2016 hat Voodoo Jürgens mit dem Lied "Heite grob ma Tote aus" die heimische Musikbühne betreten und gehört seitdem zum Stamminventar. In seiner Kindheit kickte er mit Stefan Maierhofer, ging in den 90er-Jahren zum SK Rapid ins Stadion.
In seinen schwarzhumorigen Texten geht es zwar auch auf der neuen Platte "Gschnas" nicht explizit um Fußball. "Die Fußballlieder schreibt ja auch der Nino aus Wien", sagt er dazu.
Dennoch, Jürgens besingt in seinen Texten eher die, die man auf der Fantribüne trifft, nicht jene, die im VIP-Klub sitzen. Letztlich haben Fußball und Musik viel gemeinsam. Etwa, dass es ein Hobby ist, das man zum Beruf macht. Und "I am from Austria" ist ja auch eine Sporthymne, obwohl der Sport kein einziges Mal darin vorkommt.
Im Rahmen des Interviews spricht er nun über seinen Weg in die Musik, die zahlreichen Berührungspunkte mit dem Fußball und ob er sich die WM-Spiele ansieht.
90minuten: Wenn du ein Fußballer in einem bestimmten Spiel sein könntest, wer wäre es?
Voodoo Jürgens: (denkt nach) Ich wäre Andrea Pirlo und würde mit Italien gegen Holland spielen.
90minuten: Angefangen hat bei dir alles in Tulln, das ist keine Fußballstadt. Du hast als Kind aber wohl schon gekickt, oder?
Voodoo Jürgens: Meine Familie hat schon mit Fußball zu tun gehabt. Mein Großvater hat recht erfolgreich beim FC Tulln gespielt, mein Onkel war in der Südstadt. Ich war zwar in der Sporthauptschule, aber nur kurz beim Verein, gemeinsam mit Stefan Maierhofer, nachdem der von Gablitz nach Tulln gekommen ist. Wie man weiß, ist er seinen Weg dann gegangen. Ich bin dann lieber Skateboard-Fahren gegangen.
Es war halt klassisch: Bist du Rapid- oder Austria-Fan? Und weil mein nur eineinhalb Jahre älterer Onkel ein Grün-Weißer war, bin ich sicherheitshalber auch einer geworden.
90minuten: Warst du damals auch Fan eines Fußballvereins?
Voodoo Jürgens: Es war halt klassisch: Bist du Rapid- oder Austria-Fan? Und weil mein nur eineinhalb Jahre älterer Onkel ein Grün-Weißer war, bin ich sicherheitshalber auch einer geworden.
90minuten: Wie intensiv hast du das gelebt?
Voodoo Jürgens: Eine Zeit lang hatte ich ein Dress, war im Stadion, gemeinsam mit einem Freund meiner Mutter. Der war ein richtiger Rapidler. Das war in der glorreichen Zeit von Rapid, in den 90er-Jahren. Es hat sich dann alles aber verloren. Es ist auch so, dass ich mich zu sehr reinsteigere, ein Fußballspiel regt mich so sehr auf, dass es nicht mehr gesund ist. Und es ist in den Hintergrund gerückt, die Musik hat mich mehr interessiert.
90minuten: Dabei wäre es für einen Österreicher sogar wahrscheinlicher gewesen, mit dem Hobby "Fußball" Geld zu verdienen als mit der Musik.
Voodoo Jürgens: Ich bin ja spät zum Verein gekommen und das hat man auch gemerkt. Für einen Stammplatz hätte ich voll reinhackeln müssen. Aber ich habe nicht gespürt, dass irgendwas in mir ist, um im Fußball etwas zu reißen. Die, von denen ich gedacht hätte, sie hätten Talent, aus denen ist nichts geworden. Dass der Maierhofer der ist, der die Profikarriere macht, war damals ja auch nicht abzusehen. Ich bin zudem überhaupt nicht davon ausgegangen, dass ich von Musik leben kann. Mir ging's drum, ein Instrument zu lernen und mit Freunden gemeinsam zu musizieren.
Klar, du singst auf Englisch und malst dir aus, überall hinzufahren. Mein Lebensentwurf sah aber eher vor, dass ich immer musiziere, aber wahrscheinlich daneben arbeiten muss. Wir haben mit den Eternias jedoch schon lange zusammengespielt, experimentiert, Connections gesammelt. Der Erfolg hat sich nicht eingestellt. Das war aber nicht so dramatisch, wie es manchmal beschrieben worden ist.
90minuten: Als Fußballer musst du dich eben früher entscheiden, früher als in der Musik?
Voodoo Jürgens: Es werden auch viele verbraten. Du denkst, die reißen etwas und dann kommt eine Verletzung oder sonst was. Es ist überhaupt der falsche Ansatz, das Hobby als Beruf zu sehen. Dass es für mich funktioniert hat, war Glück. Weil ausrechnen kannst du dir das nicht. Du kannst nur ehrlich sein und hoffen, dass es ankommt. Dass es diesen einen Weg gibt, dem man folgen muss, um im Business erfolgreich zu sein, glaube ich einfach nicht.
90minuten: Funktioniert eine Band nicht ähnlich wie ein Fußballteam - Alle feiern die Stürmer und Sänger, den Rest sieht man nicht so und trotzdem muss es funktionieren?
Voodoo Jürgens: Bei meiner ersten Band war es kompliziert, weil alle zu jedem Thema eine Meinung hatten. Voodoo Jürgens startete als Soloprojekt. Nur der Name ist aus den Eternias raus entstanden. Als wir uns die Proben per E-Mail ausgemacht haben, haben wir immer Prominentennamen verwendet und die verdreht. Mir hat es auch grafisch gefallen, mit den zwei "oo", also hab ich ihn beim Auflegen verwendet und nach der Auflösung der Band eben auch.
Erst als das Ding schon im Rollen war, kamen Musiker dazu, die dem Ganzen vertraut haben. Da war die Rollenverteilung kein Problem. Es war aber kein Masterplan dahinter, die Band hatte sich einfach aufgelöst und ich hab es als Voodoo Jürgens ausprobiert. Dann ist es sehr schnell gegangen.
90minuten: Hattest du einen Zeitpunkt, an dem du dir gesagt hast: Ok, ich mach jetzt nur noch Musik?
Voodoo Jürgens: Als das mit Voodoo begonnen hat, war ich beim AMS gemeldet und hab Computer- und Englisch-Kurse gemacht. Ich habe nicht einmal gesagt, dass ich mich als Musiker sehe, weil mich eh keiner ernst genommen hätte. Irgendwann habe ich es einem erzählt und der meinte, ich könnte doch auf Hochzeiten singen. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber schon einige Konzerte gespielt und gemerkt, dass es sich finanziell ausgehen könnte.
Es darf halt nicht in Richtung Sozialporno abdriften. Wenn man sich diese Hartz-IV-Sendungen ansieht, ist das ja eher so: Haha, schau, wie arm die Trottel sind. Das finde ich traurig.
90minuten: Dem Fußball bist du verbunden geblieben, etwa beim Ute-Bock-Cup oder beim Verein 1210 in Floridsdorf. Warum?
Voodoo Jürgens: Das waren ausgewählte Sachen. Der Ute-Bock-Cup ist einfach unterstützenswert, in Floridsdorf war es ähnlich. Dort hat der Ostbahn-Kurti auch schon gespielt gehabt und es ging darum, dass sie die Kantine retten. Wir sind jetzt keine Fans der Klubs, das wollen wir nicht vorgaukeln. Es musste einfach passen.
90minuten: Der Fußballfan an und für sich passt doch etwas zu den Leuten aus der Halbwelt, über die du singst. Hast du auch Inspiration aus dem Fußball gezogen? Wir sprechen kurz nach den Derbyrandalen, da wird immer wieder darauf verwiesen?
Voodoo Jürgens: (denkt nach) Das hat viel mit dem Thema Klasse zu tun, also wo man selber herkommt. Was soll ich über die Reichen singen? Da gehöre ich nicht dazu. Im Mainstream finden die anderen nicht so Platz. Es darf halt nicht in Richtung Sozialporno abdriften. Wenn man sich diese Hartz-IV-Sendungen ansieht, ist das ja eher so: Haha, schau, wie arm die Trottel sind. Das finde ich traurig. Wenn, muss man das mit Würde machen, es ist ja nicht jeder mit dem goldenen Löffel geboren.
Ich mache mir schon Gedanken über die Inhalte. Was ich auf der ersten Platte gesungen habe, würde ich heute nicht mehr texten. Ich stehe nach wie vor dazu, weil ich damals eben in so einer Situation drinnen war. Das wäre jetzt nicht mehr möglich. Es gibt aber noch immer genug Sachen, über die man berichten kann.
90minuten: Das ist jetzt eine reine Musikfrage, die nichts mit Fußball zu tun hat. Aber es passt gut dazu und ist interessant: Manche Musiker hassen ihren ersten Hit, Radiohead kann mit Creep nicht viel anfangen. Wie ist das mit "Heite grob ma Tode aus"?
Voodoo Jürgens: Ich verstehe das bei Radiohead, weil sie sich Richtung Avantgarde-Pop entwickelt haben. Bei uns driftet es musikalisch nicht so weit auseinander, wir spielen jetzt nicht komplett anders als damals. Aber wir haben zuweilen schon überlegt, ob wir es weglassen. Aber warum eigentlich? Uns bricht kein Zacken aus der Krone, also schauen wir, wie wir das Lied am Leben erhalten können und laden das Publikum ein, mitzusingen.
90minuten: Der "Taxitänzer" von der neuen Platte "Gschnas" hört sich schon nach einer Nummer an, die sich ähnlich entwickeln könnte.
Voodoo Jürgens: Am Ende weiß man nie, welche Nummer wirklich zieht. Du suchst Singles raus, aber es ist ein Poker. "2l Eistee" ist auch eine Nummer, die die Leute auf Konzerten gerne mitsingen, war aber nie eine Single. Da wäre noch mehr gegangen.
90minuten: Dieselbe Nummer immer irgendwie ein bissl anders zu schreiben funktioniert selten. Im Fußball darf man sich als Talent auch nicht auf ein paar guten Spielen ausruhen, oder?
Voodoo Jürgens: Als Musiker kann ich nicht immer denselben Schmäh bringen, das interessiert mich einerseits nicht, andererseits funktioniert es glaube ich nicht. Der Messi spielt heute auch anders als zu Beginn. In dem Alter kann er nicht so viel laufen und muss sich was anderes überlegen. Es ist von Haus aus in einem drinnen, dass man gerne etwas Neues macht.
90minuten: Aber ein bissl weniger morbid ist "Gschnas" schon?
Voodoo Jürgens: Die Herangehensweise war anders. Früher habe ich immer alle Texte geschrieben. Jetzt haben wir die Musik gemacht, in Bremen nur die Musik aufgenommen und ich habe die Texte über einen längeren Zeitraum geschrieben. Das war eine komplett andere Herangehensweise. Vielleicht ist es deshalb ein bisschen anders.
90minuten: Die Welt da draußen ist ja schon schlimm genug ...
Voodoo: … wobei die Platte schon auch traurige Momente hat. Das Leben ist im Optimalfall lustig und hat leiwande Zeiten, manchmal geht’s einem aber auch oasch.
90minuten: Bei "Langsam wirst ma fremd" höre ich ein bissl klassischen Austropop wie von Ambros, Fendrich und so weiter.
Voodoo Jürgens: Es ist wohl die austropopigste Nummer und eine Anspielung auf das Ambros-Lied "Langsam wachs ma zam". Das Schlagzeug ist für uns auch ungewöhnlich, wir haben es witzig gefunden, einen anderen Groove zu nehmen.
Vielleicht komme ich ja wieder in eine Phase rein, wo mich Fußball voll flasht. Aktuell würde es mir keiner abkaufen. Die Fußballlieder schreibt ja auch der Nino aus Wien.
90minuten: Siehst du dich in 20 Jahren auch auf der großen Festbühne am Donauinselfest?
Voodoo Jürgens: Ich habe mich nie in der Austropoptradition verortet. Auf Englisch habe ich mich halt nicht so ausdrücken können, wie ich denke. Eine Zeit lang war Austropop ja auch verpönt. Am Anfang sind da richtig gute Platten rausgekommen, dann wurde es ein bissl beliebig in den 90ern. Ich kann es nicht lenken, es würde mich aber freuen, wenn etwas von meiner Kunst übrig bleibt. Letztlich haben wir ja schon am Donauinselfest geheadlinet, einmal bei FM4, einmal bei 88.6.
90minuten: Apropos, Udo Jürgens hat die "Wunderknaben" zur WM 1998 geschrieben, würdest du dich auch für sowas hergeben?
Voodoo Jürgens: Vielleicht komme ich ja wieder in eine Phase rein, wo mich Fußball voll flasht. Aktuell würde es mir keiner abkaufen. Die Fußballlieder schreibt ja auch der Nino aus Wien.
90minuten: Bleiben wir bei Topstars. Der Weg zur Spitze ist zudem einfacher, als oben zu bleiben. Wie siehst du das?
Voodoo Jürgens: Selbst wenn etwas gut funktioniert wie das Voodoo-Dings, kann der Anspruch nicht sein, dass jedes Album immer sofort auch auf die Eins geht. Im Sport geht es schon darum, immer zu gewinnen, das ist in der Kunst ein bissl anders. Aber die Erwartungen sind schon da, du wirst auch schnell abgeschrieben.
90minuten: Was du mit Kickern gemeinsam hast, ist, dass du in der Öffentlichkeit stehst. Wie viel kann man denn herzeigen. Wie viel David Öllerer steckt in der Bühnenperson?
Voodoo Jürgens: Da steckt schon viel Privates drinnen, es ginge aber auch anders. Ich habe für mich selbst abgesteckt, was ich preisgeben will. Der Hardcore-Seelenstriptease ist mir zu viel. Es ist notwendig, dass ein paar Dinge im Verborgenen bleiben. Gerade heutzutage mit Social Media und dieser gefakten Realität, die man den anderen dort vorgaukelt, wie super nicht alles ist.
90minuten: Hast du eigentlich einmal mit Stefan Maierhofer über das Berühmtsein gesprochen?
Voodoo Jürgens: Unsere Wege haben sich nur kurz gekreuzt.
90minuten: Ich meine nur, viele Leute, die in den Fußball reingehen, kommen auch nicht gerade aus reichen Familien. Wie geht man mit dem öffentlichen Dasein um, das man nicht kennt?
Voodoo Jürgens: Da muss man viel lernen. Ich habe jetzt nicht darüber nachgedacht, wie es ist, wenn man berühmt ist. Was da alles dran hängt! Ich trage Verantwortung für sie, auch für das, was man öffentlich sagt. Du wirst öffentlich zudem erkannt. Viele Junge wollen heutzutage berühmt sein, egal womit. Für mich ist das aber das Nervigste. Sich frei zu bewegen, hat eine enorme Qualität. Du kannst ja auch nicht jedem, der dich erkennt sagen: Geh scheißn, geh ma net am oasch.
90minuten: Hast du dir die Spiele unseres Nationalteams in den Kalender eingetragen und schaust sie?
Voodoo Jürgens: Ich werde mir das schon ansehen, aber in Amerika ist alles so schwindlig. Für europäische Fans wird es kein Problem sein, aber was ist mit südamerikanischen oder afrikanischen Teams. Es wird stattfinden und es wäre traurig, wenn es nicht stattfindet, gerade wenn unser Nationalteam endlich wieder dabei ist. Es raubt einem aber die Lust. Und es ist speziell die USA, auch wenn man die FIFA natürlich auch kritisieren kann – die WM findet ja auch oft dort statt, wo es komisch ist.
90minuten: Künstler werden oft zu gesellschaftlichen oder politischen Themen befragt, bei Fußballern ist das anders, warum?
Voodoo Jürgens: Bei Musikern ist es auch so, dass es oft heißt: Mach dich nicht so wichtig, sondern deine Musik. Aber ein Fußballer hat keinen Text, den man interpretiert. Der kann sich politisch äußern oder nicht. Meine Texte sind nicht hochpolitisch, aber ich äußere mich schon und das wird dann auch kommentiert. Letztens hat sich ein Countrysänger politisch geäußert. Die gelten ja eher als konservativ und er hat das Gegenteil gesagt. Dann hieß es: Geh komm, dafür zahlen wir dich nicht.
90minuten: Was Musik und Fußball verbindet sind die hohen Ticketpreise.
Voodoo Jürgens: Meine Konzerte sind recht billig, aber viele Preise sind schon absurd. Das geht nicht alles an die Musiker. 200 Euro für ein Ticket, da wird das alles elitär und das soll weder Fußball noch Musik sein.
90minuten: Ein Kicker, der zehn Jahre im Geschäft war und es in eine große Liga schafft, muss vermutlich nicht mehr wirklich hackeln. Ärgerst du dich manchmal, dass du nicht doch Fußballer geworden bist?
Voodoo Jürgens: Die Summen, die da bezahlt werden, sind schon absurd. So viele Millionen braucht man dann auch wieder nicht. Neidisch bin ich aber nicht. Dass es mit der Musik funktioniert, ist eh ein Privileg.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler