Das ÖFB-Frauen-Nationalteam hat Probleme, das ist in den letzten eineinhalb Jahren ersichtlich gewesen.
Irene Fuhrmann hatte den Hut genommen, Nachfolger Alexander Schriebl konnte die Thematiken nicht in den Griff bekommen. Diese sind, wie so oft im Fußball, im mentalen bzw. gruppendynamischen Bereich.
Nun ist mit Lars Söndergaard ein erfahrener Mann neuer Coach. Er coachte die dänische Frauen-Nationalmannschaft von 2017 bis 2023 - unter anderem bei einer Weltmeisterschaft, dem erklärten Ziel der ÖFB-Frauen.
Peter Schöttel legte den Weg zu dieser Entscheidung dar. Dieser wirkte zufällig. Im 90minuten-Interview verteidigt Schöttel dieses Vorgehen aber. Dazu ist er bemüht zu erklären, warum es mit Alexander Schriebl nicht klappte.
90minuten: Sie waren bei der Pressekonferenz sehr offen – würden Sie so, auch mit all der Offenheit – die Entscheidung bei einem Männer-Teamchef begründen?
Peter Schöttel: Mein Versuch, die Situation wirklich so darzustellen, wie sie war, wird von manchen eben negativ ausgelegt. Das nehme ich zur Kenntnis. Natürlich hätte ich die in der Branche üblichen Phrasen hinschmeißen können. Fakt ist aber, dass es genauso war und wir in den letzten Lehrgängen immer wiederkehrende Themen vorgefunden haben. Die Spielerinnen und die Betreuergruppe sind nicht die notwendigen Schritte aufeinander zugegangen. Mir hat in Folge die Phantasie gefehlt, dass diese Konstellation zum Erfolg führt.
Lars hatte ich, wie bei der Pressekonferenz dargelegt, als Außensicht nach dem ersten Lehrgang 2026 um seine Meinung gebeten. In der aktuellen Situation war mir klar, dass wir jemanden brauchen, der im Frauenfußball auf höchster Ebene gearbeitet hat. Und Lars war in Dänemark in einer sehr vergleichbaren Situation. Sollte ich diese Situation einmal, nach noch einigen Jahren Ralf Rangnick, noch einmal erleben und mir sicher sein, dass einer die beste Lösung für das Männer-Nationalteam ist, würde ich es genauso machen.
Jeder ist, wie er ist, und das ist meine Art nach außen zu kommunizieren. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich bestmöglich darzustellen, etwa mit hochwissenschaftlichen Argumentationen für Entscheidungen.
90minuten: Viele hatten wohl noch die Bestellung von Franco Foda im Hinterkopf, wo Sie lange erklärt hatten, wer abgesagt hatte – und dass Sie es bei Rangnick nicht glauben konnten, dass er ernsthaft interessiert sein könnte.
Schöttel: Nochmals – die üblichen Phrasen zu dreschen interessiert mich nicht mehr. Jeder ist, wie er ist, und das ist meine Art nach außen zu kommunizieren. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich bestmöglich darzustellen, etwa mit hochwissenschaftlichen Argumentationen für Entscheidungen. Aber Bauchgefühl in Kombination mit fachlicher Expertise haben eine Situation ergeben, in der ich mir sicher war, dass es passt.
90minuten: Wollte der Aufsichtsrat nicht auch eine Long- und eine Shortlist?
Schöttel: Ich habe jedes Aufsichtsratsmitglied persönlich kontaktiert und exakt die Gründe für meine Entscheidung dargelegt. Es hat einfach nicht mehr zusammengepasst. Meine Erfahrung zeigt mir, dass wir nur dann stark sind und unseren Fußball spielen können, wenn wir als geschlossene Einheit auftreten. Was ich klar sagen will: Es ist nichts Böses vorgefallen.
90minuten: Ohne eine Ausrede zu liefern: Im April einen passenden Trainer zu finden, ist nicht so leicht.
Schöttel: Man bekommt natürlich mit, wer verfügbar ist. Die Konstellation war ähnlich günstig wie bei Ralf. Der hatte die Perspektive EM in Deutschland und die WM in den USA, Kanada und Mexiko. Lars Söndergaard hat mir erzählt, dass er dachte, das Spiel mit der dänischen Nationalmannschaft in Australien vor 70.000 Menschen war sein letztes und ein würdiger Abschluss. Das aber noch einmal erleben zu können, motiviert ihn. Er war jetzt nach der Pressekonferenz auch vier Tage hier am Campus einquartiert, hat viel mit Mitarbeitern gesprochen, den Staff zusammengestellt, generell viele Dinge erledigt. Am Mittwoch waren wir zudem in der Frauenakademie in St. Pölten.
90minuten: Wenden wir uns der Ära Schriebl zu. Er hat mir noch vor ein paar Wochen vor dem Deutschland-Doppel ein Interview gegeben und seine Bilanz aus seiner Sicht als durchaus positiv dargestellt.
Schöttel: Man kann die Dinge auch anders sehen als nur schwarz-weiß. Wenn man in das Thema eintaucht, sind viele Ergebnisse tatsächlich ein normaler Prozess. Die Wahrheit ist, dass wir letztes Jahr im Frühjahr die wichtigen Spiele gegen Schottland gewonnen haben. Dann haben wir in Tschechien schlecht gespielt, verloren und es daheim ausgebessert. So blieben wir in der Liga A der Nations League. Beim Spanien-Lehrgang am Ende des Jahres dachten wir, dass dieser eine gute Möglichkeit ist, Dinge ohne Qualifikationsdruck und Stress zu besprechen und als Gruppe näher zusammenzufinden.
Die Spiele dort gegen die Ukraine und Finnland waren dann nicht so gut. Wir hatten durch den Verbleib in der Nations League Gruppe A definitiv bessere Karten für die Qualifikation; aber neben Deutschland ist im Normalfall auch Norwegen über uns zu stellen, obwohl wir zuletzt gegen die Skandinavierinnen gute Ergebnisse erzielt hatten. Dann kam dieses seltsame Spiel im Nebel in Slowenien. Ich habe auf der Tribüne nur die Spielerinnen auf einer Seite gesehen und es am Handy geschaut, da hat man mehr gesehen.
90minuten: Der Teamchef hat dieses Spiel richtig eingeordnet ("Die schlechteste Leistung kann man nicht wegleugnen"). Aber auch das Norwegen-Spiel war alles andere als gut, damit war er zufriedener.
Schöttel: Ich habe die positive Analyse danach auch nicht ganz nachvollziehen können. Wir waren in diesem Spiel sehr defensiv, aber sehr klar eingestellt und haben davon profitiert, dass die Norwegerinnen ihre zahlreichen Strafraumsituationen nicht zu Ende gespielt haben. Wir haben uns gewehrt und adaptiert, kassierten das Gegentor dann in einer Phase, in der wir eigentlich besser waren. Das Spiel in Slowenien war einfach wirklich zu wenig, das wissen auch die Spielerinnen.
Wir haben bei den Männern rund zehn Innenverteidiger, die alle bei der WM spielen könnten. Die Situation bei den Frauen ist in dieser Hinsicht schon ganz anders. Wir können auf unsere Topspielerinnen einfach nicht verzichten.
90minuten: War da im slowenischen Nebel der Moment, wo Sie dachten: Jetzt muss ich handeln?
Schöttel: Grundsätzlich: Jemandem mitzuteilen, dass man nicht mehr zusammenarbeitet, ist nie schön. Das ist auch unabhängig von der Frage, ob man vielleicht eine falsche Einschätzung der Situation vorgenommen hatte. Und nein, es lag nicht an diesem Spiel. Ich wollte noch das Deutschland-Doppel abwarten und da war es eben auch wieder so, dass wir sehr unterschiedliche Phasen im Spiel hatten. Das hat sich eigentlich durch alle 14 Spiele durchgezogen.
Wir führen beispielsweise gegen die Niederlande und bekommen postwendend das Gegentor. Oder umgekehrt im Schlüsselspiel gegen Deutschland, mit vielen Fans und Prominenz in Wien: Zur Pause stand es 0:6. Die zweite Halbzeit war nur noch Schadensbegrenzung, was aber auch gelungen ist. Was ich sagen will, ist, dass wir alle diese Schwankungen nicht in den Griff bekommen haben.
90minuten: Wenn man es nun aus Schriebl-Sicht sehen will, dann ist es eigentlich unfair, dass man ihn nach einem schwierigen Herbst holt und die Zusammenarbeit jetzt nach dem historischen 0:0 beendet. Für die Themen im Kader kann er ja nichts.
Schöttel: Diese Gedanken sind mir auch durch den Kopf gegangen. Gerade weil die Mannschaft und Alex, wir alle gerade diesen Punkt geholt hatten. Die mittel- bis langfristige Tendenz war aber ausschlaggebender. Schon im Herbst 2024 gab es da so eine Entwicklung im Team. Irene (Fuhrmann; Anm.) und ich sind den ganzen Dezember zusammengesessen und haben überlegt, was wir machen können. Am Ende gab es einen Komplettumbruch.
Es sind neben der Teamchefin ja etliche Leute aus dem Staff gegangen. Die waren teilweise seit zehn, 15 Jahren dabei. Bei manchen wollten wir das als ÖFB, andere haben von sich aus aufgehört. Wir sind damals auch davon ausgegangen, dass vielleicht die eine oder andere Spielerin aufhören könnte. Alex Schriebl hat mich trotz wenig Erfahrung im Frauenfußball überzeugen können. Wir dachten, dass das zwischenmenschlich passt und wir das gut hinbekommen.
90minuten: Die Öffentlichkeit bzw. Spielerinnen hatten sich damals wohl einen größeren Namen erwartet. Ist das bei Lars Söndergaard nun ausreichend der Fall?
Schöttel: Er ist definitiv ein Trainer von internationalem Format und mit Erfahrung im Frauenfußball.
90minuten: Gab es damals, gibt es heute vielleicht auch finanzielle Einschränkungen?
Schöttel: Ich habe ein vorgegebenes Budget für diese Position, und an das habe ich mich bei Irene und Alex ebenfalls gehalten. Dieses Budget ist durchaus vergleichbar.
90minuten: Konkret heißt das, dass es nicht möglich ist, den oder die Trainer:in eines deutschen Bundesligisten zu holen?
Schöttel: Das kann man so nicht sagen. Das Wichtigste ist ohnehin, dass alles zusammenpasst.
90minuten: Der Elefant im Raum ist die Situation im Kader. Es wird mal öffentlich, mal hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen, dass es nicht passt. Jetzt kommt der dritte Trainer. Ein Sportdirektor im Klubfußball könnte Verträge auflösen, Transfers anstreben und so weiter. Ralf Rangnick hat Aleks Dragovic trotz 100 Länderspielen vor die Türe gesetzt.
Schöttel: Wir haben bei den Männern rund zehn Innenverteidiger, die alle bei der WM spielen könnten. Die Situation bei den Frauen ist in dieser Hinsicht schon ganz anders. Wir können auf unsere Topspielerinnen einfach nicht verzichten. Und ich möchte anmerken, in welchem Zustand der Frauenfußball war, als einige von den Routiniers angefangen hatten.
90minuten: Diese haben den Frauen-Fußball quasi mitaufgebaut.
Schöttel: Genau, es gibt diese eine erfolgreiche Generation und es kommen Jüngere nach. Dass die Truppe schon einmal homogener war, wissen sie auch. Dieser Hierarchiewechsel ist normal. Aber wenn es zwischen Spielerinnen und Betreuern nicht zu hundert Prozent passt, entsteht diese schwierige Situation.
Vergleichbare Verbände haben diese Position für den Frauen-Fußball. Das ist immer auch ein Ressourcen-Thema. Wir haben den Strategieprozess, im Zuge dessen wir hoffen, diese Kapazitäten freizubekommen.
90minuten: Aber was macht man, wenn es nun mit Söndergaard auch nicht besser wird? Selber Kaderstamm, zwei Jahre, drei Trainer.
Schöttel: Wir haben schon auch eine große Verletzungsthematik. Wenn von zehn Führungsspielerinnen immer fünf verletzt sind, ist das schwierig. Was ich mir von Lars erhoffe, ist, dass seine Art zu arbeiten so funktionieren wird, dass wir eine Entwicklung sehen. Das muss auch nicht heißen, dass wir uns für die WM qualifizieren.
Im Frauenfußball ist zudem der Unterschied zu den Topnationen noch immer größer als bei den Männern. Es gibt vier, fünf ganz große Nationen und dann 30 auf einem Niveau, weil viele aufgeholt haben. Und in der Liga A spielst du immer gegen die Besten, musst immer an dein Limit gehen, kannst nie etwas ausprobieren.
90minuten: Das hat aber alles wenig damit zu tun, wie man mit verdienten Spielerinnen umgeht.
Schöttel: Das stimmt.
90minuten: Bei der Pressekonferenz wurde gefragt, wie die Unterstützung verbandsseitig aussehen kann. Hat sich Söndergaard etwas überlegt hinsichtlich mentaler Unterstützung, Teambuilding und so weiter?
Schöttel: Das haben wir alles immer schon gemacht. Das wurde auch gut angenommen. Wir müssen es weiter versuchen, mit zum Teil neuem Personal. Das ist eine schwierige Phase, aber wir dürfen nicht aufgeben. Ich betone nochmals: Wir haben es alle gemeinsam, von mir abwärts, nicht geschafft, diese Themen in den Griff zu bekommen.
90minuten: Was ist die Konsequenz, wenn es mit der WM nicht klappt – sein Vertrag ist ja daran gekoppelt, dann wäre der vierte Trainer dran?
Schöttel: Wenn Lars und ich übereinkommen, dass es Sinn macht, die Zusammenarbeit fortzuführen, spricht nichts dagegen, dass er weitermacht.
90minuten: Wir sprechen nun rund einen Monat vor der Männer-WM, danach geht es schon wieder mit der Nations League weiter. Braucht es eine eigene Sportdirektorin oder einen Sportdirektor für die Frauen? Sie können auch nicht alles schultern.
Schöttel: Das ist ganz sicher ein Thema. Vergleichbare Verbände haben diese Position für den Frauen-Fußball. Das ist immer auch ein Ressourcen-Thema. Wir haben den Strategieprozess, im Zuge dessen wir hoffen, diese Kapazitäten freizubekommen.
90minuten: Geht sich eine zusätzliche Führungskraft im jetzigen, in einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag befindlichen Budget, nicht aus?
Schöttel: Wir haben viele Themen. Es gibt bei den Frauen keine U23, die andere Nationen haben. So ein weiteres Team wäre sinnvoll. Dafür haben wir die Frauen-Akademie, wo die zehn Besten pro Jahrgang auf höchstem Niveau entwickelt werden können. Wenn die Männer-Bundesliga-Vereine den Frauenfußball weiterhin ernst nehmen und eine entsprechende Infrastruktur schaffen, können mehr Mädchen und Frauen auf höchstem Niveau gefördert werden. Dann kann man auch darüber nachdenken, ob es eine zentrale, vom Verband geführte, Frauenakademie noch braucht.
90minuten: Von Equal Play – also gleichen professionellen Spiel- und Trainingsbedingungen – sind wir noch entfernt. Sind da die Ansprüche der Öffentlichkeit vielleicht noch zu hoch, erwarten wir uns zu viel?
Schöttel: Ich denke, dass der Informationsstand ausbaufähig ist. Es ist einfach anders. Das erste Länderspiel fand erst 1990 statt. Der EM-Halbfinaleinzug 2017 und der Viertelfinaleinzug 2022 haben uns in unerwartete Höhen gebracht. Frauenfußball ist schwieriger, man muss genauer hinsehen. Dazu passend möchte ich abschließend eine Frage stellen: Wie viele Journalisten aus Österreich waren bei den letzten beiden Auswärtsspielen des Frauen-A-Teams in Slowenien und in Deutschland?
90minuten: Kollege Philipp Eitzinger von Ballverliebt bzw. dem Weekend Magazin?
Schöttel: Diesmal nicht. Laut Infos der Medienabteilung ausschließlich Martin Lang für den ORF, in Koper und in Nürnberg. Stell dir ein Ländermatch der Männer zwischen Deutschland und Österreich vor und es ist nur Rainer Pariasek da. Was ich damit sagen will, ist, dass wir als Verband natürlich eine große Verantwortung für den Frauenfußball übernehmen, aber dass wir alle miteinander noch mehr tun können.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler