Warum war nach 96 Tagen Schluss beim LASK, Christian Gratzei?
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Warum war nach 96 Tagen Schluss beim LASK, Christian Gratzei?

Im Vorjahr war er kurzzeitig "Head of Football Operations" beim LASK. Seitdem war es ruhig um die Sturm-Legende. 90minuten hat mit ihm über das Engagement in Linz, die Entwicklung der Bundesliga und seine Zukunft gesprochen.

"Es ist ganz schwierig", lacht Christian Gratzei.

Der 44-Jährige stellt sich seit Herbst der Herausforderung, den jüngsten seiner drei Söhne als Cheftrainer zu betreuen. Bislang fällt das Fazit positiv aus: "Im Grunde versuche ich, ein cooler Trainer zu sein. Das schaffe ich nicht immer, die Kinder kommen doch aus einer anderen Generation. Mein Sohn geht gerne zum Fußball, so schlimm mache ich es also hoffentlich nicht."

Gratzei hat sichtlich Spaß an seiner Arbeit bei der U13 des ASKÖ Murfeld, das Vereinsheim steht zwei Kilometer südlich der Merkur Arena. Weit weg vom Profifußball gehe es noch nicht so sehr um Pressing und dergleichen, erzählt er. Im Vordergrund steht das Spiel mit dem Ball: "Es ist wirklich lustig, weil von den Kindern viel zurückkommt. Meine Aufgabe ist eigentlich, ein Lernumfeld zu schaffen, in dem sie viel Spaß haben."

Oft heißt es, dass einer besonders viel Talent hat oder sehr schnell ist. Wir reden aber immer noch von 12-Jährigen.

Christian Gratzei

Auch mit den Eltern ist das Einvernehmen gut, das Wort der Sturm-Legende hat Gewicht. "Die Kinder wissen, wer ich bin - das kommt aber eher von den Eltern. Es schafft Vertrauen, weil die Eltern wissen, dass ich Erfahrung mitbringe. Entscheidend ist aber, dass ich zuhöre und den Kindern Freude am Spiel vermittle."

Es sei spannend, die Entwicklungen zu beobachten - gleichzeitig aber wichtig, die Kinder und das Umfeld auf dem Boden zu halten, meint er. "Oft heißt es, dass einer besonders viel Talent hat oder sehr schnell ist. Wir reden aber immer noch von 12-Jährigen."

Ein neuer Gratzei bei Sturm Graz

Sein mittlerer Sohn, Janne, gehört zum Jahrgang 2008. Von Hermann Stadler wurde er schon 2023 in das U15-Nationalteam berufen, gemeinsam mit vielen späteren U17-Vizeweltmeistern. Während des Turniers in Katar stand der Mittelfeldspieler - wie zuletzt bei der U18 - auf der Abrufliste. Janne geht seinen Weg bei Sturm Graz und wurde erst im Jänner zur zweiten Mannschaft hochgezogen.

Janne Gratzei (17) wurde von Sturm im Jänner in die zweite Mannschaft hochgezogen
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Janne Gratzei (17) wurde von Sturm im Jänner in die zweite Mannschaft hochgezogen

"Er hat sich früh ein Ziel gesetzt und das voll durchgezogen", sagt Gratzei. "Er lässt sich auch nur selten Ratschläge geben, sondern erfährt alles gerne selbst. Ich bin einfach stolz, dass er sich diese Möglichkeit erarbeitet hat. Am meisten bedeutet es mir, dass er seine Art beibehalten hat und sehr gefestigt ist."

Für den LASK aus der Komfortzone

Vor einem Jahr steckte der ehemalige Nationalspieler inmitten eines Kurzzeit-Engagements beim LASK. Für 96 Tage agierte er neben Trainer-Sportdirektor Markus Schopp als "Head of Football Operations" - eine Position, die es zuvor und danach nicht gab.

Von langer Hand geplant - wie man es vielleicht vermuten könnte - war der Wechsel nach Linz damals nicht.

Eigentlich hätte Gratzei eine neue Rolle als Sportdirektor des TSV Hartberg einnehmen sollen, vertraglich war dieser Schritt bereits vereinbart. "Nach der Übergangsphase haben wir gemerkt: Visionen für den Verein, Erwartungen, Zuständigkeiten und Umsetzungstempo passen nicht so zusammen, wie es für beide Seiten gut wäre. Deshalb habe ich mich entschieden, geordnet Platz zu machen."

Es war eine Chance, ein Projekt mitzugestalten, das gut funktionieren hätte können.

Christian Gratzei

Zu dieser Zeit habe er privat immer wieder mit Markus Schopp gesprochen, zunächst aber nicht über eine erneute Zusammenarbeit. Letztlich lag dann aber doch ein Angebot auf dem Tisch. Für Gratzei, dessen Karriere als Spieler, Trainer und Funktionär sich bislang immer innerhalb einer Autostunde von Graz abgespielt hatte, war es ein Schritt aus der Komfortzone.

"Ich wollte das aber unbedingt machen. Der Verein hat eine unglaubliche Infrastruktur und Know-how. Es war eine Chance, ein Projekt mitzugestalten, das gut funktionieren hätte können", sagt er.

Freiwilliger Abschied

Den Schlussstrich zog er nach der Freistellung von Schopp im April selbst: "Ich habe mir überlegt, wie die nächsten Monate ausschauen könnten. Wie viel Input kann ich geben? Wird der Input wirklich gehört? Es sind einige Fragezeichen offen geblieben."

Unterm Strich sei ihm nicht klar gewesen, ob die vereinbarte Rolle unter den geänderten Rahmenbedingungen wirksam bleibe. "Solche Sachen sind im Fußball normal - entscheidend ist, dass man sie respektvoll und intern klärt." Man habe sich im Guten getrennt, sagt er.

Gratzei und der LASK trennten sich im Guten
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Gratzei und der LASK trennten sich im Guten

Schopp hatte den Verein Anfang September 2024 auf dem vorletzten Tabellenplatz übernommen. Der Einzug in die Meistergruppe wurde trotz verbesserter Ergebnisse verpasst. Sportlichen Erfolg konnte man dem Steirer aber vor allem im Frühjahr nicht absprechen:

Die letzten vier Ligaspiele vor der Trennung konnte der LASK für sich entscheiden, nur zwei der letzten 13 Pflichtspiele gingen verloren. Dass Schopps Freistellung öffentlich mit sportlicher Entwicklung unter den Erwartungen begründet wurde, sorgte für Verwunderung.

Wie kalt erwischt wurde Christian Gratzei vom frühen Scheitern des gemeinsamen Projekts? "Es hat mich überrascht. Für mich war klar, dass es einen Umbruch in der Kaderstruktur geben muss, weil die Antworten auf die Fragen nach Spielidee, Kaderprofil und Erwartungshaltung in dieser Phase nicht passten."

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern in Linz steht Markus Schopp, der bei Amtsantritt mit einem Vertrag bis 2027 ausgestattet wurde, nicht für intensives Angriffspressing und ein schnelles Umschaltspiel, sondern für Ballbesitz und geordneten Spielaufbau.

Negativentwicklung

Intern habe sich eine Stimmung aufgebaut, die nicht mehr zu stoppen war. "Der LASK hat wegen seiner guten Voraussetzungen einen hohen Erwartungsdruck. Am besten sollte man nicht nur gewinnen, sondern dominant spielen. Dafür war die Mannschaft zu meiner Zeit aber einfach noch nicht bereit. Ich hatte den Eindruck, dass die Entwicklung in eine stabile Richtung geht, die darüber hinaus viel zulässt."

Siege alleine hätten nicht gereicht, meint er. "Der Fokus lag sofort auf der Frage: 'Warum war es nicht dominant genug?' – dieses 'Es ist immer zu wenig' war spürbar." An Personen möchte Gratzei diese Entwicklung nicht festmachen: "Das wäre unseriös. Mir geht's um die Dynamik."

Als ich da war, hat man nach positiven Momenten sofort in die Analyse geschaltet, statt kurz Energie mitzunehmen.

Christian Gratzei

Gratzei hält viel von Didi Kühbauer, der den Verein nach einem verkorksten Saisonstart unter Joao Sacramento in ruhigere Fahrwasser geführt hat.

"Dass Didi Kühbauer Erfolg hat, überrascht mich nicht. Er bringt genau das, was in solchen Momenten zählt – Energie und einfache Prinzipien. Inzwischen hat der LASK an der Kaderstruktur gedreht und viele Spiele gewonnen. Man sieht, dass die Stimmung gut ist. Wenn im Derby ein Tor fällt, laufen die Ersatzspieler quer über das Feld und feiern mit. Als ich da war, hat man nach positiven Momenten sofort in die Analyse geschaltet, statt kurz Energie mitzunehmen. Das ist nicht falsch, aber wenn es überwiegt, nimmt es der Gruppe Leichtigkeit. Die sieht man jetzt."

Es stellt sich die Frage, warum sich die Stimmung nicht bereits unter Markus Schopp drehen ließ. Gratzei führt zwei Faktoren ins Feld: "Erstens braucht so ein Stimmungswechsel Zeit und eine klare gemeinsame Linie im Klub. Zweitens war die Gruppe im Leistungsbild noch nicht so weit, dass der Anspruch 'dominant gewinnen‘ schon selbstverständlich getragen wurde – dadurch ist man nach positiven Momenten oft sofort wieder in die Korrektur gegangen."

Unter Didi Kühbauer ging es beim LASK seit Herbst bergauf
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Unter Didi Kühbauer ging es beim LASK seit Herbst bergauf

Das sei zwar professionell, nur emotional nicht unbedingt hilfreich. Das Zusammenspiel im Klub funktioniere jetzt besser: "Didi bringt in solchen Momenten genau das, was wirkt."

In seiner Rolle als eine Art Bindeglied zwischen Geschäftsführer Siegmund Gruber und Markus Schopp hätte er zwischen zwei starken Persönlichkeiten vermitteln sollen. Hinzu kamen diverse Alltagstätigkeiten: Gespräche mit den Greenkeepern, die Leitung von Amateuren und Akademie, um den Betrieb zu koordinieren, sowie regelmäßiger Austausch mit dem hauseigenen Datenanbieter, um das Scouting-System anzupassen.

Ich war im Endeffekt nur dreieinhalb Monate dort. In dieser Zeit ist es nicht möglich, eine Gesamtbilanz über einen Klub zu ziehen.

Christian Gratzei

Ob eine solche Position mit all ihren Herausforderungen funktionieren kann, lässt er offen. "In einem guten Dreieck kann es funktionieren. Man muss offen und ehrlich miteinander umgehen. Ich war im Endeffekt nur dreieinhalb Monate dort. In dieser Zeit ist es nicht möglich, eine Gesamtbilanz über einen Klub zu ziehen. Ich habe versucht, prozessual etwas zu hinterlassen."

Perspektive Bundesliga

Auf die Frage, inwiefern langfristig angelegte sportliche Projekte in Österreichs Profifußball überhaupt möglich sind, holt Gratzei aus: "Der Fokus liegt auf den Trainern und Sportdirektoren. Eigentlich darf der Erfolg aber gar nie von zwei Personen abhängig gemacht werden."

Vom Vorstand, Aufsichtsrat und allen weiteren Gremien brauche es klare Vorgaben und eine Idee. "Muss man auf internationale Transfers setzen, um Kosten zu decken, oder setzt man auf den eigenen Nachwuchs, um ihn später zu verkaufen? Wie kann es den Verein noch in 100 Jahren geben? Ich bin mir sicher, dass Österreich da Aufholbedarf hat."

Wenn Fehler im Scouting passieren, gibt es nach außen den Sportdirektor als Verantwortlichen. Im Hintergrund laufen aber viele Mechanismen ab.

Christian Gratzei

In der Außenwahrnehmung werde die Verantwortung ebenso auf zu wenige Schultern verteilt. "Wenn Fehler im Scouting passieren, gibt es nach außen den Sportdirektor als Verantwortlichen. Im Hintergrund laufen aber viele Mechanismen ab, ein Sportdirektor kann sich gar nicht jeden Spieler im Detail anschauen. Der Vorschlag kommt ursprünglich von einem Scout, später schaut noch der Trainer darauf und hat vielleicht eine eigene Meinung", sagt der langjährige Bundesliga-Torwart.

Gegenseitiges Vertrauen und gute Abstimmung seien daher essenziell. "In einem Verein, der in seiner strategischen Ausrichtung das Ziel hat, Spieler zu entwickeln, muss der Trainer das Gefühl haben, dass er sich den Spieler ausgesucht hat. Wird über ihn hinweg entschieden, gesteht er dem Spieler vielleicht zwei oder drei Fehler zu und schreibt ihn dann womöglich ab. Gibt es aber eine gemeinsame Vision, wird dem Trainer die Zusammenarbeit viel leichter fallen."

Christian Gratzei als Torwart-Trainer in Hartberg
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Christian Gratzei als Torwart-Trainer in Hartberg

Um diese Prozesse erst richtig ins Laufen zu bringen, bräuchte es eigentlich Zeit. Die war in den letzten Jahren bei den meisten Bundesligisten knapp. Vereine, bei denen Trainer und Sportdirektor länger als 12 Monate zusammenarbeiten, lassen sich an drei Fingern abzählen.

Dabei würde die Arbeit ja eigentlich erst beginnen, wenn es nicht läuft, meint Gratzei: "Meistens wird der Trainer genau dann entlassen, wenn er eigentlich richtig in die Gänge kommen sollte. Man müsste erkennen, dass der erste Impuls, den man der Mannschaft gegeben hat, zwar weg ist - trotzdem kann derselbe Trainer mit Leadership und neuen Ideen wieder für Aufschwung sorgen."

Gratzei vertraut auf Strukturen, die nicht an zwei Personen hängen. Stattdessen brauche es eine gemeinsame Linie: "Wenn ein Verein ein klares Bild hat und konsequent danach arbeitet, entsteht Substanz - sportlich und wirtschaftlich. Da finde ich mich wieder."

Plädoyer für heimische Talente

Auch die Entwicklung des eigenen Nachwuchses habe in den letzten Jahren unter dem hohen Druck gelitten. "Zu meiner Anfangszeit bei Sturm Graz war es anders. Wir wurden einfach reingeworfen, schwimmen muss man dann natürlich selbst. Der eine hatte dafür vielleicht ein bisschen mehr Zeit, der andere weniger. Grundsätzlich gilt aber, dass wir die Chance bekommen haben, es zu schaffen. Das gibt es momentan fast nicht mehr."

Wenn ich mir die internationalen Ergebnisse anschaue, stelle ich mir die Frage: Könnte man das nicht auch mit österreichischen Spielern schaffen?

Christian Gratzei

Im Gegensatz zu den letzten Jahren lässt sich dieser Entwicklung derzeit weder mit internationalem noch nationalem sportlichem Erfolg entgegnen.

"Wenn ich mir die internationalen Ergebnisse anschaue, oder die Liga, in der es trotz hoher Ausgaben knapp zugeht, stelle ich mir die Frage: Könnte man das nicht auch mit österreichischen Spielern schaffen? Ich bin davon überzeugt, dass wir nicht schlechter abschneiden würden. Geduldfenster für junge Spieler ergeben sich nur bei schlechten Finanzen. Wer Ausbildung ernst meint, braucht auch den Mut, junge Spieler durch Fehlerphasen zu tragen – und das muss vom ganzen Klub mitgetragen werden. Nicht nur als öffentliche Werbekampagne."

Persönliche Zukunft

Als Sportdirektor könnte Gratzei derartige Prozesse selbst beeinflussen. Anfragen hat es in den vergangenen Monaten immer wieder gegeben, auch für Positionen in Trainerteams. Ergeben hat sich bislang noch nichts, derzeit bleibt viel Zeit für die Familie.

Auch ein größeres privates Projekt konnte er zuletzt vorantreiben: Graz soll eine Indoor-Kunstrasenhalle bekommen. An der Umsetzung arbeitet er gemeinsam mit einem Freund: "Wir sind in der Genehmigungs- und Umsetzungsphase auf einem guten Weg und haben in sehr zentraler Lage einen Standort gefunden. So etwas gibt es hier noch nicht, ich habe das schon seit Jahren im Kopf, weil ich den Fußballinteressierten etwas bieten möchte. Wir hoffen, dass es großen Anklang findet."

Ich bin nicht abgeneigt - er vielleicht schon. Man müsste ihn fragen.

Gratzei über eine Zusammenarbeit mit Markus Schopp

Außerdem nimmt das Training seiner U13 Zeit in Anspruch: "Ich will es gut machen und versuche, nicht einfach aus der Hüfte zu schießen. Ich gehe schon darauf ein, welche Wünsche und Ideen von den Kindern kommen."

Offen für neue Aufgaben im Profibereich bleibt er jedenfalls. Vielleicht auch wieder im Doppelpack mit Markus Schopp. "Wir haben das klar abgesprochen. Jeder wird seine Anfragen bekommen und dann wird man sehen, inwieweit es Übereinstimmungen gibt", sagt Gratzei.

Wenn man sich so lange kennt, wisse man natürlich, was man aneinander hat. Zum Abschluss auf eine erneute Zusammenarbeit angesprochen, schmunzelt er: "Ich bin nicht abgeneigt - er vielleicht schon. Man müsste ihn fragen."

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