Jürgen Heil: "Traue mir Klub in der deutschen Bundesliga zu"
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Jürgen Heil: "Traue mir Klub in der deutschen Bundesliga zu"

Der TSV-Hartberg-Kapitän ist ein Kandidat bei größeren Klubs. Wohin es ihn nach elf Jahren Hartberg ziehen könnte? Im Interview gibt es die Möglichkeit, den Leader-Typen näher kennenzulernen.

Als der damalige Regionalligist TSV Hartberg den Landesliga-Kicker Jürgen Heil vom SV Anger holte, dachten weder der 18-Jährige, noch der Verein, dass sie sich einmal mit den Topklubs des Landes messen werden.

Nun, elf Jahre später könnte Heil seinen TSV verlassen. Der Vertrag läuft aus, die Hartberger müssen ohnehin sparen, und mit 29 Jahren kann man schon noch einmal etwas ausprobieren.

Kolportiert wird Interesse aus Wien-Favoriten. Viel falsch machen, kann kein Klub: Er ist ablösefrei, ein erfahrener Leader, so gut wie nie verletzt. Im 90minuten-Interview umschifft er die Frage nach einem konkreten Transferziel gekonnt und gibt tiefe Einblicke in sein Fußballverständnis.

Das bedeutet, dass es eine klare Rollenverteilung geben muss, damit alle miteinander auskommen - die Jungen, so viel sei vorab verraten, würden damit nicht immer zurechtkommen.

90minuten: Wenn ich dir ein Leiberl schenken könnte, sollte es grün oder violett sein?

Jürgen Heil: Ich bin ja kein Wiener und als Steirer fragt man meistens nach schwarz oder rot. Also kann ich die Frage nicht wirklich beantworten.

90minuten: Du möchtest über den im Raum stehenden Wechsel nach Wien nicht sprechen. Aber du hast Wechselbereitschaft angedeutet, wie würdest du dich als dein eigener Berater verkaufen?

Heil: Ich habe es in meiner gesamten Karriere nie leicht gehabt, angefangen in der Jugend. Mich wollte keine Akademie, alle meinten, ich bin zu schwach und zu klein. Ich musste immer mein Kämpferherz beweisen und habe gelernt, dass man für den Erfolg immer alles dem Team unterordnen muss und es nicht um persönliche Befindlichkeiten geht. Ich denke, ich habe die Empathie, die es in einem Teamsport braucht und bin ein Leader-Typ, der weiß, in welchen Momenten er voran gehen muss. Der gesamte Hartberg-Staff umfasst 40 Personen, die müssen harmonisch miteinander funktionieren.

Wenn ich mir ansehe, welche Spieler der LASK Woche für Woche nicht einsetzt, sehe ich viele, die bei uns Stammspieler wären. Und wenn es diesen Unterschied nicht gäbe, wären ja alle bei den Großklubs deppert.

Jürgen Heil, Kapitän des TSV Harberg

90minuten: In letzter Zeit haben Trainer und Geschäftsführer auch über die Medien kommuniziert, es sei wenig Geld da, die Infrastruktur ist nicht ideal und so weiter. Was macht das mit euch Spielern?

Heil: Unsere vergleichsweise geringen finanziellen Möglichkeiten begleiten uns, seit wir in der Bundesliga sind. Aber wir wissen eines: Die elf Spieler, die am Wochenende auflaufen, sind im Stande, die großen Vereine zu schlagen, wenn wir als Mannschaft auftreten. Dann zählt auch nicht, welche Möglichkeiten es unter der Woche gibt. Dieses Selbstvertrauen, in diesen Situationen zu liefern, haben wir uns in den letzten Jahren erarbeitet. Wir müssen keine Angst haben, weil die Gegner in dieser Liga sicher nicht um ein Vielfaches besser sind, wie es Salzburg früher einmal war.

90minuten: Aber beschäftigen die öffentlichen Aussagen das Team?

Heil: Natürlich. Die Frage ist aber immer, wie nah man es an sich ran lässt. Du kannst dir schon auch Verbesserungen wünschen, aber als Spieler sind wir dazu da, um Dinge auszuführen. Als Kapitän mache ich mir natürlich meine Gedanken und teile sie Erich und Brigitte (Geschäftsführer Korherr und Präsidentin Annerl, Anm.) mit. Als Gruppe darf uns das nicht so sehr beschäftigen, dass unsere Leistung darunter leidet. Und wir sind nicht der Vorstand, der den Verein weiterentwickelt. Man weiß ja auch, dass der Verein wachsen will, aber das dauert Jahre und geht nicht von heute auf morgen.

90minuten: Kommen wir zur Liga, die du als sehr ausgeglichen beschrieben hast. Ist die so, nur weil Salzburg schwächelt oder haben die Kleinen tatsächlich aufgeholt?

Heil: Die Wahrheit liegt am Ende wohl in der Mitte. Weil die kleinen Vereine arbeiten gut, es gibt hier helle Köpfe. Vereine wie wir nutzen es vielleicht ein bisschen aus, dass die Großen den österreichischen Markt nicht ganz so beachten und auf junge, ausländische Spieler setzen. Die Großen sind sicherlich auch nicht mehr so gut aufgestellt wie vor ein paar Jahren.

"Die Brigitte" Annerl spielt eine große Rolle für den Erfolg des TSV. Sie weiß zudem genau, dass ihr beim Fußball Expertise fehlt
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"Die Brigitte" Annerl spielt eine große Rolle für den Erfolg des TSV. Sie weiß zudem genau, dass ihr beim Fußball Expertise fehlt

90minuten: Außer dem WAC hat aber kein kleinerer Verein so richtig aufzeigen können und ist am Ende weit vorne gelandet, ihr wart zwei Mal Fünfter, jetzt ist nur noch rechnerisch Rang vier drinnen. Was fehlt euch, um diesen nächsten Schritt zu gehen?

Heil: Am Ende des Tages gibt es natürlich einen Unterschied, wenn du dir die Kader ansiehst. Über die Saison machen sich diese Qualitätsunterschiede bemerkbar, wenn bei uns Spieler ausfallen. Wenn ich mir ansehe, welche Spieler der LASK Woche für Woche nicht einsetzt, sehe ich viele, die bei uns Stammspieler wären. Und wenn es diesen Unterschied nicht gäbe, wären ja alle bei den Großklubs deppert.

90minuten: Der WAC war letztes Jahr Cupsieger, ist jetzt in Abstiegsnöten. Schon früher haben Klubs wie Grödig, Altach oder die Admira dritte Plätze geholt und sind in der Folge eingebrochen. Wie kommt es aus deiner Sicht zu solchen Schwankungen?

Heil: Schwer zu sagen. Hätten wir es nicht in die Top-6 geschafft, würden wir vielleicht auch gegen den Abstieg spielen. Es ist in diesem Format alles sehr eng, vor ein paar Wochen hat man beim GAK das Wort Conference League gehört und jetzt kämpfen sie gegen den Abstieg. Bei kleinen Klubs gehen die Besten oftmals. Ballo hat den WAC im Sommer verlassen, Nwaiwu im Winter. Wenn nach einer langen Erfolgsphase Gegenwind aufkommt, merkt man erst, ob die Mannschaft gefestigt ist. Aber am Ende kann man in keine Mannschaft reinschauen. Es ist uns auch passiert, dass ein Jahr gut und das nächste weniger gut war.

90minuten: Welche Rolle spielt dabei der Trainer?

Heil: Jeder Trainer hat seine eigenen Ideen. Klarerweise will der an den Vorgänger anschließen. Wir haben mit Markus Schopp erfolgreich und ballbesitzorientiert gespielt. Dann kam Manfred Schmid und wollte daran anschließen. Das funktionierte nicht so und wir verteidigen mittlerweile tiefer. Jetzt sind wir eine der defensivstärksten Mannschaften in der Liga.

Es stellt sich die Frage, wie ein Team mit derartigen Änderungen umgeht – für uns war das ein Riesenschritt, mehr auf Umschaltspiel zu setzen. Wir können ja nicht sagen, dass wir lieber mehr Ballbesitz haben und unser eigenes Ding machen, wenn der Trainer etwas anderes vorgibt. Das funktioniert nicht. Entweder committet man sich als Gruppe – Trainerteam plus Mannschaft – auf etwas oder nicht. Wir erfahrenen Spieler werden irgendwann selber Trainer und treffen unsere eigenen Entscheidungen und können als Routiniers Themen einbringen. Am Ende entscheidet aber der Trainer.

Es gibt ein Video von einer Kabinenansprache von Vincent Kompany, da sagt er: Es ist meine Scheißentscheidung, ob wir mit drei, vier, fünf oder sechs Spielern hinten spielen. Der Trainer muss die Verantwortung übernehmen – ich denke, dass die Spieler heutzutage oft zu viel Mitspracherecht einfordern.

Jürgen Heil

90minuten: Wird diese Gruppendynamik, dass Trainer und Führungsspieler auf den Kader einwirken müssen, damit es klappt, in der Öffentlichkeit zu oft übersehen?

Heil: Du kannst im Fußball immer über alles diskutieren, aber die Rollenverteilung ist wichtig. Die Brigitte kommt auch nicht her und meint, dass dieser oder jener Spieler geholt werden muss. Sie ist in diesem konkreten Bereich keine Expertin. Also mischt sie sich nicht ein. Genauso gehe ich nicht zum Trainer und sage ihm, dass der Spielstil nicht passt. Als Kapitän bin ich viel mehr seine rechte Hand und unterstütze ihn bei der Umsetzung seiner Ideen.

Es gibt ein Video von einer Kabinenansprache von Vincent Kompany bei Burnley, da sagt er: Es ist meine Scheißentscheidung, ob wir mit drei, vier, fünf oder sechs Spielern hinten spielen. Der Trainer muss die Verantwortung übernehmen – ich denke, dass die Spieler heutzutage oft zu viel Mitspracherecht einfordern. Jeder will es besser wissen, dabei musst du dich unterordnen.

90minuten: Früher war das sicherlich leichter. In den 80er-Jahren waren die besten Kicker froh, wenn sie nach der Karriere eine Tankstelle haben, heute träumen viele von der Premier League und wenn das klappt, müssen sie gar keiner normalen Arbeit mehr nachgehen. Das ist für die Trainer sicherlich ein Spagat.

Heil: Manche Spieler lassen sich von sowas auch verrückt machen. Das passiert, wenn du nach dem Spiel immer in irgendeiner App schaust, wie die Bewertungen sind. Es geht alles um Daten und nicht mehr darum, dass du dein Hobby, deine Leidenschaft zum Beruf machst. Ich habe aber genau deswegen zum Spielen angefangen, wollte jeden Tag mein Bestes geben. In Wahrheit darfst du gar nicht darauf hören, was andere sagen, sondern musst deinen eigenen Weg gehen.

90minuten: Hat es da irgendwo einen Cut gegeben, dass junge Spieler anders ticken, also im Vergleich zu dir und deinen 29 Jahren?

Heil: Absolut. Wenn ich mir unseren Kader ansehe, bin ich gefühlt der Opa. Aber ich weiß schon, wovon ich rede. Die kommende Generation sind liebe, brave Buam, aber die Selbstverständlichkeit, sich jeden Tag zu verbessern, sehe ich nicht. Ich musste mich, als ich in die Bundesliga kam, entwickeln, weil ich noch nicht so weit war und habe nach dem Training noch 25, 30 Flanken in den Strafraum geschlagen, um besser zu werden. Heute nimmt man den Spielern alles ab und ich finde, dass sie schon selbstständiger werden müssen.

"Opa" Heil mit den "lieben, braven Buam": Der Kapitän ist mit der jungen Generation nicht in allen Belangen zufrieden
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"Opa" Heil mit den "lieben, braven Buam": Der Kapitän ist mit der jungen Generation nicht in allen Belangen zufrieden

90minuten: Wenn man aber älter wird, merkt man, dass man ein bisschen wie der alte Opa wird, der sich über die Jugend aufregt. Drehen wir es um: Du bist bald 30, früher hieß es, dass der letzte große Vertrag kommt. Heute spielen die besten Kicker, bis sie 40 sind. Da braucht der Körper eine andere Belastungssteuerung als mit 20. Schon mit 30 tut der Eisenbahner am Oberschenkel länger weh. Was machst du, um fit zu bleiben?

Heil: Das Alter bleibt niemandem verborgen. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich mich glücklich schätzen kann, von gröberen Verletzungen verschont geblieben zu sein. Zudem bin ich in einem Zustand, wo ich denke, dass ich noch immer Jahr für Jahr drauflegen kann. Je länger die Karriere ist, desto wichtiger wird auch das Mentale: Wie sehr bin ich bereit, an meine Grenzen zu gehen? Wie lange kann ich das überhaupt, vielleicht auch über meine Grenzen zu gehen? Das finde ich persönlich fast spannender als die Frage, ob ich in zehn Jahren auch noch spiele.

90minuten: Ist das auch der Grund, warum manche mit 30 schon in der Regionalliga kicken – abgesehen von schweren Verletzungen?

Heil: Vielleicht haben manche ihre Karriereziele sehr früh erreicht. Dann haben sie nicht mehr diesen Jagdinstinkt. Wenn einer in meinem Alter runtergeht und irgendwo mit weniger Aufwand noch ein bisschen kickt, ist das ja in Ordnung. Das ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es ist ja schon ein springender Punkt, dass du für den Profisport auf viel verzichten musst. Du musst jeden Tag schauen, dass du auf dem Platz stehst und alles gibst, auch wenn es dich nicht immer interessiert. Dir tut was weh und du beißt rein.

Bei mir ist das anders. Für mich ist es in Hartberg wunderschön und ich hätte im Alter von 18 Jahren nie gedacht, jemals ein Bundesligaspiel zu absolvieren. In den letzten Jahren hat sich mein Hunger noch mehr entwickelt. Ich spüre den Ehrgeiz, noch einen Step zu machen. Bei mir ist das halt noch nicht der Fall.

90minuten: Wie wäre das, den TSV nach elf Jahren zu verlassen?

Heil: Sollte es dazu kommen, würde mir das brutal schwerfallen. Es geht ja nicht darum, ob ich die Stadt verlasse, aber die Menschen, die diese mit Leben füllen. Das fängt bei der Brigitte an, die in den elf Jahren einen ganz besonderen Part spielt. Ich bin Taufpate von Tobias Kainz' Sohn. Freundschaften, der tägliche Austausch – das würde ich vermissen.

Jeder, der Eintritt zahlt, kann seine Meinung äußern. Mit dieser Kritik muss man klarkommen, auch wenn es Pfiffe gibt. So wächst du als Spieler und als Mensch.

Jürgen Heil

90minuten: Du hast ja eingangs klargemacht, dass du nicht sagen willst oder wirst, wo du hingehst. Du hast vorhin über Bewertungen von außen gesprochen - ohne respektlos zu sein, ist die Aufmerksamkeit so gut wie überall anders höher als in Hartberg. Wie wirst du damit umgehen?

Heil: Ich glaub ja, ich weiß, was du meinst. Vor dem hab ich eigentlich keine Angst, weil ich weiß, dass ich meine Leistung bringen kann, manchmal besser, manchmal schlechter. Für mein Leistungsniveau bin ich selber verantwortlich und mir ist es egal, ob da 200 oder 20.000 Leute zuschauen. Ich spiele meinen Fußball und will mit der Mannschaft erfolgreich sein: Der von außen kommende Druck darf mich nicht tangieren.

Und auch jeder, der Eintritt zahlt, kann seine Meinung äußern. Mit dieser Kritik muss man klarkommen, auch wenn es Pfiffe gibt. So wächst du als Spieler und als Mensch.

90minuten: Welches realistische Ziel hast du denn? Einmal Europa League?

Heil: International zu spielen ist schon ein großes Ziel. Das ist mit Hartberg nicht einfach, aber auch nicht unmöglich. Und natürlich mache ich mir über mein Leistungsniveau Gedanken. Ich weiß auch selber, dass ich nicht mehr für Liverpool auflaufen werde. Aber mit meiner Erfahrung, mit meinem Einsatz und auch meinem spielerischen Vermögen kann ich Mannschaften helfen. Du sprichst jetzt von einer Europa League, da sind unglaublich tolle Teams dabei und als österreichische Mannschaft bist du wahrscheinlich immer der Underdog.

Aber ich glaube trotzdem, dass wir uns in Österreich manchmal schon auch zu klein machen und zu klein denken. Das habe ich als Spieler auch lange getan. Aber das ist mir jetzt egal. Ich traue mir beispielsweise auch einen Klub in der deutschen Bundesliga zu. Da sind zwar jede Woche 50.000 Fans im Stadion, aber die Spieler sind auch nicht um Welten besser. Klar, sie haben eine gewisse Qualität, aber man kann sich auch einem höheren Niveau anpassen – und ich bin einer, der groß denken will.

90minuten: Wir danken für das Gespräch!


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