Tomas Zorn hat in seiner Funktion als Sportvorstand der Wiener Austria den ersten Neuzugang fürs Team im Backoffice getätigt.
Vor etwas mehr als zwei Wochen nahm Leonard Stork bei den Veilchen seine Arbeit als Head of Scouting auf.
Schon kurz nach seinem Amtsantritt kommunizierte Zorn intern sein Ziel, im Scouting personell aufzurüsten. Mit Frühjahrsbeginn gab es den ersten Kontakt zu Stork.
Aus Karlsruhe nach Wien
Der Deutsche kam auf Empfehlung von Matthias Wallenwein, unter Zorn Chefscout bei Lok Moskau, davor in Leverkusen tätig, zuletzt Leiter der Scouting-Abteilung beim Karlsruher SC.
Von dort kommt auch Stork. Der 42-Jährige baute zuletzt zwei Jahre lang das Datenscouting beim KSC auf, nachdem er sich dort nach oben gearbeitet hatte. Zuvor war der frühere BWL-Student eineinhalb Jahrzehnte in der Wirtschaft tätig, lebte in Hongkong und New York, ehe er sich "unbedingt meiner Leidenschaft Sport" widmen wollte.
Bei den Veilchen leitet er nun die Scouting-Abteilung. Dieser gehören Ex-Bundesliga-Kicker Christian Ramsebner für den Profi-Bereich und Rainer Messetler für den Nachwuchsbereich ebenso an, wie weitere Scouts, die zuarbeiten. Auch Spielanalyst Daniel Gasser und Niklas Glasner, der als Videoanalyst in der Akademie tätig ist, arbeiten im violetten Scouting mit.
Von seiner ursprünglichen Idee, neben einem Head of Scouting auch einen Head of Datascouting zu holen, sei er "Stand jetzt abgewichen", sagt Zorn.
"Einerseits müssen wir auf unser Budget schauen, andererseits sehe ich nicht die Notwendigkeit, einen weiteren so strukturierten und fähigen Scout dazuzuholen. Leo kann die kompakte Abteilung bis auf Weiteres leiten", so Austrias Sportchef.
Der Hype um die Daten
Datascouting. Moneyball, Brentford, Midtjylland – geht es um Datenscouting, poppen sofort einige Assoziationen auf. Der Hype ist in den vergangenen Jahren riesig geworden.
Stork tritt sofort auf die Bremse. "Datenscouting ersetzt Live- und Video-Scouting nicht, es ergänzt", betont er.
Wir wollen in der Lage sein, wenn ein Spieler infrage kommt, dass wir per Knopfdruck alle Daten zusammenfassen können.
Zorn sagt: "Für mich ist es wichtig, dass wir die Oberhand bei den Transferentscheidungen haben und nicht von außen gelenkt werden. Dafür brauchst du eine Marktübersicht, eine Vergleichbarkeit und Messbarkeit."
"Zuerst die Spielidee, daraus die Definition der Positionsprofile, dann geht es ins Datascouting, das ist der erste Filterschritt. Danach geht es intensiv ins Video- und Live-Scouting", erklärt der Sportvorstand.
Die Zeiten, in denen mehr oder weniger blind auf Zurufe von Spieleragenturen vertraut wird, sollen der Vergangenheit angehören.
Aber wie funktioniert das eigentlich?
Der FAK arbeitet mit einem gängigen Video-Scouting-Tool, damit verbunden ist ein Anbieter, der Eventdaten und physische Daten liefert. Neu ist ein Verwaltungstool.
"Das mittelfristige Ziel ist, all diese Datenquellen auf eine eigene Plattform zusammenzubringen. Wir wollen in der Lage sein, wenn ein Spieler infrage kommt, dass wir per Knopfdruck alle Daten zusammenfassen können", sagt Stork.
Datenscouting lässt sich in drei Level unterteilen:
Physische Daten
Sie werden automatisiert über Spielbilder ausgewertet. Die zurückgelegte Distanz während eines Spiels, der Top-Speed – derlei Dinge sind inzwischen allen Fußballfans ein Begriff.
Für Stork sind detailliertere Daten wichtig: "Wie ist der Antritt? Kann der drehen und wenden? Was ist, wenn der fünf Meter läuft, 90 Grad zur Seite muss und dann wieder fünf Meter läuft? Es geht auch extrem viel um Intensitäten. Kann einer innerhalb einer Viertelstunde zehn Sprints anziehen? Sprintet der acht Meter oder 40 Meter?"
Event-Daten
Hier wird alles verarbeitet, was rund um und mit dem Ball passiert. Ballkontakte, Passquoten, Zweikämpfe – das sind oberflächliche Klassiker.
Aber auch hier geht es in die Tiefe, wie Stork veranschaulicht: "Schafft es ein Stürmer, kontinuierlich hinter der letzten Kette den Ball anzunehmen? Überspielt ein Innenverteidiger regelmäßig Linien?"
Spielintelligente Daten
Jetzt wird es kompliziert. "Jeder Anbieter gibt dir einen Score, mit dem er Spieler bewertet und vergleichbar macht, jeder hat seinen heiligen Gral", lacht Stork, "dieser Bereich ist weniger genormt."
"Impect" legt Wert darauf, wieviele Spieler der gegnerischen Mannschaft mit einem Dribbling oder Pass überspielt werden, also danach nicht mehr zwischen Ball und Tor sind. "Statsbomb" hingegen setzt auf den "Expected Threat". Dabei wird das Spielfeld in etliche Zonen unterteilt und jede Aktion anhand historischer Daten bemessen, wie viel näher sie das Team zum Torerfolg bringt, oder eben weiter weg.
Zudem werden auch Daten, die abseits des Balles erhoben werden, immer wichtiger. Stork erklärt: "Was passiert, wenn der Ball nicht im Spiel ist? Wenn einer den Laufweg in die Tiefe nicht macht, kann er nie angespielt werden. Du versuchst, Kontext zu kreieren – über Space. Wie viel Platz war da? Spielt der Achter jemanden konsequent so frei, dass da fünf Meter rundherum keiner ist? Habe ich die Vision, freie Linien und Brüche zu sehen?"
Die Sache mit der Vergleichbarkeit
Es sind inzwischen absurde Mengen an Daten, die erhoben werden. Doch wie viel ist ein erfolgreiches Dribbling in der zweiten Liga in den Niederlanden im Vergleich zu einem in der deutschen Bundesliga wert?
"Viele Anbieter haben mittlerweile Korrelations-Faktoren. Da gibt es sehr komplexe Modelle, um ligaübergreifend die Stärke von Teams einzuordnen", berichtet Stork.
Und wie kann der individuelle Spielstil einer Mannschaft berücksichtigt werden? Was, wenn ein Spieler interessant erscheint, sein Team aber einen ganz anderen Fußball spielt, als die Austria das tut?
Stork: "Der Spielstil und die Stärke der Liga sind immer große Fragen. Aber Gefühl, Erfahrungswerte und die Kombination verschiedener Metriken geben dir meistens ein gutes Gefühl dafür, ob ein Spieler auch einen anderen Fußball spielen kann."
Die Spielerprofile
Bei der Austria werden Spielerprofile gebaut, in Absprache mit dem Trainerteam immer wieder angepasst. "Schienenspieler Tempo, Schienenspieler Halbraum, Schienenspieler defensiv fokussiert. Oder Innenverteidiger kompromisslos, Innenverteidiger kopfballstark, Innenverteidiger Spielaufbau", gibt Stork Beispiele.
Am Ende haben wir für jede Position drei bis vier Profile. Das ergibt 30 bis 40 Profile insgesamt.
Innerhalb der Profile werden dann entsprechend Daten unterschiedlich gewichtet. "Am Ende haben wir für jede Position drei bis vier Profile. Das ergibt 30 bis 40 Profile insgesamt", so der Deutsche.
Gearbeitet wird mit einer "Schattenmannschaft" bzw. eigentlich mit mehreren. "Wir haben Shortlists pro Position. Christian Ramsebner und ich machen daraus eine konsolidierte Liste mit acht bis zehn Spielern pro Position, daraus eine Reihung der Top drei bis fünf", sagt der Scout.
In diesen Märkten wird gefahndet
Die Kernmärkte sind zuallererst Österreich, dann Deutschland und die Schweiz. Es folgen Holland, Belgien und Osteuropa. Aber auch in Japan und Korea wird nach Spielern gefahndet. "Wir haben im Datenbereich 20 bis 23 Ligen freigeschalten", verrät Stork.
Er sagt: "Wir nehmen uns das Recht raus, das Gehalt und mögliche Ablösen erst mal wegzulassen. Wir geben die sportliche Einschätzung ab. Aber du hast ja ungefähr ein Gefühl, welche Märkte machbar sind."
Was ist finanziell möglich?
Die finanzielle Machbarkeit abzuklären und auch den Menschen hinter den Zahlen kennenzulernen, sei in erster Linie Aufgabe der sportlich Verantwortlichen.
Wobei Letzteres durchaus schon von der Scouting-Abteilung abgecheckt wird.
Stork: "Wenn ich rausfahre, um einen Spieler live anzusehen, dann, um ihn in erster Linie auf dem Platz zu checken. Ich achte aber schon auch darauf: Was passiert abseits des Balles? Regt er sich auf, wenn einer den Ball verliert? Ist der am Motzen? Ist das ein Antreiber?"
Sich intensiv Videos anzusehen, Spieler im Stadion zu beobachten, sie persönlich kennenzulernen – all das ist unumgänglich, soll am Ende des Tages eine fundierte Entscheidung getroffen werden.
Aber Datenscouting ist eben eine gute Grundlage.
Der Gegencheck
Stork spricht von zwei Kernprozessen:
"Einerseits haben wir ein klares Profil, was wir im Kader brauchen. Etwa einen Außen, der 1-gegen-1 gehen kann. Dann versuchen wir, Spieler zu identifizieren."
"Andererseits kann es sein, dass wir den Spieler schon kennen, wir dann aber unseren Eindruck als Scout gegenchecken. Es ist wichtig und notwendig, die Möglichkeit zu haben, rein objektiv und emotionslos nachzuschauen: Wie war er denn in den 27 anderen Spielen, nachdem ich den total geil gefunden habe?"
Wann sein Job frustrierend sei? Stork grinst: "Wir holen in der Saison drei, vier neue Spieler. Wir schauen uns aber gut und gerne über eine gesamte Saison hinweg auch mal 1.000 Spieler an. Das ist per se frustrierend. Aber wenn wir von einem Spieler überzeugt sind, und dann kommt die Pressemitteilung, dass der bei einem direkten Konkurrenten unterschrieben hat, ist das schon sehr, sehr ärgerlich."
Harald Prantl