Ralf Muhr schiebt Namenskärtchen über die Taktiktafel in seinem Büro, um die Aufstellung für die zweite Hälfte zu erklären. Draußen, vor dem Fenster, läuft das Testspiel gegen Dunajska Streda schon wieder. Kurz vor Schluss fällt das einzige Tor, die Admira verliert unglücklich 0:1.
Die produktivste Offensive der Liga kämpft weiterhin mit einer Ladehemmung, der letzte Treffer gelang vor 186 Spielminuten. Dass allen Beteiligten Unzufriedenheit anzumerken ist, überrascht nicht.
Nach der Trennung von Cheftrainer Thomas Silberberger vor der Länderspielpause rückt das verbliebene Personal des Zweitligisten verstärkt in den Fokus. Derzeit belegen die Niederösterreicher den dritten Tabellenplatz. Bei einem Spiel weniger beträgt der Rückstand auf Austria Lustenau zwei Punkte. Das direkte Duell am 3. April wird richtungsweisend, kommt für die Admira aber zu einem ungünstigen Zeitpunkt.
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Suchard statt Silberberger
An der Seitenlinie steht jetzt Harald Suchard. Der 49-Jährige verfügt über eine Pro-Lizenz, an seiner Person wird der Lizenzerhalt dementsprechend nicht scheitern.
"Neben seiner fachlichen Kompetenz und der Tatsache, dass er in dieser Liga schon erfolgreich gearbeitet hat, bringt er genau die Empathie und den Kommunikationsansatz mit, den die Mannschaft kurzfristig braucht", ist Muhr von seiner Personalentscheidung überzeugt.
Suchard rückt aus der eigenen U18 nach oben, hat aber schon 120 Zweitligaspiele bei den Young Violets verantwortet. Zu diesen geholt wurde er schon damals von seinem jetzt neuen Zimmerkollegen Muhr.
"Für mich war klar, dass jetzt kein Mitglied des bestehenden Trainerteams in die erste Reihe rücken soll", führt der Sportchef weiter aus. Veränderung war gewünscht, der neue Übungsleiter bringt eine andere Perspektive, ohne viel Eingewöhnungszeit zu brauchen.
Das Verhältnis zwischen Silberberger, seinen Spielern und Teilen des Vereins hatte laut 90minuten-Informationen deutlich abgestumpft. Der Tiroler bot seinen Rücktritt letztlich selbst an und geht - gemessen am Punkteschnitt - als einer der erfolgreichsten Admira-Trainer überhaupt. Übel nimmt ihm diesen Schritt niemand, eher ist das Gegenteil der Fall - so zumindest der aktuelle Eindruck.
Vor dem Aufstieg braucht es Aufbauarbeit
Das letzte Spiel des Ex-Trainers gegen Rapid II ging trotz klarer Überlegenheit und dickem Großchancenplus 0:3 verloren. Jeder Torschuss des Hütteldorfer Nachwuchses zappelte im Netz, teilweise unter Mithilfe der Admira-Defensive.
Muhr vermutet psychische Faktoren als Ursache für die aktuelle Inkonstanz. Warum macht sich bei der Admira schneller Unruhe breit als in anderen Vereinen? Der SKN St. Pölten hat sechs seiner letzten elf Ligaspiele verloren, führt aber keine Trainerdiskussion.
Die Admira gehört in die Bundesliga, das ist Fakt.
"Es gibt zurecht in mehrerlei Hinsicht eine sehr hohe Erwartungshaltung an den Verein. Die Admira gehört in die Bundesliga, das ist Fakt. Die Mannschaft sollte außerdem zum Großteil aus Eigenbau-Spielern bestehen. Dazu kommen Nebengeräusche und personelle Wechsel. In einzelnen Momenten entscheidet das nicht darüber, ob ein Spieler das Tor aus kurzer Distanz trifft. Insgesamt hat das aber natürlich Auswirkungen auf die Stimmung", meint Muhr. Nachsatz: Wenn das Umfeld über etwas diskutiert, tun es auch die Spieler.
Auf Verstärkungen im Winter wurde nicht nur aus finanziellen Gründen verzichtet. "Wir haben den Kader im Sommer auf Basis aller Erkenntnisse der Vorsaison umgekrempelt. Sieben Neuzugänge sind Stammspieler. Es ist ein Kader, mit dem man in die Bundesliga gehen kann", erklärt Ralf Muhr. Man habe hinsichtlich Altersstruktur, Qualität und der Vertragsmodalitäten vorausgedacht, meint er.
Sollte die Admira am Ende ganz oben stehen, brauche es dann natürlich trotzdem Ergänzungen, die meisten Lücken würde aber der eigene Nachwuchs füllen. Die größten Talente wurden schon vor längerer Zeit mit Verträgen ausgestattet.
Stabil genug für die Lizenz?
Größer als die sportliche Herausforderung ist jene im finanziellen Bereich. Dass Gehaltszahlungen zwar vollständig, aber trotzdem nicht immer pünktlich geleistet wurden, wird sein Übriges zur Stimmung innerhalb der Mannschaft getan haben. Die Admira macht kein Geheimnis aus ihrer Situation, die seit Jahren angespannt ist.
Wir haben uns penibel auf das Lizenzverfahren vorbereitet.
CEO Bernhard Schmidt, seit August im Amt, betont deshalb: "Wir haben uns penibel auf das Lizenzverfahren vorbereitet und früh das Gespräch mit der Bundesliga gesucht, um alle möglichen Fragen, die es vielleicht gegeben hätte, auszuräumen." Aus Sicht des Vereins spricht daher nichts gegen den Erhalt der Lizenz in erster Instanz.
Investorengespräche laufen
Erst vor kurzem wurde ein Zuschuss von Martin Dellenbach publik, der Schweizer ist als Obmann des SV Lafnitz und Miteigentümer von Viktoria Pilsen bekannt. Direkt in Verbindung mit dem Lizenzverfahren soll das Engagement nicht stehen, auch eine feste Zusammenarbeit wurde noch nicht vereinbart, gilt aber als denkbar.
Auch mit anderen potenziellen Investoren laufen derzeit Gespräche, konkrete Ergebnisse sind aber erst in den nächsten Wochen zu erwarten. Sollte der Aufstieg nicht gelingen, wäre eine derartige - nicht gänzlich risikofreie - Lösung wohl die einzig verbliebene Option, um den Verein nachhaltig auf gesunde Beine zu stellen.
Das klare Ziel ist, nachhaltiger zu arbeiten. Ich sehe uns auf einem sehr guten Weg.
Ab dem Sommer verabschiedet sich Hauptsponsor Flyeralarm, wobei eine Verlängerung der Zusammenarbeit in anderer Dimension zumindest noch im Raum steht. Die Suche nach einem Nachfolger läuft, wird aber wohl erst nach Klärung der sportlichen Frage zum Abschluss kommen.
Sparkurs längst eingeschlagen
Über die letzten Jahre konnte das ein oder andere finanzielle Defizit mit Spielerverkäufen, Weiterverkaufsbeteiligungen oder Solidaritätszahlungen aufgefangen werden, seit 2022 kam darüber immerhin ein siebenstelliger Betrag zusammen. Diese Quelle ist zumindest kurzfristig versiegt, es muss gespart werden.
Unter Bernhard Schmidt wurden in Konsequenz Umstrukturierungen durchgeführt, mit denen die Ausgaben um rund 1,5 Millionen Euro gesenkt werden konnten. Auch der Sport muss der Situation Rechnung tragen. Nach mehreren Spielzeiten mit dem zweit- oder dritthöchsten Personalaufwand der 2. Liga wurden die Kaderkosten für diese Saison um 30 Prozent reduziert.
"Wir haben über die letzten acht Monate herausgearbeitet, in welchen Bereichen wir Sparpotenzial haben. Das klare Ziel ist, nachhaltiger zu arbeiten. Ich sehe uns auf einem sehr guten Weg", fasst Schmidt zusammen.
Wenn wir es schaffen, die Admira nachhaltig in ein schöneres Licht zu rücken, wird das dem Verein in allen Bereichen gut tun.
Altlasten - emotional wie finanziell - sollen zeitnah abgeschüttelt werden. Der neue CEO hat sich ein Ziel gesteckt: "Die Admira als Verein soll für die Region stehen, man soll sich hier mit ihr identifizieren können. Wir sind Niederösterreich und nicht Wien. Unser Stadion soll ein Treffpunkt sein, die Leute sollen am Wochenende gerne herkommen. Wenn wir es schaffen, die Admira nachhaltig in ein schöneres Licht zu rücken, wird das dem Verein in allen Bereichen gut tun."
Die Akademie soll bleiben
Als einziger Zweitligist leistet sich die Admira eine eigene Akademie. Zum Kreis der Absolventen zählen unter anderem Marc Janko, Marcel Sabitzer, Stefan Posch, Emanuel Aiwu und Paul Koller - in den letzten Jahren musste man die größten Talente vermehrt ziehen lassen. Jakob Schöller spielt heute für den SK Rapid, David Puczka im Nachwuchs von Juventus.
Es hätte vielleicht das ein oder andere Mal auch mehr Spielzeit sein können.
Die verbliebenen Talente haben es im Konkurrenzkampf um Minuten nicht leicht. Unter Harald Suchard wird sich daran zumindest kurzfristig kaum etwas ändern. Muhr pocht auf das Leistungsprinzip und hofft auf Eigeninitiative: "Ich nehme die Jungs wirklich in die Pflicht. Sie müssen zeigen, dass sie gut genug sind, um oben mitzuspielen."
Man habe intern immer wieder diskutiert, am Ende müsse der Trainer jene Spieler aufstellen, die ihn überzeugen. "Es hätte vielleicht das ein oder andere Mal auch mehr Spielzeit sein können", lässt der Sportdirektor dann aber doch durchklingen.
In Zukunft soll den Talenten die Türe nach oben wieder einen Spalt weiter geöffnet werden. Einer der nächsten Debütanten könnte der 17-Jährige Sergej Savic sein. Für den ÖFB war er während der U17-WM als Innenverteidiger im Einsatz, zog sich in der Wintervorbereitung aber eine Verletzung zu.
Die von Vereinspräsident Christian Tschida geäußerte Sorge, die Akademie könnte mit Saisonende schließen müssen, scheint derweil vom Tisch zu sein. Schmidt stellt klar: "Es kommt gar nicht in Frage, dass wir die Akademie zusperren. Das wird nicht passieren. Fakt ist, dass wir extrem stolz auf unsere Akademie sind und den Fokus wieder verstärkt darauf legen wollen."
Auf große Resonanz beim Bund - dem Eigentümer der Südstadt - ist der mediale Notruf im Winter übrigens nicht gestoßen. Die Admira bezieht weiterhin kaum Förderung, nur mit dem Land Niederösterreich laufen seit einigen Monaten positive Gespräche.
Stadionpläne liegen auf Eis
Keine Lösung gibt es hingegen für die Datenpol-Arena. Das Stadion in der Südstadt ist in die Jahre gekommen, ähnliches gilt für Teile der Trainingsanlagen. Trotzdem fällt für die Nutzung jährlich eine Viertelmillion Euro an.
Ohne Unterstützung werden wir dieses Thema aber nicht konkretisieren können.
Ein Baurecht hätte die Admira als Pächter zwar, Neu- oder Umbaupläne bleiben aber auf absehbare Zeit in der Schublade: "Wir haben Ideen und Pläne. Ich glaube, dass ein neues Stadion der Admira unfassbar guttun würde. Man sieht, wie viele Möglichkeiten das bei anderen Vereinen eröffnet. Ohne Unterstützung werden wir dieses Thema aber nicht konkretisieren können", sagt Schmidt.
Keine große Entlastung gebracht hat das Gastspiel des TSV Hartberg in der laufenden Saison. Vier Mal wich der Bundesligist in die Südstadt aus, Teile der daraus entstandenen Admira-Einnahmen mussten an den Bund abgetreten werden. Zudem stieg der Aufwand im Greenkeeping, auch Infrastruktur - ein Kamerasystem - musste vom Gastgeber angeschafft und finanziert werden.
Immerhin: So konnten einige Punkte früh von der Lizenz-Checkliste gestrichen werden. Schon der Erhalt wäre ein positives Zeichen, um die Zukunftsfähigkeit des Vereins im Profifußball zu unterstreichen. Welche Asse der Verein im Bedarfsfall noch im Ärmel hat, wird sich zeigen. Sollte der Weg tatsächlich in die Bundesliga führen, wäre man jedenfalls viele Sorgen auf einen Schlag los.
Daniel Sauer