Lars Söndergaard geht gerne Skitouren. 1.000 Höhenmeter und mehr dürfen es sein. Wer den Sport kennt, weiß: Das ist anspruchsvoll. Eine ebenfalls herausfordernde Aufgabe erwartet ihn als Teamchef des ÖFB-Frauen-Nationalteams.
Die letzten Großereignisse wurden verpasst, die Ergebnisse der Ära Schriebl sind mau, da ändert auch der zuletzt erstmals gelungene Punktgewinn gegen die Deutschen nichts. Die 'Natio' bekommt nun den dritten Übungsleiter innerhalb von eineinhalb Jahren. Er soll das früher so erfolgreiche Team wieder in die Erfolgsspur bringen.
Leistungsnachweis
Der gebürtige Däne ist hierzulande kein Unbekannter, war zuletzt mit dem Frauen-Nationalteam seiner Heimat Dänemark erfolgreich. Bei der Europameisterschaft 2022 scheiterte er noch in der Gruppenphase an Deutschland, Spanien und Finnland. Danach führte er die Däninnen zur WM 2023 und erreichte das Achtelfinale.
Für Österreich wäre es die erste erfolgreiche Qualifikation zur Frauen-Fußballweltmeisterschaft. Dank dem gegen Tschechien erreichten Verbleib in der Liga A der Nations League kann man dafür sogar Vierter in der EM-Quali werden. Es müssen für das Dabeisein in Brasilien 2027 dann schlichtweg mehrere Qualirunden überstanden werden.
Dieses große Ziel soll, da sind ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel und Aufsichtsratsvorsitzender Josef Pröll unmissverständlich deutlich, erreicht werden.
Auf Austausch folgt Bestellung
Eingangs bedankt sich Schöttel beim Trainerteam, bestehend aus Alexander Schriebl sowie Co-Trainerin Sara Schaible. Das macht er später noch einmal, betont auf Nachfrage die Habenseite: Nations-League-Klassenerhalt, dadurch viele Spiele gegen Topnationen, zehn A-Team-Debütantinnen.
Bei gleichzeitig wütendem Verletzungsteufel bleibt dann dennoch eine Bilanz, der er sich nicht entziehen kann: 14 Spiele, neun Niederlagen, drei Siege, zwei Remis. "Es gibt Konstellationen, da macht man viel richtig, und es funktioniert trotzdem nicht", sagt Schöttel dazu.
Mit Söndergaard habe er den Kontakt gesucht. Wegen seiner Erfahrung im Frauenfußball sollte er Schöttel seine Außensicht auf die Vorgänge mitteilen. Schriebl kennt das Geschäft, so Schöttel. Gänzlich unvorbereitet traf ihn das nicht. Der Sportchef hält fest: "Trotz des historischen Punktgewinns war der Zeitpunkt für den Wechsel gekommen. Ich habe erst danach Gespräche mit Lars aufgenommen." Dieser legt in der Folge seine Beweggründe dar.
Das Feuer brennt
Respekt und Zusammenhalt, darauf baut Lars Söndergaard auf, wie er bei der Präsentationspressekonferenz mehrfach betont. Die Aufgabe ist "reizvoll", die Gespräche mit "Peter" waren angenehm. Vieles davon klingt wie Standardsätze, wie sie bei Antrittspressekonferenzen üblich sind. Das zeigt auch, welchen rasanten Aufstieg der Frauenfußball in den letzten Jahren genommen hat.
Jedenfalls hat Söndergaard, als es konkret wurde, in sich "ein Feuer bemerkt. Österreich ist meine zweite Heimat. Ich war bei verschiedenen Männervereinen acht Jahre lang hier, habe in Altenmarkt im Pongau auch noch immer eine Ferienwohnung. Dänemark ist meine richtige Heimat, da war ich Teamchef; es ist fantastisch, auch in meiner zweiten Heimat Teamchef zu sein." Geplant war die Rückkehr auf die Trainerbank jedenfalls nicht. Nun stellt er sich aber dieser Aufgabe.
Klarer Auftrag
Aufsichtsratsvorsitzender Josef Pröll formulierte bei aller Freude aber auch das klare Ziel. "Er soll es ermöglichen, das Frauen-Nationalteam zur WM nach Brasilien zu bringen. Das Feuer in Lars brennt richtig", spielt er auf die zuvor getätigte Aussage an. Der Däne verfügt über die Erfahrung für die herausfordernde Situation und ist nun der Richtige, so Pröll. Insofern folgte der Aufsichtsrat Schöttels Vorschlag.
Aus einem losen Austausch wurde also nun ein Vertrag bis Jahresende, der sich nach erfolgreicher Quali logischerweise verlängert. Nach der WM könne man weiter zusammenarbeiten. Da würde nichts dagegensprechen, so Schöttel.
Unklarer Plan dorthin
Die Frage, wie das spielerisch erreicht werden soll, stellte sich in der anschließenden Fragerunde. Denn die 'Natio' spielte vor dem Remis gegen Deutschland schlecht, ansprechenden Fußball bot man schon bis in die Ära Fuhrmann zurück viel zu selten. Dass erneut ein Trainerwechsel nötig wurde, deutet darauf hin, dass die Probleme tiefer gehen als rein sportliche Fragen.
Söndergaard selbst macht sich aktuell ein Bild von der Lage, spricht mit dem Mannschaftsrat, führt Gespräche mit Spielerinnen – auch einzeln und teilweise online – und stellt seinen Betreuerstab neu zusammen. Er setzt dabei bewusst auf flache Hierarchien, sowohl im Team als auch im Trainerstab.
Junge Spielerinnen sollen sich einbringen können, der Austausch steht im Vordergrund. Er möchte auch kein Trainer sein, der beispielsweise hohes Pressing ankündigt; viel wichtiger sei es ihm, dass das Team kompakt ist und den Spielaufbau mutig gestaltet.
Wenn wir leben, was wir sagen, können wir mehr erreichen. Ich war bei vielen Vereinen, andere Trainer haben das auch schon gesagt. Aber mit Zusammenhalt und Teamgefüge werden wir schnell besser.
Zusammenarbeit entscheidet
Aber: "Am wichtigsten ist für mich, dass das Team zusammenarbeitet", so der Däne, "Respekt ist für mich entscheidend. Wenn wir leben, was wir sagen, können wir mehr erreichen. Ich war bei vielen Vereinen, andere Trainer haben das auch schon gesagt. Aber mit Zusammenhalt und Teamgefüge werden wir schnell besser."
Es sei viel Potenzial da, gegen Deutschland habe man trotz defensiver Ausrichtung Zusammenhalt gesehen, aber man solle nicht nur auf Ergebnisse schauen, selbst wenn das Ziel WM klarer nicht formuliert sein könnte. Das gehe nicht sofort, das weiß er schon. Viel Unklarheit also, gemeint sein dürfte: Nur Dinge ankündigen bringt nichts, wenn man sie danach nicht lebt.
In der Pflicht
Dass nun Taten folgen müssen, ist eine oft bemühte Floskel – in diesem Fall trifft sie aber den Kern. Denn schon seit der Ära Fuhrmann wird immer wieder mehr oder weniger deutlich gesagt, dass es in der 'Natio' unrund läuft. Das spiegelt sich am Platz wider Auf Nachfrage von 90minuten, ob der mittlerweile dritte Teamchef innerhalb von eineinhalb Jahren auch externe mentale Hilfe für die Spielerinnen beanspruchen will, verweist Schöttel darauf, dass der neue Teamchef sich den Staff aussucht und herausfindet, an welchen Stellschrauben zu drehen ist.
Es sei nie jemand alleine schuld, warum etwas nicht funktioniert, führt er aus. Das geht vom Verband selbst über das Trainerteam bis hin zu den Spielerinnen. Alle tragen Verantwortung für Misserfolg, und gemeinsam ist man dafür verantwortlich, dass es wieder besser läuft. Die wichtigsten Argumente, dass sie WM-reif sind, müssen nun die Spielerinnen am Platz liefern.
Es gibt immer wieder enttäuschte Spielerinnen. Es geht vor allem um das Team. Das müssen sie wegstecken und stolz sein, im Nationalteam zu spielen. Es ist aber kein Platz für egoistische Spielerinnen.
Eine klare Ansage
Bei aller Unverbindlichkeit sagt Söndergaard schließlich auch, dass man nicht immer von Umbrüchen sprechen sollte, sondern die Besten spielen sollen. Angst davor, auch verdiente Spielerinnen nicht zu berücksichtigen, hat er nicht, sagt er dann auf mehrfache Nachfrage dennoch: "Es gibt immer wieder enttäuschte Spielerinnen. Es geht vor allem um das Team. Das müssen sie wegstecken und stolz sein, im Nationalteam zu spielen. Es ist aber kein Platz für egoistische Spielerinnen."
Söndergaard ist jedenfalls ein größerer Name im Frauenfußball als Schriebl. Ob er es schafft, den ÖFB nach zwei verpassten Endrunden erstmals zu einer WM zu bringen, wird sich weisen. Am Ende gilt dann wohl das, was er über sein Hobby Skitourengehen sagt: "Wenn du ans Ziel kommst, ist das schön. Unterwegs ist es vielleicht hart, aber der Weg bringt dich dorthin."
Georg Sohler