Grazer Rathaus: Das Dilemma des SK Sturm [12 Meter]
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Grazer Rathaus: Das Dilemma des SK Sturm [12 Meter]

Red Bull ist am Ende zwar wieder vorne, die Mannschaft der Stunde ist aber Sturm. Nicht nur weil in Liebenau Fans statt Kunden auf den Rängen sind, auch weil in Graz seit einiger Zeit alles ineinandergreift. Leider kann die öffentliche Hand in der Steiermark mit dieser Professionalität nicht schritthalten.

Es fühlt sich unglaublich an. Nach den harten Situationen haben wir es geschafft.

Benjamin Šeško

Andreas Schicker wird sicherlich Ideen haben, wer auf Christian Ilzer nachfolgen könnte, so diesen der Ruf aus einer großen Liga ereilt.

Jürgen Pucher

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Red Bull Salzburg ist am Ende wieder Meister geworden und das ist hierzulande schlichtweg die wahrscheinlichste Variante für den Ausgang der Bundesliga. Interessiert halt nur niemanden, wie die jämmerlichen Bilder einer „Meisterfeier“ im leeren Stadion zeigen. Eine Party kann man eben nur mit Fans, nicht mit Kunden feiern. Deshalb reden wir lieber über den SK Sturm, der dem Abo-Meister heuer so nahegekommen ist, wie schon lange keiner mehr. Und das mit im direkten Vergleich ein paar Brösel an Möglichkeiten. Seit Andreas Schicker die sportlichen Geschicke in Graz-Messendorf in der Hand hat, hat der Klub eine beeindruckende Entwicklung hingelegt, die mit der bald abgelaufenen Saison einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Der Cuptitel konnte eingefahren werden und die Vizemeisterschaft aus der letzten Saison wurde souverän bestätigt.

 

Einzigartiger Support im Stadion Liebenau

Aber diese Titel sind nur die logische Folge einer konsequenten und durchdachten Arbeit. Sturm verfolgt eine konkrete Strategie, sowohl hinsichtlich Spielweise als auch bezüglich der Entwicklung junger Talente, die dann gewinnbringend weiterverkauft werden. Die große Leistung dabei ist, dass der Kader trotz namhafter Verkäufe insgesamt nie an Qualität eingebüßt hat – im Gegenteil, sich trotzdem stetig weiterentwickelt hat. Der Sportchef hat es jedes Mal hinbekommen, sofort Ersatz parat zu haben. Sein über Jahre aufgebauter „Schattenkader“ macht sich bezahlt. Und Andi Schicker hat nach seinem Antritt im Frühling 2020 mit Christian Ilzer einen Trainer geholt, der die neuen Leute in sehr kurzer Zeit in seine Art Fußball zu spielen einbauen kann. Unter dem Strich konnte man sich damit relativ schnell von der Konkurrenz in Wien und Linz absetzen und sich als erster Verfolger Salzburgs etablieren.

 

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Dazu kommt ein österreichweit einzigartiger Support von den Rängen in Liebenau und auch bei den Auswärtsspielen. Die organisierte Fanszene liefert seit vielen Monaten eine genauso außergewöhnliche Leistung ab, wie die Akteure im Verein. Diese Energie ist ein nicht zu unterschätzender Bestandteil des derzeitigen Erfolgs und der Aufwand, den hier viele betreiben ist, ist bewundernswert. Nicht zuletzt hat die Kombination aus sportlicher Leistung und Atmosphäre etwas geschafft, was lange ein Makel war: Nicht nur einmal hieß es in dieser Saison „ausverkauft“ in Liebenau.

 

Sturm ist aktuell auf einem Weg, der einem manchmal schon fast ein wenig unheimlich vorkommen kann. Und natürlich ist irgendwo im Hinterkopf der Gedanke präsent, dass das Ganze irgendwann wohl auch wieder einen Rückschlag hinnehmen wird müssen. Der Klub hat im Moment ein klares Strategiebild, das auch unabhängig von den handelnden Personen funktionieren soll. Das ist in der Theorie natürlich gut und richtig, ganz so einfach ist es in der Realität aber nicht. Andreas Schicker wird sicherlich Ideen haben, wer auf Christian Ilzer nachfolgen könnte, so diesen der Ruf aus einer großen Liga ereilt. Wenn er aber selbst den nächsten Karriereschritt macht, würde das schon eine Lücke in den Verein reißen, die nicht ganz so leicht zu schließen wäre. Nichtsdestotrotz, die Hausaufgaben in Graz wurden gemacht, stabiler und vorausschauender als in diesen Tagen, kann sich der Klub nicht für die Zukunft aufstellen.

 

Dilettanten im Grazer Rathaus und der Stadionverwaltung

Umso erbärmlicher ist angesichts dieser Entwicklung die Rolle der öffentlichen Hand in der Steiermark. Sturm spielt in einem nicht mehr zeitgemäßen Stadion, das der Stadt Graz gehört, und in dem es aktuell nicht einmal gesichert ist, dass dort in der kommenden Saison Europacup gespielt werden kann. Was für eine Blamage wäre es für eine selbsternannte Sportstadt, wenn ihr Aushängeschild gegen Topklubs aus Europa in Klagenfurt oder gar Wien antreten müsste? Was für ein Schaden für den Tourismus und die daran hängende Wertschöpfung in der Region? Dazu kommt: Die Möglichkeiten für den Nachwuchs in der Akademie sind im Vergleich zur Konkurrenz unterirdisch, auch hier wartet man bis dato vergeblich auf Unterstützung der Politik. Den Dilettanten an ihren Rathaus- und Stadionverwaltungsschreibtischen wäre schon mit einem Hauch der Professionalität, die derzeit in Messendorf gelebt wird, recht viel geholfen. Sturm hat mit der Performance der letzten Jahre die imageschädigenden Kartnig-Nachwehen mehr als wettgemacht. Sturm verdient zumindest vergleichbare öffentliche Unterstützung wie die Klubs in Wien und Linz. Alles andere ist ein unhaltbarer Zustand.

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