Johannes Hoff Thorup ist der neue Trainer des SK Rapid. Auf eine Spielerkarriere blickt der 36-jährige Däne nicht zurück, in seine Laufbahn ist er mit Anfang 20 mehr oder weniger hineingestolpert.
Davor wäre Hoff Thorup beinahe bei der Armee gelandet, verhindert hat das die Großmutter. Innerhalb des Großraums Kopenhagen zog es ihn vom Akademisk Boldklub - einem in die dritte Liga abgestürzten Traditionsverein - weiter nördlich zum FC Nordsjaelland. Erst 2021, mit 31, gelang dort der Aufstieg zum Co-Trainer.
Nordsjaelland und der SK Rapid könnten unterschiedlicher kaum sein. Der dänische Erstligist existiert in seiner aktuellen Form nur knapp zwei Jahrzehnte, nennt drei Trophäen sein Eigen und trägt seine Heimspiele vor rund 2.000 bis 6.000 Fans aus.
Die Strategie des Vereins ist inzwischen nicht mehr wirklich einzigartig, sondern ein viel kopiertes Erfolgsmodell: Der Großteil des Kaders stammt aus dem eigenen Nachwuchs oder der Right to Dream Akademie in Ghana, mit der eine Kooperation besteht.
62 Prozent der aktuellen Spieler fallen entweder in die eine, oder andere Kategorie. Außerdem sind drei Viertel der Spieler 23 Jahre alt oder jünger. Viele von ihnen werden später verkauft, seit 2020 wurden weit über 180 Millionen Euro mit Transfers eingenommen.
Großgeschrieben wird auch Kontinuität: Sechs Cheftrainer gab es seit 2006, bei Rapid wurde soeben der Dreizehnte bestellt.
Rasanter Aufstieg
So kam es auch, dass Thorup von innen heraus aufstieg, als Cheftrainer Flemming Pedersen mit Jänner 2023 in eine andere Rolle befördert wurde. Gänzlich unkontrovers war diese Entwicklung nicht, weil Nordsjaelland zu diesem Zeitpunkt Tabellenführer war. Unter Hoff Thorup landete man schließlich auf dem zweiten Tabellenplatz, seine erste und einzige volle Saison endete auf Rang vier.
Rudi Dalsgaard, Journalist bei den 'Sjaellandske Nyheder' beschreibt den Verein gegenüber 90minuten: "Der Druck beim FC Nordsjaelland lässt sich gar nicht mit dem beim FC Kopenhagen oder Bröndby vergleichen. Er kommt vor allem von innen, weil man sich viel voneinander erwartet. Der Klub ist gut geführt, alle ordnen sich der klaren Strategie und Philosophie unter. Es ist ein großes Miteinander, im Vordergrund steht immer der Verein, nicht die Arbeit eines Einzelnen."
Eine unbestrittene Qualität des Trainers ist die Weiterentwicklung seiner Spieler, eine Kernkompetenz von Nordsjaelland. Talente wie Conrad Harder, Mario Dorgeles, Sindre Walle Egeli und Ibrahim Osman haben unter Hoff Thorup Fuß gefasst und sind zu größeren Vereinen weitergezogen.
Dass auch Hoff Thorup rasch wieder weg war, kann Dalsgaard nachvollziehen: "Es war der richtige Zeitpunkt. Er war über viele Jahre beim FC Nordsjaelland, wenn auch nicht als Cheftrainer. Er ist sehr ambitioniert und hat ein spannendes Angebot bekommen."
Enttäuschung in England
Bei Norwich City wurde der Däne mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet, dem Verein waren seine Dienste eine hohe sechsstellige Summe wert. Die 'Canaries' spielen seit dem Abstieg aus der Premier League 2022 wieder in der englischen Championship, vor Hoff Thorups Ankunft hatte man den Wiederaufstieg unter David Wagner knapp verpasst.
Die Entwicklung der Ergebnisse unter Hoff Thorup dürfte Rapid-Fans bekannt vorkommen: Über die ersten zwölf Spiele lief viel nach Wunsch, im Herbst und spätestens im Frühjahr dann fast gar nichts mehr. Um die Playoffs hatte Norwich jedenfalls kein Wort mitzureden, der Trainer musste noch vor Saisonende überraschend gehen.
Jetzt, ein halbes Jahr später, steht der Verein noch einmal deutlich schlechter da und kämpft gegen den Abstieg. Nur am Trainer kann es also nicht gelegen haben, auch der Nachfolger scheiterte.
Ben Lee ist Taktik-Analyst und arbeitet die Spiele von Norwich City für das Portal 'The Pink Un' und auf seinem 'X'-Kanal auf. Einen konkreten Grund für den Leistungseinbruch nach wenigen Monaten konnte auch er nicht ausmachen, von Hoff Thorups Freistellung war er enttäuscht. "Ich halte ihn für einen guten Trainer, auch wenn man seine Grundstrukturen als berechenbar bezeichnen könnte."
Mit Ben Lees Hilfe lassen sich einige Aspekte des neuen Cheftrainers näher beleuchten:
Taktik:
Allzu viel von seinen taktischen Ideen konnte der neue Rapid-Cheftrainer in seiner relativ kurzen Karriere noch nicht zeigen. Zweieinhalb Saisonen als Hauptübungsleiter stehen zu Buche. Der Däne hat 42 Prozent seiner Pflichtspiele gewonnen, dabei haben seine Mannschaften 1,79 Tore erzielt und 1,39 Gegentreffer kassiert. Taktisch organisiert Hoff Thorup das Pressing in einer 4-3-3 Formation, das sich ohne Ball zum 4-5-1 entwickelt. Im Ballbesitz läuft der Aufbau ebenfalls über ein 4-3-3, weiter vorne über ein 3-2-5 oder 2-3-5. "Das Verhalten der Spieler wurde dann immer wieder umgestellt: In manchen Spielen sind die Außenverteidiger nach außen, in anderen nach innen gekippt. Teilweise waren die Bewegungen auf der linken und rechten Seite unterschiedlich", erklärt Lee.
Konterabsicherung:
Ein wunder Punkt der bisherigen Rapid-Saison war die schwache Restverteidigung, die mehrfach für Punktverluste verantwortlich war. Hoff Thorup sollte hier Abhilfe schaffen können. Im geordneten Ballbesitz sind fünf Spieler für den Angriff abgestellt, der Rest sichert den Rückraum. Verwundbar war Norwich vor allem nahe dem eigenen Tor: "Wenn ein Team mit dem Ball dominieren will, sind Umschaltmomente die größte Schwachstelle. Das war im frühen Spielaufbau unter Hoff Thorup gelegentlich ein Problem, wenn der Gegner hoch gepresst und den Ball in Tornähe gewonnen hat", sagt Lee.
Variabilität:
Hoff Thorup hat ein Konzept, von dem er - zumindest bisher - ungern abgewichen ist. "Natürlich hat er Gegner analysiert, wie jeder Trainer. Im Vordergrund stand aber, der anderen Mannschaft das eigene Spiel aufzudrücken und sie so zu neutralisieren. Es gab Momente, in denen wir Abstöße flach ausgespielt haben, obwohl der Gegner sofort Druck gemacht hat. Einige Fans haben dann denn langen Ball gefordert und es gab wirklich Momente, in denen es viel Platz hinter der ersten Pressinglinie gegeben hätte", meint Ben Lee.
Gegen Ende seiner Amtszeit hat Hoff Thorup dann doch noch die ein oder andere Umstellung versucht. Ob es sich dabei um radikale Versuche das Ruder herumzureißen gehandelt hat, oder doch um ein ernsthaftes Umdenken, sei dahingestellt.
Im Vordergrund stand immer, der anderen Mannschaft das eigene Spiel aufzudrücken und sie so zu neutralisieren.
Eine ähnliche Verfahrenheit war bei Rapid im Herbst unter Peter Stöger zu beobachten, auch Robert Klauß wurde kritisiert, weil sich sein taktischer Ansatz abgestumpft hatte. Wer sich bei Rapid künftig große Umstellungen und taktische Kniffe von Spiel zu Spiel erwartet, wird wohl enttäuscht werden. Erfolg ist natürlich trotzdem möglich.
Disziplin:
In seiner bisherigen Trainerkarriere hatte der neue Rapid-Cheftrainer noch nie ausreichend Zeit, um einen Kader entsprechend seinen Vorstellungen zu entwickeln und zu formen. Dass er klare Erwartungen an seine Spieler hat, konnte er aber schon zeigen.
Ben Lee erzählt von einer Auseinandersetzung mit Shane Duffy, einem 34-jährigen Routinier: "Duffy ist zu spät zum Treffpunkt vor einem Spiel gekommen, er ist nicht selbst gefahren und wahrscheinlich im Verkehr stecken geblieben. Der Trainer hat ihn dann aus der Startelf gestrichen, um ein Zeichen an die Mannschaft zu senden. Duffy hat später in einem Interview gesagt, dass er die Entscheidung hart fand. Ab diesem Zeitpunkt wurden auch die Ergebnisse schlechter, vielleicht gab es einen Zusammenhang."
Einfach hatte Hoff Thorup es in Norwich jedenfalls nicht: Der temperamentvolle Offensivspieler Borja Sainz brauchte intensive Betreuung und gleich zu Beginn seiner Ära erzwang Leistungsträger Jonathan Rowe einen Transfer nach Marseille.
Mögliche Gewinner:
Als Schlüsselposition im System von Johannes Hoff Thorup macht Ben Lee die Links- und Rechtsverteidiger aus. Je nach Variante kippt im 3-2-5 einer der beiden in eine Dreierkette mit den Innenverteidigern, der andere zieht entweder in die Breite oder ins zentrale Mittelfeld. Im 2-3-5-Aufbau positionieren sich die Außenverteidiger entweder mittig neben einem Sechser, oder rücken in die vorderste Reihe auf. In Norwich hatte Hoff Thorup die beiden Rechtsverteidiger Jack Stacey und Kellen Fisher zur Verfügung: "Stacey blieb meistens auf seiner Seite, um Flanken zu schlagen. Fisher konnte auch ins Mittelfeld ziehen. In einem Spiel tauchte er sogar immer wieder in der vordersten Linie als Zehner im rechten Halbraum auf."
Schwierig haben werden es Spieler mit Schwächen im Spielaufbau und jene, die sich leicht unter Druck setzen lassen. Mit Bendeguz Bolla, Jonas Auer, Jannes Horn, Furkan Demir und auf längere Sicht Benjamin Böckle, stehen bei Rapid mehrere unterschiedliche Spielertypen zur Verfügung, auf die Hoff Thorup zurückgreifen kann.
Trainerstab:
Noch wurde abseits der Cheftrainerposition keine weitere Veränderung im Trainerstab des SK Rapid bekannt gegeben. Als Assistenten gelistet weiterhin die bekannten Namen um Stefan Kulovits - dabei wird es wohl nicht bleiben. Nach Norwich durfte Hoff Thorup zu Beginn nur einen Vertrauten mitnehmen, später erklärte, das so nicht mehr machen zu wollen. Zumindest einige Personalien wolle er in Zukunft selbst auswählen, meinte er nach dem Ende des Norwich-Kapitels in Interviews.
Eine naheliegende Verstärkung wäre Glen Riddersholm. Der 53-jährige Däne musste Norwich mit Hoff Thorup verlassen und ist aktuell vereinslos. Wie sein Landsmann hat Riddersholm seine Wurzeln im Nachwuchsbereich und dürfte in England einen speziellen Fokus auf Akademiespieler gelegt haben. In Mannschaftsbesprechungen war er, so Lee, für die Einweisung der Defensivspieler zuständig. Als weitere interessante Personalie nennt Ben Lee den Analysten Alan Arac, der unter dem Dänen nach Norwich kam, den Verein aber inzwischen wieder verlassen hat.
Aus dem Fenster gelehnt
Es gibt einige weitere Bereiche, in denen Hoff Thorup Beweise für seine Kompetenz liefern muss. Der aktuelle Norwich-Trainer Philippe Clement bemängelte beispielsweise die Fitness seines Teams, ein Problem, das auch in der Vorsaison Thema war. In Norwich hat der Däne einen guten Eindruck hinterlassen, musste mit Sicherheit aber auch Lehrgeld zahlen.
Mit der frischen Zusammenarbeit in Wien gehen beide Seiten Risiko ein. Nach dem Aus in England betonte Hoff Thorup wiederholt, ein neues Projekt nur angehen zu wollen, wenn er ausreichend Zeit zugesichert bekommt. Rapid setzt jetzt mitten in der Saison auf einen unerfahrenen Trainer, der sofort funktionieren muss. In den fünf Spielen vor der Ligateilung treffen die Hütteldorfer auf drei Vereine, die in der Tabelle vor ihnen liegen.
Journalist Rudi Dalsgaard, der Hoff Thorup schon lange beobachtet, bewertet den Wechsel nach Österreich so: "Wenn der Verein bereit ist, Geduld zu zeigen und ein Projekt lange am Leben zu halten, war es der richtige Schritt. Wenn schneller Erfolg das Ziel ist, bin ich mir nicht so sicher."
Am Mittwoch startet die Amtszeit mit dem offiziellen Trainingsauftakt, der neue Rapid-Trainer darf sich in einer Pressekonferenz selbst vorstellen. Ernst wird es dann am 31. Jänner im Cup-Viertelfinale gegen die SV Ried.
Daniel Sauer