Wie sch... ist eine Reha?
Foto © GEPA

Wie sch... ist eine Reha?

Nach schweren Verletzungen verschwinden Spieler für Monate von der Bildfläche. 90minuten hat mit Florian Wustinger und Paul Komposch über die Arbeit gesprochen, die sie vor ihren Comebacks hinter sich gebracht haben.

Ein Spieler verlässt unter Schmerzen den Platz - aus eigener Kraft oder auf einer Trage. Am nächsten Tag gibt sein Verein eine Diagnose bekannt: Kreuzband, Meniskus, Achillessehne - etwas ist gerissen. Vielleicht ist stattdessen auch ein Knochen gebrochen. Für Fans und Medien ist die Sache damit erledigt. Der Spieler verschwindet für Monate von der Bildfläche. 

Von der eigentlichen Arbeit, die Monate später ein Comeback überhaupt erst möglich macht, sieht man wenig bis gar nichts.

Austria-Talent Florian Wustinger (22) hat sich zum inzwischen dritten Mal durch eine Reha gekämpft. Paul Komposch (25) musste den Prozess zum ersten Mal durchmachen. 90minuten hat mit ihnen gesprochen.

"Zieht den Boden unter den Füßen weg"

Wustinger feiert im Sommer seinen 23. Geburtstag, er ist bei der Austria groß geworden. Sein Profi-Debüt durfte der Mittelfeldspieler im Februar 2022 geben, seitdem hat er für die "Veilchen" 16 Pflichtspiele absolviert.

Florian Wustinger im Einsatz
Foto © GEPA
Florian Wustinger im Einsatz

Drei Kreuzbandrisse, ein Riss des Außenmeniskus, eine komplizierte Schulterverletzung - Wustingers Krankenakte hat in wenigen Jahren eine absurde Dimension erreicht.

Er spricht also mit bedrückend viel Erfahrung: "Die erste Frage: Was ist überhaupt passiert? Wie schlimm ist es? Mir war immer wichtig, dass ich die Operation so schnell wie möglich erledige. Ich wollte sie nicht zu lange vor mir haben. Erst danach ist alles eine Spur positiver, da wollte ich hin."

Mir wurde ein Zettel in die Hand gedrückt. Darauf stand: 'Ruptur des vorderen Kreuzbandes.'

Paul Komposch

Paul Komposch traf die Verletzung im Sommer 2025 gleich am ersten Trainingstag beim TSV Hartberg. Wenige Minuten vor dem Ende der Einheit habe er einen Stich im Knie gespürt, sich dabei aber nicht viel gedacht, erinnert er sich:

"Ich bin am nächsten Tag selbst mit dem Auto zum MRT-Termin gefahren. Weil der behandelnde Arzt danach nicht gleich zu sprechen war, wurde mir ein Zettel in die Hand gedrückt. Darauf stand: 'Ruptur des vorderen Kreuzbandes.' Das zieht einem dann schon den Boden unter den Füßen weg."

Zwischen Verletzung und OP liegen Erstbehandlungen. Das heißt: kühlen, hochlagern, abschwellen lassen.

Viel zu verarbeiten

Zuerst habe er es gar nicht glauben können. Erst nachdem die Diagnose von zwei Spezialisten bestätigt war, wurde er sich seiner Situation bewusst. Er habe schweigend neben seinen Eltern auf der Couch gesessen, erinnert er sich: "Wenn man dann zuhause ist, bricht für kurze Zeit die Welt zusammen."

Dann ging der Blick wieder nach vorne, um die Operation und Reha zu organisieren.

Auf Wustinger sind nach jeder Diagnose Reaktionen eingeprasselt: "Bei den letzten beiden Malen habe ich dann gesagt, dass ich für zwei, drei Tage nichts hören will. Nur mit meiner Familie habe ich gesprochen. Ich wollte das in Ruhe verarbeiten."

Man hat keine Motivation zu trainieren, keine Lust auf die OP, auf die Reha. Man hat einfach keine Lust.

Florian Wustinger

Überwiegend seien sie positiv ausgefallen: "Ich behaupte, dass es das nicht oft gibt, wie mit mir umgegangen wurde. Die Fans, der Verein, die Spieler und Kollegen - das war schon richtig lieb. Und hilfreich. In der ersten Phase liegt man einfach am Boden. Man hat keine Motivation zu trainieren, keine Lust auf die OP, auf die Reha. Man hat einfach keine Lust. Wenn es dann so viele Menschen gibt, die das Gefühl geben, dass du zu ihnen gehörst und sie auf dich warten, hilft das extrem." Auch ÖFB-Teamspieler Sasa Kalajdzic hat sich bei ihm gemeldet.

Nicht alle Reaktionen waren unterstützend gemeint: "Kein Mensch würde in dieser Situation sein wollen. Trotzdem kommen Kommentare. Ich bin nicht darauf eingegangen, aber man sieht sie."

Später würde dann fast tagtäglich die Frage "Wann spielst du wieder?" kommen. Auch das mache die Sache nicht leichter.

Schwierige Nächte im Krankenhaus

Auf die Frage nach einem unterschätzten Aspekt, der zu einer schweren Verletzung gehört, antwortet Wustinger: "Die Nächte im Krankenhaus nach der OP, wenn mitten in der Nacht einfach Tränen kommen." In den ersten Monaten konnte er kaum schlafen, weil er körperlich nicht mehr ausbelastet war.

Dauern können die Krankenhausaufenthalte eine Nacht, manchmal aber auch länger.

Verteidiger Paul Komposch im Hartberg-Trikot
Foto © GEPA
Verteidiger Paul Komposch im Hartberg-Trikot

Komposch hatte vor der OP bei Dr. Christian Fink kaum körperliche Probleme. Mit einem isolierten Kreuzbandriss ohne Begleitverletzungen war das Knie instabil, normales Gehen war aber möglich. "Richtig eingefahren ist es mir dann noch einmal am Tag nach der OP. Ich war noch ein bisschen benebelt. Auf einmal war das Aufstehen ein Problem", schildert er.

Erste Fortschritte

Weil die Kapazitäten in Hartberg eingeschränkt sind, hat der Steirer seine Reha extern absolviert. Zuerst in einem Intensivprogramm in Tirol, dann - mit seinem Verein abgestimmt - über Monate in Graz.

Erste Erfolge gab es schnell. Nach acht Tagen war Komposch die Krücken los, vier Wochen später durfte er wieder Auto fahren.

Bei Wustinger war die Angelegenheit komplizierter: "Dass du deinen gewohnten Alltag wieder normal bestreiten kannst, ist in einer Reha unglaublich. Bis dahin war ich auf meine Eltern, meinen Bruder, meine Freundin angewiesen."

So kann die Verletzung auch für das Umfeld zur Herausforderung werden: "Beim dritten Kreuzbandriss habe ich gemerkt, wie sehr das auch meine Familie belastet. Ich war mit meinen Gedanken eigentlich schnell einen Schritt weiter. Dann war es richtig schwer zu sehen, wie traurig sie noch sind."

Spieltage waren für mich die schlimmsten Tage. Ich habe ja gewusst, wie lange es dauert, bis ich wieder dabei sein kann.

Florian Wustinger

Auch mentale Hürden bleiben bestehen: "Der Gedanke: 'Du bist jetzt sehr lange weg' ist schnell da. Es kommen später aber auch andere Themen dazu. Dann steht man in der Kabine, alle anderen gehen auf den Platz und selbst muss man in die Kraftkammer. Spieltage waren für mich die schlimmsten Tage. Ich habe ja gewusst, wie lange es dauert, bis ich wieder dabei sein kann. Das kommt wöchentlich hoch."

