Weil der First Vienna FC 1894 die Bundesliga-Lizenz ergattern wollte, musste Trainer Mehmet Sütcü seinen Stuhl während der Saison 2024/25 räumen.
Ein Jahr später widerfuhr Sinan Bytyqi beim FAC Ähnliches. Im Frühjahr 2027 könnte es Wacker-Trainer Sebastian Siller oder Mario Sonnleitner, Bytyqis Nachfolger in Floridsdorf, treffen.
Keines der vier aufstrebenden Trainertalente verfügt über eine UEFA-Pro-Lizenz, die für einen Bundesliga-Aufstieg zwingend notwendig wäre.
Steckt dahinter ein systemisches Problem?
ÖFB sieht Vereine in der Pflicht
Thomas Eidler, Gesamtleiter der ÖFB-Trainerausbildung, sagt: Nein. "Vereine, die in der 2. Liga oben mitspielen wollen, wissen, dass sie für die Lizenz einen Trainer mit entsprechender Qualifikation brauchen. Manchmal fehlt mir dann das vorausschauende Denken. Wir haben in etwa 300 Trainer mit UEFA-Pro-Lizenz in Österreich."
Damit widerspricht er Beobachtern wie Marc Janko, der im gemeinsamen Podcast mit Andi Herzog "HERZERL mit JANKO" meinte, Österreich werfe sich mit seiner Ausbildung einen Prügel zwischen die Beine. Hinter vorgehaltener Hand fand auch 90minuten rasch Skeptiker in der Szene.
Vereine versichern, dass sie auf ihre Trainertalente setzen. Nach einem Jahr sieht es dann aber in manchen Fällen wieder ganz anders aus.
Eidler hat für Kritik durchaus Verständnis, das betont er immer wieder. Man würde auch intern immer wieder über mögliche Reformen diskutieren - allerdings nicht auf Zuruf von außen:
"Es gibt inzwischen eine klare Tendenz, dass Trainer ihre Ausbildung immer früher starten und so schnell wie möglich in den Besitz der UEFA-A- oder Pro-Lizenz kommen wollen. Vereine versuchen, ihre Trainertalente in Kursen zu platzieren und versichern, dass man auf sie setzt. Nach einem Jahr sieht es dann aber in manchen Fällen wieder ganz anders aus."
Klare Tendenz bei Kursen
Über 100 Trainer haben seit 2012 einen Pro-Lizenz-Kurs in Österreich absolviert. Unter ihnen finden sich Namen wie Hütter, Kühbauer, Glasner, Letsch, Ilzer und Muslic.
In diesem Jahr startet der kleinste Kurs seit Jahren. Auch das Durchschnittsalter der teilnehmenden Trainer und Trainerinnen hat sich zuletzt konstant verringert.
Teilnehmeranzahl seit 2014:
Durchschnittsalter seit 2014:
Nun sind diese Entwicklungen alleine kein Problem, sondern entsprechen dem allgemeinen Trend der Bundesliga, die auf junge Trainer setzt.
In einigen Punkten werden die Rahmenbedingungen auch nicht vom ÖFB, sondern von einer UEFA-Konvention gesetzt. Jeder Mitgliedsverband darf alle zwei Jahre einen Kurs für bis zu 20 Personen organisieren.
Eidler schildert darauf angesprochen eine Erinnerung an den Durchgang 2022: Die österreichische Delegation war aufgrund einer Sondergenehmigung mit 21 Köpfen zu Gast in Deutschland, beim kleineren Kurs des DFB. Die ebenfalls anwesende Schweiz sei mit acht Anwärtern vertreten gewesen. Daraus habe er Schlüsse gezogen.
Aufwändiger Zulassungsprozess
Ebenso vorgeschrieben ist, dass Kandidaten vor der Aufnahme in einen Pro-Lizenz-Kurs mindestens ein Jahr Trainererfahrung mit A-Lizenz sammeln müssen.
Wie genau diese Bestimmungen umgesetzt werden, ist dem ÖFB überlassen. Auch über die Zulassungskriterien darf der Verband selbst regeln - ab jetzt wird es deshalb technisch.
Seit einigen Jahren entscheidet ein streng reglementierter Anmeldeprozess darüber, wer in Österreich an einem Pro-Lizenz-Kurs teilnehmen darf. Die erste Hürde ist ein Punktekatalog.
Wer in den letzten fünf Jahren eine Rolle in den oberen Ebenen des heimischen Fußballs bekleidet hat, sammelt Punkte. Je nach Art und Dauer der Tätigkeit, schneiden Kandidaten besser oder schlechter ab. Boni gibt es für zusätzliche Ausbildungen und eine Spielerkarriere.
Dann folgt ein umfangreiches Assessment: Trainer müssen Trainingseinheiten filmen, außerdem Analysen und Matchpläne abliefern. Es gibt einen Multiple-Choice-Test über die Geschichte des Fußballs, die Fußballkultur in Österreich, Fachbegriffe und Regelkunde.
Am Ende gibt ein Expertengremium eine Einschätzung ab, dafür wird der ÖFB von der Universität Salzburg unterstützt. In der Bewertung wird dieser Schritt mit 60 Prozent höher gewichtet als die Punkte für die bisherige Karriere.
Bis 2024 wurden die 20 Kandidaten mit den meisten Punkten zum Kurs zugelassen. Seither zieht der ÖFB eine Grenze bei knapp über 60 Punkten. Wer sie überschreitet, ist dabei.
Warum die harte Grenze?
Rund 40 Personen bewerben sich pro Durchgang für den Pro-Lizenz-Kurs. Manche von ihnen scheitern an allgemeinen Kriterien, nur ein Teil wird zum Assessment eingeladen.
Das Ziel ist ganz klar, Cheftrainer für den Profibereich auszubilden. Wir bilden keine Akademietrainer aus, keine Sportdirektoren, keine Assistenztrainer.
Eidler begründet die hoch gesteckte Hürde mit dem Ziel der Ausbildung: Es sei der Übergang zur Elite, dem wolle man Rechnung tragen. "Das Ziel ist ganz klar, Cheftrainer für den Profibereich auszubilden. Wir bilden keine Trainer für Akademien aus, keine Sportdirektoren, keine Assistenztrainer."
Eine Ausbildung mit Interviewtrainings und dem Einsatz von GPS-Tracking mache nur Sinn, wenn später auch auf einem entsprechenden Niveau gearbeitet wird.
Eine Teilnahme an einem Pro-Lizenz-Kurs kostet inzwischen mehr als 10.000 Euro, die Gebühr wird in Zukunft auch noch einmal angehoben. Der ÖFB forciert verstärkte Individualisierung - diesem Zusatzaufwand müsse man Rechnung tragen, sagt Eidler. Gleichzeitig werde man darauf achten, nicht völlig unleistbar zu werden.
Im internationalen Vergleich kommt man in Österreich tatsächlich noch relativ günstig davon. Andere Verbände verlangen den doppelten Betrag.
Frauen sollen gefördert werden
Mit Lisa Alzner (27) ist zum dritten Mal in Folge eine Frau als Kursteilnehmerin gelistet. Möglich macht das die UEFA: Weil Alzner die Anforderungen des ÖFB streng genommen nicht exakt erfüllt, dürfen sie im Sinne der Frauenförderung ausnahmsweise gelockert werden.
Mittelfristig wird die Pro-Lizenz auch im Frauenbereich vermehrt zum Standard. Für Nationalteams ist sie bereits vorgeschrieben. Im Rahmen des neuen Lizenz-Systems verlangt die Frauen-Bundesliga von ihren Teilnehmerinnen künftig zumindest die A-Lizenz. Alzner wird Österreichs vierte Pro-Lizenz-Trainerin, der Aufholbedarf ist augenscheinlich.
Sobald mehr Frauen die ÖFB-Kurse A-Lizenz durchlaufen haben, vergrößert sich die Konkurrenz auch auf der höchsten Ausbildungsebene. Thomas Eidler versichert, diese Entwicklung genau im Blick zu haben.
Reformen in Arbeit
Derzeit erhalten Frauen und Männer für ihre aktive Karriere gleich viele Punkte. Bei der Einstufung der Trainerarbeit im Frauenbereich stimmt die Relation zu den Männern inzwischen nicht mehr.
Cheftrainer und Cheftrainerinnen der Frauen-Bundesliga erhalten für ihre Tätigkeit 10 Punkte und damit aktuell noch weniger als U15-Akademietrainer bei den Männern. Die 2. Frauen-Bundesliga steht im Punktekatalog auf einer Stufe mit der vierten und fünften Leistungsstufe der Herren.
In Zukunft soll zumindest die Bundesliga aufgewertet werden und künftig auf einer Ebene mit der Regionalliga stehen.
Auch der Zugang zum Bewerbungsprozess soll erleichtert werden, hierfür braucht es allerdings noch eine Zustimmung der Gremien.
Hinzu kommt außerdem ein Passus, der in Zukunft 50 Prozent der Kursplätze für Trainer aus Österreich reserviert.
"Flucht" ins Ausland
Verhindert werden soll damit, dass Österreich künftig zur Backup-Option für aufstrebende Trainer in anderen Ländern werden könnte. Inzwischen ist das Ausweichen in andere Länder weit verbreitete Praxis. Mario Sonnleitner und Sinan Bytyqi gehen ihre nächsten Schritte beispielsweise in Nordirland.
Unterschiedliche Aufnahmekriterien, niedrigere Gebühren oder ein günstigerer Startzeitpunkt sind einige der Argumente für Vorhaben dieser Art. Zuletzt haben eher heimische Trainer den Weg ins Ausland gesucht, als umgekehrt.
"Ich finde es schade, dass oft Entscheidungen getroffen werden, die sich eher nachteilig auf die spätere Trainerkarriere auswirken", sagt Eidler, auf diese Tendenz angesprochen. Österreichische Trainer müssen sich für eine Kursteilnahme im Ausland die Zustimmung des ÖFB abholen. Dieses Prozedere ist von der UEFA reglementiert.
Zu versessen auf hohe Standards?
Der ÖFB ist stolz darauf, in einigen Aspekten Vorbild für Trainerausbildung in Europa zu sein. Man hat sich der Exzellenz verschrieben und ist bemüht, Idealbedingungen zu schaffen.
In der Praxis bedeutet das unter anderem: Eine Gruppengröße von maximal 16 Personen und ein aufwendiges Bewerbungsverfahren. Jokerplätze und die Möglichkeit, Trainer an etwaigen Kriterien vorbei im Kurs zu platzieren, gehören inzwischen der Vergangenheit an - mit Sicherheit eine positive Konsequenz der stetigen Reformen.
Kehrseite aller positiven Entwicklungen ist, dass es weiterhin eine nennenswerte Zahl an Härtefällen geben wird.
Als solchen bezeichnet Eidler zum Beispiel Emmanuel Pogatetz, zu dem er persönlich ein gutes Verhältnis hat. Dass der Ex-Nationalspieler trotz sechseinhalb Jahren Trainererfahrung auf gehobenem Niveau nicht am nächsten Kurs teilnehmen kann, sollte zu denken geben.
"Wir sprechen über eine Ausbildung für den Spitzenbereich im Fußball. Mit unserer Ausbildung wollen wir eine Benchmark sein und sind es in vielen Bereichen auch schon", meint Eidler.
Nun muss der ÖFB aber darauf achten, dass mit dem eingeschlagenen Weg nicht zu viele junge Trainer auf der Strecke bleiben.
Daniel Sauer