26 Spiele, 17:135 Gegentore, ein Punkt. Das ist die Saisonbilanz des SV Oftering.
Seit der Verein 1977 gegründet wurde, kickt man in der 2. Klasse Mitte in Oberösterreich. Der achten Leistungsstufe entkam man nie, das schaffte sonst nur noch ein anderer Verein. So schlecht war man aber überhaupt noch nie.
Ein kleines Trostpflaster: In anderen Bundesländern mag es noch in eine neunte oder wie in Vorarlberg zehnte Liga runtergehen. Aber dort liegen eher 1b-Teams am Tabellenende. Somit sind die Ofteringer das schlechteste Einser-Fußballteam, das nicht mehr absteigen kann. 90minuten hat recherchiert, wieso man noch nicht das Licht abgedreht hat.
Jeder Ort
Die 2.000-Seelen-Gemeinde liegt westlich des Linzer Flughafens bei Hörsching. Dahinter ist die Landeshauptstadt. Im Süden liegen Marchtrenk und weiter westlich Wels, im Norden nicht viel. Bis 2005 gab es hier nicht einmal Straßennamen, die Häuser wurden einfach durchnummeriert.
Sehenswürdigkeiten und Infrastruktur beschränken sich auf ein Wasserschloss und eine Kirche, ein kleiner Greißler, ein Cafe, ein Fleischer, eine Volksschule. Wer einen Supermarkt sucht, findet ihn erst im nahen Hörsching.
Wir Oldies treffen uns am Donnerstag, schauen dem Training zu, trinken ein Bier. Hin und wieder kommt der Bosna-Fredl – diese Gemeinschaft willst du nicht aufgeben.
Der Ort könnte letztlich ohnehin jeder irgendwo in ganz Österreich sein. Fußball- bzw. Sportvereine sind vielerorts einer der letzten verbliebenen Treffpunkte in kleinen Gemeinden, in denen die Wirtshäuser schon längst zugesperrt haben und die Gotteshäuser größtenteils nur noch schlecht besuchte Denkmäler sind.
Gerade deshalb lohnt ein Blick auf diesen Sportverein, weil sich zeigt, dass Fußball einfach mehr ist und man so auch der schlechteste Klub des Landes sein kann.
Freundschaften
Gegründet wurde der Verein vor knapp 50 Jahren. 2005 kam der damals 20-jährige Florian Fingerlos zum Verein, drei Jahre spielte er zwischendurch beim ASKÖ GK Westbahn ESV Linz. Heute ist Fingerlos irgendwas zwischen Mädchen für alles und guter Seele: im Beirat, Hilfsschiri, Platzsprecher; seine Frau wäscht die Dressen. Hierher verschlagen hat es ihn aus einem guten Grund.
"Ich komme aus Leonding und habe damals bei Urfahr gespielt. Ich wollte einfach mit meinen Freunden zusammenspielen", erinnert er sich gegenüber 90minuten. Oftering mag heute schlecht sein, aber schon zu seiner aktiven Zeit, "waren wir damals die Hinnigsten."
Seitdem kommt er her und kümmert sich, obwohl er als 82er-Jahrgang am Platz kein Leiberl mehr hat. Aber: "Wir Oldies treffen uns am Donnerstag, schauen dem Training zu, trinken ein Bier. Hin und wieder kommt der Bosna-Fredl – diese Gemeinschaft willst du nicht aufgeben."
Viel Konkurrenz
Warum der Klub nicht besser dasteht, ist ein Mix aus vielen Faktoren. Das fängt schon unten an. Es gibt nur eine U12, die besseren Nachwuchskicker finden in der Nachbarschaft zwischen Wels und Linz genügend bessere Adressen - und sei es auch nur jene von Marchtrenk. Noch dazu gibt es weder eine U16, geschweige denn eine 1b.
Kurz: Wer hier als Spieler registriert ist, hat ein Stammleiberl, Training nicht notwendig. Das hatte Auswirkungen auf die Trainingsmoral, junge Kicker an die Erste heranzuführen ist so auch schwierig. "Wir sind eben der kleinste Verein in der Region", sagt er.
Eigentlich zusperren
Mit einer Rolle spielt vielleicht, dass man beim Geldausgeben nicht mitmacht. Fingerlos meint, dass man bei den allermeisten Klubs Geld bekommt, nicht wenig sogar. In Oftering gibt es 15 Euro für den Punkt, ein bisschen Benzingeld noch dazu. 2024/25 wurde als Letzter mit nur neun Punkten abgeschlossen. Vor einem Jahr stand sogar das Aus im Raum.
Ich liebe Fußball, habe mit sechs Jahren angefangen und will hier niemanden im Stich lassen – den Verein tut sich ja sonst keiner an!
Diese Idee geisterte immer wieder herum, Oftering könnte ja in die von der Diözese Linz betriebene DSG-Liga wechseln. Doch der ehrgeizige Obmann Christian Poltura, der einen Reinigungsservice betreibt, will durchtauchen. "Der Obmann will kämpfen."
"Das tut sich sonst keiner an"
Man findet tatsächlich einen Trainer, Vedat Dogru sein Name. Der ist ein bisschen jünger als Fingerlos und war selber auch Kicker im oberösterreichischen Unterhaus. Höher als in der 1. Klasse spielte er aber auch nicht. Immerhin war er schon eine Liga höher Trainer. Mit Union Haid schaffte er den 8. Platz in der 1. Klasse Mitte in der Saison 2023/24. Nach Oftering kam er über einen Freund.
Es wirkt wie Mitleid, wenn er gegenüber 90minuten sagt: "Ich liebe Fußball, habe mit sechs Jahren angefangen und will hier niemanden im Stich lassen – den Verein tut sich ja sonst keiner an!"
Er lässt sich auf das Abenteuer ein: "Der Vorstand kannte die Umstände und wir meinten: Schauen wir, dass wir diese eine Saison überstehen, dann wird es besser."
"Wenn du nur Schläge kassierst..."
Kurzfristig wurde es noch schlimmer. Die Saison 2025/26 wird dennoch zur noch größeren Katastrophe. Am Spieltag acht gelingt ein Punkt gegen Pasching 16.
Teilweise schleppten sich vier, fünf Spieler über 45 über den Platz, damit genug Spieler da waren. Das Auswärtsspiel gegen Urfahr musste man vorgeben – man hatte zu wenig Spieler. Wenigstens schlug sich die Strafverifizierung nur mit 0:3 zu Buche.
Das nächstbeste Ergebnis ist ein 0:2. Haid gewinnt 10:2, in der letzten Runde schenkt die Blaue Elf Wels neun Tore ein. "Wenn du nur Schläge kassierst, freut's dich oft nicht", sagt der Platzsprecher, "Alkoven war Vorletzter, die gewinnen 5:1 gegen uns. Das ist einfach kein Spaß."
Neuausrichtung
Teilweise hatte Dogru nur vier, fünf Leute im Training: "Ich weiß nicht, woran es liegt, aber die Spieler meinten, sie müssen nicht trainieren. Dann gab es eine Besprechung und eine Woche waren alle da – eine Woche später war's wieder anders."
Dass er einige Spieler aus seinem Umfeld mitbrachte, war für den Verein zwar gut, die Gemeinschaft aber litt, wie Fingerlos meint: "Wir sind nach dem Training noch auf zwei, drei Bier geblieben - seine Kicker trinken ein Red Bull und fahren wieder."
Das Tote-Hosen-Lied 'Steh auf, wenn du am Boden bist' kann keiner mehr hören.
Jetzt muss sich viel ändern, das weiß jeder. Denn, so Dogru, "eigentlich ist Potenzial da". Was ihn positiv stimmt: "Die anderen Teams kamen schon her und haben fix mit drei Punkten gerechnet. Es stimmt auch, dass wir teilweise sehr hoch verloren haben, zeitweise haben wir aber gut gespielt, aber beim Stand von 0:3 aufgehört zu spielen."
Kommende Saison soll es nun anders werden. Man hat eine 1b zusammengestellt, somit gibt es vereinsintern einen Wettbewerb. Dogru hofft, dass dies dazu führt, dass die Motivation höher ist.
Und dann?
Mit mehreren Neuzugängen und vereinsinternem Wettbewerb soll sich das Blatt zum Guten wenden. Das muss es auch, denn wenn nur noch verloren wird und noch weniger Leute aus dem Ort kommen, wird es mit der Identifikation schlichtweg schwierig.
Es ist eine Hand voll Menschen, die den Verein am Laufen halten, neben Obmann, Trainer und vor allem Obmannstellvertreter Jürgen Flick. Der macht alles, was anfällt nebenbei. Auch Kantinenchef Michael "Katzi" Katzensteiner ist täglich am Platz.
Den Rasen mähen die Spieler noch selber: Selbst wenn die Kampfmannschaft noch so schlecht spielt, ist auch der SV Oftering ein Ort, der Gemeinschaft schafft. Und das ist gerade heutzutage vielleicht noch ein bisschen wichtiger als das Torverhältnis.
Noch so eine Saison will man dennoch nicht erleben, wie der Platzsprecher verschmitzt meint: "Das Tote-Hosen-Lied 'Steh auf, wenn du am Boden bist' kann keiner mehr hören." Hoffentlich wird es ein bisschen seltener gespielt werden.
Georg Sohler