Mühsame Arbeit in der Kraftkammer

Das Austria-Eigengewächs berichtet von schwierigen Tagen in der Kraftkammer: "Du denkst dir, dass du alles richtig machst. Dann schaust du in den Spiegel und könntest meinen, dass du vorher noch nie eine Kniebeuge gemacht hast. Innerhalb von wenigen Wochen verlernt der Körper wirklich viel."

Beide Spieler sind sich einig: Man muss akzeptieren, dass der Prozess Zeit braucht, um nicht daran zu verzweifeln.

"Ich hatte einen richtigen Durchhänger, sowohl im Kopf als auch mit meinem Knie. Es waren immer wieder Schmerzen da, wirklich viel ist dann auch nicht mehr weitergegangen. Da merkt man dann schon, wie lang sich dieser Prozess zieht", erzählt Komposch.

Wustinger im letzten Winter-Trainingslager der Austria
Foto © GEPA
Wustinger im letzten Winter-Trainingslager der Austria

An manchen Tagen sei er mit Schmerzen aufgewacht, an anderen nicht - auch die Unberechenbarkeit nagt an den Nerven. "Man erwartet dann einfach irgendwann, dass es immer weiter so steil bergauf geht. Es war hart zu akzeptieren, dass ich für die nächsten Wochen mit dem gleichen Gewicht trainieren muss."

Nicht zu unterschätzen ist die Umstellung, die eine Reha für Teamsportler mit sich bringt. "Du machst als Teamsportler nahezu nichts alleine. In der Früh sitzen alle zum Frühstück beisammen, wir wärmen gemeinsam auf, in der Kraftkammer ist immer jemand anderer, der sein Programm macht. Das ändert sich dann von einem Moment auf den anderen."

Leidensgenossen

Mit Ziad El Sheiwi hatte Florian Wustinger über weite Strecken seiner Reha einen Leidensgenossen. Der 22-jährige Linksverteidiger hat ebenfalls drei Kreuzbandrisse hinter sich und musste seine Karriere vor Kurzem beenden.

Auf seinen Teamkollegen angesprochen holt Wustinger aus: "Ich wünsche allen, die so etwas durchmachen müssen, eine Person wie Ziad."

Er habe auch von der Austria Unterstützung erhalten und sich privat Mentaltraining organisiert. Die größte Hilfe sei aber El Sheiwi gewesen: "Es versteht dich sonst niemand. Natürlich fühlen alle mit dir mit, am Ende musst du aber selbst die Kniebeugen machen und Schmerzen aushalten. Wenn es dann jemanden gibt, der dasselbe erlebt, mit dem man gemeinsam darüber lachen kann, ist das enorm hilfreich."

Ziad El Sheiwi (links) neben Florian Wustinger (rechts)
Foto © GEPA
Ziad El Sheiwi (links) neben Florian Wustinger (rechts)

Ähnliches sagt Komposch, der schon vor der Verletzung mit einem Sportpsychologen gearbeitet hat. Im Rehazentrum in Tirol habe er einen Jugendspieler von PSV Eindhoven getroffen und sich mit ihm vergleichen können. Der Kontakt ist später aber abgerissen.

Rückkehr auf den Platz

Ein großer Meilenstein ist die Rückkehr ins Mannschaftstraining. "Ich habe mir oft gedacht, dass es nächste oder übernächste Woche soweit sein könnte. In der dritten Reha habe ich gelernt, mich selbst ein Stück herunterzufahren und das eine oder andere Training bewusst ruhiger anzugehen", meint Wustinger.

Nach den ersten Zweikämpfen baut sich Vertrauen in den eigenen Körper auf, auch wenn draußen die Trainer das Gesicht verziehen.

Zurück zur Mannschaft

Er habe sich schnell wieder als Teil der Mannschaft gefühlt. Wer die Reha beim Verein absolviert, verliert den Anschluss nicht so schnell.

