Paul Pizzera ist als Künstler wohl das, was Fußballanalysten einen "polyvalenten Spieler" nennen. Bereits 2007 startete der 1988 bei Graz geborene Pizzera als Student der Germanistik und Philosophie seine Bühnenkarriere.
Was mit Poetry-Slam begann, wurde rasch zum Kabarett, bereits 2013 erschien sein erstes Soloprogramm. Pizzera zog durch die Lande und verkaufte bis 2017 mehr als 150.000 Tickets. Musik spielte immer eine Rolle: 2015 gründete er mit Otto Jaus "Pizzera & Jaus", bereits die dritte Single "Jedermann" avancierte zum Nummer-1-Hit.
Der Rest, so heißt es so schön, ist Geschichte - bis hin zur Austropop-Supergroup, die als AUT of Orda (mit Christoph Seiler und Daniel Fellner) mit "Hoch gwimmas (n)imma" den offiziellen Euro-2024-Song aufnahm.
Teamchef Ralf Rangnick und das Nationalteam fanden dies gut, Rangnick, David Alaba und Konrad Laimer traten sogar im Musikvideo auf. Nach der erfolgreichen WM-Qualifikation im Herbst 2025 klingelte wieder das Telefon, "Ralf" war dran. Daraus wurde mit "Stripes & Stars" die von der ÖFB-Elf für gut befundene WM-Hymne.
Vielleicht spielt auch Pizzeras Privatleben eine Rolle, warum's mit dem Fußball so gut läuft. Schließlich geht der Superstar seit Kindheitstagen zum SK Sturm. Er erlebte "perfekte Saisonen" (alle Heim- und Auswärtsspiele besucht) und saß über 50 Stunden im Bus, um ein 0:0 in Belarus zu sehen.
Österreichs erste WM-Teilnahme seit 1998 und sein Song sind mehr als nur gute Gründe, mit Pizzera zu sprechen.
90minuten: Welcher Fußballspieler in welchem konkreten Spiel wärst du gerne gewesen?
Paul Pizzera: Aufgrund meiner Kindheitserinnerung wäre das Otto Konrad mit seinem Kopfballtor zum 1:1 gegen den FC Linz (Anm.: Im Jahr 1994). Ansonsten: Wer wäre nicht gerne beim Bicycle-Kick von Zlatan (Anm.: Ibrahimovic, 2012 gegen England) dabei gewesen? Und ja, gut, das 5:0 im Derby mit Ivica Vastic (Anm. 1999) war auch geil.
90minuten: Gehen wir zu deinen Anfängen zurück. Du kommst aus dem Großraum Graz, bist in Hitzendorf aufgewachsen. In der Steiermark stellt sich schnell die Frage: Rot oder Schwarz. Du bist Sturm-Fan. Seit wann?
Pizzera: Wie jeder normale Sechsjährige war ich damals Otto-Konrad-Fan. Meine Mutter hat die günstigsten Karten gekauft und wir sind in die Kurve gegangen. Also stand ich in einem Otto-Konrad-Dress in der Sturm-Kurve und wurde von Gleichaltrigen angespuckt. Meine Mutter war mit der Situation völlig überfordert. Also hat mich ein Hüne genommen, mich zwischen sich und den Zaun gestellt und gemeint: 'Moch' da kane Surgn, bei mir passiert da nix'. Ab dem Moment war ich Sturm-Fan.
90minuten: Dabei wäre Otto Konrad ja sogar Ex-Sturm-Spieler gewesen.
Pizzera: Das stimmt, aber ich bin aufgrund meines Geburtsjahres (Anm. 1988) eben sechs Jahre alt gewesen, als er schon bei Austria Salzburg war.
Ich bin beispielsweise 53 Stunden mit dem Bus gefahren, für ein Auswärtsspiel gegen Shakhter Soligorsk in Belarus im UI-Cup 2008 für ein gutes 0:0.
90minuten: Wie jedes andere Kind hast du selber auch gespielt. Wie lange bist du dran geblieben?
Pizzera: Ich habe bei uns in Hitzendorf gespielt, zuerst Tormann, dann Mittelstürmer. Eine normale Karriere. Gekickt habe ich beim Verein, bis ich 17 Jahre alt war. Dann wird es jedes Jahr deutlich gefährlicher, weil der Ehrgeiz größer wird und die Leistung mit dem Alter schlechter wird. Also habe ich zu musizieren angefangen.
90minuten: Wir Männer sind ja eigentlich immer nur diese eine Verletzung davon entfernt gewesen, Fußballprofi zu werden. War das bei dir jemals Thema?
