Der Spitzenfußball in Österreich und das liebe Geld. Aktuell dürfen Investoren nicht mehr als 50 Prozent der Stimmen an einem Profi-Fußballverein halten. Oder anders formuliert: der Fußballverein muss zumindest 50 Prozent plus eine Stimme der Stimmrechte in der ausgelagerten Profisportgesellschaft innehaben.
Während Traditionsvereine wie Rapid und Sturm auf ihren Mitgliederverein pochen, und die Lockerung der Investorenregel bisher kategorisch ausgeschlossen haben, gibt es in Österreich dennoch immer wieder die Diskussion um die 50+1 Regel.
Zuletzt haben sich die Überlegungen innerhalb der Bundesliga-Vereine 90minuten-Informationen zufolge wieder intensiviert. Der Blick über die Grenzen zeigt, wie 50+1 funktionieren, aber natürlich auch scheitern kann. Eine Gewissheit für den Erfolg gibt es weder mit, noch ohne der vieldiskutierten Regel, wie die Vergangenheit in Österreich gezeigt hat.
Die aktuellen Wirtschaftsdaten aber zeigen nach unten, das trifft auch den Sport im Allgemeinen, und den Fußball im Speziellen. Der neue TV-Vertrag ist deutlich schlechter dotiert als der vorige, viele Sponsoren kürzen oder steigen aus. Eine Besserung in den kommenden Jahren ist nur langsam in Sicht.
Ist es aus finanzieller Sicht überhaupt möglich, besser Fußball zu spielen? Wie ist Spitzen-Fußball in Österreich finanzierbar? Einer, der beide Seiten in den vergangenen Jahren kennengelernt hat, ist Raphael Landthaler, der fünf Jahre beim SK Rapid als CFO tätig, danach Vorstand der Österreichischen Bundesliga, und zuletzt im Rahmen einer Investorengruppe bei Viktoria Pilsen beteiligt war. Im Interview mit 90minuten spricht Landthaler über die finanzielle Entwicklung, und warum die Lockerung der 50+1 Regel für Österreich sinnvoll wäre.
90minuten: Wie beurteilen Sie die Rahmenbedingungen im österreichischen Klubfußball aktuell und wie haben sich diesen in den vergangenen Jahren entwickelt? Hat sich die Finanzierung von Spitzenfußball in Österreich in den vergangenen Jahren verbessert oder eher verschlechtert - und warum?
Raphael Landthaler: Betrachtet man die Fakten und makroökonomischen Zahlen, dann ist eine eindeutige Verbesserung erkennbar: Vor 15 Jahren hatten alle Klubs der Bundesliga gemeinsam einen Umsatz von 170 Mio. Euro. Dieser ist kontinuierlich gestiegen und lag in den letzten beiden Saisons jeweils bei über 500 Mio. Euro. Mitverantwortlich dafür sind die Einführung der Conference League und die Erweiterung der Champions und Europa League, die den Klubs zusätzliche Umsätze bringen. Außerdem wurden die Solidaritätszahlungen für Klubs, die sich nicht für den internationalen Wettbewerb qualifizieren, deutlich angehoben.
90minuten: Wie sieht es mit der Entwicklung der Transfererlöse aus?
Landthaler: Ausgehend von den großen Ligen gibt es den sogenannten "Trickle-Down-Effekt", von dem letztlich auch kleinere Klubs in kleineren Ligen profitieren. Sie erhalten gute Transfererlöse für ihre Spieler von Klubs, die in der Nahrungskette über ihnen stehen.
Weitere Probleme könnte das Diarra-Urteil bringen, dessen Auswirkungen auf das globale Transfersystem noch unklar sind. Derzeit betrifft es nur EU-Klubs, da es sich um ein EU-Urteil handelt.
90minuten: Was sind die Herausforderungen in den kommenden Jahren für Profivereine in Österreich, was die Finanzierung betrifft?
Landthaler: Durch den Abfall aus den Top 15 verliert Österreich einen Startplatz. Das hat negative Auswirkungen auf das bestehende Ligaformat. Die Solidaritätszahlungen werden sinken, da diese ebenfalls an die Fünfjahreswertung sowie die Performance der teilnehmenden Klubs aus dem jeweiligen Land gekoppelt sind. Durch den neuen TV-Deal sinken die Erlöse aus dem nationalen TV-Geschäft.
90minuten: Welche Wolken könnten sonst noch auf dem rot-weiß-roten Fußballhorizont aufziehen?
Landthaler: Weitere Probleme könnte das Diarra-Urteil bringen, dessen Auswirkungen auf das globale Transfersystem noch unklar sind. Derzeit betrifft es nur EU-Klubs, da es sich um ein EU-Urteil handelt.
90minuten: Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für die Entwicklung der Umsätze?
Landthaler: Insgesamt muss man davon ausgehen, dass die Umsätze zumindest mittelfristig nicht weiter steigen werden. Langfristig kann sich das aber wieder positiv entwickeln, da es Signale vom Markt gibt, insbesondere was die Erlöse aus den internationalen Bewerben betrifft.
90minuten: Oftmals diskutiert wurde in Österreich die aktuell bestehende 50+1 Regel. Würde eine Lockerung der 50+1 Regel das Problem entschärfen?
Landthaler: Die Antwort ist simpel: Ja!
90minuten: Warum?
Landthaler: 50+1 verhindert, dass die Klubs Eigenkapital von außen erhalten. Sie können sich folglich nur über Fremdkapital finanzieren. Was wir in Pilsen gemacht haben, wäre in Österreich nicht möglich gewesen. Wir haben Geld in einen überschuldeten Klub investiert und dadurch seine Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Letztendlich war es eine notwendige Finanzspritze gepaart mit einer klaren Strategie, um den Klub wieder auf einen nachhaltig profitablen und sportlich erfolgreichen Weg zurückzuführen.
Ich würde eine Öffnung der 50+1 Regel nur mit flankierenden Maßnahmen befürworten. Gerade die Premier League hat aus zahlreichen negativen Beispielen gelernt und ein Regelwerk für Investoren entwickelt.
90minuten: Würden Sie eine Lockerung dieser Regel daher in Österreich befürworten?
Landthaler: Ich würde eine Öffnung der 50+1 Regel nur mit flankierenden Maßnahmen befürworten. Gerade die Premier League hat aus zahlreichen negativen Beispielen gelernt und ein Regelwerk für Investoren entwickelt. So wurde beispielsweise die Übernahme von Everton durch die wenig seriöse 777-Gruppe verhindert.
90minuten: Wie könnte so ein Regelwerk aussehen?
Landthaler: Hier geht es darum, dass man einen "Fit & Propper Test" durchführt, um festzustellen, wie seriös der Investor ist und welche Absichten er verfolgt: (Woher) hat er die finanziellen Mittel? Was möchte er erreichen? Hat er einen tauglichen Plan und die Fähigkeiten diesen umzusetzen? Hier gibt es viele Möglichkeiten und Ideen um die Liga einerseits zu schützen und andererseits langfristig zu stärken.
Michael Fiala