"Sicher ist man vor dem Training gemeinsam in der Kabine. Beim Blödeln war ich schon oft dabei. Ein normaler Teil des Teams ist man aber nicht mehr. Ich war nicht bei Videoanalysen oder Auswärtsspielen dabei. Während dem Training passieren Dinge, bei denen man danach nicht mitreden kann."

Es war zuerst ein bisschen komisch, weil ich viele Spieler gar nicht gut gekannt habe.

Komposch über die Rückkehr zur Mannschaft

Paul Komposch hat seine Rückkehr anders erlebt: "Es war zuerst ein bisschen komisch, weil ich viele Spieler gar nicht gut gekannt habe. Mein Glück war, dass das Teamgefüge in Hartberg immer sehr gut ist. Deswegen war die Eingliederung sehr leicht für mich."

Finanzielle Konsequenzen

In einem anderen Punkt sind sich die beiden wieder einig: Der Wegfall von Punkteprämien und einem Teil des Gehalts ist unangenehm.

"Das ist schon ein Thema, auch wenn es nie der erste Gedanke ist. Ich habe einfach nicht mein volles Gehalt bekommen", gibt Wustinger offen zu. Die Versicherung ersetzt nach einigen Wochen nur noch einen Teil des eigentlichen Einkommens.

Paul Komposch mit Sturm-Neuzugang Jürgen Heil
Foto © GEPA
Paul Komposch mit Sturm-Neuzugang Jürgen Heil

Dank einer Vertragsverlängerung im Dezember blickt der Austrianer trotz seiner Ausfälle in eine gesicherte Zukunft.

"Der Vertrag wäre ausgelaufen. Ich bin dann selber hingegangen, um zu fragen, wie die Verantwortlichen planen. Dass sie noch an mich glauben, habe ich dann sehr schnell gespürt. Mir hat das richtig Energie eingeschossen. Man will natürlich, dass sich das Vertrauen auch auszahlt."

Komposch konnte seine Ausfälle mit einer zusätzlichen Versicherung abwenden. Ob er in Hartberg bleibt, entscheidet sich erst.

Raus aus dem Rad

Vor allem Wustinger hatte aufgrund seiner Verletzung unverhofft viel Zeit, um sich Gedanken über Dinge außerhalb des Fußballs zu machen: "Es gibt keine Garantie, dass nach der Reha alles gut läuft und man wieder ein normaler Bundesligaprofi sein kann. Man kommt nicht daran vorbei, sich zu überlegen, was passiert, wenn es nicht mehr funktioniert."

Er hat eine Ausbildung zum Fitness- und Gesundheitstrainer absolviert und ein Studium angefangen. Auch deshalb geht er gestärkt aus schwierigen Jahren: "Ich weiß jetzt, dass ich das alles durchgemacht habe. Jetzt können viele Dinge kommen, von denen ich nicht glaube, dass sie mich noch brechen. Einer der positivsten Menschen, die ich kennengelernt habe, ist Ziad. Das habe ich ganz sicher auch von ihm gelernt."

Voll im Einsatz

Inzwischen steht das Austria-Talent wieder schmerzfrei im Dienst. Trotzdem bleiben ihm zusätzliche Behandlungen und Extratrainings nicht erspart, auch im Urlaub. Sein erstes Bundesligaspiel konnte Wustinger Mitte April absolvieren.

Einen Monat später war es auch für Paul Komposch soweit: "Im Nachhinein muss ich sagen, dass schon viele Emotionen im Spiel waren. Es war viel Freude und Erleichterung dabei, eigentlich fast ein Gefühlschaos."

Hin und wieder spüre er sein Knie noch - vor allem die Patellasehne, die bei der OP für die Reparatur herangezogen wurde. Trotzdem gibt es auch von ihm einen großen Daumen nach oben.

Beide Spieler sollten in der kommenden Saison wieder voll angreifen können.



Kommentare