Foto: © Screenshot Sky Sport Austria

Effektives Umschaltverhalten von Salzburg, Grazer Probleme im Ballbesitz [Spiel-Analyse]

Im vierten Duell der beiden Mannschaften in der laufenden Saison konnte sich RB Salzburg zu zweiten Mal durchsetzen. Das intensive Pressing und das effektive Umschaltverhalten unterdrückte die Grazer. Sturm selbst konnte im Ballbesitz nur wenige Chancen kreieren und machte zudem zu viele Fehlpässe.

+ + 90minuten.at Exklusiv + + Eine Mannschaftsanalyse von Simon Goigitzer

 

Das Duell zwischen dem FC Red Bull Salzburg und dem SK Sturm Graz sorgte in der laufenden Saison bereits für einige Überraschungen. Im Grunddurchgang konnten sich die Grazer zweimal gegen den amtierenden Meister durchsetzen. Nur im ÖFB-Cup gab es eine klare Niederlage gegen die Salzburger. Am ersten Spieltag der Meistergruppe kam es wieder zu diesem Aufeinandertreffen. Diesmal war aber auch wieder sehr schnell klar, wer die Überhand in diesem Spiel hatte. Nach elf Minuten und einem Hattrick von Patson Daka führte RB Salzburg. Zwar konnte Dante in der 13. Minute auf 3:1 verkürzen, jedoch blieben die Chancen der Grazer im weiteren Verlauf der Partie aus. So kam es bei dem Wert von erwarteten Toren zu einem 2,72 zu 0,68. (Statistik laut Wyscout-Plattform)

Salzburg spielte in einer 4-3-3-Formation, wobei die beiden äußeren Stürmer Mergim Berisha und Brenden Aaronson sich nur selten am Flügel aufhielten, sondern sich eher im Halbraum bewegten. Durch die beiden Achter Zlatko Junuzovic und Enock Mwepu gab es weitere Spieler, die sich im Zentrum positionierten. Dadurch kann nicht nur besser in das Gegenpressing umgeschaltet werden, sondern die hohe Besetzung im Zentrum hilft auch der Salzburger Spielweise, da sie immer wieder versuchten, durch schnelle Kombinationen im letzten Drittel zum Abschluss zu kommen.

Der SK Sturm Graz spielte in der gewohnten 4-1-2-1-2-Formation. Im Vergleich zum Spiel vor der Länderspielpause gegen Admira gab es drei Veränderungen. Lukas Jäger, Andreas Kuen und Kelvin Yeboah begannen in der Startelf. Bereits in der Analyse „Sturm Graz unter Christian Ilzer: Erfolgreicheres Pressing und dominantes Auftreten im Ballbesitz [Mannschafts-Analyse]“ wurde das System und die Spielweise der Grazer genauer beschrieben. Auch in diesem Spiel gab es von den Gästen wieder hohes Pressing und schnelles Umschaltverhalten nach Balleroberungen. Allerdings konnte Sturm diesmal kaum Chancen aus den Kontermöglichkeiten kreieren. Aber wo lagen die Probleme?

 

Unnötige Ballverluste

Sturm Graz versuchte neben Umschaltsituationen im kontrollierten Spielaufbau so schnell wie möglich nach vorne zu Spielen. Dazu wurde oft der hohe Ball als Mittel gewählt. Bereits in den vergangenen Spiele nützten sie dies und es gab dadurch immer wieder Erfolge. Vor allem das Nachrücken, um den zweiten Ball gleich zu erobern oder tiefe Zuspiele hinter die Abwehr funktionierten immer wieder.

Gegen Salzburg war jedoch das Problem, dass oft die hohen Pässe zu ungenau waren oder auch die Passentscheidungen des Ballführenden nicht optimal waren. Zwar wählte Graz unter Christian Ilzer den hohen Ball als Mittel zum Erfolg, um Angriffe zu gestalten, allerdings wurde diese Option zu oft von den Spielern gewählt. Hier ein Beispiel. (Abbildung 1)

Abbildung 1: Jäger spielt einen hohen Chipball, statt einem flachen diagonalen Pass ins Zentrum (Schwarzer Pfeil zeigt bessere Option)

Jäger bekam im Spielaufbau von Jon Gorenc-Stankovic den Ball und konnte mehrere Meter auf den Flügel dribbeln. Daraufhin spielte er einen hohen diagonalen Pass, der wohl auf Jakob Jantscher hätte gehen sollen. Da jedoch das Zuspiel viel zu genau war, kam es zum Ballverlust. Zwar war der Chipball auf Jantscher keine schlechte Idee, aber der Pass selbst ist schwer zum Ausführen. In dieser Situation gäbe es für den rechten Außenverteidiger der Grazer eine bessere Passoption. Ein Zuspiel auf Stefan Hierländer wäre in dieser Szene möglicherweise eine bessere Entscheidung gewesen. Hierländer hätte nicht nur sehr viel Platz vor sich, sondern hätte in der Anschlussaktion drei Passmöglichkeiten in die Tiefe gehabt. Auch ein flacher diagonaler Pass auf Jantscher wäre möglich gewesen, da Junuzovic Jäger zwar unter Druck setzte, aber nur den rechten Halbraum mit seinem Deckungsschatte zustellte. So hätte in der Anschlussaktion Jantscher auf Hierländer prallen lassen und der Mittelfeldspieler hätte eine tiefen Pass auf Kuen spielen können.

Das Problem war nicht unbedingt die Entscheidung, sondern eher das Umschauverhalten von Jäger. Der erste Blick ging der Linie entlang, jedoch sah er gleich, dass Yeboah nicht anspielbar war. Daraufhin blickte er diagonal nach vorne und sah, wie Jantscher zwischen Rasmus Kristensen und Andre Ramalho lief. In dem Moment, in dem Jäger zum hohen Pass ansetzte ging Jantscher einige Schritte entgegen und zeigte zudem auf Hierländer. Hier war klar zu erkennen, dass auch Jantscher einer den beiden beschriebenen Situationen bevorzugt hätte. Durch diagonalen Blick konnte Jäger seinen Mittelfeldspieler auch nicht sehen.

Solche Situationen sind in diesem Match häufiger vorgekommen. Ein Pass ins Zentrum wäre oft eine bessere Option gewesen. Hier hätten die Spieler mit einer Täuschung von einem hohen Pass und daraufhin die flache Option zu spielen, sehr viele Vorteile gehabt. Ein weiteres Beispiel in der 35. Minute. (Abbildung 2)

Abbildung 2: Wieder wurde der hohe Ball bevorzugt, obwohl in der Mitte eine freie Passoption war.

Dante bekam nach einem Abstoß den Ball am linken Flügel und spielte daraufhin einen hohen Pass zu Yeboah, der in ein Kopfballduell mit Wöber musste. Auch hier gab es wieder eine optimale Option, um den Angriff kontrollierter nach vorne zu tragen. In dieser Situation war wieder ein flacher diagonaler Pass in das Zentrum eine bessere Möglichkeit, anstatt den eigenen Stürmer in eine 50:50-Situation mit dem Kopfball kommen zu lassen. Um hier den diagonalen Pass auf Ivan Ljubic bestmöglich spielen zu können, hätte Kuen sich in die Tiefe bewegen müssen, anstatt entgegenzukommen. So hätte er Bernede noch ein wenig aus seiner Position herausgelockt und Ljubic wäre im Zentrum ohne Gegner frei gestanden.

 

Intensives Umschaltverhalten von RBS

Durch Red Bull Salzburg wurde der Fokus von hohen Pressing und intensiven Umschaltverhalten im österreichischen Fußball vergrößert. Gegen Sturm Graz sah man wieder, wie gut die Salzburger den Gegner mit ihrem intensiven Gegenpressing und optimalen Umschaltverhalten unterdrücken können. Ein besonderes Merkmal im Pressing/Gegenpressing der Salzburg war die Intensität in ihren Aktionen und im Anlaufverhalten. Das bedeutet, dass die meisten Pressing- und Gegenpressing-Aktionen im vollen Tempo ausgeführt werden und dabei versucht wurde, den Gegner so schnell wie möglich unter Druck zu setzen und den Ball zu erobern. Dazu ein Beispiel. (Abbildung 3)

Abbildung 3: Schnelles Umschalten nach Ballverlust sorgt für einen Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte.

Salzburg verlor im Mittelfeld den Ball und Gregory Wüthrich kam in den Ballbesitz. Er wurde direkt von zwei Salzburgern unter Druck gesetzt, sodass er mit dem ersten Kontakt eine Lösung finden musste. Er versuchte auf Kuen zu spielen, jedoch antizipierte Kristensen diesen Pass und sprintete bereits vor dem Abspiel auf Kuen. So konnte der Außenverteidiger der Salzburger den Ball erobern und durch den Sprint und der Ballmitnahme war er bereits im vollen Tempo und konnte nach vorne dribbeln. 

Die Antizipation der Salzburger-Profis half jedoch nicht nur, um Bälle zu erobern, sondern auch im offensiven Umschaltverhalten Chance zu kreieren. Oft spekulieren Offensivspieler auf einen Ballgewinn und sprinten bereits in die Tiefe, obwohl ein Mitspieler noch nicht im sicheren Ballbesitz ist. So schaffen sich die offensiven Spieler immer wieder Vorteile. Bei den Salzburgern machte es Aaronson besonders gerne. Hier ein Beispiel. (Abbildung 4)

Abbildung 4: Das Antizipieren von Aaronson bringt ihm einen Vorteil für den Lauf in die Tiefe.

Ein Klärungsversuch von Wüthrich wird abgeblockt und Ball prallt in die Richtung von Berisha. Aaronson erkannte einen freien Raum und die Möglichkeit den einen tiefen Pass zu bekommen. Berisha hatte noch nicht einmal den Ball und der Amerikaner sprintete bereits in die Tiefe. Amadou Dante kam sogar noch vor dem Salzburger an den Ball, konnte diesen jedoch nicht richtig klären und Berisha war im Ballbesitz. Da Aaronson bereits in die tiefe sprintete und nur noch auf den tiefen Ball wartete, hatte er auch jede Menge Platz. Mit dem ersten Kontakt konnte der Mittelfeldspieler auf Daka flanken.

Auch die Strafraumbesetzung war in dieser Situation optimal, da der deutsche Stürmer auf die erste Stange lief, die zweite durch Daka besetzt und auch der Rückraum von Mwepu und Junuzovic abgesichert wurde.

 

Fazit

Salzburg machte das Spiel bereits in den ersten elf Minuten klar und hätte in der zweiten Halbzeit auch auf 5:1 erhöhen können. Falls die Bullen diese Intensität im Pressing beziehungsweise im Gegenpressing und die Chancenverwertung der ersten Halbzeit über die nächsten Spiele beibehalten kann, könnten sie die nächste Meisterschaft für sich entscheiden.

Sturm Graz konnte zwar schnell einen Anschlusstreffer erzielen, jedoch konnten sie im Verlauf des Spieles nur wenige Chancen kreieren. Vor allem im Ballbesitz und in manchen Umschaltsituationen sollten sie nicht jedes Mal den hohen Ball als Mittel, um Angriffe einzuleiten, nehmen.

 

90minuten.at-Exklusiv

90minuten.at-TV: Das neue Everton Stadion