DSG-Liga: "Die Kirche hat zwar viel Geld, aber nicht unendlich"

DSG-Liga: "Die Kirche hat zwar viel Geld, aber nicht unendlich"

Manfred Steiner ist Vorstand der Diözesansportgemeinschaft und spricht im Interview über die lange Geschichte des katholischen Sports, warum es ihn noch gibt und - die unklare Zukunft des Kirchen-Kicks.

Warum organisiert die katholische Kirche Fußball?

Ok, die Diözesansportgemeinschaft ist dieses Jahr 75 Jahre alt geworden und sorgt seitdem dafür, dass sich hunderte bis tausende Menschen am Wochenende nach sportlich-fairen Regeln bewegen. Das klingt trotzdem alles nach schwarz-weiß Fernsehen, auch wenn die DSG-Ligen seit drei Jahrzehnten unterhalb des Ligensystems des Wiener Fußballverbandes angesiedelt sind.

Einer, der sich wie kaum ein anderer mit dem DSG-Fußball auskennt, ist Manfred Steiner. Er ist Vorstand der Diözesansportgemeinschaft sowie Vizepräsident des Wiener Fußballverbandes und seine Geschichte zeigt ganz gut, wie sich die DSG gewandelt hat.

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"Bereits als Kinder haben meine Brüder und ich regelmäßig im Laube Park im 10. Wiener Gemeindebezirk im sogenannten Käfig Fußball gespielt. Wir haben dann selbst eine Fußballmannschaft organisiert und sind auf diese Weise über die Pfarre 'Zur dreimal wunderbaren Muttergottes' zur Diözesansportgemeinschaft gestoßen."

Parallel dazu hat er eine Tischtennismannschaft entwickelt, ist der DSG seit 1966/67 verbunden. Der Verein hieß früher "Mutter Gottes", heute ganz neutral "DSG-Favoriten". So ändern sich eben die Zeiten und heute spielen nicht mehr nur Pfarre A gegen Pfarre B.

Wie sich der DSG-Fußball entwickelt hat und in welche unklare Zukunft es geht, erklärt Manfred Steiner im Interview:

Die Gründung christlicher Sportvereine wurde innerhalb der Kirche zunächst nicht uneingeschränkt begrüßt.

Manfred Steiner

90minuten: Die Geschichte der DSG reicht weiter zurück als 75 Jahre. Vielleicht erklären Sie kurz, wieso es überhaupt eine konfessionelle Sportvereinigung gibt.

Manfred Steiner: Das Ganze hat mit der Turnbewegung begonnen (im 19. Jhrd., Anm.). Neben nationalen Turnverbänden und dem sozialistischen Arbeiterturnverein entwickelte sich auch eine christlich-deutsche Turnbewegung. Die Gründung christlicher Sportvereine wurde innerhalb der Kirche zunächst nicht uneingeschränkt begrüßt. Letztlich setzten sich jedoch pastorale Überlegungen durch, den Sport als Mittel kirchlicher Arbeit und Gemeinschaftsbildung zu nutzen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es sehr rasch zu den Neugründungen der Sportverbände. Nicht erfasst wurden jedoch die vielen Sportgruppen in den Pfarren. Von der Idee her war die DSG eigentlich als Sportdachverband konzipiert, ähnlich wie die Sportunion und die ASKÖ. 1591 gab es dann ein Grundsatzabkommen mit der Union - die eigentliche Geburtsstunde der Diözesansportgemeinschaften Österreichs.

90minuten: Wann gab es die erste DSG-Wien-Fußballmeisterschaft und wie viele Mannschaften waren dabei?

Steiner: Schon 1951 gab es innerhalb der katholischen Jugend Spiele verschiedener Pfarren gegeneinander. Die erste strukturierte Meisterschaft gab es 1966/67. Ab den 1970er-Jahren ist diese Meisterschaft zum Erfolgsmodell geworden, indem klare Regeln festgelegt wurden. Etwa: Wer darf spielen? Dürfen auch Spieler teilnehmen, die irgendwo in einem Meisterschaftsbetrieb des Wiener Fußballverbandes aktiv sind? - vor allem aber waren auch klare Disziplinarbestimmungen festzulegen. Erst ab 1964 durften auch Nichtkatholiken teilnehmen. Das wurde durch das Zweite Vatikanische Konzil aufgebrochen (historische Versammlung der katholischen Kirche von 1962 bis 1965, die eine umfassende Erneuerung und Öffnung zur modernen Welt einleitete, Anm.).

90minuten: Und ab wann gab es die Frauenmeisterschaft?

Steiner: Bereits 1989. Wir waren also Vorreiter bei der Entwicklung einer eigenen Frauenmeisterschaft.

Der emeritierte römisch-katholische Bischof von Linz, Ludwig Schwarz, auf der legendären Marswiese
Foto © DSG-Wien
Der emeritierte römisch-katholische Bischof von Linz, Ludwig Schwarz, auf der legendären Marswiese

90minuten: Heute kann der Meister der höchsten DSG-Spielklasse in die unterste Klasse des WFV aufsteigen?

Steiner: Ja. Der Meister unserer höchsten Spielklasse hat die Berechtigung, in die unterste Klasse des Wiener Fußballverbandes aufzusteigen. Allerdings nimmt dieses Anrecht kaum ein Verein in Anspruch.

90minuten: Ist das überhaupt schon einmal passiert, dass das einer wollte?

Steiner: Torpedo 03 hat das gemacht. Das war in den schwierigen Corona-Jahren. So ist es auch gekommen, dass der Aufstieg erst mit zweijähriger Verzögerung wahrgenommen werden konnte.

90minuten: Kommen wir zu der Eingliederung in den Wiener Fußballverband. Da wurde lange verhandelt. Warum?

Steiner: Das ist eine schwierige Frage. Nach dem 2. Weltkrieg waren vorerst der Reichsbund und eine Tramway-Liga die Vorreiter in Sachen reinem Wiener Amateurfußball. Diese Ligen spielten zwar im WFV, deren Meister konnten aber nicht in höhere Klassen aufsteigen. Anfangs der 1990er-Jahre kam der Wiener Fußballverband auf uns zu und fragte an, ob wir nicht bei ihnen mitspielen wollten. Natürlich gab es dahinter Eigeninteressen seitens des WFV beziehungsweise des ÖFB, wurde doch der Förderschlüssel für die Sportfachverbände neu geregelt. Dies erklärt auch, warum wir mit unseren damals ca. 70 Vereinen sehr attraktiv waren.

Einem Kardinal wurde einmal gemeldet, dass sich eine Person nur deshalb hat taufen lassen, weil sie bei uns Fußball gespielt hat.

Über Missionierungen

90minuten: Was waren weitere Probleme?

Steiner: Es gab den Vorbehalt, wie man mit sehr vielen Spielern umgeht, die zwar noch bei irgendeinem Verein gemeldet waren, aber schon Jahre nicht mehr bei diesem gespielt hatten – und nach wie vor dort gemeldet waren. Weil es ja so ist, dass du als Kind schnell einmal bei einem Verein gemeldet wirst, wenn du ein paar Mal beim Training warst.

Wenn das Kind später keine Lust mehr hatte und Jahre danach wieder zum Fußball gekommen ist, war es trotzdem noch bei irgendeinem Verein gemeldet. Dazu kamen die Übertrittsbestimmungen des österreichischen Fußballs, die ebenfalls berücksichtigt werden mussten. Auch das war eine Hürde, vor der viele Angst hatten, dass wir das nicht schaffen würden und dadurch die Zahl der Spieler sinken könnte.

90minuten: Wie hat die Kirche die Entwicklung der DSG in den vergangenen Jahren aufgenommen?

Steiner: Wir haben regelmäßig geschaut, dass wir kirchenintern präsent sind. Wir sind in der Kirchenzeitung "Sonntag" immer wieder vertreten, zumindest ein- bis zweimal im Jahr. Auch in der Katholischen Aktion, zu der wir gehören, sind wir heute fix in den Gremien vertreten. Dort können wir unsere Welt immer wieder vorstellen. Man könnte kirchenintern wahrscheinlich noch viel mehr machen, aber es ist auch ein Personalressourcenproblem.

Die DSG Wien Leichtahtletik gehört übrigens zu den Topvereinen des Landes
Foto © GEPA
Die DSG Wien Leichtahtletik gehört übrigens zu den Topvereinen des Landes

90minuten: Gibt es Beispiele dafür, dass die DSG tatsächlich Menschen wieder näher zur Kirche bringt?

Steiner: Einem Kardinal wurde einmal gemeldet, dass sich eine Person nur deshalb hat taufen lassen, weil sie bei uns Fußball gespielt hat. Davon war er begeistert und erzählte uns davon.

90minuten: Gerade angesichts der zurückgehenden Kirchenbesuche und Kirchenaustritte dürfte so etwas heute aber schwieriger werden, oder?

Steiner: Ich sehe das eher als indirektes Wirken. Ich bin weiterhin im 10. Bezirk zu Hause. Bei uns in der Gemeinde haben wir eine Fußballmannschaft, die ich am Anfang ein bisschen mit aufgebaut habe. Die existiert mittlerweile seit rund 30 Jahren. Wir haben jedes Jahr in der Pfarre im Pfarrsaal eine Weihnachtsfeier. Der Pfarrer ist immer dabei. Und wenn man sieht, wie die Spieler älter werden, heiraten und Kinder bekommen, lassen die meisten ihre Kinder taufen. Das sollte man nicht unterschätzen. Wir sind aber nicht die großen Missionare, das ist in der heutigen Zeit auch nicht adäquat.

90minuten: Wie steht die Diözese dazu, dass die DSG für viele ein Hobby- und Spaßverein ist, was an Namen wie SK Lation (Eskalation ausgesprochen) auch ersichtlich ist?

Steiner: Es gab immer wieder Vereine, die solche Namen hatten und haben. Mein Verein hieß seinerzeit auch Mutter Gottes, heute neutral DSG-Favoriten. Das hat sich im Laufe der Zeit also durchaus gewandelt.

Rein theoretisch könnten wir auch ohne Kirche weiterexistieren. Die Frage ist, ob wir die Ressourcen stemmen könnten, das zu machen.

Über die Zukunft

90minuten: Die Werte des Sports und die Werte des Christentums scheinen aber nach wie vor ziemlich ähnlich zu sein.

Steiner: Von den Werten her stimmt das natürlich nach wie vor. Das ist auch beim 75-Jahr-Fest sehr aufgefallen: Sport stellt eine sehr große inklusive Kraft dar, weil die Regeln für alle gleich gelten. Darüber muss man auch nicht diskutieren, auch wenn man über Schiedsrichterentscheidungen immer wieder einmal verschiedener Meinung sein kann, je nach Sportart gibt es da mehr oder weniger Diskussionen. Trotzdem sind die Regeln gleich. Wir spielen im Fußball eben nach den offiziellen FIFA-Spielregeln. Punkt. Die sind für alle verbindlich. Ich glaube, das ist eine Stärke des Sports: Es ist egal, was der Einzelne denkt, wer er ist oder sonst was.

90minuten: Verfolgt die Kirche mit der Organisation dieses Sports überhaupt einen missionarischen Ansatz?

Steiner: Man muss es so sehen: Sport ist sicher ein Beitrag zu einer sinnvollen Freizeitgestaltung. Und selbst bei Sportarten wie Leichtathletik, wo das Individuum stärker im Vordergrund steht, bilden Sportvereine natürlich sehr starke Gemeinschaften. Gemeinschaftsbildung ist etwas zutiefst Christliches.

90minuten: Ich frage das auch deshalb, weil die Anzahl der Vereine zurückgeht. Das liegt aber wahrscheinlich nicht nur daran, dass weniger Menschen in die Kirche gehen.

Steiner: Die Bevölkerung wird einfach immer älter. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen sowie der jungen Erwachsenen wird im Vergleich zur Gesamtbevölkerung immer geringer. Sport richtet sich aber in vielen Fällen in erster Linie an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Und da kämpft man um die Aufmerksamkeit mit vielen anderen Sportarten, auch mit neuen Sportarten, die oft sehr kurzlebig sind. Squash ist ein Paradebeispiel. Das war eine Zeit lang sehr gehypt und heute sieht man es kaum noch. Heute sind es beispielsweise Padel oder die Icon League, dazu kommen verschiedene Sonderformen des Fußballs. Das sind Modeerscheinungen, die in vielen Fällen sehr schnell wieder verglühen.

Michael Steine bei der offiziellen 75-Jahr-Feier
Foto © DSG-Wien
Michael Steine bei der offiziellen 75-Jahr-Feier

90minuten: Wir sprechen von rund 110 Mannschaften in 14 Ligen, davon zehn Frauen- und Mädchenteams. Was würden diese Menschen machen, wenn morgen der Papst die Hütte zusperrt und sagt: Die Kirche macht keinen Sport mehr?

Steiner: Das ist eine interessante Frage. Wir sind als Diözesansportgemeinschaft Wien ein eingetragener Verein. Rein theoretisch könnten wir auch ohne Kirche weiterexistieren. Die Frage ist, ob wir die Ressourcen stemmen könnten, das zu machen. Grundsätzlich wäre es aber nicht unmöglich.

90minuten: Dann wäre die höchste DSG-Liga eben die neunte Spielstufe und so weiter?

Steiner: Ja. Das wäre natürlich möglich. Dann wäre aber nur der Fußball gerettet. Gesamtvereinsmäßig wäre es etwas anderes. Ich würde prognostizieren, dass wahrscheinlich sehr bald viele unserer Mannschaften wegbrechen würden, weil sie mit den Vorgaben, die in den Hauptklassen des Wiener Fußballverbandes gelten, überfordert wären. Den Support, den wir in vielen Dingen leisten, hätten sie dort auch nicht. Damit wären sie sehr schnell am Ende. Da bin ich mir hundertprozentig sicher.

90minuten: Wenn Sie bei einem Jubiläum die obligatorische Ausblickfrage stellen: Wie könnte die DSG in den nächsten 75 Jahren aussehen?

Steiner: 75 Jahre werde ich natürlich nicht mehr leben (lacht). Wir haben einen demografischen Wandel in Österreich, gleichzeitig haben wir viel Zuzug. Dieser kommt aber nicht unbedingt nur aus katholischen Ländern, sondern beispielsweise auch aus serbisch-orthodoxen Ländern. Auf der anderen Seite glaube ich, dass der Konnex der katholischen Kirche zur Bevölkerung immer geringer wird. Der Einfluss nimmt ab.

Die Kirche hat zwar viel Geld, aber nicht unendlich viel Geld. Man muss einen gewissen Betrieb aufrechterhalten und sich irgendwann fragen: Was braucht man wirklich? Von wem möchte man sich trennen?

Über die Zukunft

90minuten: Wie wird sich das auf die DSG auswirken?

Steiner: Die Kirche hat zwar viel Geld, aber nicht unendlich viel Geld. Man muss einen gewissen Betrieb aufrechterhalten und sich irgendwann fragen: Was braucht man wirklich? Von wem möchte man sich trennen? Das wird aus ökonomischen Gründen wahrscheinlich erforderlich sein. Das sieht man heute auch bei Immobilien. Kirchen werden veräußert oder teilweise verschenkt. Das ist auch bei uns passiert. Wir haben beispielsweise die Tischtennishalle verloren, als die Kirche das entsprechende Gebäude abgegeben hat.

90minuten: Und was bedeutet der neue Erzbischof für diese Entwicklung?

Steiner: Der neue Erzbischof hat noch nicht wirklich konkretisiert, was er vorhat. Eines ist aber sicher, und das hat er sehr bestimmt gesagt: Man wird sich von einigem trennen müssen. Was dann konkret daraus wird, ist natürlich eine schwierige Frage. Ich kann nicht in seinen Kopf hineinschauen und weiß nicht, was er wirklich vorhat oder plant. Ich kann bestenfalls mutmaßen. Wenn immer weniger Menschen in die Kirche gehen und Kirchensteuer zahlen, wird es irgendwann einmal eng.

90minuten: Gibt es Anzeichen dafür, dass die katholische Jugend beziehungsweise andere Strukturen ebenfalls verändert werden?

Steiner: Ja. Es gab und gibt etwa Überlegungen, dass sich die Katholische Aktion vom Stephansplatz weg ein anderes Domizil sucht. Wenn sich in weiterer Folge ein privater Verein konstituiert, auch wenn er sich zur katholischen Kirche bekennt, muss er seine Leute ebenso selbst anstellen, wie auch die sonstigen Betriebskosten begleichen. Wenn er sich dies nicht leisten kann, hat er Pech gehabt. Das heißt, in zehn Jahren könnte es vielleicht noch die DSG Wien geben, die Fußball, Leichtathletik und andere Sportarten organisiert, aber nicht mehr als Teil der Diözese. Das könnte ich mir vorstellen. Das wäre der Worst Case.

90minuten: Die Sorgen sind groß?

Steiner: Ich schließe es nicht aus, bin aber optimistisch. Ich glaube eher, dass es uns innerhalb der Kirche weitergeben wird, allerdings wahrscheinlich mit sehr bescheidenen Unterstützungen. Wir haben schon einmal erlebt, dass Organisationen ihre Büros weiter nutzen durften, aber keine Angestellten mehr finanziert wurden. Das kann dann sehr schnell zum Ende einer Struktur führen. Das gab es schon einmal und gibt es bei den hauptamtlichen Arbeitskräften auch heute. Wir haben jetzt nur mehr eine Vollzeitkraft.

90minuten: Wir danken für das Gespräch!

Hinweis: Der Vater des Autors ist im Vorstand der DSG-Wien-Leichtahltetik, der Autor selbst war früher ebenfalls Vereinsmitglied.


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