Ried-Vorstand Fiala: "Tragen Verantwortung für österreichischen Fußball"
Die SV Ried muss sich nach dem Abgang von Erfolgstrainer Maximilian Senft weiterentwickeln. Sportvorstand Wolfgang Fiala legt gegenüber 90minuten dar, wie man sich weiterentwickelt und warum Neo-Coach Mario Despotovic dazu der passende Mann ist.
Wenn ein Verein wie SV Ried ihren Cheftrainer an einen Klub in der 2. deutschen Bundesliga verliert, dann hat der zuständige Sportvorstand viel richtig gemacht. Nun muss der dafür Verantwortliche, Wolfgang Fiala, den Klub weiterentwickeln.
Denn Maximilian Senft wählte nach der Bundesliga-Rückkehr eine eher rustikale Herangehensweise, um wenig bis gar nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. Mario Despotovic soll nun an die Quali-Gruppenleistungen mit mehr spielerischer Klinge anknüpfen.
Der Kroate kam übrigens von Wadi Degla aus Ägypten und diese paar Sätze zeigen eines ganz gut: Es gibt viel Gesprächsbedarf. Zwischen Kaderplanung und Transfergesprächen hat sich Fiala aber Zeit genommen, um mit 90minuten ausführlich über die Weiterentwicklung der SV Ried zu sprechen.
90minuten: Der viel besprochene Zweijahresplan nach dem Abstieg 2023 ist aufgegangen, am Ende hätte das dritte Jahr fast noch den Europacup gebracht. Starten wir mit einem Rückblick auf die letzten zwölf Monate, was waren Ihre Highlights?
Wolfgang Fiala: Die Derbywoche mit Siegen gegen Blau-Weiß Linz und den LASK sowie der erste Auswärtssieg im November bei Rapid waren besonders. Generell war die Phase Ende November/Dezember sehr gut, weil wir einige Ausfälle hatten und dennoch neun Punkte aus vier Spielen geholt haben. Aber auch Spiele wie das 2:3 nach einer 2:0-Führung gegen Austria Wien waren besonders, weil wir gelernt haben, was uns noch fehlt. Dazu kommen noch die beiden Spiele gegen den LASK im Frühjahr in Liga und Cup, die in Erinnerung bleiben werden.
90minuten: Wie sehr trauert man dem berühmten "Strich" - der Teilnahme an der Meistergruppe - nach? Es war zeitweise knapp
Fiala: Man soll die Erfolge mitnehmen, wenn man sie erreichen kann. Ich finde es aber besser, wenn Entwicklung nachhaltig und organisch ist. Die Erwartungshaltung ist auch ohne Teilnahme an der Meistergruppe enorm gestiegen. Das wäre bei einem fünften Platz noch extremer gewesen. Ried ist am Ende ein Verein, der in der Bundesliga spielen will, bei dem die Top-6 aber eine Ausnahme sind. Es wäre schön gewesen, aber wer weiß, wofür es gut ist.
Auch andere Vereine haben mit weiten Einwürfen gearbeitet. Deshalb finde ich es heuchlerisch, Ried als einziges Beispiel herauszugreifen.
90minuten: Die Aufsteiger in die Zwölferliga haben sich bislang zuweilen schwerer getan als die Sportvereinigung. Warum?
Fiala: Wir haben zwei Jahre sehr vehement an diesen Zielen gearbeitet und haben gemeinsam schwierige Phasen durchlebt. So konnten wir eine gewisse Resilienz aufbauen - das war ja auch der Sinn unseres Plans. Nach dem Aufstieg haben wir die Mannschaft nur punktuell verändert, weil wir dem Stamm die Bundesliga zugetraut haben. Das schweißt noch einmal zusammen. Gleichzeitig war es schon so, dass es in eine andere Richtung hätte gehen können, wenn wir die eine oder andere Partie verloren hätten.
90minuten: Der Fußball, den man zeigte, ist bei der Konkurrenz nicht gut angekommen.
Fiala: Am Ende des Tages muss ein Verein eine klare Vorstellung davon haben, wie er Fußball spielen will. Dabei geht es aber nicht nur um eine abstrakte Spielidee, sondern auch darum, die vorhandenen Stärken bestmöglich zu nutzen. Dass Ried eine kleine Stadt in einer ländlichen Region ist und wir es unseren Gegnern so unangenehm wie möglich machen wollen, ist nichts Neues. Diese Haltung war schon immer ein Teil des Erfolgsgeheimnisses der SV Ried. Entscheidend ist aber, diesen Ansatz mit den Qualitäten der eigenen Mannschaft zu verbinden.
Unsere Dreierkette war beispielsweise sehr kopfball- und zweikampfstark, was uns besonders bei Standards geholfen hat. Kingstone Mutandwa hatte große Qualitäten im Kopfballspiel, Ante Bajic wiederum im Umschalten. Solche Stärken geben bis zu einem gewissen Grad vor, mit welchen Mitteln man in der Liga erfolgreich sein kann. Man kann daher sagen, dass die individuellen Qualitäten unserer Spieler die Nuancen unserer Spielidee geprägt haben.
90minuten: Der Zweck heiligt also die Mittel?
Fiala: Das Trainerteam hat diese Stärken sehr gut erkannt und konsequent ausgereizt. Schließlich besteht der Sinn des Spiels darin, innerhalb der Regeln alles zu tun, um das Ziel zu erreichen. Das bedeutet im Fußball, mehr Tore zu erzielen als der Gegner. Die öffentliche Wahrnehmung war dabei teilweise zu undifferenziert. Auch andere Vereine haben mit weiten Einwürfen gearbeitet. Deshalb finde ich es heuchlerisch, Ried als einziges Beispiel herauszugreifen. Wir wurden sehr schnell in eine bestimmte Schublade gesteckt, obwohl unser Spiel deutlich mehr Facetten hatte.
Das hat sich besonders in der Qualifikationsrunde gezeigt. Dort haben wir uns im Ballbesitz hervorragend weiterentwickelt. Das war für unsere bisherige Spielweise eher untypisch, ist uns aber gelungen, weil wir ein spielstarkes Zentrum aufgestellt haben. Auch hier hat sich gezeigt, dass sich die Spielidee immer aus den Stärken der vorhandenen Spieler entwickeln muss.
90minuten: Den nächsten Schritt macht nun der neue Trainer. Zunächst: Wie gestaltete sich der Abgang von Maximilian Senft?
Fiala: Er hat mich über eine Anfrage informiert und dass er den Schritt gerne machen möchte. Nachdem dieser Vorgang vertraglich klar geregelt ist, haben wir uns eine Kommunikationsstrategie zurechtgelegt. Ich bin bei solchen Dingen Realist und habe schon damit gerechnet. Zumal wir uns gegenseitig immer wieder über solche Dinge informiert haben. Ich denke, dass das für Max und den Rest des Trainerteams ein schlauer und nachhaltiger Schritt ist.
90minuten: Mario Despotovic war der SV Ried schon bekannt, Sie haben sich 2025 getroffen, Co-Trainer Kossmann kennt ihn noch länger. Wie viel "Schattentrainer" haben Sie denn eigentlich auf Kurzwahl?
Fiala: Ich halte wenig davon, im Fußball zu weit vorauszuplanen oder konkrete Prognosen abzugeben. Dafür gibt es einfach zu viele Variablen. In meiner Position beobachtet man den Markt natürlich laufend. Gleichzeitig hängt vieles davon ab, welche Trainer gerade verfügbar sind, wo sie unter Vertrag stehen und wie sich ihre Situation entwickelt. Im Fußball können bereits drei Monate eine sehr lange Zeit sein. Deshalb ist es wichtig, grundsätzlich zu wissen, welche Trainer zu uns passen könnten, wenn eine Verpflichtung tatsächlich aktuell wird. Im ersten Schritt geht es aber immer um die Frage, wofür wir als Verein stehen und welche Art von Fußball wir sehen wollen.
Beim Trainerteam war relativ schnell klar, wer bleiben und wer den Verein verlassen wird. Moritz Kossmann spielt dabei eine wichtige Rolle und ist für uns ein sehr wertvoller Mitarbeiter.
90minuten: Despotovic kommt aus dem Umfeld von spielverlagerung.de. Wurde bewusst nach einem "Taktiknerd" gesucht?
Fiala: Er war Cheftrainer bei verschiedenen Klubs und als Sportdirektor in einer Führungsposition. Als reiner "Nerd" im klassischen Wortsinne lernt man diese Sozialkompetenzen, die es für eine Führungskraft braucht, nicht. Er war zudem in verschiedensten Ländern und Kulturen tätig. Gerade diese Kombination war für uns spannend. Man sieht bei der WM ja gerade, dass es in Europa bis zu einem gewissen Punkt eine Arroganz oder Ignoranz gegenüber der Arbeitsweise gibt, wie in anderen Teilen der Welt gearbeitet wird. Ich denke aber nicht, dass ein Top-Klub in Ägypten Ried oder anderen österreichischen Klubs nachsteht.
Durch Regeländerungen wird es schwieriger, bei jedem Einwurf einen Innenverteidiger nach vorne zu schicken. Und nur noch mehr gegen den Ball zu sprinten, wird uns nicht automatisch erfolgreicher machen.
90minuten: Aber seine taktischen Fähigkeiten waren nun schon wichtig, oder?
Fiala: Taktik ist mit Sicherheit wichtig. Vereine machen aber oft den Fehler, dass sie Trainer wählen, die nicht zum Entwicklungsstand des Vereins passen. Der Max war auch ein Taktikfuchs, da kann ich niemanden hinstellen, der sagt: Geht's raus und spielt's. Das wollen wir auch nicht.
90minuten: Es wären ja auch einige Taktikfüchse bei den vereinslosen Trainern dabei, wenn auch 50+. Limitieren die wirtschaftlichen Umstände Ried auch etwas?
Fiala: Natürlich gibt es wirtschaftliche Realitäten und die Frage der Verfügbarkeit. Deshalb mussten wir kreativ bleiben und haben die Parameter bei der Trainersuche bewusst nicht zu eng gesetzt. Entscheidend war, welche Fähigkeiten ein Trainer mitbringt und ob er zur Mannschaft und zum Verein passt. Gleichzeitig wollten wir nicht nur Bestehendes fortführen, sondern auch neue Impulse in der Trainingsarbeit, der Kommunikation und der individuellen Entwicklung setzen.
Dabei müssen viele Details stimmen. Die Spieler sind bestimmte Abläufe und Formen der Analyse gewohnt, während es in anderen Ländern teilweise ganz andere Strukturen gibt. Auch solche Unterschiede spielen bei einer Trainerentscheidung eine wichtige Rolle.
90minuten: Welche fußballerische Weiterentwicklung erwartet man sich von ihm?
Fiala: Zunächst ist wichtig, dass jene Dinge weiterhin funktionieren, die uns stark gemacht haben. Dazu gehören unser hohes Pressing, unsere Standards sowie unsere körperliche und emotionale Dominanz.
Gleichzeitig müssen wir uns weiterentwickeln. Durch Regeländerungen wird es beispielsweise schwieriger, bei jedem Einwurf einen Innenverteidiger mit großem Zeitaufwand nach vorne zu schicken. Und nur noch mehr gegen den Ball zu sprinten, wird uns nicht automatisch erfolgreicher machen. Unser Ziel ist deshalb, die bisherigen Stärken mit einer klaren spielerischen Weiterentwicklung zu verbinden. Pressing und Standards lassen sich vom Gegner vergleichsweise gut analysieren. Die Synergien zwischen Spielern im Ballbesitz sind dagegen schwerer vorhersehbar und machen eine Mannschaft unberechenbarer.
Wir wollen deshalb stärker spielerzentriert denken und den Spielern mehr Verantwortung für ihre Entscheidungen geben. Das war bereits in der Qualifikationsrunde erkennbar. Unsere Aufgabe ist es, die Spieler in jene Räume zu bringen, in denen sie ihre Qualitäten am besten entfalten können.
90minuten: Van Wyk, Havenaar, Mutandwa, Balic sind mit Sicherheit die schmerzhaftesten Abgänge. Wie schwierig wird das?
Fiala: Es ist kein Geheimnis, dass das alles andere als einfach ist. Bei der Stürmersuche letztes Jahr haben wir zwei geholt, bei denen wir über zehn gemeinsame Tore happy gewesen wären. Jetzt ist es das Doppelte geworden. Diese Anzahl zu ersetzen, ist nicht leicht und jetzt eine neue Herausforderung. Daraus ergibt sich auch die Chance, etwas Neues zu kreieren – auch wenn es offen ist, ob unser nächster Einserstürmer 16 Tore schießt. Am Ende geht es ohnehin darum, dass die Mannschaft erfolgreich ist und nicht, wer die Tore schießt.
90minuten: Wichtig sind die Stützen. Was sind die Hintergründe zu Lukas Malicsek und Stefan Schwab?
Fiala: Wir hatten zuletzt wenige Spieler, die wie Lukas Malicsek im besten Fußballeralter zwischen 23 und 27 Jahren sind. Da passt er genau hinein. Zudem ist er ein Spieler mit Qualität am Ball, im Zweikampf und bei Standards. Weiters ist er vielseitig einsetzbar. Stefan Schwab wiederum ist einer der wenigen Österreicher, die im Ausland nicht nur eine Rolle, sondern eine Führungsrolle gespielt haben. Er hat sehr viel erlebt und gesehen, er hilft in der Kabine und am Platz. Also war es klar, dass wir ihn dazu holen, wenn sich die Möglichkeit ergibt.
90minuten: Mit Oliver Sorg kommt ein interessanter neuer Mann dazu. Was macht ihn aus?
Fiala: Oliver ist ein sehr spannender österreichischer Spieler, der trotz seines jungen Alters schon wertvolle Erfahrungen bei Sturm Graz und in Deutschland gesammelt hat. Er bringt Dynamik und großes Entwicklungspotenzial mit. Wir trauen ihm zu, bei uns den nächsten Schritt zu machen und sich in der Bundesliga zu etablieren. Gleichzeitig passt dieser Transfer genau zu unserem Weg, junge österreichische Spieler zu holen, ihnen Verantwortung zu geben und gemeinsam ihren Wert zu entwickeln.
Am Ende geht es auch darum, den Fortbestand und die Entwicklung des Vereins abzusichern. In den vergangenen Jahren ist uns das nicht immer in dem Ausmaß gelungen, deshalb war dieser Sommer wirtschaftlich sehr wertvoll.
90minuten: Was erwarten Sie von den eigenen Nachwuchsspielern aus der zweiten Mannschaft und von Nasrawe, der von Bayern II kommt?
Fiala: Wir erwarten, dass sie die nächsten Schritte machen. Im Trainingslager waren wieder mehrere Spieler aus unserer zweiten Mannschaft dabei, weil das unser Weg ist. Als Bundesligist trägt man aus meiner Sicht auch Verantwortung für den österreichischen Fußball. Wir wollen Spieler entwickeln, die langfristig auch für höhere Aufgaben und im besten Fall für das Nationalteam infrage kommen.
Wenn man eine Akademie betreibt, muss das Ziel immer sein, möglichst viele eigene Spieler an die Profimannschaft heranzuführen. Dabei helfen uns erfahrene Spieler wie Schwab, weil sie den jungen Spielern Orientierung geben und sie in ihrer Entwicklung unterstützen.
90minuten: Wie findet man Spieler wie Samuel Chukwudi, der aus Finnland kommt und Nationalspieler der Färöer ist?
Fiala: Finnland ist nicht aus der Welt, aber entscheidend ist ohnehin etwas anderes. Wir müssen genau wissen, welche Spielerprofile wir suchen. Wenn wir ausschließlich in Österreich oder Deutschland scouten und im selben Pool wie Salzburg, Sturm oder Rapid fischen, werden wir in vielen Fällen den Kürzeren ziehen.
Natürlich wäre es einfacher und ressourcenschonender, nur in den naheliegenden Märkten zu suchen. Unsere Stärke liegt aber auch darin, Spieler zu finden, die bei anderen Vereinen noch nicht so stark im Fokus stehen und die wir mit einem guten Trainerteam weiterentwickeln können. Anders hätten wir auch einen Spieler wie Yusuf Maart kaum bekommen.
90minuten: Ried steht wirtschaftlich nicht schlecht da. Wie wichtig sind Spielerverkäufe für die Finanzierung?
Fiala: Transfereinnahmen sind sehr wichtig, gerade in Zeiten sinkender TV-Erlöse. Am Ende geht es auch darum, den Fortbestand und die Entwicklung des Vereins abzusichern. In den vergangenen Jahren ist uns das nicht immer in dem Ausmaß gelungen, deshalb war dieser Sommer wirtschaftlich sehr wertvoll.
Unser Idealweg ist, mit Spielern aus der eigenen Akademie sportlich erfolgreich zu sein und später Transfererlöse zu erzielen. Dort ist die Wertschöpfung für den Verein naturgemäß am größten. Es kann aber auch über andere Wege funktionieren, wie das Beispiel Samuel Chukwudi zeigt.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler