Zwei Zuljs in Thailand: "Du spielst nicht in Badeschlapfen"
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Zwei Zuljs in Thailand: "Du spielst nicht in Badeschlapfen"

Peter und Robert Zulj spielen gemeinsam bei Buriram United in Thailand. Damit ging im Sommer ein Traum in Erfüllung - einmal zusammen spielen. Wann das schon einmal hätte sein können und wie es ihnen geht, erzählen sie im 90minuten-Interview.

Schon als kleiner Bub träumte Robert Zulj davon, gemeinsam mit seinem Bruder Peter beim selben Verein zu kicken, während die Eltern zusehen. Aber wie der Fußball bzw. das Leben so ist, dauerte es ein bisschen, bis das Realität wurde.

Vor gut einem Jahr klingelte das Telefon des heute 32 Jahre alten Peter. Er kickt damals bei Changchun Yatai in China. Buriram United möchte ihn haben. Thailand? Da denken viele Menschen ans endgültige Abcashen zum Karriereende. Wenn das nicht eh schon im Reich der Mitte gewesen wäre.

Robert steht damals noch beim LASK unter Vertrag, mit der Möglichkeit, unweit des Geburtsorts Wels auch nach der Karriere im Verein zu bleiben. Doch der ein Jahr ältere Robert entscheidet sich getreu dem Motto "Jetzt oder nie" nach Thailand zu gehen. Alles dazwischen erzählen die beiden im 90minuten-Doppelinterview.

90minuten: Wer an Thailand denkt, denkt an Strand und Co. Buriram ist im Landesinneren, in der Nähe der Grenze zu Kambodscha, es dauert rund vier bis fünf Stunden, bis man das Meer sieht.

Peter Zulj: Korrekt, nach Kambodscha sind es rund 100 Kilometer – also wir machen hier keinen klassischen Strandurlaub. (beide lachen)

90minuten: Sprechen wir zunächst über etwas Ernstes: Bekommt ihr den Konflikt mit dem Nachbarland Kambodscha mit?

Peter Zulj: Gott sei Dank war bei uns nicht viel los. Als bombardiert wurde, haben wir die Flieger schon mitbekommen. Allerdings sind viele Menschen hierher geflohen. Aber unser Präsident hat uns immer upgedatet. 

90minuten: Was macht das mit einem, wenn man zum Kicken dort ist?

Robert Zulj: Er hat uns gesagt, dass das wahrscheinlich binnen weniger Tage vorbei ist und so war es auch, dementsprechend hatten wir auch keine Angst. Wir haben das erst so richtig registriert, als die Flüchtenden in die Stadt kamen. Der Präsident ist ja politisch sehr aktiv und ist in der Hilfe präsent. Die Flüchtlinge konnten im Stadion schlafen und essen. 

90minuten: Wie ist das Leben generell in Thailand?

Peter Zulj: Ich glaube, viele denken, dass wir in der Früh zum Training gehen und am Nachmittag am Strand in der Sonne liegen. Die Stadt ist aber weit weg vom Meer und nicht so spannend - aber wir sind ja auch für den Fußball hier: Buriram ist der größte Klub in Thailand und ganz Asien. Der Klub ist professionell geführt, wir spielen alle drei, vier Tage. Insofern gibt es wenig Freizeit. Für die Kinder, speziell von Robert, ist das Wetter und das Leben gut. Die Menschen sind nett und hilfsbereit.

Ich muss ehrlich sagen, als mich ein Manager, während ich in China war, angerufen hat und mir von Thailand erzählt hat, musste ich schon schmunzeln.

Peter Zulj

90minuten: Ihr seid aktuell auch Tabellenführer. Vergleichen wir die Liga mit anderen Ländern, wo ihr wart.

Robert Zulj: Also auf dem Niveau Österreichs ist es nicht. Unser Verein spielt aber jedes Jahr Champions League, insofern gibt es Druck. Für den - positiv-verrückten -  Präsidenten zählt in jedem Spiel nur der Sieg. Die Liga an sich hat noch zwei, drei Vereine, die ordentlich Fußball spielen und noch einige, die ganz okay sind.

Heutzutage können eben alle auf der Welt kicken, jeder kann laufen, kämpfen, die taktische Ausbildung ist in Ordnung. Es gibt zudem einige Spieler, die in höherklassigeren Ligen spielten. Dementsprechend ist das nicht einfach. Klar ist aber auch, dass wir sehr oft als Sieger vom Platz gehen, wenn wir die Qualität auf den Rasen bringen.

90minuten: Hat dich, Peter, das überrascht, als du ein halbes Jahr vor Robert hergekommen bist?

Peter Zulj: Ich muss ehrlich sagen, als mich ein Manager, während ich in China war, angerufen hat und mir von Thailand erzählt hat, musste ich schon schmunzeln. Doch der hat vom Klub, dem 30.000er-Stadion und den Ambitionen des Klubs geschwärmt. Jetzt muss ich schon sagen, dass dieser Klub besser ist als das, was ich an Organisation und Infrastruktur in China erlebt habe. Natürlich ist da der eine oder andere wohl auch hergekommen, um ein ruhigeres Fußballerleben zu haben. Aber es ist nicht so schlecht, wie viele vielleicht denken.

Beim LASK hätte Robert seine Karriere beenden können, um dann anschließend eine Rolle im Verein zu übernehmen
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Beim LASK hätte Robert seine Karriere beenden können, um dann anschließend eine Rolle im Verein zu übernehmen

90minuten: Robert kam dann ein halbes Jahr später nach.

Robert Zulj: Es weiß eh jeder, dass es unser Traum war, gemeinsam zu spielen. Peter wäre 2022 fast zum LASK gekommen, ist aber nach China gegangen. Wir wussten also, dass wir diese Möglichkeit ergreifen müssen. Ich bin 33 Jahre alt, jetzt oder nie. Und auch wenn der Fußball nicht auf europäischem Niveau ist, ist es nicht so, dass du herkommst und in Badeschlapfen spielst.

90minuten: Mit welchem Feeling verlässt man Fußballeuropa - und somit den großen Traum, auf höchstem Niveau zu spielen?

Robert Zulj: Schau, alle wissen, dass du als Profifußballer 15 Jahre Zeit hast. Die ersten vier Jahre meiner Karriere war ich in Österreich, dann acht, neun Jahre in Deutschland. Du stellst dir unweigerlich die Frage, ob du noch mehr sehen willst. Mein Traum war es, irgendwo am Meer zu spielen; natürlich primär in einer Topliga. Nach dem Aufstieg mit Bochum hätte ich dort bleiben können. Mit 29 Jahren bin ich dann nach Dubai gegangen, schon zwei Jahre zuvor wollte mich ein Klub aus den Emiraten. Das habe ich damals abgeblockt, weil ich Karriere machen wollte. 

Für mich war das damals die letzte Chance, etwas "Wildes" zu sehen. Im Nachhinein war es das Beste, was ich machen konnte. Die frühe Rückkehr hatte dann einerseits familiäre Gründe, andererseits war das LASK-Angebot top. Sie waren extra zwei-, dreimal in Dubai vor Ort, haben mir ein Projekt vorgestellt, zu dem ich nicht Nein sagen konnte.

Die vielen Gespräche mit dem Präsidenten und dem Verein waren also sehr emotional, aber nie negativ. Beim LASK musste ich viel aufgeben.

Robert Zulj

90minuten: Wie war der Abschied vom LASK?

Robert Zulj: Die Entscheidung war sehr schwer und hat mich einige schlaflose Nächte gekostet. Die vielen Gespräche mit dem Präsidenten und dem Verein waren also sehr emotional, aber nie negativ. Ich habe es kaum aussprechen können, dass ich noch einmal wegwill. Beim LASK musste ich viel aufgeben. Weil eigentlich war klar, dass ich noch zwei Jahre Vertrag habe und ich meine Karriere in Linz beenden und danach im Verein arbeite werde. Dazu kam der Traum, mit Peter zusammenzuspielen.

90minuten: Warum bist du damals nicht zum LASK, Peter?

Peter Zulj: Ich war bei Başakşehir unter Vertrag und mein Ex-Trainer Didi Kühbauer war damals auch beim LASK und somit war ich bei Roberts Wechsel involviert. Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich auch hin will. Nach ein paar Gesprächen waren wir kurz davor, uns zu einigen. Dann kam das Angebot aus China. Ich wollte auch noch etwas anderes sehen - und finanziell war es ebenfalls attraktiv.

90minuten: Ihr seid beide stets als große Talente gehandelt worden und habt das Versprechen auch eingelöst. Roberts Karriere war allerdings linearer als deine. Vielleicht möchtest du einmal erzählen, warum deine Transferhistorie nach Anderlecht aussieht, wie sie aussieht.

Peter Zulj: Ich mach's kurz. (lacht) Grundsätzlich ist es so: Die einen Talente werden weltbekannt, andere spielen guten Fußball, manche schaffen es gar nicht. Im Endeffekt habe ich in Österreich gebraucht, um Konstanz in mein Spiel zu bringen. Beim WAC lief es gut, bei der Admira hatte ich Themen mit Trainer Oliver Lederer und Verletzungspech.

Bei Ried war ich gut, aber wir sind abgestiegen. Der Schritt zu Sturm hat sich voll bezahlt gemacht. Anderlecht war damals ein Topklub, der perfekte nächste Step. Viele haben sich dann gedacht, was ich in der Türkei will. Was sie nicht wissen: Ich hatte damals Angebote aus Topligen in Deutschland, England und Italien.

Hätte Anderlecht nicht zu viel Geld verlangt, wäre Peter Zuljs Karriere anders verlaufen
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Hätte Anderlecht nicht zu viel Geld verlangt, wäre Peter Zuljs Karriere anders verlaufen

90minuten: Woran ist es gescheitert?

Peter Zulj: Es war Corona und Anderlecht wollte eine zu hohe Ablöse. Sie haben mir den Weg versperrt, so ehrlich muss man das sagen. Wie es halt so ist, kam es dann zu Streitereien und ich habe das türkische Leihangebot angenommen, weil sie die einzigen waren, die in der Covid-Zeit mein Gehalt übernehmen konnten. Nach den vier Monaten in Göztepe bekam ich bei Başakşehir einen langfristigen Vertrag, die Gespräche waren super – und auch das kennt man:

In der Türkei werden viele Dinge nicht eingehalten. Ich musste mir etwas Neues suchen, bin wegen Imre Szabics zu Fehervar, um Spielpraxis zu sammeln. Dann wäre der LASK-Wechsel gekommen, den ich zugunsten Chinas nicht gemacht habe. Ich habe zu mir gesagt: Weißt was, Peter? Du hast es in Europa oft versucht, aber Träume werden nicht immer wahr. Darum dachte ich mir, dass ich lieber Erfahrung sammle und Geld verdiene.

90minuten: Bereut ihr etwas?

Robert Zulj: 95 Prozent aller Fußballer auf der Welt wüssten wahrscheinlich sofort etwas, was sie anders gemacht hätten. Am Ende muss man immer schauen, wo man herkommt und wovon du als kleines Kind geträumt hast. Ich saß damals vorm Fernseher und es war das Größte, einmal in der österreichischen Bundesliga spielen und vielleicht irgendwann mit Peter gemeinsam vor unseren Eltern im Stadion zu spielen. Jetzt sitzen wir da, ich bin im 15. Profijahr, habe viele Jahre in Deutschland und Österreich bei guten Vereinen gespielt. Ich bin schon sehr dankbar und das stelle ich den Vordergrund.

Peter Zulj: Da schließe ich mich an. Ich schaue generell nicht in die Vergangenheit, weil man sie eh nicht ändern kann. Klar, hätte ich damals im Nationalteam zehn Tore gegen Deutschland geschossen, wäre ich jetzt woanders. Du musst aber immer froh sein über das, was man erreicht hat; genauso wie Robi das sagt. Und dass wir alle gesund sind, ist sowieso das Allerwichtigste.

Ob es gemeinsam geht, wissen wir nicht, weil der Fußball ja unplanbar ist. Ich möchte dem Fußball erhalten bleiben; bis dahin will ich die letzten Jahre meiner Karriere genießen, solange mein Körper mitmacht.

Peter darüber, was die beiden nun vorhaben

90minuten: Wie viel bekommt ihr eigentlich vom österreichischen Fußball mit?

Robert Zulj: Wir verfolgen es intensiv, auch wenn du dir mit sechs Stunden Zeitverschiebung nicht jedes Spiel ansehen kannst. Ich freue mich immer, wenn unsere Ex-Vereine Erfolg haben.

90minuten: Auf Basis eurer Erfahrung oder Beobachtung: Warum tun sich die Vereine aktuell im internationalen Vergleich so schwer?

Robert Zulj: Eine gute Frage, über die wir zwei auch öfters diskutieren, weil in den letzten Jahren ist es eben nicht schön anzusehen, wie der österreichische Fußball immer schlechter abschneidet. Eine Antwort habe ich nicht.

Peter Zulj: Was der Liga konkret fehlt, kann ich nach so vielen Jahren im Ausland ebenfalls nicht wirklich beurteilen. Meine Meinung nach hat Red Bull Salzburg einen großen Beitrag geleistet hat. Dann kam oft Pech dazu, etwa wie Sturm in der Gruppenphase mit acht Punkten ausgeschieden ist oder der eine oder andere Klub an einem sogenannten "Kleinen" in der Quali gescheitert ist. Das ist zu oft passiert. Man muss halt immer schauen, dass man in diesen Spielen alles auf den Platz bringt, egal gegen wen man spielt.

90minuten: Ist es nicht menschlich, dass die Kicker vom Tabellenführer beim Antreten beim Letzten denken, dass es mit ein paar Prozent weniger auch geht?

Robert Zulj: Diese Frage stelle ich mir auch immer. Wir reden immer davon, dass wir in Österreich eh so super Spieler rausbringen. Ich habe das Gefühl, dass einige zufrieden sind, wenn sie bei Rapid, Salzburg, LASK oder der Austria sind. Die Stadien sind schön, die Gehälter in Ordnung. Früher haben sich die Spieler gefragt, was sie machen müssen, um nach Deutschland zu kommen. Und wenn ich mir meinen Ex-Klub LASK ansehe: Die hatten einen Horrorstart und haben jetzt alle Chancen auf den Meistertitel. Das gibt es in keiner Topliga.

Nicht im Bild: Badeschlapfen
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Nicht im Bild: Badeschlapfen

90minuten: Also hätten wir einfach keine schönen Stadien bauen sollen?

Peter Zulj: (alle lachen) Als ich vor sechs, sieben Jahren hier gekickt habe, gab es nicht so viele so moderne Stadien. Vielleicht fehlt dem einen oder anderen der Hunger, wie Robert sagt. Dann kommt noch deine Komfortzone dazu. Die wollen viele einfach nicht verlassen, sie haben Angst davor, auch nur nach Deutschland zu gehen. Man muss schon den Jungen beibringen, dass sie den Horizont erweitern wollen.

Robert Zulj: Wie seht ihr Journalisten das eigentlich?

90minuten: Wir arbeiten gerade an einem Schwerpunkt, der sich diesem Thema widmet. Vermutlich sind einige Entscheidungen nicht gut aufgegangen. Beispielweise, dass fast alle wie Red Bull Salzburg spielen wollen oder man Spieler holt, nur um sie teuer weiterzuverkaufen. Und bei den Kickern? Wenn du 18 bist und Barcelona oder Liverpool klopfen an, dann gehst du. Ich persönlich verstehe auch, dass es dem einen oder anderen reicht, in Österreich zu kicken.

Robert Zulj: Wenn ich an meine Salzburg-Zeit zurückdenke, waren die Trainings intensiv wie ein Bundesliga-Spiel. Alle sind voll marschiert, weil sie nach England oder Deutschland wollten. Das ist schon ein guter Antrieb. Du brauchst aber Ziele und darfst dich nicht mit einer Saison mit zehn Toren zufriedengeben und dich die nächsten fünf Jahre darauf ausruhen.

90minuten: Und die anderen Länder schlafen nicht.

Robert Zulj: Das meine ich ja. Wenn du international spielst, denken sich die Leute, wenn sie nach Ungarn oder Skandinavien fahren, dass die nicht so gut sind. Dann fährst du heim und sie sind doppelt so gut. Dieses Unterschätzen ist nicht gut. Ich habe es in den Emiraten und hier auch gesehen, wie sich alle weiter entwickeln. Wenn du nicht hundert Prozent gibst, bist du nur Zweiter – und diese Erfahrung machen die Klubs in Österreich sehr oft.

90minuten: Wisst ihr abschließend schon, wie es mit euch nach dem Profifußball weitergeht? Vielleicht auch gemeinsam?

Peter Zulj: Ob es gemeinsam geht, wissen wir nicht, weil der Fußball ja unplanbar ist. Ich möchte dem Fußball erhalten bleiben; bis dahin will ich die letzten Jahre meiner Karriere genießen, solange mein Körper mitmacht. Dann möchte ich mit einem guten Gefühl aufhören und mich nicht bis zum letzten Moment auspressen. Irgendwann werden wir zurückkommen.

90minuten: Als Trainer, Sportdirektor,...

Robert Zulj: Ich will eher ins Management, aber vielleicht reden wir in zwei Jahren weiter. Dann wissen wir mehr.

90minuten: Wir danken für das Gespräch!


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