Mit der Bestellung von Mario Despotovic zum Cheftrainer hat die SV Ried Fußballösterreich eines ausgewischt.
Über die Klubkarriere hat 90minuten bereits berichtet, wie die Innviertler auf ihn gekommen sind, legte Sportvorstand Wolfgang Fiala dar.
Im Zuge des Mediadays der ADMIRAL Bundesliga bekam Despotovic nun die Chance, seine Zugänge, Ideen und Beobachtungen zum modernen Fußball mitzuteilen.
Der gebürtige Kroate ist dabei akribisch vorgegangen und gibt Fans und Interessierten Einblick in die Gedankenwelt eines Menschen, dem die Karriere am Feld verweigert blieb - und der dennoch alles gibt, um in diesem Business an der Seitenlinie und darüber hinaus erfolgreich zu sein.
90minuten: Herr Despotovic, wie wird man Fußballtrainer?
Mario Despotovic: Ich habe selber mit sechs Jahren als Jugendspieler angefangen und später für Lokomotiv Zagreb gespielt. Irgendwann haben mir Trainer wie Zlatko Dalić, der später kroatischer Nationaltrainer wurde, mitgeteilt, dass es für den Profifußball nicht reicht. Aber ich liebe das Spiel so sehr und dann willst du diesen Sport weiterhin in deinem Leben haben. Also war es für mich schon sehr früh klar, dass ich Trainer werden will.
Anfang 20 habe ich meine erste Jugendmannschaft als Cheftrainer übernommen und dann geht man den Weg, von Hrvatski Dragovoljac über NK Sesvete, ein Projekt mit Dinamo Zagreb, Kanada und Hajduk Split – alles Step by Step. Ich war zwar noch sehr jung, habe aber viel Zeit und Energie in meine Entwicklung als Trainer investiert. Dann hat sich die Möglichkeit in Ägypten aufgetan, nun Österreich.
90minuten: Viele wollen Profi werden, die Geschichte, dass es nicht reicht, oder eine schwere Verletzung verhindern das sehr oft. Was haben Sie rund um die Trainerausbildung gemacht, was waren Ihre Extrameilen?
Despotovic: Du musst eine große Leidenschaft und einen starken inneren Antrieb haben. Ich habe jeden Tag über Fußball gelesen und jede Möglichkeit genutzt, mich weiterzubilden. So bin ich zum Beispiel auch nach Köln geflogen, um in der Bibliothek der Sporthochschule Bücher zu lesen und DVDs anzusehen. Ich bin zu Trainingscamps von Borussia Dortmund oder den deutschen Jugendnationalmannschaften gefahren, als Marcel Lukassen Direktor für Entwicklung beim DFB war. Ich habe Fortbildungen beim Bund der deutschen Fußballtrainer gemacht. So kann man viele Leute und Neues kennenlernen.
Es gibt eben keinen Zettel, auf dem steht: So machst du das. Die Menschen müssen sehen, dass du die Spieler besser machst. Das ist – denke ich – der einzige Weg.
90minuten: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Despotovic: Meine Jugendmannschaften waren damals auch gegen Dinamo Zagreb konkurrenzfähig. Schon als sehr junger Trainer habe ich sehr aktiv nach neuen Spielern gesucht – auch bei kleineren Vereinen und in Dörfern, in denen vielleicht nicht jeder sofort hinschaut. Mit diesen Spielern habe ich konkurrenzfähige Mannschaften aufgebaut und sie weiterentwickelt.
Dadurch ist schließlich auch Dinamo Zagreb auf meine Arbeit aufmerksam geworden. Ich war auch in den Jugendnationalmannschaften als Co-Trainer dabei. Es gibt eben keinen Zettel, auf dem steht: So machst du das. Die Menschen müssen sehen, dass du die Spieler besser machst. Das ist – denke ich – der einzige Weg.
90minuten: In Österreich nennen wir diese Trainer ohne Profikarriere abschätzig "Laptop-Trainer". Dabei sind das Trainer- und das Fußballleben schon sehr unterschiedlich. Wie holen Sie dennoch diese Credibility von so-und-so-vielen Erstliga- oder sonstigen Spielen auf?
Despotovic: Wer eine Fußballerkarriere gemacht hat, hat auf jeden Fall einen besseren Start in die Trainerkarriere, weil du dann schon mehr Spiele in der Kabine erlebt hast. Aber es heißt nicht, dass man das nicht aufholen kann, wenn ich noch akribischer arbeite. Über das zweite (Credibility, Anm.) habe ich noch nie nachgedacht. Wenn ich mit meinen Spielern über Fußball spreche und ihnen unsere Ideen erkläre, versuche ich, das so objektiv und nachvollziehbar wie möglich zu machen.
Mir ist wichtig, dass sie verstehen, warum wir etwas machen, und nicht nur eine Vorgabe ausführen. Gleichzeitig bin ich offen für den Austausch: Wenn ein Spieler eine gute Idee oder eine andere Perspektive einbringt, höre ich mir das an und bin auch bereit, meine Meinung zu überdenken. Damit habe ich bisher sowohl in Kroatien als auch in Ägypten und jetzt hier sehr gute Erfahrungen gemacht.
90minuten: Vorgänger Maximilian Senft hatte auch keine große Karriere und kam nicht aus dem Bernabeu nach Ried. Macht es dieser Umstand leichter?
Despotovic: Auch darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht, weil mein Fokus jetzt ganz auf der Mannschaft liegt. Wir haben neue und bestehende Spieler, die wir schnell zusammenbringen wollen. Max hat hier hervorragende Arbeit geleistet, und vieles davon werden wir beibehalten. Darauf wollen wir aufbauen und unsere eigenen Ideen ergänzen. Ich hoffe, dass die Spieler dann mitziehen, wenn ich es ihnen nachvollziehbar erklären kann. Wenn ich merke, dass sie Ideen haben oder etwas von früher besser ist, bin ich für Austausch offen.
90minuten: Mittlerweile kennen wir den Prozess: Sie sind mit Co-Trainer Kossmann schon länger im Austausch, haben Lukas Brandl und Wolfgang Fiala auf einem Networking-Treffen in Berlin kennengelernt. Hat er dann einfach angerufen?
Despotovic: Genau. Ich habe Wolfgang und Lukas in Berlin kennengelernt und fand die ganze Truppe cool, weil die Leute einfach ein bisschen out of the box denken und so Lösungen finden. Ich glaube, dass mein Profil gut zu Ried passt, weil ich mich als Trainer ständig weiterentwickeln und dazulernen möchte und nun diesen Schritt in die Bundesliga gemacht habe.
Meine Erfahrung in der Entwicklung junger Spieler passt ebenfalls gut zu einem Verein wie Ried. Dazu kommen die emotionalen Fans und ein Team im Verein, das strategisch denkt und auch bereit ist, neue Wege zu gehen. Für viele bin ich noch ein unbekannter Trainer, aber ich sehe darin auch die Chance, mich durch meine tägliche Arbeit zu zeigen.
90minuten: Konkret gab es wichtige Abgänge, es sind Routiniers und junge Kicker dazu gekommen. Vor welcher Herausforderung steht die SV Ried nun unter Ihnen, wie gehen Sie es an?
Despotovic: Jetzt geht es darum, so schnell wie möglich eine gute Kommunikation innerhalb der Mannschaft aufzubauen, damit sich insbesondere die neuen Spieler schnell integrieren können. Das gelingt am besten über klare Mannschaftsprinzipien, die alle verstehen und die ihnen Orientierung geben, wie wir gemeinsam spielen wollen. Wenn das dann auch auf einem guten Niveau ist, wollen wir auf individuelle Prinzipien eingehen, damit die Spieler selbst erkennen, was ihre Rolle ist. Das steigert sich mit mehr Eingespieltheit.
Angriff und Verteidigung werden jedes Spiel besser. Die Frage ist dann, ob das schon gut genug ist, um Spiele auf höchstem Niveau zu gewinnen. Wenn ich das erste und das letzte Spiel in der Vorbereitung vergleiche, habe ich Sachen gesehen, die wir trainiert haben und die jetzt gut aussehen.
Ich denke, wir werden mit Viererkette spielen, die Fünferkette kennt das Team von der Vorsaison sehr gut. Wenn ich sehe, dass es gegen manche Gegner besser sein kann, auf eine Fünferkette zu setzen, werde ich diese aufstellen.
90minuten: Taktisch wird man eher auf ein 4-2-3-1 setzen, das ist neu.
Despotovic: Ich denke, wir werden mit Viererkette spielen, die Fünferkette kennt das Team von der Vorsaison sehr gut. Wenn ich sehe, dass es gegen manche Gegner besser sein kann, auf eine Fünferkette zu setzen, weil die Anlaufwege kürzer sind, werde ich diese aufstellen. Ich glaube nicht, dass das jetzt ein großes Problem ist, wenn es eine gute Basis gibt. Ich mag es auch so zu arbeiten, dass die Spieler während der Partie selbst erkennen, wie die Gegner stehen und pressen und sich dann selbst anpassen.
90minuten: Sportchef Fiala meinte im Interview, dass er das Individuelle am Feld stärken möchte – das meinen Sie damit?
Despotovic: Wenn du eine Mannschaft hast, die sich auf dem Platz selbst steuern, gegenseitig coachen und an unterschiedliche Situationen anpassen kann, ist das für mich das Höchste, was du im Fußball erreichen kannst. Der Trainer gibt klare gemeinsame Intentionen und einen Rahmen vor und achtet darauf, dass dessen Grenzen eingehalten werden. Innerhalb dieses Rahmens sollen die Spieler aber selbstständig Lösungen finden und Entscheidungen treffen.
Wenn ich mir die kroatische Nationalmannschaft mit Brozović, Modrić und Kovačić ansehe, sieht man, wie viel die Spieler miteinander kommunizieren und wie sie sich während des Spiels gemeinsam auf den Gegner einstellen. Ähnlich war es bei Spanien mit Rodri: Wenn er von zwei oder drei Gegenspielern angelaufen wurde, erkannten er und seine Mitspieler die Situation und passten ihre Lösungen gemeinsam an. Als Trainer kannst du während eines Spiels gar nicht jede Situation so schnell von außen steuern. Deshalb ist es wichtig, dass die Spieler den gemeinsamen Rahmen verstehen und innerhalb dieses Rahmens Eigenverantwortung übernehmen.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler