Legionärsland Österreich: Von null auf hundert in 30 Jahren [Reportage] (2)
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Legionärsland Österreich: Von null auf hundert in 30 Jahren [Reportage] (2)

Vor 30 Jahren gab es so gut wie keine Legionäre im ÖFB-Nationalteam. Heutzutage ist das komplett anders und gut. Aber welche Entwicklungen spielen im Detail eine Rolle? 90minuten.at hat sich auf Spurensuche begeben.

Die Tatsache, dass immer mehr Vereine auf den Österreicher-Topf verzichten, ist genau zu beobachten, zu analysieren und danach sind die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Peter Schöttel

Die Österreicher sind nicht teuer. Was das Gehalt betrifft, liegen sie im Durchschnitt. Ich gehe sogar soweit, dass der österreichische Spieler was die Transfersummen betrifft günstig ist.

Thomas Freismuth

Man kann sich als Spieler nicht immer nur die Rosinen raussuchen. Es gibt auch immer einen Klub, der das zahlen muss.

Max Hagmayr

Die Erlöse aus Transfers sind für viele Klubs relevante Budgetposten geworden sind, die in einzelnen Jahren teilweise bis zu einem Drittel des Gesamtumsatzes betragen können

Christian Ebenbauer

Ineinander laufende Entwicklungen

Die diversen Finanzcrachs, der Österreicher-Topf, eine verbesserte Ausbildung mit Einführung des Akademie-Systems, individuelle Förderung hinsichtlich der Euro 2008 – all das führte dazu, dass der Legionärsanteil in der Liga zurück ging. Die Individualförderung wurde im ÖFB erdacht und umgesetzt. Wie Peter Schöttel weiß, auch wenn aufgrund fehlender Daten der Wert der Akademien nicht gut verglichen werden kann. „Grundsätzlich gibt es kaum valide bzw. gut vergleichbare KPIs über die letzten 20 Jahre – die Datenerfassung wurde 2019 neu aufgestellt“, hält der Sportdirektor gegenüber 90minuten.at fest, „Ab dem Jahr 2000 kam es zur Umstellung von großteils Bundesnachwuchszentrums auf eine reine Akademie-Ausbildung mit einem dualen Ausbildungssystem und stark verbesserten Rahmenbedingungen. Es kam zum Start der Challenge 08 und der Weiterentwicklung in Richtung ganzheitlicher Ansatz im Rahmen des Nachfolgeprojekts Projekt 12.“

Es sind eben immer verschiedene Maßnahmen, die Früchte tragen. Manche sind Zufall, andere gesteuert. 2013/14 ist der Legionärswert mit 24,7 Prozent historisch niedrig, nachdem er zwischen 1996/97 und 2010/11 stets über 30, Anfange der Nullerjahre über 40 war. Viele der späteren Nationalteamhelden haben eine Akadmielaufbahn hinter sich. Auf Verbandsebene zieht rund um das Jahr 2010 herum schon länger Willi Ruttensteiner Fäden. Er will den behäbigen Verband professionalisieren, setzt auf Daten, Förderung und so weiter. 2011 resultiert die fußballerisch mehr als magere Constantini-Ära in einer Verpflichtung von Marcel Koller. Der Schweizer ist umstritten, wird aber zum Nutznießer diverser Entwicklungen. Die Quali für 2012 und 2014 verpasst er zwar, aber die Qualität der Legionäre wird in der ersten Hälfte der Zehnerjahre immer größer, die Anzahl nimmt zu.

 

Zeitensprung

Die verbesserte Ausbildung beobachtet Hagmayr übrigens sehr genau: „In Österreich ist die Ausbildung sehr gut. Ich tendiere immer mehr dazu, dass sie in Österreich ausgebildet werden und mit 18, 19 im Erwachsenenfußball spielen. Dann sollen sie mit 21 Jahren gehen.“ Auch die Bundesliga unterstreicht die Wichtigkeit der Entwicklung. „Wir sehen den österreichischen Weg als Vorzeigeweg in den Profifußball und das ist auch in der Pyramide der ÖFB-Talenteförderung abgedeckt“, so Ebenbauer. Diese Förderung umfasst laut ihm noch mehr: die Entwicklung über die Nachwuchsabteilungen und Akademien, in die Amateurmannschaften oder zu Zweitliga-Klubs und dann weiter in die Bundesliga und für die besten Spieler schlussendlich ins Ausland: „Diesen Stufenaufbau und die Entwicklungsschritte junger Talente unterstützen wir mit vielen strukturellen Maßnahmen bis hinauf in den Profibereich durch die Kooperationsspielerregelung oder den Österreicher-Topf.“ Auch in der Strategie der Bundesliga ist es als konkretes Ziel festgelegt, dass 25 in Österreich fertig ausgebildete Spieler in den Top 5-Ligen spielen. Ein Faktencheck mit dem Vergeleich von 2001 bis 2011.

Im November 2001 verlor Otto Baric sein letztes Spiel als ÖFB-Cheftrainer. In seiner Startaufstellung standen mit Gilbert Prilasnig (Aris Thessaloniki), Thomas Flögel (Hearts of Mildothian), Thomas Winklhofer (Saarbrücken), Andreas Herzog (Werder Bremen) und Stefan Lexa (Unterhaching) fünf Legionäre, nur Herzog spielte in einer Topliga. Zehn Jahre später debütierte Marcel Koller gegen die Ukraine. Mit Almer (Fortuna), Pogatetz (Hannover), Prödl (Werder), Fuchs (Schalke), Baumgartlinger (Mainz), Alaba (Bayern), Ivanschitz (Mainz), Harnik (Stuttgart), Janko (Twente) und Anrautovic (Werder) fingen doppelt so viele Legionäre an, nur Fränky Schiemer kickte in Salzburg. Zwölf weitere Spieler waren im Kader, mit Kavlak (Besiktas); Dragovic (Basel) und Hoffer (Frankfurt) nur drei Legionäre. Und es wurde noch „besser“.

 

Die Höhepunkte

Kollers Ära fand ihren Höhepunkt vor dem Anpfiff gegen Ungarn bei der Europameisterschaft 2016. Und die hatte es in sich. In der Startelf war Almer der einzige Kicker aus der Bundesliga. Vor ihm verteidigten zusätzlich zu den bekannten Deutschlandlegionären der amtierende ukrainische Meister Dragovic sowie Premier League-Titelträger Christian Fuchs, ganz vorne war Arnautovic mittlerweile bei Stoke. Auf der Bank saßen wieder zwölf Spieler, darunter aber kein einziger Kicker aus der heimischen Bundesliga.

Nach der EM krachte es, Koller musste gehen, Foda kam 2017, die schwierigere Quali für die WM 2018 wurde verhaut, dafür die Nations League gewonnen, bei der Euro 2021 schaffte Foda, was Koller verwehrt blieb: Das Achtelfinale. 2022 war man wieder nicht dabei, Fodas Ära war ein Zwiespalt, der Reputation der Kicker hat es letztlich aber wenig geschadet. Darüber hinaus setzen die heimischen Klubs zu Höhenflügen an. Etwa Salzburg im Europa League-Halbfinale 2017/18. Der LASK kam ebendort 2019/20 ins Achtelfinale. 2021/22 war überhaupt eine Rekordsaison. Die Bullen sind mittlerweile in der Königsklasse angekommen und schieden erst im Achtelfinale, Rapid und der LASK überstanden ebenfalls die Gruppenphase. Selbst der kleine WAC schaffte es zwei Mal in die Gruppenphase der Europa League und überstand diese auch 2020/21. Sturm konnte sich ebenfalls in Europa beweisen und will sich dort festsetzen.

 

Abschied vom Österreicher-Topf – warum?

Das Mittel zum Zweck ist ein Abschied vom Österreichertopf. In den letzten zehn Jahren stieg Der Legionärsanteil wieder an, seit 2019/20 lag er über 30 Prozent, in der laufenden Saison liegt er bei über 40. Das liegt dann nicht mehr nur noch an Red Bull Salzburg. Oder, wie es Hagmayr formuliert: „Einige Vereine finden den Österreichertopf nicht mehr so spannend.“ Sein jüngerer Kollege Thomas Freismuth meint: „Der Topf ist extrem smart. Es muss sich noch mehr rentieren, Österreicher zu bringen. Derzeit steht der Ertrag nicht dafür, das Risiko einzugehen, mit einem Österreicher zu spielen. Vielleicht müssen jüngere Spieler aufgewertet werden, im europäischen Kontext ist er aber super.“ Auch der Fußballbund beobachtet in Person von Peter Schöttel diese Entwicklung kritisch: „Die Tatsache, dass immer mehr Vereine auf den Österreicher-Topf verzichten, ist genau zu beobachten, zu analysieren und danach sind die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das ist ein ziemlich komplexes Thema.“

Dass aktuell mehr Klubs auf den Österreicher-Topf verzichten, ist zwei wesentlichen Punkten geschuldet, meint wiederum Christian Ebenbauer: „Der eine ist, dass mit Verbesserung des Scoutings die Klubs auch stärker internationale Talente holen können – und diese dann manchmal auch teuer weiterverkaufen können – siehe beispielsweise Rasmus Höjlund als wahrscheinlich prominentestes Beispiel der vergangenen Monate.“ Der zweite wichtige Aspekt, den man aktuell von Klubs höre, sei, dass heimische Spieler bei gleicher Qualität viel teurer sind. Die Spielerberater würden bei den Verhandlungen über Verträge für junge österreichische Spieler die Mehreinnahmen aus dem Österreichertopf miteinberechnen. Schöttel vernimmt ähnliches: „Ich denke nicht, dass österreichische Spieler zu teuer sind. In Gesprächen mit Vereinsvertretern wird mir gegenüber aber schon argumentiert, dass manche Spielerberater aufgrund der aktuellen Regelung derzeit ziemlich abenteuerliche Gehälter für die Spieler und auch für sich selbst fordern.“ Wieder einen anderen Blick hat Spielerberater Freismuth: „Die Österreicher sind nicht teuer. Was das Gehalt betrifft, liegen sie im Durchschnitt. Ich gehe sogar soweit, dass der österreichische Spieler was die Transfersummen betrifft günstig ist. Die belgischen, tschechische, kroatischen Vereine verkaufen um das Vielfache.“ Unterschiedlichste Zugänge zu der gleichen Frage, warum der Österreicher-Topf abnimmt. Wie es mit ihm weitergehen wird, kann man wohl in den nächsten Jahren beobachten. Dann nämlich, wenn auch Klubs, die ihre Nachwuchsarbeit erst später oder mit weniger Geld professionalisiert haben.

 

Wer will wen

Wieso und weshalb aber holen sich Klubs aus dem Ausland überhaupt Spieler aus dem Alpenland? Einige – siehe Alaba – haben unbestritten eine massive Qualität. Der Zeitpunkt seines Wechsels in jungen Jahren war noch keine Auszeichnung für das heimische Akademiensystem. Die Besten der Besten werden sowieso gefunden. Aber was zeichnet Österreich aktuell aus? Ein Punkt für Max Hagmayr ist schlichtweg, dass Alaba und Co. gut performen: „Die Österreicher machen sich gut im Ausland. Die Spieler mit Qualität in den großen Ligen machen es aus. Die österreichischen Klubs heben den Stellenwert der Liga und die einzelnen Spieler haben Qualität weiter zu kommen.“ Freismuth weiß: „Für deutsche Vereine ist Österreich Kernmarkt Nummer eins.“ Das liegt an Sprache, Kultur und dem Fußball, der in beiden Ländern ähnlich sei. Das wissen sie schon früh, aber nicht nur sie: „Die deutschen und italiensichen Vereine fangen in der U14/U15 an, die österreichischen Spieler zu scouten. Je weiter es rauf geht, desto intensiver wird es, dann kommen die Holländer, die Franzosen erst im Seniorenbereich.“ Klar scheint für ihn: „Österreich ist ein seriöser Markt.“

Das zahlt sich aus, wie Christian Ebenbauer vorrechnet: „Nachdem vor allem die Einnahmen der Topklubs aus den großen Ligen immer weiter steigen, steigen auch die Ablösesummen. In weiterer Folge führt die gute Arbeit unserer Klubs dazu, dass Spieler aus der österreichischen Bundesliga für Klubs aus den Top 5-Ligen interessant sind und die Erlöse aus Transfers mittlerweile für viele Klubs relevante Budgetposten geworden sind, die in einzelnen Jahren teilweise bis zu einem Drittel des Gesamtumsatzes betragen können.“ Selbst, wenn man diese Spitzen rausrechne, komme man im Mittelwert auf rund 15 Prozent der Gesamterlöse, die durch Transfers zustande kommen. Schaue man wiederum rund 10-15 Jahre zurück, haben Transfers durchschnittlich nur rund fünf Prozent der Erlöse ausgemacht – bei insgesamt geringeren Budgets. Die Transfererlöse sind also nicht nur nominell gestiegen, sondern machen auch eine viel relevantere Größe in der Einnahmenstruktur der Klubs aus.

 

Mahnende Worte

„Wenn die Spieler die Qualität haben, sich in den besten Ligen durchzusetzen, dort idealerweise Stammspieler zu sein, zu regelmäßigen Einsatzzeiten kommen und permanent voll gefordert werden, dann hat das natürlich einen großen Mehrwert. Und zwar nicht nur für die jeweiligen Spieler in sportlicher und auch wirtschaftlicher Form, sondern auch für das Nationalteam und für den gesamten Verband“, fügt Peter Schöttel an, der aber auch warnt: „Wenn unsere Toptalente allerdings nur Nebenrollen bei ausländischen Vereinen einnehmen, wenig bis gar nicht spielen, dann kann die Situation aber auch unbefriedigend sein und verhindern, dass diese Spieler ihr Potential voll ausschöpfen können.“ Das betreffe auch die, von den Beratern weiter oben ohnehin auch als zu früh bemängelten, Abgänge aus den Akademien: „Dem (Anm.: Alaba) gegenüber stehen viele Transfers im Akademiebereich, die nicht zur großen Karriere geführt haben, sondern ganz im Gegenteil sogar zur Beendigung der Karriere in jungen Jahren. Weil es zu früh war, sei es aufgrund der Ausbildung, der physischen und psychischen Entwicklung oder anderer Aspekte, die nicht gepasst haben.“

Er plädiert deshalb ebenfalls für einen Verbleib, bis die Ausbildung abgeschlossen sei. „Hauptaugenmerk muss man hierbei auf die Worte „fertig ausgebildet“ legen. Damit ist gemeint, dass ein Spieler erst ins Ausland wechselt, wenn er zuvor schon sämtliche Stufen inklusive Spielen in den beiden höchsten Spielklassen Österreichs absolviert hat. Dies ist aus unserer Sicht der zielführendste und nachhaltigste Weg für einen Spieler“, sagt deshalb auch Ebenbauer.

 

Zukunftsaussicht

Wie kann es nun weiter gehen im Land der Legionäre? Das Nationalteam wird wohl auf Sicht auch nach den Karriereenden der Ü-30er wie Alaba oder Arnautovic ein Team sein, das aus Legionären besteht. Alleine in Deutschland kicken mit Laimer, Schlager, Lienhart, Baumgartner, Ljubicic, Wimmer, Friedl, Schmid eine Reihe an Mit-20ern, die nächste Generation a la Seiwald, Adamu und Co. steht schon in den Startlöchern. Die U-Nationalteams hingegen sollten wohl zumindest bis zur U21 eher aus Spielern aus den höchsten beiden österreichischen Ligen bestehen. Und die Bundesliga? Die Klubs müssen ausbilden und da wäre es doch nicht ganz intelligent, viele Spieler zuzukaufen. Nachdem sich der Status quo der Nachwuchsarbeit aber auf unterschiedlichen Entwicklungsniveaus befindet bzw. sich große Namen in den letzten fünf Jahren und mehr neu erfinden mussten, wird es wohl noch dauern.

Aber ob dem Fußball wieder ein Erdbeben droht, wie es das Bosman-Urteil war? Immer wieder kocht das Thema unbefristeter Fußballverträge auf. Max Hagmayr hat dazu eine klare Meinung: „Man kann sich als Spieler nicht immer nur die Rosinen raussuchen. Es gibt auch immer einen Klub, der das zahlen muss. Wenn ein Spieler immer kündigen kann, führt das auch zu einem Durcheinander.“ Aber ist das alles fair? Die höchsten Ablösesummen für Austro-Kicker liegen doch weit unter dem, was zwischen den großen fünf Ligen fließt. Schöttel: „Was wir mit beeinflussen können, ist die Qualität unserer Ausbildung. Wenn alle, die im Bereich der Talenteförderung tätig sind, gut arbeiten - fachlich top, innovativ, mit großer Hingabe, mit der bestmöglichen Entwicklung des Spielers als größtes Ziel - können wir unsere Spieler für höhere Aufgaben vorbereiten.“