Dieter Elsneg fühlt sich wieder gut und bereit für neue Aufgaben. Im September war das anders. Er trat als Sportchef des GAK zurück, weil es für ihn einfach nicht mehr ging.
Die Rotjacken hatten nach dem knappen Klassenerhalt wieder sechs Ligaspiele in Folge nicht angeschrieben. Doch das ist nicht der Hauptgrund.
Im 90minuten-Interview spricht er über eine notwendige Auszeit nach mehr als 20 Jahren, in denen der Fußball der Mittelpunkt seines Lebens war. Dabei scheut er nicht vor klaren Ansagen über die eine oder andere Schattenseite zurück.
90minuten: Wie geht es Ihnen nach ein paar Monaten Pause?
Dieter Elsneg: Das war ein Prozess, der für meine Familie und mich sehr wichtig war. Natürlich gab es Auf und Abs. Selbstverständlich habe ich auch noch Kontakt zum GAK, von den ehemaligen Kollegen sind ja einige mittlerweile Freunde. Du fieberst auch mit und ich habe mich über die Siege gegen Altach, Blau-Weiß Linz und Rapid sehr gefreut. Die haben gutgetan. Die freie Zeit konnte ich zudem nutzen, um den letztlich coolen Weg, den ich gemeinsam mit dem GAK gegangen bin, zu reflektieren. Das zu machen, war für mich ganz wichtig.
90minuten: Das kann ich mir vorstellen. Spätestens mit dem Wechsel in die GAK-Jugend 2004 bestimmte der Fußball Ihr Leben. Reden wir zunächst über die sportlichen Aspekte der letzten Jahre. Wie war es nun das erste Mal seit mehr als 20 Jahren, nicht jedes Wochenende am Fußballplatz sein zu müssen?
Elsneg: Fußball war immer ein zentrales Thema. Auch in den vier Jahren, die ich nach meiner Profikarriere in der Privatwirtschaft tätig war, habe ich parallel beim GAK Regional- und 2. Liga gespielt. Jetzt kann ich das alles anders verfolgen, habe Möglichkeiten, meine Gedanken zu sortieren und mich weiterzubilden. Das war in den letzten Jahren im Fußballalltag nicht ausreichend möglich.
Wir haben sehr lange auf den ersten Sieg gewartet und leider kein Fettnäpfchen wie Eigentore oder Rote Karten ausgelassen.
90minuten: Es ist auch nicht so, dass Sie rausgeworfen wurden, sondern sind von sich aus gegangen - allerdings ist klar, dass immer entweder Trainer oder Sportdirektor gehen müssen, wenn der Erfolg ausbleibt. Wie hat sich der Gedanke, selber einen Schlussstrich zu ziehen, über den Sommer entwickelt?
Elsneg: Ich muss ausholen. Schon der Aufstieg war kein Selbstläufer. Der Verein hat sich in der 2. Liga gut präsentiert und die Fans haben ein tolles Bild abgegeben. Und der Aufstieg wurde von uns schlichtweg erwartet. Wenn man sich detaillierter damit befasst, waren wir aber sicher nicht der finanzstärkste Verein in der Liga.
Das betrifft etwa Vereine, die einen Investor im Hintergrund hatten oder Klubs wie Ried, die in ihrer Entwicklung deutlich weiter waren. Der Weg bis zum Vizemeister in der Saison 2022/23 war ja grundsätzlich positiv, aber der Nackenschlag in Dornbirn, als wir in der letzten Runde den Aufstieg verpassten, war extrem.
90minuten: Ich halte es für bemerkenswert, dass es dann ein Jahr darauf klappte.
Elsneg: Ja! Und jetzt in der Bundesliga zu spielen, bringt noch mehr Möglichkeit mit sich, sich als Verein zu entwickeln. Es gab aber auch Schwierigkeiten. Wir haben sehr lange auf den ersten Sieg gewartet und leider kein Fettnäpfchen wie Eigentore oder Rote Karten ausgelassen. Mit den beiden Trainerwechseln rückt dann der Sportdirektor auch immer mehr in den Fokus der Kritik. Das gehört zu dem Business zwar dazu.
Am Ende der letzten Saison haben wir es jedoch meiner Einschätzung nach verdient, in der Liga zu bleiben. Das Jahr hat mir aber klarerweise viele schlaflose Nächte beschert. Entsprechend positiv war die Stimmung nach dem Klassenerhalt und umso zuversichtlicher waren wir auch, dass wir einerseits die Qualität in vielen Bereichen erhöhen können. Was uns, meiner Meinung nach, im Sommer auch gut gelungen ist.
90minuten: Es kam anders...
Elsneg: Es war überraschender, wie schwierig es dann wieder war. Wir sind in keine stabile Entwicklungsphase reingekommen, mussten wieder sehr lange auf den ersten Sieg warten und haben uns Woche für Woche über Wasser gehalten. Die Situation hat sich dann für mich vor allem nach der Niederlage in Linz gegen Blau-Weiß Linz zugespitzt.
Ein Trainerwechsel kam für mich nicht in Frage, Ferdinand Feldhofer leistet gute Arbeit. Es hat sich für mich relativ rasch nach dem Spiel der Zugang herauskristallisiert, dass ich für diesen Saisonstart die Verantwortung übernehmen wollte, in dem ich meinen Posten räume und dadurch einen erhofften neuen Reiz setze. Verantwortung einerseits dem Verein gegenüber, aber auch mir, meiner Gesundheit und meiner Familie gegenüber. Also bin ich zum Vorstand gegangen und habe meinen Rücktritt angeboten. Mit Tino Wawra, als meinen Nachfolger, hatte man einen tollen Fachmann schon in den eigenen Reihen.
90minuten: Nur um sicherzugehen: Ein Trainerwechsel stand nicht im Raum?
Elsneg: Nein, gar nicht. Ich wollte Verantwortung übernehmen und den Platz frei machen. Der Vorstand kann die Kompetenzen sehr gut verteilen und vertraut den Personen in den Entscheidungsfunktionen. Sonst hätten wir das Dornbirn-Spiel nicht so gut verarbeiten können. Wenn du da nur in der Emotion agierst, wäre der Aufstieg nicht passiert.
90minuten: Wie schwierig war es persönlich, sich dieses "Scheitern" einzugestehen?
Elsneg: Das war ganz schwierig und es haben viele Faktoren mit reingespielt. In den vergangenen sieben Jahren beim Verein – zunächst als Spieler mit dem Aufstieg in die zweite Liga und später als Sportdirektor in die Bundesliga aufzusteigen sowie dem letztjährigen Klassenerhalt – habe ich unzählige prägende Erlebnisse und Erfahrungen gesammelt. All das hat diese Entscheidung alles andere als leicht gemacht. Ich hatte ja auch noch eineinhalb Jahre Vertrag. Und dann hinzugehen und versuchen, da eine Lösung zu finden, ist ein großer Schritt, der als Familienpapa oft gar nicht so einfach ist. Man hat eine gewisse Verantwortung seiner Familie gegenüber.
Aber es ging auch um mich, meine Energie und Grenzen. Es hat in den letzten Jahren viele Momente gegeben, wo ich in der Rolle des Sportdirektors anders Verantwortung übernommen habe, in dem ich vorangegangen bin und die Richtung vorgegeben habe. Aber letztendlich war ich nach den insgesamt sieben Jahren einfach ausgebrannt. Ob man hier von einem Scheitern sprechen kann, denke ich persönlich nicht.
Mir geht es mittlerweile auch wieder gut. Ich hatte einfach über einen langen Zeitraum keine gesunde Balance mehr zwischen Arbeit und Privatleben.
90minuten: Im heutigen Fußball ist es keine Selbstverständlichkeit, so zu handeln und dann im Rahmen eines Interviews offen darüber zu sprechen.
Elsneg: Danke. Mir geht es mittlerweile auch wieder gut. Es ging mir darum, wieder einen Rhythmus für mich zu finden. Ich will auch gar nicht zu sehr in Richtung psychischer Gesundheit verstanden werden. Ich hatte einfach über einen langen Zeitraum keine gesunde Balance mehr zwischen Arbeit und Privatleben. Es war ein Lernprozess und ich bin überzeugt, dass ich vor allem Rhythmus und Abgrenzung bei der nächsten Aufgabe besser hinbekommen werde.
90minuten: Gerade die 2. Liga ist ein hartes Pflaster. gedacht als semiprofessionelle Liga, gibt es eigentlich einen Profizwang. Gefühlt quetscht der Profifußball die Beteiligten aus und dann kommt der nächste dran, der wiederum ausgequetscht wird. Was haben Sie für sich gelernt? Wie kann man es anders machen?
Elsneg: Das ist eine gute Beschreibung. Auf der einen Seite hatten wir eine tolle Vision gehabt bzw. hat es diese aufgrund der Neugründung gepaart mit der Tradition gegeben. Jeder im Verein wusste darüber Bescheid und hat das auch gelebt: "Von der letzten Klasse in die Bundesliga." Dem haben sich alle untergeordnet und es haben viele Leute Rollen und Aufgaben übernommen, mit der sie eigentlich nichts zu tun hätten. Aber jeder wollte ein Teil davon sein, den GAK wieder erstklassig zu machen. Es sind sehr viel Energie, Emotionen und Know-How reingeflossen.
Dann erreichst du dieses Ziel – und nach ein paar Tagen Feierlichkeiten geht es schon los und drei Monate später hast du noch kein Spiel gewonnen. Das Arge ist, dass man dann sehr schnell hart kritisiert wird. Gut, Kritik gehört dazu und wer sie gar nicht aushalten kann, ist fehl am Platz. Dennoch ist es dann in eine Richtung gegangen, dass der Verein von einigen im Umfeld nur noch schlechtgeredet wurde.
Ich sehe vor allem die Gefahr, dass man sich zu sehr auch mit den Erfolgen der Anfangsjahre nach der Jahrtausendwende misst und sich dann auch automatisch mit anderen Vereinen vergleicht, die tabellarisch vor einem sind.
90minuten: Wie meinen Sie das?
Elsneg: Überraschend war für mich vor allem, dass man – trotz der jüngeren Vereinsgeschichte, in der man ganz unten neu beginnen musste und dank eines gelebten Miteinanders fast jedes Jahr aufgestiegen ist – seit dem Aufstieg in die Bundesliga die Erwartungshaltung aus dem Umfeld deutlich zu hoch angesetzt hat. Ja, wir hatten ergebnistechnisch wirklich zähe Phasen, wenn man die Entwicklung des Vereines jedoch der letzten Jahre beobachtet, so sieht man sehr wohl viel Positives. Weiterentwicklung der Infrastruktur im Trainingszentrum, Aufstieg und Klassenerhalt, Akademiestatus, wirtschaftliche Stabilität und jetzt im Jänner erster großer Transfer mit Sadik Fofana seit Neugründung.
Ich sehe vor allem die Gefahr, dass man sich zu sehr auch mit den Erfolgen der Anfangsjahre nach der Jahrtausendwende misst und sich dann auch automatisch mit anderen Vereinen vergleicht, die tabellarisch vor einem sind. Aber man kann die Zeiten und die Vereine nicht miteinander vergleichen, weil es so viele unterschiedliche Konstellationen, Dynamiken und Geschichten gibt.
90minuten: Der GAK wäre nicht der erste Traditionsverein, bei dem die ganzen Emotionen den Blick aufs Wesentliche verstellen.
Dieter Elsneg: Du hast bei einem Traditionsverein so viele Einflüsse zu bündeln, es wird sehr viel an dich ran getragen. Intern kann man ja alles diskutieren, nach außen muss aber die Verpflichtung bestehen, als Einheit aufzutreten. Das ist uns in den Jahren auch gelungen. Die hohe Erwartungshaltung kann einerseits Gutes bewirken, weil man stets den Antrieb hat, der Erwartungshaltung gerecht zu werden, aber führt halt auch dazu, dass Entscheidungen eben schnell be- und verurteilt werden. Konstante, sachliche Arbeit kombiniert mit den Emotionen für den Verein und die Tradition hat den Verein dort hingebracht und nicht, weil wir uns vom kurzfristigen Erfolg haben treiben haben lassen.
90minuten: Auch beim Lieblingsrivalen ist der Meistertrainer ein paar Monate später vor die Türe gesetzt worden. Kann es sein, dass Sein und Schein im heimischen Fußball weit auseinander liegen?
Elsneg: Es ist immer eine Gratwanderung, über die wir intern oft diskutiert haben. Am Ende verkaufen wir ein Produkt – und wenn man zu offen über die Realität spricht, passt das nicht immer zur öffentlichen Erwartung. Deshalb muss man manchmal bewusst auf Understatement setzen. Andererseits verkauft man mit zu viel Zurückhaltung auch keine Dauerkarten.
Gerade die zweite Liga ist extrem herausfordernd. Für uns war es schwierig, jene Spieler zu verpflichten, die wirklich den Unterschied machen können, weil die Liga wirtschaftlich nicht einfach ist. Und da der qualitative Unterschied zwischen den Teams in der 2. Liga insgesamt nicht besonders groß ist, kann sich die Situation sehr schnell gegen dich entwickeln.
90minuten: Das heißt, Sein und Schein passen nicht zusammen?
Elsneg: Ich bin ein Freund davon, ein bisschen offener und ehrlicher zu sein, weil auch das Understatement nimmt dir irgendwann niemand mehr ab. Ich wär letztlich schon dafür, dass man es wieder näher zusammenbringt. Aber Fußball ist ja auch deshalb so interessant, weil richtig und falsch nicht immer so klar sind. Recht geben dir dann wahrscheinlich nur die Ergebnisse.
90minuten: Sind Sie langsam wieder bereit dazu, einen Posten zu übernehmen – es wird wohl nicht genug zusammen gekommen zu sein, um mit 36 Privatier zu werden.
Elsneg: Nein, wirklich nicht (lacht). Ich habe ohnehin relativ schnell den Drang, wieder Dinge anzugehen, auch wenn ich die Zeit für Familie, Haushalt, Lesen und so weiter schon genieße. Jetzt freue ich mich aber, wenn es wieder in eine neue Richtung geht und ein interessantes, neues Projekt zu finden, wo ich mich motiviert engagieren kann.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich ist: Der Schritt nach dem Erreichen eines großen Ziels ist oft der schwierigste.
90minuten: Im Profibereich oder darunter, in Kombination mit einem "normalen" Job?
Elsneg: Dadurch, dass solche Positionen, wie der Sportdirektorposten, sehr rar gesät sind, darf man nicht davon ausgehen, dass man als Sportdirektor dann gleich wieder eine Möglichkeit bekommt. Aber grundsätzlich glaube ich schon, dass ich trotz meiner jungen Jahre bewiesen habe, über einen längeren Zeitraum gute Arbeit leisten zu können.
Insofern bin ich davon überzeugt, dass ich sehr viel mitnehmen konnte. Ich bin ja wegen des Herzinfarkts meines Vorgängers als extremer Jungspund in diese Verantwortung gekommen und es war sehr viel Learning by doing.
90minuten: Was war denn das größte Learning, was würden Sie anders machen?
Dieter Elsneg: Ich habe in dieser Zeit unglaublich viel gelernt. In der Rückschau hinterfragt man natürlich den einen oder anderen Transfer. Aber eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich ist: Der Schritt nach dem Erreichen eines großen Ziels ist oft der schwierigste. Alle investieren zuvor ihre gesamte Energie, und wenn man dieses Ziel dann tatsächlich erreicht, ist das ein überwältigendes Gefühl. Doch genau dann muss man sehr bewusst eine neue Vision entwickeln und die nächsten Schritte noch bewusster definieren. Rückblickend würde ich diesen Prozess im Detail anders gestalten.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler