Leopold Querfeld, die Bundesliga und Kane: "Bekomme keine Bauchschmerzen"
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Leopold Querfeld, die Bundesliga und Kane: "Bekomme keine Bauchschmerzen"

Seit Sommer 2024 kickt Leopold Querfeld bei Union Berlin. Wie er damit umgeht und wie aus dem Talent ein gestandener Legionär wurde, erzählt er im Interview.

Leopold Querfeld hätte ein gemütlicheres Leben haben können, als seine Knochen in zwei Meter große Fußballangfreifer zu werfen. Die Eltern sind Gastronomen, betreiben unter anderem den Polittreffpunkt Café Landtmann am Ring. Doch schon der kleine Leopold verbrachte seine Freizeit am liebsten am Fußballplatz.

Das Talent des bei Union Mauer kickenden Knirpses wurde früh erkannt, der SK Rapid schlug zu. Nach einem nicht immer ganz leichten Aufstieg zu den Profis wechselte er im Sommer 2024 zu Union Berlin in die deutsche Bundesliga.

Dort steht er seinen Mann, schießt und trifft Elfmeter, muss gegen Weltstars wie Harry Kane zeigen, was in ihm steckt. All das ist kein Selbstläufer, wie er im 90minuten-Exklusiv-Interview erzählt.

90minuten: Leopold, ranken wir mal ein paar Momente in deinem Fußballerleben: 30-Meter-Kracher mitten ins Goal, zwei Tore gegen den FC Bayern, das Debüt für Union Berlin, das Rapid-Debüt?

Leopold Querfeld: Emotional sicherlich das Debüt für den SK Rapid, weil das so aus dem Nichts kam und der große Traum vom Profifußball erstmals bzw. teilweise in Erfüllung geht. Auf die Zwei kommt das 30-Meter-Tor und drittens das Debüt für Union. Auf Platz vier kommen die beiden Tore gegen Bayern, weil wir das Spiel verloren haben.

90minuten: Das waren zwei Elfmeter, genauso wie die letzten beiden Tore gegen Frankfurt und den HSV. Wie wird man als Abwehrspieler zum Elfmeterschützen?

Querfeld: Du brauchst natürlich einen guten Schuss und musst bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Und dann muss dir der Trainer auch zutrauen, dass du diese Verantwortung tragen kannst. Natürlich trainiert man es auch, vor allem vor Pokalspielen. Ich habe in der Vergangenheit einfach oft getroffen und das gibt dir natürlich Selbstvertrauen. Trotzdem musst du schon bereit sein, weil es eine recht große Chance auf ein Tor ist.

Ich habe immer betont, dass ich das Maximum aus meinem Potenzial herausholen möchte. Was dieses Maximum am Ende genau bedeutet, kann ich heute noch nicht sagen.

Leopold Querfeld

90minuten: Wie lange du das noch für Union machen wirst, ist nicht öffentlich. Wie sehen deine nächsten Schritte aus?

Querfeld: Ich entscheide solche Themen immer gemeinsam mit meiner Familie, meiner Freundin und meinem Berater. So habe ich das bisher gehandhabt und so werde ich es auch weiterhin tun. Aktuell bin ich in einer sehr guten Situation und verspüre keinen Druck, etwas verändern zu müssen. Gleichzeitig gehört es im Fußball dazu, sich Gedanken zu machen, sollten sich neue Möglichkeiten ergeben. Das ist irgendwo auch ganz normal.

Ich habe immer betont, dass ich das Maximum aus meinem Potenzial herausholen möchte. Was dieses Maximum am Ende genau bedeutet, kann ich heute noch nicht sagen. Aber genau dafür arbeite ich jeden Tag hart und versuche, mich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Einen konkreten Masterplan habe ich aber nicht, ich konzentriere mich auf meine Leistung und dann wird man sehen, wohin mein Weg mich führen kann.

90minuten: Stichwort Familie. Diese betreibt in Wien mehrere Lokale, unter anderem das berühmte Café Landtmann am Ring. Da hätte es doch sicher einen gemütlicheren Weg zu Geld gegeben, als Fußball zu spielen. Nicht viele Kicker kommen aus so guten Verhältnissen.

Querfeld: Das ist auf jeden Fall nichts Selbstverständliches. Ich glaube, in vielen Familienbetrieben geht es irgendwann darum, dass man den Betrieb übernimmt. Aber meine Eltern hätten mich bei allem, was ich mache, unterstützt. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass sie das tun. Meine Eltern haben sehr viel um die Ohren, trotzdem war vor allem mein Vater bei fast allen Spielen bis über die Landesgrenzen. Diese große Unterstützung wird einem aber erst ein bisschen später bewusst.

Und man kann das in beide Richtungen sehen. Für andere ist der Profifußball ein großer Antrieb, ihrer Familie aus vielleicht schwierigen Verhältnissen hinauszuhelfen. Für mich war es ein Vorteil, dass ich nie aus finanziellen Gründen Fußball gespielt habe, sondern aus reiner Leidenschaft. Geld war nie mein Antrieb. Ich will meine Grenzen austesten und erweitern und am Karriereende stolz sein auf das, was ich geleistet habe.

Bei Rapid konnte Querfeld überzeugen
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Bei Rapid konnte Querfeld überzeugen

90minuten: Du hast bekanntlich bei Union Mauer angefangen, bist relativ früh von Rapid gescoutet worden. Raimund Hedl soll dir als Zwölfjähriger schon einen Profivertrag in Aussicht gestellt haben, wenn du Goalie wirst. Solche Ansagen können einen ja auch hemmen.

Querfeld: Das war in meiner Jugend nicht so. Ich hatte zwar immer meinen Stammplatz und war auch Kapitän, aber nie das allergrößte Talent, auf das alle schauen. In der Akademie hatte ich schwierige Jahre, es gab ein halbes Jahr, in dem ich gar nicht gespielt habe. Als die ersten Spieler Jungprofiverträge bekommen haben, war ich nicht dabei. Also bei den fünf, sechs Spielern pro Jahrgang, die unbedingt gefördert werden, war ich nicht dabei. Außerdem war ich bis ich 15 Jahre alt war Innenverteidiger, dann zwei Jahre im Mittelfeld, was mein Spiel mit dem Ball verbessert hat. Ab der U18 ging es dann recht schnell.

90minuten: Ich möchte kurz einhaken. Deine Mutter hat in einem Interview erzählt, dass du in deiner eigenen Bubble warst, Fortgehen und so weiter uninteressant war. Gab es irgendwann dennoch eine Zeit, in der du aufhören wolltest?

Querfeld: Ich wusste, dass es schwierig wird, weil in der U18 zwei Jahrgänge gemischt werden. Aber es war nie so, dass ich Spaß und Freude verloren habe, eher im Gegenteil. Ich kann jetzt nicht sagen, ob ich zu Recht so wenig gespielt habe, aber mir hat es gezeigt, dass ich mich durchsetzen muss. Diesem Ziel habe ich viel untergeordnet und schon früh verstanden, dass es nur geht, wenn man mehr macht als andere und auf Dinge verzichtet. Ich bin ziemlich glücklich, dass ich diese Früchte – wesentlich! – später ernten kann. Umgekehrt denke ich, dass der eine oder andere, der damals als größeres Talent galt, es bereut, das nicht auch getan zu haben. Ich habe viel dafür geopfert, um mir diesen Traum zu erfüllen. Es ist auch nicht so, dass ich gelitten habe, weil ich habe Fußball bei meinem Heimatklub Rapid gespielt.

Der eine will nach dem Training Freizeit und ist damit erfolgreich. Ich denke mir nur immer, dass man vielleicht noch weiter kommt, wenn man verzichtet.

Leopold Querfeld

90minuten: Wir hatten neulich einen Schwerpunkt zum Thema Qualität. Ist dieser, ich nenne es so, "Fokus", was es möglich macht, die eigene Qualität konstant abzurufen?

Querfeld: Das ist ein ganz großer Faktor und da unterscheiden sich Jugend- und Profifußball. Vor allem auf meiner Position, wo man eine gewisse Verantwortung trägt und es nicht reicht, alle drei Wochen gut zu verteidigen. Du musst das jedes Wochenende kompromisslos tun. "Fokus" ist da ein Begriff, der sehr weit ausgeprägt ist und es ist schwer, all das abzudecken. Aber es braucht ein gewisses Bewusstsein und eine Selbsteinschätzung, eine Bereitschaft, an Dingen zu arbeiten, die nicht so Spaß machen.

Da hat schon jeder ein bisschen seinen eigenen Weg. Der eine will nach dem Training Freizeit und ist damit erfolgreich. Ich denke mir nur immer, dass man vielleicht noch weiter kommt, wenn man verzichtet. Wenn ich weiß, dass ich unter der Woche alles dafür getan habe, damit ich am Wochenende performen kann fühlt es sich für mich persönlich besser an.

90minuten: Was ist dein "Mehr"?

Querfeld: Zusätzliches Training, aktive sowie passive Regeneration, genauso wie mentales Training. Es gibt darüber hinaus viele Dinge, die ich mache. Ich bin von ca. neun Uhr bis halb drei im Trainingszentrum, es gibt Training, Mittagessen und Physiotherapie. Daneben ist viel Zeit. Ich gehe vor und nach dem Training ins Gym. Zusätzlich arbeite ich an Mobilität, Schnelligkeit und Regeneration, um meinen Körper möglichst belastbar zu halten.

Im Nationalteam hat er einiges an Konkurrenz
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Im Nationalteam hat er einiges an Konkurrenz

90minuten: Du hast vorhin vom schnellen Aufstieg gesprochen ab der U18. Machen es diese Dinge einem einfacher, zuerst gegen Gleichaltrige und ein paar Jahre später gegen Harry Kane zu spielen?

Querfeld: Das Wichtigste an diesem raschen Aufstieg war es, die Chancen zu nutzen. Sei es bei Rapid II, im U18-Nationalteam oder bei den Profis. Es gab auch Momente, da habe ich die Chance nicht genutzt, aber man muss wissen, dass nicht unendlich viele kommen. Wenn sich ein Spieler plötzlich verletzt, musst du bereit sein. Ich denke, dass mir das bisher gut gelungen ist. Und du lernst auch dazu, kannst mit Rückschlägen besser umgehen.

Als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich am Anfang auch wenig gespielt. Ich wusste aber, dass ich im Training weiter Gas geben muss, um meine Chance zu bekommen. Der Unterschied zwischen Wien und Berlin als Stadt ist gar nicht so groß – der große Unterschied liegt zwischen der österreichischen und der deutschen Bundesliga.

90minuten: Ich möchte nochmals einhaken. Es gibt ja auch immer wieder Spieler, die kurz nach diesem großen Wechsel eine Verletzung haben und dann stagnieren oder Rückschritte machen. Woran liegt das?

Querfeld: Es gibt schon einige Verletzungen, die sich nicht verhindern lassen. Aber es gibt Möglichkeiten in der Vorbeugung. Etwa durch Training, Physiotherapie, spezielle Behandlungstechniken oder einfache Dinge wie gute Ernährung und ausreichend Schlaf. So kann man das Verletzungsrisiko minimieren.

90minuten: Kannst du erklären, warum es in der deutschen Bundesliga so anders ist als bei uns?

Querfeld: Für mich ist es die Dichte an guter Qualität. In unserer Bundesliga gibt es schon den einen oder anderen Gegenspieler mit guter Qualität. Aber wenn der dann ausgewechselt ist, ist nicht immer die gleiche Qualität von der Bank nachgekommen. Auch die Cleverness, was passiert, wenn Ball und Gegenspieler nicht da sind, ist in Deutschland höher.

In der deutschen Bundesliga oder im Nationalteam spielst du teilweise gegen unglaubliche Leute, die man maximal von der Playstation kennt.

Leopold Querfeld

90minuten: Die Konkurrenz ist auch höher, das betrifft auch das Nationalteam. Real Madrid, Tottenham – da musst du dich hinten anstellen. Wie schätzt du deine WM-Chancen ein? Immerhin hast du im Gegensatz zu manch anderem noch mehrere Chancen...

Querfeld: Nach dieser Antwort brauche ich jetzt nicht suchen. Ich muss dann eh im Moment damit umgehen. Es sind dann freie Tage und Urlaubszeit, aber natürlich ist es mein großes Ziel – so wie von jedem im erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Das Gute ist, dass ich es selbst in der Hand habe. Wenn ich gute Leistungen zeige, wird das auch vom Teamchef gesehen. Unsere Aufgabe als Spieler ist es, ihm die Entscheidung so schwer wie möglich zu machen. Und es ist ja wirklich so, wie du angesprochen hast: Es ist hoffentlich nicht die letzte Chance für mich, bei einer Weltmeisterschaft zu sein.

90minuten: Letzte Frage: Wie bereitest du dich darauf vor, wenn einer wie Harry Kane auf dich zukommt?

Querfeld: In der deutschen Bundesliga oder im Nationalteam spielst du teilweise gegen unglaubliche Leute, die man maximal von der Playstation kennt. Ich schaue mir meine Gegenspieler schon genauer an als in Österreich. Das liegt daran, dass ich gegen die Spieler davor noch nie gespielt habe. Ich schaue mir jetzt beispielsweise Videos an, wie jemand im Strafraum agiert.

Ich bekomme aber keine Bauchschmerzen, sondern freue mich eher auf diese Duelle. Eines möchte ich aber noch einmal betonen: Viele träumen davon, gegen Bayern und Co. zu spielen – wie auch ich früher – und jetzt mache ich es. Es ist einfach eine große Vorfreude, auch auf die Kulisse, vor allem bei Heimspielen.

90minuten: Wir danken für das Gespräch!

VIDEO: Die Talenteschmiede des SK Rapid


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