Junge Legionäre: Ausland statt Akademie? [Exklusiv]
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Junge Legionäre: Ausland statt Akademie? [Exklusiv]

Regelmäßig verlassen junge Talente Österreich, ohne ein Spiel im Profifußball absolviert zu haben. Wie sehen das die Akademien, die eigentlich für ihre Ausbildung zuständig sind?

Es ist sinnvoll, den Weg im eigenen Klub zu gehen

Manuel Takacs

Gelingt es, Eigenbauspieler bei den Profis zu integrieren, ist dies gleichzeitig eine sportliche Auszeichnung und ein monetärer Gewinn

Ralf Muhr

Oft ist es das Bestreben eines Spieler-Managements oder des Umfelds, Spieler rasch auf dem internationalen Markt zu positionieren

Ralf Muhr

+ + 90minuten.at PLUS - Von Daniel Sauer + +

 

Einige Kicker haben in den letzten Jahren Österreichs Akademien verlassen und früh im Ausland angeheuert: Florian Grillitsch, Christoph Baumgartner, Daniel Bachmann, Andreas Weimann, Alessandro Schöpf. Spieler, die nicht nur ihre Akademie, sondern Österreich schon in jungen Jahren verlassen, um das Glück im Profifußball anderswo zu suchen. Insgesamt 14 Akademien gibt es in Österreich, der ÖFB beschreibt sie als "Kaderschmieden", in denen Nachwuchstalente sich auf sportlichem und beruflichem Gebiet optimal entwickeln sollen. Was aber, wenn Spieler schon deutlich vor Abschluss ihrer Ausbildung das gewohnte Umfeld verlassen? 90minuten.at hat sich bei mehreren Akademie-Leitern umgehört, um herauszufinden, was sie davon halten – oder ob es unter Umständen sogar besser ist, die Spieler gleich ins Ausland zu verkaufen.

 

Ausbildung für heimische Vereine im Vordergrund

Für die Akademie des LASK zeichnet sich seit Juli 2022 Ralf Muhr verantwortlich. Als Nachwuchsleiter der Wiener Austria war er beispielsweise Wegbegleiter von David Alaba – trotz dessen erfolgreicher Karriere sieht er einen frühen Sprung ins Ausland kritisch: "Ich erachte das als nicht zielführend, wenngleich man die individuelle Situation in den Vordergrund stellen sollte". Muhr bringt jahrzehntelange Erfahrung im Jugendbereich mit, er sieht eine stark professionalisierte Ausbildungsarbeit in Österreich als Hauptgrund für das verstärkte Interesse von Topklubs. Priorität hat aber trotzdem die Arbeit für den eigenen Verein: "Ziel ist es, oberösterreichischen Talenten nachhaltig die Plattform Profifußball zu bieten". Soweit verständlich.

Ähnlich beurteilt wird die Lage von seinem Nachfolger in Wien, Manuel Takacs. Der 37-Jährige war in seiner Spielerlaufbahn selbst kurz in der Austria-Akademie aktiv, die er seit vergangenem Sommer leitet. Zuvor war er Trainer in den Akademien Burgenland und Oberösterreich. "Ich habe dazu eine klare Meinung", erklärt Takacs gegenüber 90minuten.at, "bei Akademien, die in ihrer Struktur eine klare Perspektive mit einer zweiten und einer ersten Mannschaft haben, ist es sinnvoll, den Weg im eigenen Klub zu gehen". Das passt zur aktuellen Philosophie vom FK Austria Wien, ein Schritt ins Ausland könnte sich zu einem späteren Zeitpunkt immer noch ergeben – So sieht das auch der Akademieleiter. In der Vergangenheit war die AKA-Austria mehrfach Sprungbrett für Spieler wie Christoph Knasmüllner, Phillipp Mwene und den oben genannten Daniel Bachmann.

 

"Ziel ist, einen Mehrwert zu erzielen"

Auf die Frage, ob Spieler mitunter auch ausgebildet werden, um daraus Einnahmen zu erzielen, antwortet Manuel Takacs ähnlich: Es sei der Weg der Austria, Spieler mittelfristig in die erste Mannschaft zu führen. Beispiele dafür waren zuletzt unter anderem Matthias Braunöder, Dominik Fitz und Aleksandar Jukic. "Klar muss es auch sein, dass man dann für die Ausbildung solcher Spieler, die auf höchstem Niveau top performen, Einnahmen lukriert". Wolfgang Schellenberg, Akademieleiter beim SK Austria Klagenfurt, bestätigt: "Generell ist es Ziel jedes Vereins einen Mehrwert zu erzielen durch die Heranführung von Nachwuchsspielern. Sei es durch Integration in das eigene Profiteam, oder durch Transfereinnahmen". Schellenberg war vor seinem Amtsantritt in Klagenfurt im Nachwuchs von 1860 München und dem 1. FC Nürnberg tätig.

Ralf Muhr streicht den wirtschaftlichen Verein hervor, der Spieler aus der eigenen Akademie hochzieht: "Gelingt es tatsächlich, Eigenbauspieler in den Profikader zu integrieren, ist dies auch gleichzeitig – neben der sportlichen Auszeichnung – ein monetärer Gewinn für den Verein und rechtfertigt somit auch das Investment in professionelle Ausbildung". Leistungsdruck sei zwar vorhanden, einen wirtschaftlichen Druck für eine Akademie könne man aus diesem Umstand aber nicht ableiten.

 

Transfers oft von Beratern oder Umfeld initiiert

Wenn sich dann doch – trotz aller vorgebrachten Gegenargumente – ein Transfer ins Ausland anbahnt, läuft das auch im Jugendbereich zumeist schon über Berater. "Oftmals ist es auch das Bestreben eines Spieler-Managements oder des direkten familiären Umfelds, Spieler rasch auf dem internationalen Markt zu positionieren", so Muhr. Vorboten eines Wechsels sind Probetrainings, die zwischen Akademie und dem interessiertem Verein vereinbart werden. "In den meisten Fällen genehmige ich derartige Probetrainings, weil es um Spieler geht, die mit ihrer aktuellen Rolle in der Akademie unzufrieden sind. Ich habe selten erlebt, dass Spieler, die im Klub zufrieden sind, zu Probetrainings fahren wollten", erklärt Manuel Takacs.

Dietmar Berchtold, Leiter der Akademie Vorarlberg, sieht derartige Entscheidungen eher beim Umfeld des Spielers: "Unsere Spieler sind grundsätzlich aufgrund ihres Potenzials als auch der geografischen Lage interessant sowohl für In- als auch Ausländische Vereine. Letztendlich obliegt die Entscheidung über einen Wechsel jedoch immer dem Spieler, Eltern und gegebenenfalls dem jeweiligen Berater".

Ein gutes Argument für eine "vollständige" Akademie-Karriere liefert der Austria-Akademieleiter: "Die körperliche Entwicklung spielt im Nachwuchsfußball eine große Rolle und kann ein Spiel, vor allem in der U15 und U16, entscheiden. Oftmals bleiben Spieler, die technisch-taktisch enorm viel mitbringen, auf der Strecke, weil sie körperlich spätentwickelt sind. Solche Spieler holen oft bis zur U18 auf und überholen Spieler, die ihnen in der U15 noch klar überlegen waren". Wolfgang Schellenberg sieht überhaupt ein Problem in der Wahrnehmung der Nachwuchsarbeit, diese würde zu stark an Ergebnissen festgemacht werden.

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