Es waren einmal ein paar Freunde, die spielten gerne Fußball - so beginnt die Geschichte des ASK Baumgarten vor 91 Jahren und auch die "Wiederauferstehung" im Jahr 2025, die in diesem Sommer in der ersten Teilnahme am Spielbetrieb seit 2013/14 mündet.
Baumgarten ist tatsächlich ein geschichtsträchtiger Fußballort.
Hier zerriss der ehemalige Nationalteamspieler Andreas Ivanschitz seine ersten Fußballschuhe. Das taten auch Lukas Rotpuller oder Michael Steinwender. Ex-Vienna-Cheftrainer Mehmet Sütcü schnürte hier seine Stiefel, genauso wie der ehemalige Teamtorhüter Wolfgang Knaller oder Unterhaus-Legende Markus "Magic" Aigner.
Seit diesem Sommer ist der Klub zurück im Ligabetrieb und tritt in der sechstklassigen 1. Klasse Mitte des burgenländischen Fußballverbandes an.
90minuten war zum Lokalaugenschein da und traf auf eine Gruppe an Freunden, die den ASK neu aufstellten. Es handelt sich vermutlich um eine der wenigen Geschichten, wie aus bierschwangeren Wirtshausspinnereien von früher tatsächlich etwas Neues entstand.
Es beginnt mit einer Handvoll Freunden
Die erste kickende Freundesgruppe besteht 1935 laut Vereinschronik aus Franz Ugrinovich, Stefan Bauhofer, Konrad und Franz Kovacsich. Sie sind der erste Vorstand, obwohl es rechtlich noch gar kein Verein ist.
Der Klub trägt ein paar Freundschaftsspiele aus. 1938 wird die Sportanlage, die heute nach der Vereinslegende Franz Kovacsich benannt ist, eröffnet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg findet sich 1945 mit Ludwig Ivanschitz, Stefan Bauhofer und Karl Hombauer wieder eine Truppe zusammen. Sie gründen den FC Baumgarten, der wenig später in ASK umbenannt wird und bereits 1950/51 den Meistertitel in der 2. Klasse feiert und aufsteigt.
Schon in jungen Jahren stellt der Klub 1959 wegen Tumulten bei einem Lokalderby gegen Pöttsching und einer darauf folgenden Platzsperre den Spielbetrieb ein.
1961 folgt die Rückkehr. Nach einem Abstieg geht es langsam bergauf. Ab der Saison 1972/73 spielt der Verein zumindest in der (heute) viertklassigen Landesliga. Insgesamt ist Baumgarten 13 Saisonen in der Regionalliga Ost zu finden. 1999/2000 gelingt der größte Erfolg der Vereinsgeschichte: Man wird Ostliga-Vizemeister hinter dem SV Mattersburg.
Ende 2014 schließlich stellt der Klub den Spielbetrieb ein. Trauriges Detail dazu: Am 11. August 2015 stirbt Franz Kovasich und erlebt die Rückkehr nicht mehr.
Die Legende ist zurück
Dabei gibt es schon zu seinem Lebensende hin Gedankenspiele, den Klub wieder aufleben zu lassen. Es ist eine Runde rund um Clemens Ivanschitz, die sich regelmäßig trifft, über die alte Zeit spricht und bei dem einen oder anderen Bier von einer Reaktivierung des ASK Baumgarten träumt.
Der Instinkt, es wirklich zu machen, erweist sich als goldrichtig. Zum ersten Testspiel gegen den SV Forchtenstein finden sich diesen Sommer knapp 400 Fans am Platz ein. Das allererste Tor des "ASK Baumgarten neu" schießt Sebastian Bogner am 10. Juli, es ist das 1:0 nach wenigen Minuten, auch wenn das Spiel letztlich verloren geht.
Wenige Wochen später, Ende August, besiegelt Ante Bezer das 2:1 und die Baumgartner feiern den ersten Pflichtspielsieg seit dem 20. Mai 2014.
"Was können wir dir erzählen?", fragt Mitte Oktober beim Termin in der Kantine Christian Braunshier. Er fungiert als Präsident und ist mit seinem Chemieunternehmen einer der wichtigsten Sponsoren. Neben ihm sind noch Ivanschitz und Kassier Horst Kruiss am Stehtisch.
Bei einem Bier
Die Antwort auf seine Frage ist die alles entscheidende Frage: Wie haucht man einem Verein neues Leben ein?
"Der Prozess hat länger gedauert", sagt der Präsident. "Wenn man am Abend bei einem Bier zusammengesessen ist, haben wir uns diese Frage auch öfters gestellt", wirft Ivanschitz ein. Zwar ist sich die Runde uneins, wie lange, oft oder ernsthaft diese Frage diskutiert wurde.
Aber im Frühjahr 2025 wird aus den bierschwangeren Träumereien Konkretes, als man sich wieder einmal bei Kruiss auf der Terrasse trifft. Viele Fragen drehen sich um die tatsächliche Umsetzung, wer letztlich welche Funktion übernehmen könnte und ob man überhaupt wen findet.
Denn heutzutage gibt es immer weniger Menschen, die in einem Verein echte Verantwortung übernehmen wollen. Helfer, die Bier ausschenken oder den Rasen mähen, die finden sich leichter. Irgendwann fällt im Gespräch der Satz: "Wir dachten, dass Geld und Spieler ein Problem sind. Dabei war die Funktionärssuche das größte Problem."
Dass es bürokratische Anforderungen gibt, ist nicht in Abrede zu stellen. So schlimm aber sei es auch wieder nicht, Angst braucht niemand zu haben. Entsprechend furchtlos stellt sich Fritz Wildt als Obmann zur Verfügung.
Wenn man am Abend bei einem Bier zusammengesessen ist, haben wir uns diese Frage auch öfters gestellt.
Trennungsnotwendigkeit
Jetzt muss umgesetzt werden. Denn der Verein existiert in all den Jahren weiter und verwaltet hauptsächlich die Kantine. Der Platz selbst wird vom American-Football-Team Pannonia Eagles bespielt. Zunächst geht es darum, mit dem American-Football-Team zu verhandeln, wie die Platznutzung aussehen kann. Die Eierlaberl-Freunde bespielen Platz und Kantine seit 2016. Zwei Klubs auf einem so kleinen Platz ist natürlich schwierig.
Diese Diskussionen bleiben den ASKlern aber erspart. Die Eagles entscheiden sich 2025, nach Krensdorf umzuziehen (und darüber hinaus "nur" noch Flagfootball zu spielen).
Natürlich gibt es im Ort einige, die es der Gruppe nicht zutrauen, den Verein wieder auf die Beine zu stellen. Das spornt sie aber regelrecht an.
Im September 2025 werden alle Baumgartner ins Wirtshaus eingeladen und informiert, dass es einen neuen Vorstand gibt und der Klub wieder Ligafußball spielen will. "Es hat also super zusammengepasst, so eine Chance bietet sich nur einmal", sagen alle drei quasi gleichzeitig.
Nun braucht es Spieler, aber für welche Liga? An dieser Stelle bringt der Burgenländische Fußballverband (BFV) aus Sicht der Runde beinahe das Projekt zum Erliegen.
Gebrochene Verbandsversprechen?
Der BFV - das bestätigt man gegenüber 90minuten auch - steht helfend zur Seite. "Aber das war nur Blabla", ärgert sich Ivanschitz. Braunshier erzählt, dass viel zugesichert wurde, aber wenig gehalten.
Kruiss sagt: "Die größte Enttäuschung war, dass uns die 2. Klasse zugesagt wurde."
Diese Geschichte stimmt, mit Abstrichen, sagt BFV-Geschäftsführer Bernd Eger. Eine verbindliche Zusage wird nämlich laut ihm nie getätigt. Aber warum diese Frage?
Generell will der Klub mit Ivanschitz als Trainer in der 2. Klasse Nord antreten. Das ist die siebte Spielklasse. Dort kicken mit Trausdorf, Zagersdorf, Sigleß oder Klubs aus dem Raum Eisenstadt einige Vereine aus der direkten Nachbarschaft - was wiederum mehr Zuschauer sowie in Folge mehr Einnahmen bedeutet hätte. Ein 2.-Klasse-Kader ist billiger, die Pauschale Reisekostenaufwandsentschädigung (PRAE) muss weniger hoch ausfallen.
Zudem fehlen der Region Spieler. Um Kicker aus nahen Ballungszentren locken zu können, macht es schlichtweg einen Unterschied, ob man in der 2. Klasse von Eisenstadt ins Umland fährt, um gegen den ASK zu kicken oder in der aktuellen Liga - 1. Klasse Mitte, sechste Leistungsstufe - doppelt bis dreifach so lang in den Raum Oberpullendorf, Deutschkreutz und noch weiter südlich fahren zu müssen.
Mund abwischen
Diese Idee haben auch zwei weitere Klubs aus der 1. Klasse. Die Folge wäre eine zu kleine Liga gewesen. Im Vorstand entscheidet man sich gegen die angestrebte Einteilung und die Baumgartner spielen also 1. Klasse. In dieser Vorstandssitzung, betont Eger gegenüber 90minuten, ging es aber um die Ligenstruktur, nicht um Baumgarten selbst.
Das kommt offensichtlich falsch an, er betont zudem ausdrücklich die gute Zusammenarbeit mit dem ASK. Der Schaden ist aber gegeben.
"Das war richtig kritisch", so Braunshier, "das war im Juni, einige Spieler wollten aufhören, weil sie nur 2. Klasse Nord spielen wollten." Das Unverständnis ist groß. "Das Telefonat war ein Schock", sagt Ivanschitz. Die Enttäuschung war groß, aber dauerte nicht lange. Vielleicht auch deshalb, weil man es den Kritikern beweisen will.
Ein Trainer wird gesucht und gefunden, das Budget muss zwei-, dreimal aufgestockt werden, um bis zum Ende der Amateurübertrittszeit Mitte Juli eine für die 1. Klasse schlagkräftige Truppe zu haben. Keine einfache Aufgabe, fehlt Baumgarten doch im Gegensatz zu anderen Ortschaften in der Gegend ein Industriegebiet und damit mehrere potente Sponsoren.
Die Verhandlungen gestalten sich also mühsam, die Historie hilft aber. Infrastruktur, Tradition und Zuschauerkulisse waren gewichtige Argumente. "Es macht doch einen Unterschied, ob du vor 20 oder 400 Leuten spielst", grinst Braunshier
Baumgarten kommt wieder zusammen
Beim ersten Spiel fallen dann viele Steine von ebenso vielen Herzen. "Ein super Moment, als der Schiri angepfiffen hat", beschreibt Ivanschitz einen Moment trocken. Die Augen glitzern und verraten, wie viel ihm das bedeutet. "Die alten Leut' sind mit dem Rollator hergekommen", ergänzt der Präsident.
Aber neben all diesen sportlichen Überlegungen darf man eines nicht vergessen: Die soziale Rolle, die der Fußball in kleinen Gemeinden spielt. Hier wohnen nur 1.000 Menschen. Gut, Baumgarten pickt an Draßburg dran, das ergibt dann in Summe etwas mehr als 2.000 Einwohner.
Wie in vielen anderen Ortschaften auf dem Land wandert die Infrastruktur mehr und mehr ab. Ein um das andere Lokal sperrt zu, selbst temporäre Heurigen tun sich in der Weinbaugegend immer weniger Menschen an. Das Gasthaus Murzi auf der Hauptstraße ist der einzig verbliebene Treffpunkt für die Baumgartner.
Insofern steht derzeit das Miteinander im Vordergrund, mehr Nachwuchsarbeit und das Festigen der Strukturen. Natürlich träumen sie alle von der 2. Landesliga, wo Marz, Rohrbach und Co. spielen. Aber das ist vor allem eines: Zukunftsmusik.
Denn, so Ivanschitz: "Das Sportliche steht nicht im Vordergrund, es passiert endlich wieder etwas in Baumgarten."
Georg Sohler