten Monaten und Jahren hat sich gezeigt, dass Nationalspielerinnen ihre Fußballschuhe früher an den Nagel hängen als ihre männlichen Pendants. Hat das finanzielle Gründe, sportmedizinische Faktoren oder woran liegt es?

Wenninger: Es gibt diese Tendenz, dass Frauen früher aufhören, auch wenn es Ausnahmen in Schweden oder den USA gibt. Sportmedizinisch kann ich nur sagen, dass sich der Frauenfußball athletisch so weiter entwickelt hat, dass es möglich ist, auch noch mit 36, 37 zu spielen. Was ich aber schon sagen will, dass man im Ausland gut verdient. Nicht im Millionenbereich wie bei den Männern, aber es war ein Job, von dem ich sehr gut leben konnte. Bei mir war es kein finanzielles Kriterium und das ist es wohl bei vielen Frauen, die Champions League spielen, auch nicht so ausschlaggebend. Aber man hat nicht für das Leben danach ausgesorgt, es gibt das Thema Familienplanung und man beschäftigt sich schon eingehend damit, was man nach der Karriere machen will. Da ist es dann schon ein Vorteil, wenn es den einen oder anderen Bereich gibt, den man spannend findet. Manche spielen dann so lange es eben geht, andere hören zu einem Zeitpunkt auf, zu dem es sehr gut läuft, studieren schon oder sind in einem Alter, in dem sie sich vorstellen können, dass sich die Familiensituation bald ändert. Das sind alles Dinge, die mit reinspielen.

 

90minuten.at: Bleiben wir noch beim Geld. Ein männlicher Profi, der 15 Jahre bei Bayern und dann noch bei der Roma spielte, wird nach der Karriere Millionen am Konto haben, wenn er sich nicht blöd anstellt. Fällt es Frauen da, auch wenn es komisch klingt, „leichter“ aufzuhören, weil man längst nicht so viel verdient bzw. der Verdienst danach nicht so viel weniger ist als Profi?

Wenninger: Das weiß ich nicht. Schlussendlich war ich ja mit dem, was ich verdient habe, zufrieden. Das hat sich natürlich über die letzten Jahre entwickelt. Am Anfang bekam man einen Fahrtkostenbeitrag, später konnte man sehr gut davon leben. Da gibt es dann schon die Überlegung, ob man einem „normalen“ Beruf nachgeht oder weiterhin auf sehr hohem Niveau Fußball spielt und es Spaß macht. Für mich war der körperliche Aufwand schon hoch, aber ich habe für das, was ich liebe, gut verdient. Das hat es nicht einfacher gemacht und ich weiß nicht, ob es einen Unterschied gemacht hätte, wenn ich Millionen verdient hätte und der Schritt in einen normalen Job größer gewesen wäre. Ich bin auch nicht so gestrickt, mir geht es eher darum, wie lange es Spaß macht und wann der richtige Zeitpunkt ist abzutreten. Vielleicht reizt es der eine oder andere Mann bis zum Ende aus, weil er super verdient, also besser als im normalen Arbeitsleben. Viele im Männerfußball bekommen aber auch eine tolle Anerkennung. Manche machen ja auch schon nebenbei etwas und die, die noch nichts machen, müssen für sich selber herausfinden, was sie über das Fußballdasein hinaus noch sind, was Spaß macht und erfüllend ist. Sie haben zwar vielleicht ausgesorgt, wollen aber dennoch eine Aufgabe und Wertschätzung.

 

90minuten.at: Dennoch: Lena Oberdorf wechselt von Wolfsburg zu den Bayern, bei einem Mann wäre hinten alleine bei der Ablösesumme noch eine „0“ hinten dran. Wird der Frauenfußball auch so eine Entwicklung nehmen wie der Herrenfußball, Stichwort Großereignisse in Autokratien, Sportwashing durch selbige, komplett astronomische Ablösesummen und Gehälter? Wie viel „Kapitalismus“ verträgt der Frauenfußball? Durch die exponierte Position hat der Frauenfußball ja noch eine Signalwirkung über den Sport hinausgehend, siehe Equal Pay oder ähnliches.

Wenninger: Ich sehe diese Entwicklungen grundsätzlich sehr kritisch. Man muss zunächst einmal schauen, in welchem Land sich der Frauenfußball selbst finanzieren kann. Schon das ist ein großes Thema. In England gibt es eine tolle Entwicklung, da war ein Spiel im Emirates-Stadion ausverkauft, nächste Saison könnten alle Spiele live übertragen werden. Der Frauenfußball hat es dort geschafft, so zu wachsen, dass man sich gesund finanziert. In anderen Ländern muss man schauen, ob es eine nachhaltige Entwicklung gibt, wie etwa in Italien. Da ging die Entwicklung sehr schnell. Es ist die Frage, inwieweit man möchte, dass Geld eine riesige Rolle einnimmt und daraus Dinge resultieren, die wir nicht gut finden. Der Frauenfußball könnte auch viel verlieren, wie etwa die Attribute, die man damit assoziiert: „bodenständig“ oder „nahbar“. Es werden noch keine abnormalen Ablösesummen und Gehälter gezahlt oder unvertretbare Entscheidungen getroffen. Darum lieben ja viele diesen Sport. Bei uns war es so, dass die jungen Spielerinnen vielleicht sogar noch draufgezahlt, so soll es nicht sein. Aber man muss wissen, woher man kommt und das nichts selbstverständlich ist. Mittlerweile hat man sich in der Nationalmannschaft einen tollen Standard entwickelt, aber man sollte immer mitbedenken, was damit an Kosten und Arbeit verbunden ist. Das ist einer als Spielerin nicht immer so bewusst.

90minuten.at: Eine große Rolle in Sachen Sport spielt auch der Körper. Kreuzbänder von Frauen reißen bis zu fünfmal häufiger als jenes der Männer, Schuld ist die Beckenstellung, die eher zu x-Beinen führt. Die Gründe sind vielfältig: Östrogen erhöht die Elastizität, die Muskelmasse ist geringer. Manche Dinge wird man nicht wegtrainieren können, aber welche Themen könnten durch professionelleres Training präventiv bearbeitet werden? Inwieweit sind diese Erkenntnisse schon in den Klubs angekommen?

Wenninger: Von Verbandsseite her ist es wichtig, die Vereine dahingehend zu sensibilisieren, genauso wie die Funktionär:innen und Trainer:innen in den (Jugend-)Nationalteams. Es braucht auch sportmedizinisches Personal mit Expertise. Es ist aber wichtig nicht zu vergessen, dass sich der Spielkalender rasant verändert hat. Da konnte das Wachstum im Frauenfußball nicht Schritt halten, vor allem mit der Anzahl der Spiele. Dahingehend ist es wichtig, dass sich der Verband und die Vereine immer austauschen, inwieweit die Spielerinnen belastet werden. Man hat kaum mehr Freundschaftsspiele, wir haben die Nations League und wollen in der Liga A bleiben, dazu kommen normale Qualifikationsspiele. Plötzlich gibt es auch Spiele im Juli, da war sonst immer Pause. Dann kommt eine U20-WM in Kolumbien dazu, die während der Liga ist. Man möchte ja auch sehr gut performen und die Besten aufstellen, damit wir uns für die Euro in der Schweiz qualifizieren. Es wird auch noch mehr Europacupspiele geben. Gerade deshalb ist es wichtig, dass der Spieltagskalender gut gestaltet wird, so weit es uns möglich ist. Dann müssen die Vereine auf die Belastungssteuerung achten und auch ihren Kader demnach so aufstellen, dass nicht immer die gleichen 13, 14 spielen. Schlussendlich entscheidet dann aber die sportliche Leitung. In Bezug auf Kreuzbandrisse heißt das, dass es Pre-Activation machen muss, um die Knie zu kräftigen: Als Verband kann man versuchen einzugreifen, aber entscheidend ist die tägliche Arbeit der Vereine.

 

90minuten.at: Ein weiteres Thema, dass Frauen eine andere Trainingssteuerung brauchen. Je nach Phase ist Muskelaufbau oder Grundlagentraining angesagt. Einige Spitzensportlerinnen haben das in den letzten Monaten thematisiert. Hilft dieses öffentliche Bewusstmachen auch dem Fußball?

Wenninger: Auf jeden Fall. Immer, wenn sich große Sportpersönlichkeiten äußern, leistet das Hilfe. Dennoch denke ich, dass man bei aller Awareness auf die sportartspezifischen Dinge achten muss. Skisport und Tennis kann man nicht eins zu eins auf den Fußball übertragen. Aber es ist gut, wenn Themen wie Kreuzbandrisse, Zyklus und Verletzungsanfälligkeit angesprochen werden. Auch das ist ein Ressourcenthema, inwieweit man jemanden in den Vereinen hat, der sich damit auseinandersetzt. Die Studienlage hinsichtlich Kreuzbandrisse ist sehr gut, ich habe meine Bachelorarbeit zu dem Thema „Genderspezifische Unterschiede bei vorderen Kreuzbandrupturen“ geschrieben, die Studienlage zum Zyklus der Frau ist hingegen noch ausbaufähig. Ich bin zu wenig in der Thematik, habe es aber am eigenen Leib miterlebt. In München ist man das anders angegangen als in Rom. Ich bin mir nicht sicher, ob man schon den richtigen Zugang gefunden hat. Ich habe bei zwei Topvereinen gespielt, beide haben es anders gehandhabt. Am Ende des Tages bedarf es hierbei noch viel Forschung und somit auch finanzielle Mittel. Im normalen Trainingsalltag hat sich in Österreich so eine Personalie noch nicht geleistet.

 

90minuten.at: Welche Entwicklung soll der Sport nun nehmen? Müssen in zehn Jahren alle in der Frauen-Bundesliga Profis sein?

Wenninger: Das wäre schon ein Wunschszenario. Aber Gehälter wie bei Barcelona oder Arsenal wird es nicht geben. Der erste Schritt – in diesem Prozess befinden wir uns gerade – muss „equal play“ sein. Das heißt: Gleiche Bedingungen zu haben, also Infrastruktur, Reisemöglichkeiten, Regeneration. Das ist realistisch. Der nächste Schritt muss sein, dass man als Frau vom Fußball leben kann bzw. sehr viel Zeit dem Sport widmen kann. Das gibt es vereinzelt bereits. Ich sehe die österreichische Liga schon auch aufgrund der Einwohner:innenzahl ein bisschen so wie die Herren: Eine Liga mit sehr gutem Niveau, die eine oder andere Mannschaft zeigt international auf, aber wenn ein großer Klub kommt, geht man. Es ist in Ordnung, eine Ausbildungsliga zu sein. Das darf man aber nicht negativ sehen, sondern realistisch. Wenn wir in der Liga guten Fußball haben, mit mehr Zuschauer:inneninteresse und Einkommen, von dem man leben kann, ist das gut. Es wird aber immer Vereine geben, die in „einer anderen Liga“ sind.

90minuten.at: Wie lang dauert es, bis ein Wiener Frauenderby für ausverkaufte Häuser sorgt wie Real gegen Barcelona?

Wenninger: Das wäre mit Sicherheit das Spiel, das in Österreich die meiste Strahlkraft hätte. Man könnte viele Menschen dafür gewinnen. Ich sage bewusst „könnte“, weil es in Österreich generell nicht einfach ist, eine Begeisterung für Sport zu schaffen. Es gibt nicht diese Mentalität, wie etwa in Italien, wo Fußball eine Religion ist. Dort wird auf das Spiel hingefiebert, es ist das Wochenhighlight. Wir haben in Österreich einen sehr hohen Lebensstandard, es gibt ein tolles Freizeitangebot. Ich meine Folgendes nicht böse, aber wir sind auch sehr bequem. In Italien gibt es tolles Wetter, man kann im Dezember noch ins Stadion, auch Senior:innen gehen am Abend aus und Essen. Wenn bei uns ein Spiel eine halbe Stunde von Wien entfernt unter der Woche um 19 Uhr bei drei Grad stattfindet, muss man schon ein großer Fan sein. Für uns wird die Challenge schon auch sein, neben dem Männerfußball und Skisport Anerkennung zu finden – und die Leute so zu emotionalisieren, dass sie auch ins Stadion gehen. Es wird schon in die Richtung gehen, dass mehr Menschen zur Frauen-Bundesliga kommen, aber ein ausverkauftes Allianz Stadion sehe ich nicht so einfach zu erreichen. Wenn wir eine gewisse Mindestzuschauer:innenanzahl in jedem Spiel hätten, fände ich das schon gut. So bekommen die Spielerinnen die Wertschätzung, die sie verdienen. Dann muss man schauen, wie sehr die Euphoriewelle auch nach Österreich überschwappt. In England oder Deutschland gab es nach der WM volle Stadien, das haben wir nicht

 

90minuten.at: Eine Entwicklung, die nachdenklich stimmt, ist hingegen wohl, dass klassische Frauenfußballvereine in den Hintergrund treten.

Wenninger: Ich glaube, dass es für einige Vereine keine einfache Zeit ist bzw. das zu akzeptieren. Männerfußballvereine haben ein gewisses Budget, die Rahmenbedingungen, Infrastruktur und so weiter. Ich glaube, man muss dennoch immer wieder betonen, dass es Vereine wie Landhaus, Kleinmünchen und so weiter gibt, die in Zeiten den Frauenfußball am Leben hielten, als sich noch wenige Menschen dafür interessierten. Speziell für diese Klubs ist das nicht einfach. Man kommt daran aber nicht vorbei. Die deutsche Frauenbundesliga ist in Wahrheit ein Abbild der Herrenbundesliga. Die meisten großen Frauenvereine in Europa sind Männervereine. Es gibt kaum noch einen Verein, wo sich Frauenfußball per se über lange Zeit so positionieren konnte, dass man auch ohne großen Namen weiter erfolgreich sein kann. Siehe etwa Turbine Potsdam. Da kam dann auf einmal Wolfsburg, hat den Spielerinnen bessere Möglichkeiten geboten, hinsichtlich duale Ausbildung oder finanziell, aber irgendwann hatte Turbine nicht mehr diesen Erfolg. Diese Grundsatzentscheidung müssen vor allem die Vereine treffen. Auf Sicht wird es eben die zweite Liga werden oder man kooperiert – auch wenn es Fußballromantiker gerne anders hören würden.