Es liegt in der Natur des Endrunden-Kalenders, dass das Teamchef-Dasein in Zwei-Jahres-Zyklen unterteilt wird.
Ralf Rangnick steht somit gerade am Ende des zweiten Zyklus. Mit seiner Vertragsverlängerung beim ÖFB hat er einem dritten zugestimmt. Es könnte der komplizierteste werden, gewiss wird es für die Zukunft des Nationalteams der entscheidende.
Zyklus 1
Nach seiner Ankunft im Sommer 2022 ging es zunächst darum, eine Spielidee zu implementieren.
Das ist dem Deutschen rasch und sehr gut gelungen. Dass die Voraussetzung dafür durch die Vorkenntnisse im Fach "Red-Bull-Fußball", die sehr viele Teamspieler mitgebracht haben, ideal waren, liegt auf der Hand.
Wichtige Eigenschaften
Doch Rangnick hat darüber hinaus zweierlei wichtige Eigenschaften im ÖFB-Team verankert: Zusammenhalt und Teamgefüge sind so gut wie schon sehr lange nicht mehr.
Und das Selbstvertrauen sowie Selbstverständnis, mit dem praktizierten Spielstil wirklich keinen Gegner fürchten zu müssen – wenn 100 Prozent der Leistungsfähigkeit auf den Platz gebracht werden.
Diese Entwicklung gipfelte in der Teilnahme an der EURO 2024, dem sensationellen Gruppensieg und der damit verbundenen Euphorie im Land. Das Achtelfinal-Aus gegen die Türkei war dann ein Dämpfer, der aber eben die Erkenntnis mit den "100 Prozent" nachhaltig in den Köpfen der Spieler verankert hat.
Zyklus 2
Der zweite Zyklus lief dann eher unter dem Motto "erhalten". Die erste WM-Teilnahme seit mehr als einem Vierteljahrhundert war das große Ziel, dem alles untergeordnet wurde.
Es war eine moderate Weiterentwicklung erkennbar, primär ging es aber darum, den Erfolg des ersten Zyklus zu konservieren.
Zyklus 3
Nach der WM 2026 – wie auch immer sie für das ÖFB-Team ausgehen mag – ist ein Umbruch angesagt. Wie groß er werden wird, ist noch unklar.
Mehr als ein Drittel des WM-Kaders hat mit Turnierende den 30. Geburtstag hinter sich.
Dass einige Spieler der Mannschaft zumindest am Zenit ihrer Leistungsfähigkeit angekommen sind, ihn mitunter auch schon überschritten haben, wird alleine durch einen Blick auf die Geburtsdaten augenscheinlich.
Der Kader wird immer älter
Mehr als ein Drittel des WM-Kaders hat mit Turnierende den 30. Geburtstag hinter sich. Darunter sieben Spieler, die sich als Stammkräfte bezeichnen dürfen.
Vor allem für Marko Arnautovic und David Alaba wird die aktuelle Endrunde im ÖFB-Team der letzte Tanz sein, wobei das bei Letzterem noch nicht zu 100 Prozent sicher ist.
Zwei Vorgriffe auf den Umbruch
Jünger als 25 Jahre sind nur zwei Spieler – Carney Chukwuemeka und Paul Wanner. Rangnick und sein Team haben sie mühevoll davon überzeugen können, für Österreich aufzulaufen. Insofern wurde der Umbruch in Zyklus zwei zumindest schon teilweise eingeleitet.
Doch das kann erst der Anfang gewesen sein.
Zurück zu Zyklus 1
Ein Umbruch bringt einige Herausforderungen mit sich. Nicht zuletzt, weil mittendrin die Qualifikation für die EURO 2028 bestritten werden muss, eine Schwächephase also eigentlich nicht erlaubt ist.
Gleichzeitig bedeutet eine neue Mannschaftsstruktur auch, dass große Teile der in Zyklus eins erfolgreich bewältigten Aufgaben wieder angegangen werden müssen – Zusammenhalt, Selbstverständnis, zum Teil auch Vermittlung der Spielidee.
Ohne den engsten Vertrauten
All das muss Rangnick künftig ohne Lars Kornetka, seinen engsten Vertrauten, bewerkstelligen. Wenngleich sich vor allem Stefan Oesen in den vergangenen Jahren zu einem extrem wichtigen Mitarbeiter Rangnicks entwickelt hat und die Rolle Kornetkas auf mehreren Ebenen wohl einzunehmen vermag.
Der kommende Zyklus wird Österreichs Nationalmannschaft also nachhaltig prägen.
Dass er mit jenem Mann bestritten wird, der dem Team in den vergangenen vier Jahren eine klare Identität verpasst und gleichzeitig für Erfolg gesorgt hat, ist gewiss kein Nachteil.
Harald Prantl