Dänemark-Export Estrada: "Hier wird mehr auf das Spielerische gesetzt"
Treffen sich ein Linzer und ein Wiener in Süddänemark - was wie ein Witz klingt, ist für den 23-jährigen Ex-Nachwuchsteamspieler Pascal Estrada die Realität. Die zweite dänische Liga beeindruckt ihn, wie er im Interview erklärt.
Als Teenager wechselt Pascal Estrada aus der Linzer Fußballakademie zu den Wolverhampton Wanderers. Ein Testspiel im Jahr 2018 gibt den Ausschlag für diesen Wechsel. Nach der Ausbildung beim Premier-League-Verein heuert er 2022 bei Olimpija Ljubljana an. Dort holt er das Double. Ein Transfer scheitert am Widerstand des Klubs, er bleibt in Slowenien.
2024 unterschreibt er beim SCR Altach, kämpft gegen den Abstieg. Im vergangenen September wird er von seinem Berater informiert, dass der dänische Zweitligist Kolding IF Interesse an ihm hat. Mit Aussicht auf die Superliga stimmt er dem Transfer zu, Freundin und Hund übersiedeln mit.
Wer Profi wird, träumt eher selten von Kolding gegen Middelfart. Eher von Klubs wie Paris St. Germain, wo es seinen ehemaligen Wolves-Kollegen Vitinha mittlerweile hinverschlagen hat. Auf der anderen Seite ist er Profi - im Gegensatz zu einem gewissen Edin Ramic, den der "Standard" 2019 gleichzeitig mit ihm interviewt hat. Dieser war damals im Sturm-Nachwuchs und ist nicht mehr im Profiußball.
Nun erlebt der 1,89 Meter große Estrada mit dem Ausblick auf höhere Weihen am eigenen Leib, warum Dänemark in vielen Belangen als Vorbild für den Fußball in Österreich gilt.
90minuten: Treffen sich ein Wiener und ein Linzer, dann passiert das eher selten irgendwo in Süddänemark bei einem Zweitliga-Fußballspiel.
Pascal Estrada: Das war der neunte Spieltag gegen Hvidovre, mein Debüt und es kam gleich zum Österreicher-Duell mit Marvin Egho (Anm., der seit 2018 in Dänemark, für Randers, Horsens und nun Hvidovre kickt).
Solche Vergleiche von Ligen und Vereinen sind immer sehr schwierig. Man sieht in Dänemark aber sehr klar, dass viel mehr auf das Spielerische, die Technik und Kontrolle gesetzt wird.
90minuten: Wie hast du dich seit September eingelebt?
Estrada: Es passt alles sehr gut, meine kleine Familie und ich sind gut eingelebt. Es ist schön, etwas Neues zu sehen, und das ist immer spannend. Nach einer halben Saison bin ich gut integriert, kenne die Abläufe und Mitspieler sehr gut.
90minuten: Was macht man, wenn ein Angebot aus einer nicht so bekannten Liga kommt? Gehst du dann auf "transfermarkt.at", schaust, ob ein Österreicher dort spielt und fragst dann eben beispielsweise Egho, ob er einmal Zeit für ein alkoholfreies Bier hat, um mehr über das Land zu erfahren?
Estrada: Der erste Schritt ist eigentlich eher, dass du dir auf dieser Homepage den Kader anschaust und versuchst, deine Mitspieler und den Verein kennenzulernen. Dann schaust du natürlich, ob in dem Land noch Österreicher sind - also abseits von Michi Gregoritsch und Patrick Pentz, den bekannten Namen: Was mich sehr gefreut hat, ist, dass mir Gregerl eine Willkommensnachricht geschickt hat.
90minuten: Warst du auch etwas überrascht, dass mit Esbjerg, Aalborg und Lyngby drei doch aus dem Europacup bekannte Namen zu deinen Gegnern gehören?
Estrada: Ich würde da Horsens auch noch dazu zählen! Warum und weshalb die in den letzten Jahren in der zweiten Liga gelandet sind, weiß ich aber nicht genau. Mit ist es ganz recht, weil das einfach sehr coole Spiele sind, mit einem höheren Niveau. Die Stadien sind voller und es gibt eine tolle Fankultur. Dadurch ist die ganze Liga um einiges attraktiver. Ich würde aber auch nicht die sogenannten kleineren Teams kleinreden. Mich hat das Niveau schon überrascht.
90minuten: Inwiefern? Denn dieser Einblick in den dänischen Fußball ist für unsere Leser:innen sicher spannend, weil die Dänen ja quasi das Kryptonit für unser Nationalteam sind.
Estrada: Solche Vergleiche von Ligen und Vereinen sind immer sehr schwierig. Man sieht in Dänemark aber sehr klar, dass viel mehr auf das Spielerische, die Technik und Kontrolle gesetzt wird. Ich würde sagen, dass eher Fußball gespielt wird. In Österreich geht es meiner Meinung nach mehr Hin und Her, es wird viel mehr gepresst. Du hast mit meinem Verein Kolding mehr Ballbesitz als mit Altach. Und wenn du das Spiel derartig dominieren musst, sind spielerische Lösungen notwendig.
90minuten: Skandinavien ist dafür bekannt, einen anderen Zugang zu Bewegung zu haben. Wie ist dein Eindruck?
Estrada: Ich kann das fast nur sportlich bewerten und da sehe ich, dass viele Leute ins Stadion gehen und die Menschen generell fußballbegeistert sind. Die Spiele der ersten Liga sind zudem attraktiv, da kommen viele Fans. Wir spielen auch mehr Fußball, was wohl auch unserem spanischen Trainerteam geschuldet ist. Ich sehe auch immer unsere jüngeren Spieler, da wird in der Ausbildung mehr Wert auf Technik und das Spielen gelegt und weniger aufs Kämpfen. Die Grundidee ist eine andere als in Österreich.
90minuten: Wie war das beispielsweise in Ljubljana?
Estrada: In Slowenien haben wir mit dem Double eine unglaubliche Saison gespielt. Wir haben die Gegner sehr dominiert und hatten die Kontrolle über den Ball. Es gibt drei, vier Topvereine, dann ist das Gefälle größer als hier in Dänemark. Die 1. Division ist sehr ausgeglichen, wir sind Siebter und haben nur sechs Punkte Rückstand auf Tabellenführer Lyngby.
90minuten: Die Liga wird vom Format her so gespielt wie bei uns die Bundesliga. Wie fühlt sich das in einer zweiten Liga an?
Estrada: Wir wollen oben mit dabei sein und um den Aufstieg spielen. Das ist das ganz offen kommunizierte Ziel und wir sind nah dran, weil es eben – wie erwähnt – sehr eng ist. Weil kein Team weit weg ist, kann das Momentum schnell shiften. Darum gilt unser Fokus jetzt auch diesen vier Spielen vor der Tabellenteilung.
Es geht viel darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, also das Timing. Als Vitinha nach England kam, haben sie ihn aus der ersten Mannschaft verjagt, weil er nicht gut genug war.
90minuten: Die Aussicht auf die dänische Superliga hat dich ja auch her gebracht, nehme ich an. Meinte der Berater einfach: "Du, ich hab da Angebot aus der zweiten dänischen Liga. Schau dir das mal an."
Estrada: Ich finde, man sollte sich alles anhören, auch wenn es nur darum geht, andere Sachen kennenzulernen. Und wenn es dann eben passt, ergibt sich daraus ein Wechsel. Es war auch nicht angenehm, gegen den Abstieg zu spielen. Das ist aber, glaube ich, eh logisch. Es macht klarerweise mehr Spaß, oben mitzuspielen und viele Spiele zu gewinnen.
90minuten: Mit Umzügen kennst du dich aus, bist mit 16 Jahren von Linz nach Wolverhampton, dann nach Slowenien, ins Rheintal und nun nach Dänemark.
Estrada: Schwierig ist es für die Familie oder die Freundin, wenn es keinen Anschluss gibt. Es ist schon einfacher, sich im Verein einzugliedern, weil man ein gemeinsames Ziel verfolgt. Das geht im Fußball ganz schnell. Es gibt immer ein, zwei, drei Leute, die die gleiche Sprache sprechen, du hast deine Sitznachbarn in der Kabine oder jene, die zur selben Zeit frühstücken gehen. Das wiederholt sich alles jeden Tag. Dazu kommt noch die Fußballsprache, die überall auf der ganzen Welt gesprochen wird.
90minuten: Kümmern sich auch extra Leute um Neuankömmlinge?
Estrada: Das ist ein wichtiges Thema, das man von außen wohl sehr unterschätzt. Wenn du innerhalb deines Heimatlandes wechselst, ist es einfacher als im Ausland, weil du die ganzen Behördenabläufe kennst. Da geht es im Ausland um so kleine Sachen wie Wohnsitz anmelden, Auto, Handy. Da ist der Support des Vereins schon sehr wichtig.
Auch wenn ich generell gute Erfahrungen gemacht habe, möchte Kolding schon loben. Sie achten sehr stark auf die Dinge von Wohnsitzmeldung bis Krankenversicherung. Je schneller man sich wohlfühlt, desto schneller performst du – und das wissen sie auch.
90minuten: Wie war das in deiner Jugend, mit dem Wechsel nach England?
Estrada: Das war eine tolle Erfahrung, an die ich sehr gerne zurückdenke. Mit 15 Jahren war es natürlich ein Riesenschritt und es braucht Zeit, bis man sich einlebt. Wir waren aber bei Gastfamilien, da hast du ein relativ normales Familienleben. Fußballerisch war es ein Traum, das war top.
90minuten: Und du hast mit großen Kickern gespielt.
Estrada: Damals war Vitinha, der jetzt bei Paris St. Germein spielt, in der U23. Mit ihm habe ich ein paar Spiele gemacht. Ein Highlight war auch die Vorbereitung in Marbella mit Bruno Lage und der Kampfmannschaft. Mit so einem Premier-League-Kader zwei Wochen zu trainieren, Testspiele zu machen, war richtig geil.
90minuten: Wann kommt denn eigentlich die Erkenntnis: Huch, ich kann wirklich Profi werden?
Estrada: Gute Frage, ich denke, dass es sich in der Akademie abzeichnet. Mit 15, 16, 17 Jahren geht die Schere auf und man sieht, wer lieber am Wochenende mit Freunden ausgeht. Mit meinem Wechsel nach England habe ich einen Jungprofivertrag bekommen, so wurde mir klar, dass ich Profi werde. Es hilft natürlich, wenn du im Verein einen Weg vorgezeichnet bekommst. In der Linzer Akademie war das nicht so der Fall, es gab damals noch nicht diese Durchgängigkeit von Akademie über Juniors bis zur Kampfmannschaft.
90minuten: Schwierige Frage, aber was macht eigentlich den Unterschied aus, ob du wie Vitinha später bei PSG spielst oder "nur" in der zweiten dänischen Liga?
Estrada: Es geht viel darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, also das Timing. Als Vitinha nach England kam, haben sie ihn aus der ersten Mannschaft verjagt, weil er nicht gut genug war. Jeder wählt seinen Weg und entwickelt sich woanders weiter. Bei mir war es in Slowenien dann auch so, dass nach der coolen Saison Dinge passiert sind, die nichts mit Fußball zu tun haben. Dann muss man eben einen Schritt zurück machen. Solche Situationen bestimmen deinen Karriereweg.
90minuten: Was ist denn passiert?
Estrada: Es hatte andere Möglichkeiten gegeben, aber mir wurde klar kommuniziert, dass das kein Thema ist. Ich bin auch nicht der Typ, der Chaos anrichtet, also war ich an den Verein gebunden. Es muss ja für beide Seiten passen.
90minuten: Was wäre denn ein Klub, wo du gerne spielen würdest?
Estrada: Träumen ist ein bisschen schwer, weil das Fußballerleben so schnelllebig ist und es sinnvoll ist, sich nur kurzfristige Ziele zu setzen. Ich will jetzt keine zwei, drei Jahre in der zweiten Liga spielen, sondern aufsteigen und vielleicht den nächsten Schritt in eine erste Liga machen. Ich denke, dass ich auf einem guten Weg bin.
90minuten: Zum Abschluss noch eine Frage: Gehen die Leute seit der WM-Quali oder dem Vizeweltmeistertitel der U17 hier anders auf dich zu?
Estrada: Ich will zunächst einmal sagen, dass sich jeder Österreicher freut. Mit einigen im A-Team habe ich ja in der Jugend zusammengespielt. Die jüngere Generation gibt uns auch viel Hoffnung. Hier habe ich noch nichts gehört. Wahrscheinlich, weil sie es gewohnt sind, dabei zu sein. Aber es sind im Kader viele verschiedene Nationen und wir haben geschaut, wer aller dabei ist, da gab es dann den einen oder anderen Schmäh.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler