SV Atemnot: Gar nicht so bescheuert

SV Atemnot: Gar nicht so bescheuert

Sie kicken in einer Liga, die keinen schert. Sie wollen gewinnen, aber stellen nicht danach auf. Und einen Trainer hatten sie noch nie.

Mir geht grad die Luft aus. Hier am Kinkplatz in Penzing, 55 Minuten hat die Anreise mit den Öffis gedauert. Inklusive Retourweg sind das alleine schon zehn Prozent meines Tages (inklusive Schlaf!). Bescheuert irgendwie.

Es ist mein erstes Fußballtraining seit rund acht Jahren. Und ich liebe es. Nur jetzt grad halt nicht - direkt nach dem Aufwärmen.

Sammle keine Dinge, sammle Momente, sagt so ein schlauer Kalenderspruch - vorzugsweise mit Muscheln im Hintergrund (als ob Muscheln keine Dinge wären) oder Sonnenuntergängen (zu obvious) oder Cocktails (Sammle Filmrisse?).

Unvergessliche Momente...

Aber hat schon was, der Spruch. Ich erinnere mich an viele Dinge nicht so genau, aber es gibt Momente, die vergisst man nicht. Und wenn ich so in meinem Gedächtnis krame, lugen da verhältnismäßig viele Fußball-Momente hervor.

Dieser eine Lupfer damals im Turnsaal, dieser perfekte Volley mit dem falschen Fuß (der linke; andere würden vom falschen und noch falscheren Fuß schreiben), diese Partie, in der ich mir extra vorgenommen habe, jeden Ball humorlos wegzuschädeln, und das gegen einen viel größeren Gegenspieler auch geschafft habe, dieser perfekt getimte Pass im Training durch eine stark bevölkerte Abwehr mit dem Außenrist in die Tiefe, der den aus dem Nichts auftauchenden Flügelspieler bedient hat.

...undokumentiert

All das und noch viel mehr ist da. Ich fühle es, als wäre es gerade eben passiert.

Wochenenden vor leeren Rängen
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Wochenenden vor leeren Rängen

Gesehen haben es maximal zwei Dutzend Menschen, wertgeschätzt vielleicht eine Handvoll, gefühlt nur ich, dokumentiert niemand. Die Highlight-Reels sind nur in meinem Kopf. Aber da ist die Helligkeit voll aufgedreht.

Der Kampf um Luft, beim SV Atemnot

Hier und jetzt habe ich aber keine Ressourcen, um mich daran zu erinnern. Ich kämpfe um Luft. Bei diesem Training des SV Atemnot.

DSG Wien, 1. Klasse A. Das interessiert halt echt nur Leute, die in dieser Liga spielen.

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Rund um mich ist niemand, der vom Fußball lebt. Hier sind Menschen, die einen beträchtlichen Teil ihres Lebens in ihn investieren. Seit Jahren, über mehrere Lebensabschnitte hinweg.

Irgendwie bescheuert, irgendwie aber auch so gar nicht.

Warum machst du das?

Nach dem Training sitze ich mit Flo bei einem Bier. Er hat zwei Kreuzbandrisse, einen Meniskusriss und eine weitere große Operation hinter sich.

Warum machst du das immer noch?

Der Wochenend-(Un)glücksbringer

"Das ist eine eigene Magie, die man nicht so leicht erklären kann. Das ist ein Fanatismus, den man nicht los wird", sagt er.

Flo denkt kurz nach: "All das zu investieren, ist ein ganz eigenes Glück; so eine absurde Sache in einem sonst sehr ernsthaften Leben über alles zu stellen, diesen Wochenend-Glücksbringer – der zum Teil auch ein wahnsinniger Unglücksbringer ist – ganz oben anzureihen."

Der 35-Jährige spricht mit einer Begeisterung über den SV Atemnot wie andere Menschen über ihre Kinder.

"Der Flo ist das Herz des SVA. Er war eine treibende Kraft bei der Gründung des Vereins, hat ihn in schwierigen Zeiten organisatorisch und sozial zusammengehalten. Ohne ihn würde es den Verein so nicht geben", sagt Vizeobmann Mark.

Ich schätze mal, die sind einfach betrunken dagesessen.

Der Gründungsmythos

Begonnen hat alles 2013 in einer Studenten-WG. "Wir waren sieben Freunde, Anfang 20, und wollten einen Fußballverein gründen", sagt Flo.

Petar, mit 278 Einsätzen Atemnot-Rekordspieler, lacht: "Ich schätze mal, die sind einfach betrunken dagesessen." Und damit meint er gar nicht die Idee an sich, sondern vor allem die Namensgebung. SV Atemnot, muss einem erst mal einfallen.

Flo grinst: "Ein langer Abend auf der Couch hat zwischen Lokomotive Abstellgleis und SV Atemnot zwei Optionen ergeben. Mit dem Namen SV Atemnot haben wir uns dann zur Landespolizeidirektion getraut."

Und dann kam Helene Fischer

Konnte ja keiner wissen, dass Helene Fischer wenige Wochen später ihren Megahit "Atemlos durch die Nacht" veröffentlicht.

Thomas, ebenfalls Gründungsmitglied, sagt: "Ich bin sehr unglücklich darüber, seither nennen uns viele Leute beim falschen Namen."

Orange Trikots, logisch

Die orangen Trikots
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Die orangen Trikots

Unverwechselbarer sind da schon die Klubfarben. Orange-Schwarz trägt hierzulande eigentlich niemand. Und genau das war auch die Idee.

"Wir wollten Trikots kaufen und haben überlegt, wie wir mit einem Trikotsatz so durchkommen, dass wir möglichst selten andere Trikots tragen müssen. Wir haben uns dann angeschaut, welche Farben die Wiener Vereine so haben – orange Trikots und ein rosa Tormanntrikot haben sich als die beste Lösung herausgestellt, um möglichst oft im Heimdress spielen zu können", erinnert sich Flo.

Diese Truppe in ihren orangen Shirts mit dem lustigen Namen war dann auch überall ein gerngesehener Gast. In den ersten beiden Saisonen lief sie in der HFL (Hobbyfußballliga) auf bzw. dem Gegner hinterher.

0 Siege, 0 Unentschieden, 18 Niederlagen – Torverhältnis 21:113

Insgesamt waren es keine drei Siege, die da eingefahren wurden, Unentschieden waren nicht minder rar gesät. 2015/16 folgte der Umstieg in die unterste Liga der DSG (Diözesansportgemeinschaft) – in dem von der Erzdiözese Wien organisierten Ligenverband tummeln sich aktuell 130 Mannschaften.

Im Lukas-Evangelium steht: "Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin…" Man könnte sagen, die SVA-Kicker haben in ihrer ersten DSG-Saison eine schallende Ohrfeige nach der anderen kassiert. 0 Siege, 0 Unentschieden, 18 Niederlagen – Torverhältnis 21:113.

Anders als beim Volleyball

Das war die Saison, in der der nunmehrige Kapitän Mark über seinen früheren Schulkollegen Thomas zum Verein gestoßen ist. Aber warum ist er geblieben? Das kann doch keinen Spaß gemacht haben!

Einige haben gesagt, wir sollten es bleiben lassen und zurück aufs Kleinfeld, um dort in Würde zu altern.

Gründungsmitglied Thomas

Hat es sehr wohl, erklärt er mir: "In meiner ersten Saison habe ich gleichzeitig noch Volleyball gespielt. Ich habe mit beiden Vereinen alle Spiele verloren. Der Unterschied war aber, dass wir beim Volleyball-Verein nach den Spielen alle zwider nachhause gegangen sind, beim Fußball sind wir aber zusammengesessen und der Schmäh ist gerannt. Da war die Entscheidung dann einfach."

Trotz des Galgenhumors haben sich jene, die den Verein drei Jahre zuvor gegründet hatten, die sportliche Sinnfrage gestellt.

Thomas erzählt: "Einige haben gesagt, wir sollten es bleiben lassen und zurück aufs Kleinfeld, um dort in Würde zu altern. Aber der Flo hat einfach dagegengehalten." Mark beschreibt das damalige Mindset so: "Wir müssen da durch, wir müssen das irgendwie lernen, hoffentlich bekommen wir ein paar Spieler dazu, die uns da rausreißen."

Ich habe niemanden "rausgerissen"

Was ich bisher noch nicht erwähnt habe: Mark ist nicht nur Vizeobmann und Kapitän des SVA, er ist auch mein Bruder. Durch ihn bin ich im Sommer 2016 für zwei Saisonen beim Verein gelandet. Dass ich die Mannschaft "rausgerissen" hätte, würde ich nie behaupten. Ich bin der fußballerischen Genialität unverdächtig.

Kein Prügelknabe mehr
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Kein Prügelknabe mehr

Jedenfalls kamen dann tatsächlich einige sehr passable Kicker dazu und fortan war Atemnot nicht mehr der Prügelknabe der Liga. Später gelang dank einer Reform der Ligen-Zusammensetzung sogar der Aufstieg in die nächsthöchste Spielklasse, wo sich das Team im oberen Mittelfeld etabliert hat.

Danke Kroatien!

Sportlicher Erfolg ist nicht die Hauptsache. Aber so ganz egal ist das Ergebnis dann auch wieder nicht.

Vor dem Training kommt in der Kabine die Sprache auf das 0:7 Kroatiens gegen England. "Das Ergebnis hat mir so viel gegeben", lacht einer. Wenige Stunden vor dem kroatischen Debakel hat der SV Atemnot in der 4. Runde gegen die Young Boys Döbling ebenfalls 0:7 verloren.

Thomas lacht später: "Langfristig haben wir noch alle in Richtung unseres Anspruchsniveaus gebracht. Bei ein paar Leuten kriegst du das nie so ganz raus, vor allem bei jenen, die in der Jugend ehrgeizig gekickt haben. Die Alteingesessenen haben so ein 0:7 nach dem Duschen schon wieder aus dem System draußen, bei den Neuen dauert das vielleicht eine Woche."

Mark sagt: "Es ist eine Gratwanderung: Wir wollen die Community erhalten, gemeinsam Spaß haben, gleichzeitig aber das Optimum herausholen."

So funktioniert's ohne Trainer

Dafür verantwortlich ist nicht eine Person. Der SV Atemnot existiert seit fast eineinhalb Jahrzehnten, 95 verschiedene Männer haben schon sein Trikot getragen, einen Trainer hatte das Team aber noch nie.

Obmann Flo bei seinem nächsten Comeback
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Obmann Flo bei seinem nächsten Comeback

Bei der jährlichen Hauptversammlung wird ein Gremium aus fünf Personen gewählt bzw. bestätigt, das alle relevanten sportlichen Entscheidungen trifft. Von der grundsätzlichen Spielausrichtung über die Trainingsgestaltung bis hin zur Aufstellung.

"Rat der Weisen" nennt sich das. Dabei ist ein Mann mit UEFA-B-Lizenz sowie einer, der sich früher mal in einer Fußball-Akademie das Zimmer mit einem späteren ÖFB-Teamspieler geteilt hat.

Die langen Diskussionen der "Akademiker-Gruppe"

Und doch werden Entscheidungen nicht aus rein sportlichen Überlegungen heraus getroffen. "Natürlich geht es bei den Aufstellungen um Position und Fähigkeiten, aber es geht auch um Trainingszeiten und Spielminuten. Die Leute, die am Dienstag immer trainieren, sollen am Wochenende entsprechend ihre Minuten bekommen", sagt Obmann Flo.

Wenn das bedeutet, dass Dinge gerne mal zu Tode diskutiert werden, sind wir auf jeden Fall eine Akademiker-Gruppe.

Mark, einer der "Weisen"
Vor dem Training
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Vor dem Training

Einer der Spieler beschreibt die ganze Truppe als "eine Akademiker-Fußballgruppe".

Mein Bruder Mark lacht: "Wenn das bedeutet, dass Dinge gerne mal zu Tode diskutiert werden, sind wir auf jeden Fall eine Akademiker-Gruppe."

Es war mir einfach zu mühsam

Ich scrolle durch meinen WhatsApp-Verlauf mit Flo. Ein Dutzend Mal hat er mich in den vergangenen fünf Jahren angeschrieben, ob ich aushelfen kann, weil der SVA wieder mal zu wenige Spieler hatte.

Ein Dutzend Mal habe ich abgesagt. Hochzeits-Einladung, Arbeit, krank, einfach keine Zeit… Und wenn ich ganz ehrlich bin, war es mir hin und wieder einfach zu mühsam. Da war einfach kein Anreiz da.

Mittlerweile ist das mein größter Freundeskreis. Davon lebt’s.

Ein Team aus Freunden

Wenn ich so darüber nachdenke, lag es auch daran, dass ich nicht mehr Teil dieser eingeschworenen Gruppe war. Letztlich ist der soziale Aspekt im Hobbyfußball nämlich riesig.

Der Fußball als Kleber

Petar sagt: "Mittlerweile ist das mein größter Freundeskreis. Davon lebt’s. Einer hat mir letztes Jahr gesagt, dass er gar keinen Bock aufs Kicken mehr hat, aber einfach weiter kommt, weil er die Leute sehen will. Solche Phasen durchlebt jeder."

Und doch ist der Fußball der Kleber. Flo erzählt: "Ohne dem auf dem Platz, wäre das nichts. Diese Anspannung am Spieltag gibt es bis heute. Keine Ahnung, warum man vor dem Matchbeginn immer noch nervös ist, aber das ist da. Als ich gesundheitlich länger nicht spielen konnte, hat mir das die Begeisterung genommen, hat das die Wochenenden mühsamer gemacht. Am Ende des Tages haben die Minuten am Platz Priorität."

Das gemeinsame Bier nach Training und Match schmeckt auch nach unerfreulichen Minuten auf dem Rasen. Eine ambitionslose Truppe ist der SV Atemnot aber trotzdem nicht.

Zerstörung im Trainingslager

Vorbereitung im Trainingslager
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Vorbereitung im Trainingslager

Seit fast einem Jahrzehnt fährt das Team einmal pro Sommer von Mittwoch bis Sonntag aufs Trainingslager. Nach vielen Jahren in der slowakischen Gemeinde Senkvice war der SVA diesmal in Neusiedl am See.

"Das ist immer ein kleines Sommerurlaubs-Highlight", sagt Thomas. Urlaub ist das aber keiner. Sechs Trainingseinheiten stehen am Programm, davor jeweils eine Taktikeinheit, und zum Abschluss ein Testspiel.

"Wir zerstören uns da immer. Nach jedem Trainingslager sind zwei, drei Leute komplett im Eimer", lacht Thomas. Und doch sind die Tage ideal, um die Bande zu stärken und Neuzugänge zu integrieren.

Väter bekommen "frei"

Die Teilnehmerzahl steigt von Jahr zu Jahr. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wie Mark weiß: "Da sind teilweise Väter sehr kleiner Kinder, die trotzdem fast eine Woche frei bekommen, um irgendwo hin zu fahren und fast nur Fußball zu spielen und über Fußball zu reden."

Diesmal hat der Verein die Reisekosten mit dem Zug übernommen. Einige ganz Ambitionierte sind mit dem Rad angereist.

250 Euro pro Saison beträgt der Mitgliedsbeitrag, rund 30 Mitglieder hat der Verein.

Die Fans trinken, die Fans geben

Bezahlt werden muss damit Allerlei – die Schiedsrichter bei den Heimspielen, die Platzmiete, Startgeld für die DSG, die Verlängerung der Spielerpässe, Equipment…

Der Sangria für die Fans wird vorbereitet
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Der Sangria für die Fans wird vorbereitet

Das geht sich nur aus, weil es eine Nebeneinkunft gibt. Zwei Mal im Jahr gibt es "Zuschauer-Spiele". Freunde und Familien werden einmal gegen Herbst-Ende, einmal im Frühjahr eingeladen. Es gibt Speisen und Getränke gegen freie Spenden.

Mark berichtet: "Es kommen zwischen 20 und 40 Leute. Es passiert auch, dass Mannschaften, die vor uns ein Match hatten, geblieben sind und uns angefeuert haben."

"Da kommen dann von der Größenordnung her drei bis vier weitere Mitgliedsbeiträge zusammen", rechnet Flo vor. Am Ende jeder Saison steht dann in der Regel eine schwarze Null, manchmal kann ein kleiner Polster aufgebaut werden.

Da war wieder so ein Moment

Apropos Polster. Darauf freue ich mich nach dem Training auch. Es ist spät geworden, es wurde in der Kantine dann doch noch ein zweites Bier, die Heimreise zieht sich.

Ich lebe drei Fußball-Leben: jenes als Journalist, jenes als Fan, jenes als Aktiver.

Doch was bleibt, ist dieser eine Moment, wo wieder alles gepasst hat. Der Ball kommt, der Gegner presst von links hinten an, der Mitspieler steht rechts hinter mir, ich lasse die Kugel über den Rist rutschen und sie landet genau dort, wo sie hin sollte.

Diese Aktion wird Teil des Highlight-Reels. Und sie macht mich gleichzeitig traurig.

Die drei Fußball-Leben

Ich lebe drei Fußball-Leben: jenes als Journalist, jenes als Fan, jenes als Aktiver. Letzteres hat das früheste biologische Ablaufdatum.

Auf der Tribüne Glück und Unglück ausgeliefert zu sein, ist bescheuert. Noch viel mehr Zeit am Rasen dafür zu investieren, obwohl es praktisch niemanden schert, ist auf den ersten Blick noch viel bescheuerter.

Aber die Momente, die bleiben, sind intensiver. Viel Zeit, um weitere zu sammeln, bleibt nicht mehr. Ich habe den 40er schon hinter mir.

Und da stehe ich, nach Luft ringend, mit Atemnot.

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