Legionärsland Österreich: Von null auf hundert in 30 Jahren [Reportage]
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Legionärsland Österreich: Von null auf hundert in 30 Jahren [Reportage]

Vor 30 Jahren gab es so gut wie keine Legionäre im ÖFB-Nationalteam. Heutzutage ist das komplett anders und gut. Aber welche Entwicklungen spielen im Detail eine Rolle? 90minuten.at hat sich auf Spurensuche begeben.

1982 nach der WM bin ich um 700.000 DM nach Deutschland gegangen. Das war damals sehr viel. Es gab auch Ausländerbeschränkungen.

Max Hagmayr

Schlussendlich hat sich das Ziel der Akademien seit 2000 nicht verändert. Es sollen Spieler für die Klubs der Österreichischen Bundesliga und in weiterer Folge für das Nationalteam ausgebildet werden.

Christian Ebenbauer

Dem (Anm.: Alaba) gegenüber stehen viele Transfers im Akademiebereich, die nicht zur großen Karriere geführt haben, sondern ganz im Gegenteil sogar zur Beendigung der Karriere in jungen Jahren.

Peter Schöttel

Es ist ein Unterschied, ob man gleich um 300.000 Euro geht oder zwei Saisonen gut spielt und dann um 3 Mio Euro geht.

Thomas Freismuth

+ + 90minuten.at PLUS - Eine Reportage von Georg Sander + +

 

August 1993. Der Autor dieser Zeilen besuchte sein erstes Ländermatch. Der gerade acht Jahre alt gewordene Stöpsel am dritten Rang sieht Österreich Finnland besiegen. Am Feld traf der 24-jährige Kapitän Andreas Herzog per Elfmeter zum 3:0-Endstand. Herzog war der einzige Legionär, er spielte damals bei Werder Bremen. Heutzutage ist das gänzlich anders, Herbert Prohaskas Erbe als Nationalteamchef kann rund 30 Jahre später auf einen Kader zurückgreifen, mit Spielern von Real Madrid, Manchester United, Bologna, Lens oder Leipzig. Selbst auf der Bank sitzen zumeist Akteure, die in den europäischen Topligen kicken.

Tun sie das nicht, dann nehmen sie beispielsweise für Ligakrösus Red Bull Salzburg regelmäßig an den Gruppen- und KO-Phasen des Europacups teil und gehen dann - oder sie empfehlen sich von Wien, Linz, Graz und darüber hinaus für die große Fußballwelt. Wie kam es dazu, dass der Autor dieser Zeilen im Jahr 2023 älter auf ein Land der Legionäre blickt und wie geht es weiter?

 

Die wilden 90er

Rückblende, um 30 Jahre. Die recht passablen späten 70er und 80er inklusive der Teilnahme an der WM 1990 zum "Abschluss" waren vorbei. In der Spielzeit 1992/93 wurde noch in zwei Divisionen mit drei Playoffs gespielt. Den Grunddurchgang gewann Austria Salzburg, vierter war der Wiener Sport-Club, im mittleren Play-Off spielten noch der VfB Mödling ohne Admira, der FavAC ebenso. Unten kickten LUV Graz, der SV Oberwart oder der FC Puch. Der Spielanteil der Legionäre macht in der Saison 17 Prozent aus.

Der Europacup war komplett anders organisiert. Im Cup der Cup-Sieger reichen Parma fünf Runden, die Admira scheitert in der 2. Runde nach Verlängerung an Royal Antwerpen, dem späteren Finalisten. Im UEFA-Cup, Vorläufer der Europa League, müssen sechs Runden überstanden werden, ehe in Hin- und Rückspiel der Sieger ermittelt wird. Wacker Innsbruck scheiter an der Roma, Austria Salzburg an Ajax, beide in der ersten Runde. Die Champions League heißt schon so wie heute, ein Ausblick auf die Zukunft. Austria Wien kann in der ersten Spielzeit des ehemaligen Landesmeisterbewerbs die erste Runde überstehen, gegen Brügge fliegt man vor der Gruppenphase raus. Schuld war die Auswärtstorregel, die es auch nicht mehr gibt.

Im November 1992 starb Natioalteamtrainer Ernst Happel. Am Feld in seinem letzten Spiel (5:2 gegen Israel) standen mit Andreas Herzog und Toni Polster zwei Legionäre, im Laufe der Saison schienen noch der blutjunge Harald Cerny und Mario Posch, der damals bei KFC Uerdingen in Deutschland spielt, im Kader auf. So war das, vor 30 Jahren.

 

Gamechanger Bosman

1995 passierten zwei Dinge. Zunächst wurde Österreich Mitglied der Europäischen Union. Das heißt, dass die Arbeitnehmerfreizügigkeit grundsätzlich auch in Österreich anzuwenden ist. Diese berechtigt, dass sich Unionsbürger:innen überall in der EU niederlasen können und dort arbeiten können. Im selben Jahr fällt die Entshceidung, die heutzutage als das Bosman-Urteil bekannt ist. Der Belgier Jean-Marc Bosman hatte eine Entscheidung beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) erwirkt, da er sich in seiner Arbeitnehmerfreizügigkeit eingeschränkt gesehen hatte, da für einen Transfer zu einem anderen Klub trotz Vertragsende nicht wechseln konnte. Ohne auf den Fall näher einzugehen: Der EuGH anerkannte, dass Profis wie normale Arbeitnehmer zu behandeln sind und verbot alle Forderungen nach Zahlung einer Ablösesumme für den Wechsel eines Spielers innerhalb der EU nach Vertragsende. Auch die in einigen Ländern geltenden Regelungen, nach denen nur eine bestimmte Anzahl von Ausländern in einer Mannschaft eingesetzt werden durften, wurden – soweit EU-Spieler betroffen waren – für ungültig erklärt.

Einer, der diese Materie quasi aus erster Hand kennt, ist Spielerberater Max Hagmayr. Er vertritt mittlerweile das Who-is-Who in Österreich, war selber jahrelanger Profi und Nationalteamspieler. 1982/83 wechselte er für zum Karlsruher SC und beendete 1988 seine Karriere. Er studierte Rechtswissenschaften und wurde eben Spielerberater. Er erinnert sich gegenüber 90minuten.at zurück: „1982 nach der WM bin ich um 700.000 DM nach Deutschland gegangen. Das war damals sehr viel. Es gab auch Ausländerbeschränkungen, man konnte nur drei Ausländer haben.“ Bosmann und der EU-Beitritt haben das alles durcheinander gewirbelt.

 

Mehr Geld im Fußball

Doch nicht nur diese massive und quasi unmittelbar anzuwendende Transfermarktbombe spielte eine Rolle. Gepaart mit den besseren Vermarktungen, stiegen die Umsätze des Fußballs in lichte Höhen. Die großen fünf Ligen generierten Mitte der 90er-Umsätze von jeweils unter einer Milliade Euro. Mittlerweile liegen die Umsätze der Premier League (2020/21) bei weit über fünf Milliarden Euro, Deutschland und Spanien setzen mehr als drei um. Eine Darstellung für Österreich ist einigermaßen verzerrt, verbrannten doch die Mäzen Stronach und Mateschitz vor allem zu Beginn ihrer Engagements einige Millionen. In den ersten fünf Jahren nach dem Bosman-Urteil gaben die Klubs laut transfermarkt.at knapp 24 Millionen Euro am Transfermarkt aus. Diese Summe stieg auf 42,5 in den nächsten fünf Jahren.

Doch Mäzen gaben nicht nur Geld aus. Im Jahr 2000 wurden die Akademien auch in Österreich eingeführt, von Frank Stronach, Red Bull Salzburg gilt mittlerweile über die Grenzen Österrreich hinaus als Benchmark. „Früher sagte man als Spielerberater, dass einer mit 15, 16 ins Ausland gebracht werden muss. Das hat sich schon überholt“, sagt Hagmayr. Bundesliga-Vorstandsvorsitzender Christian Ebenbauer ist ein Fan der Akademien, wie er gegenüber 90minuten.at erklärt: „Schlussendlich hat sich das Ziel der Akademien seit 2000 nicht verändert. Es sollen Spieler für die Klubs der Österreichischen Bundesliga und in weiterer Folge für das Nationalteam ausgebildet werden - und das mit der höchstmöglichen Qualität.“ Das Positive aus seiner Sicht sei, dass mehr Klubs mehr in den Nachwuchs investieren. Dazu musste man sie aber auch bewegen. Denn zwischen der Einführung der Akademien und der „Ernte“ aus den Projekten, lagen viele Jahre und hohe Legionärsanteile.

 

Die Liga crasht

Dieser lag seit der Jahrtausendwende über 40 Prozent der Spielanteile. Die Nationalteamchefs können allerdings nur eine Handvoll Kicker aus dem Ausland einberufen. Größtenteils handelte es sich dabei um langjährige Legionäre, wie etwa Andreas Herzog oder Thomas Weissenberger, Martin Stranzl oder die Keeper, die wie Manninger oder Macho seltenst in Österreich kicken. Keine ordentlichen Legionäre im A-Team, dafür zu viele durchschnittliche in der Liga, die Europacuperfolge der 90er und der Jahrtausendwende mit zwei Finalteilnahmen und Sturms Champions League-Erfolgen verblassten so schnell. Die Nullerjahre waren entsprechend trist: Das Nationalteam konnte sich seit der WM 1998 für nichts qualifizieren, bei der Heim-Euro 2008 war man als Ausrichter dabei. Nachdem Sturm 2000/01 noch die erste von damals zwei Gruppenphasen gewinnen konnte, wurde es danach zappenduster für die Klubs im Europacup.

Salzburg, 1994 noch im UEFA-Cup-Finale sowie 94/95 in der Champions League-Gruppenphase, war bis weit in die Nullerjahre und ab 2005 sogar durch Red Bull europäisch ein kleines Licht. Die Austria erreicht 2004/05 das Viertelfinale des UEFA-Cups, das war es dann aber auch schon. Rapid war 1996 zuerst im Finale des Cups der Cupsieger und in der Folgesaison in der CL-Gruppenphase. 2005/06 schafft man es in die Gruppenphase der Königsklasse, das war es aber auch schon wieder. Und es kam schlimmer. Der FC Tirol, dreifacher Serienmeister von 2000 bis 2002, endet im (zum Teil strafrechtlich relevanten) Finanzfiasko. Auch der GAK, Meister 2004, erlitt wenige Jahre nach dem größten Erfolg der Vereinsgeschichte finanziellen Schiffbruch. Das Schicksal blieb Stadtrivale Sturm knapp, aber doch erspart.

 

Österreicher-Topf als Lösung

2004/05 schon wollen die Vereine der Bundeslia gegensteuern: Auf einer Präsidentenkonferenz wurde die Einführung des mittlerweile beliebten und bekannten Österreicher-Topfs beschlossen. „Der Österreicher-Topf hat sich in den vergangen zwei Jahrzehnten absolut bewährt“, blickt Ebenbauer zurück, „Im internationalen Vergleich sieht man, dass wir sowohl beim Anteil heimischer Spieler als auch beim Durchschnittsalter jeweils im Spitzenfeld zu finden sind, insbesondere mit Blick auf jene Länder, mit denen wir in der UEFA-Fünfjahreswertung auf Augenhöhe sind.“

Ähnlich sieht das übrigens auch Thomas Freismuth, früher Kicker, heute auch Spielerberater. „Ich bin ein großer Befürworter des Österreicher-Topfs“, sagt er im Interview mit 90minuten.at. Das betreffe vor allem den europäischen Vergleich, bei dem der Topf die Bedürfnisse der Spieler matcht: „Es ist ein Unterschied, ob man gleich um 300.000 Euro geht oder zwei Saisonen gut spielt und dann um 3 Mio Euro geht.“

 

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