Markus Schopp: "Brauchen neben Balleroberern mehr 'Baumgartners'"
Foto © GEPA

Markus Schopp: "Brauchen neben Balleroberern mehr 'Baumgartners'"

Markus Schopp ist zum dritten Mal Trainer des TSV Hartberg. Im Interview blickt er auf seine Auszeit zurück, macht sich Gedanken über die Entwicklung des Fußballs und erklärt, wie der TSV nun spielen soll.

Schon-wieder-TSV Hartberg-Trainer Markus Schopp ist ein vielbeschäftigter Mann. Da vergehen schon einmal zwei Wochen, bis sich ein Gesprächstermin ergibt.

Kein Wunder, dass er wenig Zeit hat: Der TSV hat unter Manfred Schmid das Cupfinale erreicht, nahm letzte Saison an der Meistergruppe teil, man verkaufte Keeper und Einserstürmer um Millionen Richtung Ausland; und der Kapitän wechselte in relativ hohem Fußballalter in die Landeshauptstadt.

Also ist einiges an Wiederaufbau notwendig. In welche Richtung dieser gehen kann und wird, verrät er im 90minuten-Interview. Es dreht sich um große Fragen, wie der heimische Fußball aufgestellt und ausgerichtet ist, genauso auch um Details - wie man einen Ostliga-Kicker in die Bundesliga bringt.

Am Ende steht eine selbstbewusste Ansage. Davor geht es aber um schlanke Strukturen und klingelnde Wecker.

90minuten: Herr Schopp, es ist Dienstag, 7:30 Uhr in der Früh. Liegt es an der schlanken Hartberger Struktur, dass Sie nur um diese Uhrzeit Zeit haben?

Schopp: Meine neue Aufgabe erfordert ein gutes Zeitmanagement. Beim TSV gibt es erneut viel Veränderung und daher bedeutet die Transferphase ein sehr geschicktes Einteilen von Terminen.

Fußballtrainer zu sein bedeutet auch, mit der Situation umgehen zu müssen, von 24/7 auf null herunterzufahren. Um ehrlich zu sein, habe ich damit ein Thema.

Markus Schopp

90minuten: Wir haben Sie die Auszeit nach dem Engagement beim LASK genutzt – ist da der Wecker deutlich später angesprungen?

Schopp: Ja, das ist er. Fußballtrainer zu sein bedeutet auch, mit der Situation umgehen zu müssen, von 24/7 auf null herunterzufahren. Um ehrlich zu sein, habe ich damit ein Thema. Man nutzt seine Tage anders, verbringt mehr Zeit mit sich selbst und Aufgaben, für die man ansonsten weniger Zeit hat. Aber die Droge Fußball lässt einen einfach nicht los. Man beginnt, andere Ligen, andere Trainer und andere Spielideen zu verfolgen und nutzt die Zeit, um zu reflektieren und sich weiterzuentwickeln, um für den Moment X wieder bereit zu sein. So gesehen war es eine sehr wertvolle Zeit.

90minuten: Sie haben Ihre Fußballkarriere 1990 bei Sturm Graz angefangen, sind seitdem eigentlich durchgehend in diesem Fußballradl drinnen. Gab es in der letzten Auszeit irgendwann auch den Gedanken, es sein zu lassen?

Schopp: Ich habe das Privileg, seit 36 Jahren im Profifußball arbeiten zu dürfen. Mein Hobby ist seit jeher mein Beruf und ich liebe jeden Moment. Sowohl die schönen als auch die weniger angenehmen. Ich brenne für meine Arbeit und glaube, dass ich diese Energie auch authentisch vermitteln kann. In dem Moment, in dem ich dieses Feuer nicht mehr verspüre, würden die Spieler mir nicht mehr folgen. Ich bin lange genug dabei, um zu wissen, wenn dieser Moment gekommen ist.

90minuten: Bevor wir zu Hartberg kommen: Was war denn das weirdeste Angebot?

Schopp: Es gab sehr unterschiedliche Anfragen, zum Beispiel aus Fernost. Aber darin habe ich mich gar nicht wiedergefunden.

Auch wenn Österreich es nicht immer schafft, mit (Gegen-)Pressing im Laimer'schen Stil zu überzeugen: Es hat sich in den letzten Jahren laut Schopp eine heimische Identität entwickelt.
Foto © GEPA
Auch wenn Österreich es nicht immer schafft, mit (Gegen-)Pressing im Laimer'schen Stil zu überzeugen: Es hat sich in den letzten Jahren laut Schopp eine heimische Identität entwickelt.

90minuten: Wie waren die Erfahrungen bei den Doch-nicht-Arbeitgebern?

Schopp: Ich habe im letzten Jahr mehrere Gespräche mit Sportdirektoren und Verantwortlichen aus dem In- und Ausland geführt. Oft diskutiert man über die Idee, wie Fußball funktionieren kann, wie man selbst den Fußball sieht und über die Identität des Fußballs in seinem Herkunftsland. Österreichischer Fußball und österreichische Trainer werden sehr oft mit intensivem Spiel gegen den Ball, schnellem Umschaltspiel, starkem Vertikalspiel und Intensität in Verbindung gebracht.

Dazu kommt die Wahrnehmung, dass sich in Österreich unter diesen Voraussetzungen sehr viele junge Spieler gut entwickeln und für größere Märkte interessant machen können. In diesen Gesprächen teile ich sehr oft vieles der oben erwähnten Entwicklungen und freue mich, dass wir in Österreich auch mit einer eigenen Identität des Spiels wahrgenommen werden.

90minuten: Wie sieht dieser Blick von außen konkret aus bzw. was sind die Learnings?

Schopp: Pressing, Gegenpressing, Umschaltmomente, vertikales Spiel, Spiel in die Tiefe, Spiel hinter die Kette - alles Ausdrücke, die die österreichische und auch internationale Entwicklung des Spiels prägen. Für diese Intensität braucht man physische Qualitäten wie Schnelligkeit, Robustheit und Größe. Das Talent, die Kreativität und die Qualität spielen hier eine untergeordnete Rolle. Genau hier muss ein Umdenken erfolgen.

Neben den physischen Qualitäten muss man auch wieder beginnen, Kreativität Raum zu geben, Eins-gegen-eins-Spielern auch Fehler im Dribbling zuzugestehen. Wir brauchen neben den Balleroberern wieder zunehmend mehr "Baumgartners", also Spieler, die beides vereinen.

90minuten: Sprechen wir konkret über den TSV Hartberg. Vorgänger Manfred Schmid war mit der Entwicklung, vor allem rund um den Verein, unzufrieden. Was sprach nun für die Zusammenarbeit?

Schopp: Wir reden vom TSV Hartberg und davon, dass er seit neun Spielzeiten in der Bundesliga ist. Manfred Schmid hat die Infrastruktur und Trainingsmöglichkeiten angesprochen. Ich möchte aber betonen, dass das, was er in Hartberg erlebt hat, in keinster Weise mit dem vergleichbar ist, was ich in den Anfängen vorgefunden habe. Es hat sich unglaublich viel getan, für ihn ist das nicht so spürbar, weil er das Früher eben nicht kennt. Was für Manfred ärgerlich war, ist auch für mich nicht normal und auch immer ein Thema – ja, es ist eine Herausforderung, aber genau darin liegt auch der Reiz.

Es gibt in der Liga Vereine mit mehr, Vereine mit weniger und Vereine mit viel weniger finanziellen Möglichkeiten. Der TSV Hartberg wird sich eher im unteren Bereich mit geringen finanziellen Möglichkeiten bewegen.

90minuten: Die getätigten Millionentransfers können helfen, die Situation zu lindern.

Schopp: Der TSV hat die Entwicklung und Weiterentwicklung junger Österreicher als Geschäftsmodell für sich entdeckt und diesen Weg ist Manfred auch weitergegangen. Dass das Geld aus den Transfers hilft, ist nicht unrichtig. Aber aufgrund des neuen TV-Vertrages und der Änderungen beim Österreicher-Topf ist das notwendig. Wegen der Verluste an anderen Stellen sind wir durch die Ablösezahlungen dieses Sommers dort, wo wir vorher waren. Mir ist bei der Rückkehr bewusst gewesen, dass einige Spieler den nächsten Schritt machen würden und ich gefordert bin, einen Kader zu basteln, der zu mir und meinen Jungs passt.

90minuten: Im aktuellen Kader steht auf den ersten Blick kein Spieler, der um Millionen gehen kann. Was ist die Hauptherausforderung nach Cupfinal-Einzug, Meistergruppe und Millionentransfers? Das macht ja auch was mit denen, die jetzt noch da sind.

Schopp: Es gibt in der Liga Vereine mit mehr, Vereine mit weniger und Vereine mit viel weniger finanziellen Möglichkeiten. Der TSV Hartberg wird sich eher im unteren Bereich mit geringen finanziellen Möglichkeiten bewegen. Es ist demzufolge eine total spannende Herausforderung, Spieler zu finden, ihr Potenzial zu erkennen und gemeinsam den Weg der Entwicklung zu gehen. Elias Havel habe ich in meiner letzten Amtszeit zu Hartberg geholt, weil seine Waffe die Schnelligkeit ist.

Mein Gedanke damals war, mehr über das Umschalten gefährlich zu werden. Das war mit den vorhandenen Spielerprofilen zuvor nicht so möglich. Dass er nun die Möglichkeit hat, den nächsten Step zu nehmen, ist der "best case". Die Aufgabe des TSV Hartberg ist es, Talente mit Entwicklungspotential zu finden und diese über Einsatzzeit zur Entfaltung zu bringen. Ich bin mir sicher, dass wir zur selben Zeit im nächsten Jahr genau so Spieler in unseren Reihen haben werden, die ihren Marktwert erhöht haben.

90minuten: Welchen Fußball können wir uns erwarten?

Schopp: Es geht immer darum, mit welcher Art von Spiel man die Jungs entwickeln und begeistern will. Dabei bist du von der Qualität der zur Verfügung stehenden Profile abhängig und musst dich am Fußball orientieren, der zu den Jungs passt. Gewisse Prinzipien werden auch zu dieser Mannschaft passen, aber der Fußball des TSV Hartberg aus der Saison 2023/2024 wird nicht der gleiche sein wie jener in der Saison 2026/27.

Florian Gerstl, rechts, hat den Sprung aus der Ostliga in die Bundesliga geschafft - er könnte einer sein, der sich über Hartberg für höhere Aufgaben empfiehlt
Foto © GEPA
Florian Gerstl, rechts, hat den Sprung aus der Ostliga in die Bundesliga geschafft - er könnte einer sein, der sich über Hartberg für höhere Aufgaben empfiehlt

90minuten: Ist das Hinterfragen des eigenen Ansatzes auch ein Learning aus ihren Monaten der Reflexion? Manfred Schmid ließ ja anderen Fußball spielen.

Schopp: An dieser Stelle ein großes Kompliment an meinen Vorgänger Manfred Schmid. Der TSV Hartberg aus den letzten knapp zwei Jahren trug die klare Handschrift seiner Arbeit. Eine stabile Defensive mit ultraschnellen Umschaltspielern, die jede Abwehr vor Probleme stellen konnte. In dieser Spielidee konnten sich einige Spieler richtig gut entfalten. Ich fange recht wenig damit an, Spielideen miteinander zu vergleichen. Es gibt unterschiedliche Wege, erfolgreichen Fußball zu spielen, und jeder dieser Wege hat seine Berechtigung. Ich finde genau diesen Unterschied im Fußball so faszinierend.

90minuten: Nehmen wir Florian Gerstl her. Der hat mit Anfang 20 noch Regionalliga gespielt, vielleicht auch, weil er körperlich noch nicht so weit war. Wie überzeugt man den von sich, er wird wohl mehrere Angebote haben, wo es mitunter mehr Geld gibt? Wie überzeugt man solche Kicker von Hartberg – denn genau solche Spieler, die jemand anderer noch nicht so am Schirm hatte, kann man ja vielleicht weiterverkaufen und einen Gewinn machen.

Schopp: Wir haben uns ein Bild beim TSV Hartberg aufgebaut, das selbsterklärend ist. So ein Spieler, der sich in der Ostliga unglaublich gut entwickelt hat, sieht bei uns die Perspektive. Nun ergibt sich die Möglichkeit, in der Bundesliga den nächsten Schritt zu machen. Wenn wir das wissen, wissen es auch andere Vereine. Man sieht aber an uns, wie schnell das gehen kann. Ein anderes Beispiel: Fabian Wilfinger kam aus der Region und spielte in der zweiten Mannschaft in der Landesliga. Ich habe ihn in den Trainingsprozess integriert und vom Mittelfeld in die Innenverteidigung verschoben.

Inzwischen hat er viele Bundesliga-Spiele absolviert und ist aus unserem Team nicht mehr wegzudenken. Diese Beispiele geben eine Richtung vor und zeigen, dass man bei uns realistisch die Chance hat, Bundesliga zu spielen. Bei uns kann man auch zweimal einen Scheiß spielen und beim dritten Mal funktioniert alles. Das ist nicht bei allen Bundesligisten so, weil es dort eine andere Erwartungshaltung gibt. Das merke ich auch bei den Gesprächen mit neuen Spielern.

90minuten: Was ist denn nun abschließend ein realistisches Ziel für diese Saison?

Schopp: Wir wollen mit einem für den TSV passenden Fußball wieder in die Top 6.

90minuten: Wir danken für das Gespräch!


Kommentare