Pizzera: Ich habe vor der Ljubicic-Nachnominierung noch mit Ralf Rangnick geschrieben, dass ich mit dabei bin, wenn die Abseitsregel abgeschafft wird (lacht). Von schweren Knieverletzungen bin ich Gott sei Dank verschont geblieben. Ich war aber einfach immer zu langsam.
90minuten: Als Fan bist du im Block geblieben, oder?
Pizzera: Absolut – und ich bin darauf stolz. In einen VIP-Klub müsste man mich tot reintragen. Leider geht es sich nicht mehr so oft wie früher aus. Als Student habe ich perfekte Saisonen gehabt mit allen Heim- und Auswärtsspielen. Dann holt dich der Ernst des Lebens ein und derzeit gehen sich so zehn Partien bewerbsübergreifend pro Saison aus. Bei den Cupfinalsiegen war ich klarerweise dabei; das Problem ist eben, dass die meistens spielen, wenn ich selber arbeiten muss. Es ist für mich nach wie vor geil und ich kenne noch immer sehr viele Leute. Abgesehen davon, dass die Kurve cool und abgeklärt ist, ist es einfach schön, dass man ein Teilchen davon sein kann.
90minuten: Was hast du so erlebt über die Jahre?
Pizzera: Ich bin beispielsweise 53 Stunden mit dem Bus gefahren, für ein Auswärtsspiel gegen Shakhter Soligorsk in Belarus im UI-Cup 2008 für ein gutes 0:0. (Anm.: Nach einem 2:0 im Hinspiel). Bei einem Auswärtsspiel gegen Bukarest haben die gegnerischen Fans auf der Autobahn die Autoscheibe mit Ziegelsteinen eingeschlagen (Anm.: 2009 in der Europa League). Das war kurzzeitig relativ unentspannt. Aber generell waren wir quer durch Europa unterwegs und es war immer sehr geil.
Was mich total bewegt hat: Als wir vor vier Jahren in Midtjylland mit acht Punkten nicht aufgestiegen sind. Wir waren alle fassungslos, aber wussten, dass das der Start von etwas Großem ist. Ilzer und Schicker waren das Beste, was uns passieren konnte. Der Erfolg hat uns auch verwöhnt, darum sag' ich ganz ehrlich: Oida, Vizemeister ist völlig ok. Da jetzt zu sudern, ist eine Mischung aus Überheblichkeit und Undank.
90minuten: Bleiben wir bei den möglicherweise nicht so netten Eigenschaften der Menschen. Wie gehen die Leute damit um, dass sie mit einem Musikstar in der Kurve stehen? David Scheid meinte, er findet es unangenehm, wenn die Leute nicht immer zwischen ihm und Dave unterscheiden können.
Pizzera: War der überhaupt schon einmal in einem Fußballstadion?
90minuten: Ja, bei der Admira.
Pizzera: Ah, bei den Trompetern. Das taugt mir. Zu deiner Frage: Ich kenne den harten Kern seit 20 Jahren. Da hat sich relativ wenig verändert. Wenn ein paar Kinder oder Familien ein Foto wollen, ist das ok. Wenn einer ang'soffen daherkommt, gibt es Menschen, die sich schützend um einen bemühen.
Ich hab den Spielern alles durchgeschickt, es kam von niemandem ein Veto, auch nicht von Romano Schmid (Anm.: Schmid reimt sich auf Riley Reid, eine Erwachsenenfilm-Darstellerin).
90minuten: Kommen wir zu dir. Der Erfolg der Single "Jedermann" kam wohl etwas überraschend. Wie hast du das verarbeitet?
Pizzera: Du darfst dich selber nicht so wichtig nehmen, egal welchen Beruf du hast. Auf diesen Höhenflug sollst du dich nicht einlassen, sondern dich mit den richtigen Leuten umgeben. Und wenn es dir zu viel wird, fahr' nach Ungarn. Dort kennt dich kein Schwein. Erfolg ist ja generell eine Mischung aus Leistung und Zufall. Nur eines davon kannst du beeinflussen. Für das andere musst du dankbar sein.
90minuten: Wenn du als Musiker nicht erfolgreich bist, gehst du einfach weiter normal arbeiten. Bei den Kickern schaut jeder beim Scheitern zu, wenn sie den Übergang vom Talent zum Profi nicht schaffen. In dem Punkt unterscheiden sich Fußball und Musik, oder?
Pizzera: Der Vergleich ist generell schwierig, weil die Fußballer ja weniger Zeit haben. Ein Comeback geht nach einer Verletzung. Aber wenn du aufgehört hast, ist es ungleich schwieriger. In Berufen, die vom Alter unabhängiger sind, funktioniert es viel leichter. Aber es stimmt schon, dass es Häme und Missgunst gibt.
90minuten: Dazu kommt, dass beide Berufe ein hohes Maß an Professionalität verlangen. Ich glaube nicht, dass es noch Kicker gibt, die in der Pause eine Zigarette rauchen oder du als Popstar jeden Tag feiern kannst, oder? Früher war ja beides Usus.
Pizzera: Ich habe in den 80ern natürlich keine Konzerte besucht, aber viele Mitschnitte sind von Sound und Performance her doch eher ernüchternd. Und wer 50 Euro für ein Ticket zahlt, hat das verdammte Recht, dass sie den Künstler in der besten Form erleben. Das ist unsere Arbeit. Wie viele Leute wären gerne da, wo wir sind? Also musst du liefern.
90minuten: Reden wir noch über die Verbindung zum Nationalteam. Wie kam's bei der Euro 2024 zu "Hoch gwimmas (n)immer" von AUT of Orda und in weiterer Folge zum neuen Song "Stripes and Stars"?
Pizzera: Das Team ist nach Siegen eben zusammengesessen und hat Musik gehört, da bin ich öfter vorgekommen. Der Teamchef macht sich viele Gedanken, wie es besser gehen kann. Zum Geburtstag, das erzählte mir Gernot Trauner, ruft er beispielsweise jedes Kadermitglied an. Weil er sich so viele Gedanken macht, wurde ich irgendwann gefragt, ob ich das machen kann. Jetzt hat er im November nach der fixen Qualifikation halt wieder angerufen. Wir haben ein paar Vorschläge gemacht. Die habe ich dann ein paar Kickern aus dem Team, mit denen ich sonst Kontakt habe – Gregoritsch, Laimer – geschickt.
Das Wichtigste war, dass es ihnen taugt und sie sich damit identifizieren können. Der Schmäh ist, einerseits das Thema "David und Goliath" aufzugreifen, andererseits mit erhobenem Haupt nach Amerika zu fliegen. Wir wollten das mit so 2000er-Yellowcard- und Blink 182-Vibes verbinden. Den Kickern taugt's, den Leuten auch. Platz 15 in den Charts mit den Kickern vom Nationalteam! (lacht)
90minuten: "Hoch gwimmas (n)immer" war also auf Anregung des Teamchefs. Bei "Stripes and Stars", wurden die Lyrics da mit den Spielern abgestimmt? Die eine oder andere Zeile ist ja durchaus gewagt.
Pizzera: Ich hab den Spielern alles durchgeschickt, es kam von niemandem ein Veto, auch nicht von Romano Schmid (Anm.: Schmid reimt sich auf Riley Reid, eine Erwachsenenfilm-Darstellerin). Wo kein Kläger, da kein Richter, alles gut!
90minuten: Gab es negatives Feedback von außen?
Pizzera: Egal, was du als Musiker rausbringst, es ist das Schlimmste, wenn du nichts Negatives hörst – denn dann bist du irrelevant. Die Leute, die dich nur loben, sind Mama, Papa, Techniker und dein bester Freund, das bringt nichts. Kritik gehört dazu, aber entscheidend ist, ob sie Substanz hat. Aber Ralf und die Kicker sind happy, das ist das Wichtigste.
90minuten: Haben es Musiker oder Fußballer schwerer, was negative Stimmen betrifft?
Pizzera: Was wir uns teilen, ist, dass alle eine Meinung dazu haben. Vielleicht nimmt man uns auch nicht so ernst wie beispielsweise Anwälte, wo es schnell heißt: Da kenn' ich mich nicht aus. Aber das müssen wir aushalten, weil es zum Beruf dazu gehört und man es demzufolge verkraften können muss. Das hat auch wieder viel mit einem gesunden Grad an Selbstwert zu tun. Wer seinen Selbstwert ausschließlich von außen oder nur von innen bestimmen lässt, liegt falsch. Kritik von außen, mit der man arbeiten kann, hat ja noch nie geschadet. Es ist ja sehr schnell erkennbar, ob jemand ehrliches Interesse hat oder einen nur verletzen will.
90minuten: Abschließend würde mich deine Einschätzung zur WM noch interessieren – was schaffen unsere Burschen?
Pizzera: Ich möchte keiner der neun Millionen Teamchefs sein, will aber träumen. Es ist doch jetzt schon toll, wie viel das Nationalteam zur Einigung beigetragen hat. Ich glaube, dass das Achtelfinale möglich ist. Ich will hoffen, träumen und mich darüber freuen, dass hier alle an einem Strang ziehen.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler