"Derzeit arbeite ich mit einem Jugendlichen, mache Videoanalysen und Training", sagt Goran Djuricin im 90minuten-Interview. Neben dieser Tätigkeit ist er stolzer Opa und drückt Sohn Marco die Daumen, damit der mit dem SKN St. Pölten den Aufstieg schafft.
"Trainer sein macht nur Spaß, wenn man gewinnt", meint der Ex-Rapid- und Blau-Weiß-Linz-Trainer Djuricin angesprochen auf seine vermeintlich ausufernde Tagesfreizeit. Dabei beschäftigt er sich nun viel mehr mit Fußball und poliert auch sein Englisch auf.
Stripfing, meint Djuricin, war überhaupt nicht professionell – trotz vieler Siege und eines Meistertitels in der Regionalliga Ost 2022/23.
"Wenn du einmal bei Rapid, Blau-Weiß Linz oder den Grasshoppers in Zürich warst, ist dir das Rundherum wichtig", sagt er auf mögliche neue Aufgaben angesprochen. "Ich will nicht arrogant rüberkommen, aber bei Stripfing gab's nur Fußball und sonst nichts. Das reizt mich wenig."
In Österreich rechnet Djuricin nicht wirklich damit, ein Engagement zu bekommen. "Die großen und professionellen Klubs setzen auf junge Trainer, da bin ich nicht interessant."
Ein Satz, der aufhorchen lässt und Inhalt benötigt. Im 90minuten-Interview macht sich "Gogo" ausführlich Gedanken zum Trainerwesen, zum Titelkampf in der ADMIRAL Bundesliga, zum Alter im Profigeschäft und zur Professionalität in Österreich.
90minuten: Sie hatten eine sehr kurze aktive Karriere bei Austria Wien und Vorwärts Steyr. Ende der 90er haben Sie als Ex-Nachwuchskicker von Rapid für die Veilchen gespielt. 2002 hat Ihre Trainerkarriere angefangen; Wien, Linz, Zürich wurde es dann. Haben Sie das geplant?
Goran Djuricin: Ich habe keine Ziele. Es ist auch sinnlos, ein großes Ziel vor Augen zu haben. Ein Freund meinte irgendwann einmal: "Du wirst Rapid- oder Austria-Trainer." Ich habe ihm das nicht geglaubt, und zwei Jahre später war ich es. Es ist auch schwierig, weil es selten Vereine gibt, die nicht übernervös sind. Meine Vision als Trainer war immer so, dass ich wollte, dass mich die Menschen gernhaben und sagen: "Gogo, bitte bleib da, dein Fußball ist einfach nur megageil." Dieser "Wow-Effekt" war mir immer wichtiger als Geld.
90minuten: Wovon lebt man dann eigentlich?
Djuricin: Ich habe wie viele Kicker als Kanzleikraft bei der Pensionsversicherungsanstalt angefangen. Mit dem 40-Stunden-Job und dem Kicken ging es halbwegs gut. Aber es ist manchmal schon schwierig gewesen, unseren zwei Kindern ein super Leben zu ermöglichen. Wir waren beispielsweise länger nicht im Urlaub.
Ich habe einmal ein Interview von Christiane Hörbiger gelesen. Als sie so 70 Jahre alt war, hat man sie gefragt, was sie rückblickend anders machen würde. Sie meinte, sie hätte nicht mehr so viel Angst davor, dass kein neues Engagement kommt. So ging es mir auch lange.
90minuten: Jetzt sind Sie seit drei Jahren arbeitslos.
Djuricin: Ich bin Gott sei Dank nur "vereinsarbeitslos". Ich habe einmal ein Interview von Christiane Hörbiger gelesen, einer tollen Schauspielerin mit viel Talent und Aura. Als sie so 70 Jahre alt war, hat man sie gefragt, was sie rückblickend anders machen würde. Sie meinte, sie hätte nicht mehr so viel Angst davor, dass kein neues Engagement kommt. So ging es mir auch lange. Vielleicht hätte ich aber auch das eine oder andere durchwegs attraktive Angebot in den letzten Jahren annehmen sollen. Allerdings wollte ich nicht von meiner Familie weg.
Jetzt kommen Angebote, wo ich für einen – sagen wir mal – gegenüber Rapid viel geringeren Lohn im Ausland Trainer sein könnte. Das zahlt sich einfach nicht aus. Ich müsste dann ja zwei Wohnsitze finanzieren. Wie gesagt, ich bin den sportlichen Standard von Rapid gewohnt, da überlegst du dir drei- bis viermal, ob du wohin gehst, wo es vielleicht nicht so professionell ist.
90minuten: Dabei werden dank der Reform oft neue Trainer gesucht. Wie finden Sie die Reform?
Djuricin: Die hat man damals wegen Red Bull Salzburg gemacht. Sie waren das Vorbild, aber es konnte niemand ahnen, dass es mit ihnen so bergab geht. Sie haben wohl auch im Nachwuchs zu stark auf Pressing gesetzt und müssen sich jetzt adaptieren. Als sie so stark waren, hat die Reform gepasst, jetzt wäre ein normaler Modus passender. Denn für die Mitwirkenden ist das alles andere als lustig, und gerade in der Qualifikationsgruppe macht man mit jungen Spielern keine großen Sprünge.
Viel dreht sich um das Verteidigen und um Standards – das ist kein schöner Fußball. Wir suchen zudem hierzulande immer einen Nagelsmann. Die Jungen bringen viel Pfeffer in die Suppe, sind tolle Theoretiker, aber es wird vielleicht zu kompliziert gedacht. Da gibt es im Spielaufbau 17 Optionen, 18 Standardvarianten und bei der Halbzeitansprache 40 zu besprechende Bilder. Ich denke, es braucht erfahrene Trainer, siehe Kühbauer, Glasner oder Ilzer. Die sind alle teilweise deutlich über 40 Jahre alt.
90minuten: Kühbauer meinte neulich eh auch, dass Fußball zu kompliziert gemacht wird. Was macht ihn so erfolgreich?
Djuricin: Generell hat er die meiner Meinung nach beste Mannschaft zur Verfügung. Alleine Kalajdzic ist kaum zu stoppen. Kühbauer ist heute auch anders als früher, hat sich taktisch stark weiterentwickelt und ist zum echten Leader geworden. Ich kann ja auch von einem 30-Jährigen nicht erwarten, dass er so erfahren ist wie einer mit 45 oder 50 Jahren.
90minuten: Erklärt das die teilweise schwankenden Leistungen von Beichler oder Ingolitsch?
Djuricin: Ich freue mich, dass Daniel seine Chance bekommt. Das hat mit Jaissle schon gut funktioniert, aber der kam in ein erfolgreiches Umfeld rein. Beichler tut mir fast leid, der wird da reingeschmissen und hat eigentlich viel drauf. Man sieht bei Altach ja schon auch, welches Fundament Ingolitsch hinterlassen hat, auch wenn es jetzt nochmals eng werden könnte. Auf den Trainern liegt jedoch generell viel Druck, und sie sollen dann in kurzer Zeit viel ändern.
Das sieht man jetzt bei Amstetten. Zuerst war kein Druck da, dann waren sie Erster. Als sie die Gejagten waren, haben sie dann viele Punkte verloren. Da war kein Druck da, und es folgte ein Absturz. Mit den kleinen Klubs eine Saison zu performen, ist immer leichter. Bei den Zweitliga-Titelkandidaten wie dem SKN, Lustenau oder der Admira ist von Anfang an klar, was erwartet wird.
90minuten: Was macht denn dann den Erfolg aus – ein kluger Transfersommer oder die Trainerpersönlichkeit?
Djuricin: Das ist die größte Frage des Fußballlebens. Es gibt sehr, sehr wenige Trainer, die über Jahre immer und überall Erfolg haben. Damir Canadi hat bei Altach super funktioniert, bei Rapid gar nicht. Das sagt nichts darüber aus, ob er ein guter oder schlechter Trainer ist. Verletzungen, Abgänge, Zugänge, Formschwächen – es muss schlichtweg sehr viel zusammenspielen. Insofern ist ein gutes halbes Jahr zu wenig, um einen Trainer zu bewerten. Umgekehrt müssen wir aufpassen, wie wir das alles bewerten.
Ich hatte mit Anfang 30 ein Riesenego und war unfassbar stolz, wie meine Teams verschoben haben. Das sehe ich heute anders. Wenn ich mir PSG gegen Bayern ansehe – das ist geil, aber unmöglich mit qualitativ nicht so guten Spielern zu machen.
90minuten: Das heißt?
Djuricin: Als ich ein junger Trainer war, habe ich mich an Damir orientiert, der damals die Raumdeckung in den Amateurfußball gebracht hat. Ich hatte mit Anfang 30 ein Riesenego und war unfassbar stolz, wie meine Teams verschoben haben. Das sehe ich heute anders. Wenn ich mir PSG gegen Bayern ansehe – das ist geil, aber unmöglich mit qualitativ nicht so guten Spielern zu machen. Wie soll das denn funktionieren?
Die Funktionäre müssen hellhörig sein: Wenn ein Trainer dem Präsidenten erzählt, was er alles kann und will, müssen sie dreimal so genau hinschauen, ob das mit dem Spielermaterial und in der jeweiligen Situation überhaupt möglich ist. Ich habe die Lösung aber nicht gefunden. Ich hätte zudem gewettet, dass Peter Stöger bei Rapid funktioniert. Du musst als Trainer einfach schauen, wie du deine Mannschaft erreichst – und der Verein muss darauf achten, wie einer wirklich ist. Ein Beispiel: Geht er mit der Sekretärin und dem Stadionsprecher respektvoll oder arrogant um?
90minuten: Sprechen wir einmal konkret über die Bundesliga-Meistergruppe. Wie schätzen Sie Hartberg ein?
Djuricin: Ein junger Trainer würde nicht so spielen. Die wollen alle rausspielen und hoch attackieren. Schmid hat aber erkannt, was das Team kann, und vermittelt das mit seiner Art auch.
90minuten: Stephan Helm wiederum wird gefühlt jede Woche vor die Tür gesetzt.
Djuricin: Er ist in einer ähnlichen Situation wie ich damals bei Rapid. Ich habe das knapp eineinhalb Jahre ausgehalten, er schon länger, und ich verneige mich dafür vor ihm. Alle reden immer schlecht über ihn, aber eigentlich hat er Erfolg. Er ist sicherlich der resilienteste Trainer der Liga. Hut ab!
90minuten: Sturm und Salzburg haben wir schon angeschnitten, bleibt noch Ihr Ex-Klub Rapid. Hat sich dort viel geändert, seit Sie weg sind?
Djuricin: In einigen Dingen schon. Sie holen teure Einzelspieler, weil sie mehr Geld haben. Aber ihre Spiel- und Transferphilosophie hat sich nicht weiterentwickelt. Was wurde unter Büskens gespielt? Offensive. Dann kam Damir, der hat defensiver attackiert. Ich wollte immer attackieren und Ballbesitz haben, weil ich dachte, dass das zu Rapid gehört. Aufgetragen hat mir das niemand. Kühbauer hat danach tiefer attackieren lassen. Thorup will überhaupt schnell umschalten und gleichzeitig im Ballbesitz sein. Ich erkenne da keine Philosophie!
90minuten: Wir lesen immer davon, wie schwierig der Klub ist. Sie haben keinerlei Ambitionen, zurückzukehren. Befüllen Sie das doch mit Leben!
Djuricin: Rapid ist ein Haifischbecken. Damit sind sie aber in Österreich nicht alleine. Als größter Klub ist das auch logisch. In diesem Becken ist das Arbeiten so schwierig, weil es so viele Gruppierungen gibt. Akzeptiert wurden nur Stars wie Kühbauer, Barisic oder auch Stöger. Die anderen Trainer nicht. Um diese traditionellen Strukturen aufzubrechen, muss man die Haifische zahmer machen.
90minuten: Wer sind die Haifische?
Djuricin: Ich sage dazu nur eines: Wenn du im Spielertunnel bist, ist der Gang ins Stadion nicht motivierend, sondern erdrückend. Der Verein muss sich Gedanken machen, wie das zu ändern ist. Mit den Fans hatte ich keine Probleme. In der organisierten Szene gibt es viel Respekt. Stress machen eher die, die weniger zu sagen haben. Anders als bei den Bayern gibt es aber auch keinen Chef, der für alles die Gesamtverantwortung trägt. Alle schieben die Verantwortung herum. Das ist schwachsinnig.
Der Kühbauer-Abgang war sicherlich der Schlüsselmoment. Wenn du einen so tollen Trainer verlierst und es so schiefgeht, heißt das aber auch, dass es strukturell nicht passt. Du musst dann ehrlich zu dir selbst sein.
90minuten: Noch ein Wort zur Qualifikationsgruppe. Blau-Weiß Linz bestätigt alles, was Sie vorher sagten: Mörec tut sich bei Linz schwer, Köllner als Erfahrener schafft’s.
Djuricin: Es ist schwierig, das konkret zu analysieren; man kann immer irgendwie danebengreifen.
90minuten: Wissen Sie umgekehrt, wie aus dem WAC ein Jahr nach dem Cupsieg und Meisterchancen bis zuletzt ein Abstiegskandidat werden konnte?
Djuricin: Es wäre schade, wenn es sie erwischt. Noch schlimmer wäre es für den GAK als Traditionsverein. Riegler hatte oft ein gutes Händchen – mit Ilzer, Struber oder Kühbauer. Das war entweder überlegt oder Glück. Diese Saison hat Riegler ein, zwei entscheidende Fehler gemacht. Der Kühbauer-Abgang war sicherlich der Schlüsselmoment. Wenn du einen so tollen Trainer verlierst und es so schiefgeht, heißt das aber auch, dass es strukturell nicht passt. Du musst dann ehrlich zu dir selbst sein. Ich weiß, warum ich bei Blau-Weiß Linz gescheitert bin. Das möchte ich nicht breittreten. Ich meine nur: Riegler muss sich in den Spiegel schauen und eingestehen, was er falsch gemacht hat.
90minuten: Wäre das nicht eine Trainerbank, auf der Sie gerne sitzen würden?
Djuricin: Das soll jetzt keine Ausrede sein, aber ich kann keinen Verein nennen. Ich muss Strukturen und Ziele kennen. Ich war vor einem Monat ein paar Tage bei Christian Ilzer in Hoffenheim hospitieren. Wenn ich das sehe, bekomme ich schon mega Lust. Für mich persönlich beschäftige ich mich jetzt noch mehr mit Fußball als zu dem Zeitpunkt, als ich Rapid-Trainer war, und bin mit dem gesamten Know-how die beste Trainerversion von mir selbst.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler