Das Ende der Pressing-Liga?
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Das Ende der Pressing-Liga?

Das Spiel gegen den Ball ist wichtiger als das Spiel mit dem Ball. Ist das (noch) gut für Österreichs Fußball? Haben wir wichtige Entwicklungen verpasst?

Vor rund 5.000 Tagen hat Ralf Rangnick beim FC Red Bull Salzburg das Steuerrad übernommen und Österreichs Fußball in eine neue Richtung gelenkt.

Pressing-Fußball, in aller Konsequenz. Die "Bullen" haben damit national und international Erfolge gefeiert, die kurz davor noch undenkbar schienen. Seither haben viele Vereine diese Spielidee übernommen. In den vergangenen 13,5 Jahren hat die ADMIRAL Bundesliga den Ruf der "Pressing-Liga" erworben.

Aber ist das wirklich so? Und ist das (noch) gut für den österreichischen Fußball? Haben wir wichtige Entwicklungen verpasst? Und wie finden wir international wieder Anschluss?

Die nackten Zahlen

Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Vergleicht man alle großen und mittelgroßen Ligen des Kontinents, laufen die Teams im Schnitt ihre Gegner so hoch an wie sonst praktisch nirgendwo.

Auch was den Druck im Gegenpressing, die zweiten Bälle und die hohen Ballgewinne angeht, landet die Bundesliga ganz weit vorne, wenn nicht sogar auf Platz eins.

Gar keine Pressing-Liga?

Und doch sagt WSG-Coach Philipp Semlic: "Wenn du von Pressing im Sinne des damaligen Red-Bull-Fußballs mit permanentem hohem Draufgehen sprichst, sehe ich die Bundesliga nicht als Pressing-Liga."

Der Steirer wählt folgenden Ansatz: Es sei der Fußball der großen Klubs, der Krösusse, der die Wahrnehmung einer Liga definiere. "Rapid hat keinen Pressing-Fußball gespielt. Der LASK spielt keinen richtigen Pressing-Fußball, die Austria auch nicht. Salzburg will es, schafft es auch nicht immer. Sturm Graz hat auch oft im Mittelfeld-Block verteidigt. Dann sind wir schon fertig", sagt er.

Auch Thomas Eidler, Leiter der ÖFB-Trainerakademie, will "nicht schubladisieren". Im Zuge eines Fußballspiels gäbe es "immer alle Spielphasen". Er gibt aber zu: "Wenn man mich fragt, ob wir im Pressing durch den Einfluss von Red Bull besser sind als im Ballbesitz-Fußball und auch vermehrt den Fokus darauf haben, dann würde ich Ja sagen."

Es wird von einem Chaos ins andere gespielt - wer sich darin besser zurechtfindet, gewinnt das Spiel.

Alexander Gorgon

Austria-Trainer Stephan Helm tut sich mit dem Begriff "Pressing-Liga" ebenfalls schwer. Für ihn ist jedoch klar: "Es geht mehr darum, was wir gegen den Ball machen, als darum, was wir mit dem Ball machen."

"Die Bundesligaspiele sind sehr von Zweikämpfen im Mittelfeld geprägt. Ich habe manchmal das Gefühl, es wird von einem Chaos ins andere gespielt - wer sich darin besser zurechtfindet, gewinnt das Spiel", gibt Altachs Alexander Gorgon die Sicht der Spieler wieder.

Die "Run-and-Gun"-Liga

Die Intensität ist hoch, der zweite Ball ein beliebter Spielmacher, Athletik und Dynamik sind Trumpf. Und nach Ballgewinnen geht es möglichst schnell nach vorne.

WSG-Coach Philipp Semlic wählt mit seinen Teams einen gesamtheitlichen Ansatz
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WSG-Coach Philipp Semlic wählt mit seinen Teams einen gesamtheitlichen Ansatz

Da bleibt das Spiel mit dem Ball dann schnell einmal auf der Strecke. "Run-and-Gun"-Liga nennt es Semlic: "Im Ballbesitz wird es einfacher gestaltet, ein Ansatz mit wenig Risiko gewählt. Es wird mehr Wert auf die Abwehrphase und die Standards gelegt."

Gorgon moniert: "Es ist alles darauf ausgelegt, so schnell wie möglich vor das gegnerische Tor zu kommen. Man vergisst, dass das Spiel 90 Minuten lang ist und nicht jeder Angriff sofort vertikal gespielt werden muss."

Die Quittung im Europacup

Vor Jahren hat Salzburg mit dieser Spielidee internationale Gegner eiskalt erwischt. Frag nach bei Ajax Amsterdam.

Doch die Zeiten haben sich geändert. In fast eineinhalb Jahrzehnten haben Europacup-Starter aller Herren Länder Strategien entwickelt, um mit überfallsartigem Pressing, mit intensivem Gegenpressing umzugehen. Überrascht wird längst niemand mehr.

Die Auftritte der österreichischen Klubs in den europäischen Bewerben enttäuschen heimische Fans im Herbst Woche für Woche, das Frühjahr ist dann meistens schon vorbei, bevor der meteorologische Winter überhaupt endet. Der freie Fall in der Fünfjahres-Wertung ist Beleg dafür.

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Haben wir den Anschluss verpasst?

Ralf Rangnick und Roger Schmidt haben Österreichs Fußball verändert
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Ralf Rangnick und Roger Schmidt haben Österreichs Fußball verändert

Semlic sagt: "Man soll etwas, das gut war, nicht verwerfen. Aber es geht um die Weiterentwicklung. Im Erfolg machst du oft die größten Fehler, weil du dir zu sicher bist und nicht an die nächsten Schritte denkst. Ich glaube schon, dass wir den nächsten Schritt verschlafen haben und die Quittung dafür international präsentiert kriegen."

Geht es darum, dominanten Fußball zu spielen, haben österreichische Mannschaften Probleme.

"Bei den Passquoten in der gegnerischen Hälfte – für mich ist das ein Indikator, wenn du erfolgreich sein möchtest – schneidet unsere Liga im internationalen Vergleich nicht gut ab", so der WSG-Coach. Und damit untertreibt er fast noch, das Abschneiden im internationalen Vergleich in Sachen Passquoten als unterirdisch zu bezeichnen, wäre da schon treffender.

Eine Frage der Spieler-Qualität

Aber vielleicht sind die Fußballer in Österreich einfach nicht gut genug, um Ballbesitz-Fußball spielen zu können. Vielleicht ist die Spielerqualität nicht hoch genug.

"Wenn ich mir ansehe, mit welchen Spielern Salzburg damals die Bayern in einem Testspiel geschlagen hat – da war die Qualität extremst hoch. Das waren kostspielige Spieler", gibt Helm zu bedenken.

Salzburgs Zeit mit 4-4-2-Raute war für ganz Österreich Fluch und Segen zugleich.

Philipp Semlic

"Es wird auch ein Thema sein, dass wir vom Kapital her mithalten können", sagt der Austria-Trainer.

Freilich kann damit argumentiert werden, dass die "50+1"-Regel Investoren davon abhält, ihr Geld in österreichische Vereine zu stecken, dass Klubs in vergleichbaren Ländern, die Investoren mit offenen Armen begegnen, die Großklubs der Bundesliga überholt haben.

(Afrikanische) Märkte, die Salzburg vor einem Jahrzehnt noch einigermaßen exklusiv beackert hat, sind längst in den Fokus finanzstärkerer Klubs geraten.

Die Aufgabe der Akademien

Der logische Reflex: Einfach wieder selbst Spieler ausbilden, die den Anforderungen des modernen Fußballs gerecht werden.

Semlic sagt: "Salzburgs Zeit mit 4-4-2-Raute war für ganz Österreich Fluch und Segen zugleich. Viele wollten in den Akademien dieses erfolgreiche System kopieren. Da ist es auf der Strecke geblieben, technische Unterschiedsspieler zu forcieren."

Austria-Coach Stephan Helm will athletische Spieler mit technischen Fähigkeiten ausbilden
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Austria-Coach Stephan Helm will athletische Spieler mit technischen Fähigkeiten ausbilden

Gefühlt schwenken einige Akademien erst langsam um, setzen wieder vermehrt auf Spielerprofile, die international aktuell gefragter sind.

Austrias Helm: "Ich bin ein Freund davon, komplette Spieler auszubilden. Spieler, die in allen Phasen funktionieren. Die besten Talente haben das Potenzial dazu. Ein moderner Spieler muss gewisse physische Eigenschaften und Kapazitäten mitbringen. Gute Spieler müssen diese Athletik aber mit technischen Fähigkeiten verbinden."

Eine Wette auf eine ungewisse Zukunft

Doch Spielerausbildung ist immer auch eine Wette auf eine ungewisse Zukunft. Das Ausbildungskonzept für einen 15-Jährigen muss eigentlich heute schon darauf ausgerichtet sein, wie der Fußball in sieben Jahren aussieht.

Unabhängig davon, ob in der Vorsaison in der UEFA Youth League und im Herbst bei der U17-WM sehr beachtliche Erfolge gefeiert wurden.

Semlic: "Du lebst im Fußball oft in der Vergangenheit. Und der Erfolg heiligt die Mittel. Aber der Fußball entwickelt sich so dynamisch weiter, nicht linear, sondern exponentiell. Diesem Umstand musst du Rechnung tragen."

Die Zeit wird zeigen, ob die Akademieleiter dieses Landes das richtige Näschen haben.

Die Fehlerkultur hat sich nicht richtig entwickelt.

Stephan Helm

Apropos Zeit. Auch sie ist potenziell ein Faktor dafür, dass hierzulande mehr Wert auf das Spiel gegen den Ball als auf jenes mit dem Ball gelegt wird.

Semlic erklärt: "Es geht sicher schneller, eine klare Struktur gegen den Ball zu schaffen. Die Angriffsphase ist eine Spur schwieriger, dauert länger und erfordert bei den Spielern mehr Qualität im technisch-taktischen Bereich."

Eine Frage der Zeit

Doch Bundesliga-Trainer haben oft nur noch wenige Monate Zeit, ehe sie ausgewechselt werden. Da geht es dann darum, "quick wins" zu erzielen, und die liegen in der Arbeit im Spiel gegen den Ball.

Die Idealvorstellung von handelnden Personen, die voll und ganz hinter der Spielidee ihres Trainers stehen, bei ergebnistechnischen Rückschlägen die Ruhe bewahren, ist oftmals weit von der Realität entfernt.

Was nun?

Ganz abgesehen davon, stellt sich die Frage: Was nun, österreichischer Fußball?

"Der nächste Schritt geht dorthin, wieder Spielern den Raum zu geben, die im Ballbesitz Eins-gegen-Eins-Situationen lösen können", prognostiziert Semlic.

Auch Helm sieht vor allem in spielerischer Hinsicht Handlungsbedarf: "Wenn es darum geht, dass Fußball gespielt, nicht Fußball gekämpft wird, können wir definitiv besser werden."

Thomas Eidler bildet Österreichs Trainer aus
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Thomas Eidler bildet Österreichs Trainer aus

Der FAK-Trainer nimmt aber auch die Zuschauer in die Pflicht, neue Entwicklungen zu akzeptieren.

"Ich verstehe nicht ganz, dass der gemeine Zuschauer oft der Meinung ist, dass der Ball einfach mal nach vorne gehaut werden soll. Diese Fehlerkultur hat sich nicht richtig entwickelt. Jeder will mutigen, kombinativen Fußball sehen. Da gehören auch Fehler dazu. Aber wenn es für diese Fehler überhaupt keine Akzeptanz gibt, kommt der lange Ball", sagt er.

"Nicht von Ergebnissen blenden lassen"

ÖFB-Trainerausbilder Eidler gibt sich eher kryptisch: "Was wir als ÖFB tun, ist, sich in der Direktion Sport nicht von Ergebnissen blenden lassen. Man muss demzufolge Leistungsentwicklung und -entfaltung unterscheiden. Natürlich brauchen viele neue gesetzte Maßnahmen schlichtweg Zeit. Wir steuern als Verband mit den Landesverbänden gut dagegen. Die nächsten Schritte müssen dennoch gegangen werden."

Die "Intensitäts-Liga" Bundesliga hat rund 5.000 Tage nach Rangnicks Ankunft in Salzburg erkannt, dass sie auf die Entwicklungen der letzten Jahre reagieren muss.

Vielleicht braucht es aber weit mehr als das. Nämlich zumindest wieder Innovation, idealerweise sogar eine klare Vision.

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