Wolfgang Fiala ist auf der Skala für Fußballfunktionäre eigentlich nicht zu finden. Zwischen Ex-Profis und exaltierten Zampanos wirkt er wie ein Durchschnittstyp, der im Alltag wohl kaum auffällt. Auffällig ist allerdings seine Wirkung.
Diese soll laut Medienberichten dem SK Rapid gefallen. Dort dürfte er Technischer Direktor werden und somit eine Ergänzung zu Sportvorstand Markus Katzer. Während letzterer vor allem die Transfereinnahmen sprudeln lässt, ließ die sportliche Weiterentwicklung in den letzten Jahren zu wünschen übrig.
Spieler entwickeln, das kann Fiala. Viel wichtiger ist aber wohl seine Kompetenz, langfristig und strategisch an der sportlichen Identität eines Klubs zu arbeiten. Und um Katzer hier in Schutz zu nehmen: Das ist im modernen, täglichen Fußballwahnsinn schwierig – und in Wien-Penzing noch einmal mehr als andernorts.
Wolfgang Fiala hat sich diese Kompetenzen von der Pike auf angeeignet. Der aktuelle Geschäftsführer Sport der SV Ried gilt als akribisch und guter Kommunikator und hat bewiesen, dass er in einem emotionalen Arbeitsumfeld bestehen kann.
Alles gleichzeitig
1987 in Wien geboren, frönt Fiala dem Hobby Fußball im Unterhaus in und um Wien. Das höchste der aktiven Gefühle waren sechs Kurzeinsätze in der Landesliga in Niederösterreich für den FC Mistelbach, zu dem er vom relativ nahen SV Essling 2008 hingewechselt war.
Im Nachwuchsbereich steht die Entwicklung an erster Stelle. Das oberste Ziel ist es, Spieler für die eigene Profi-Mannschaft auszubilden.
Danach spielt er laut ÖFB-Datenservice für Auersthal, Pötzleinsdorf Albania, von 2010 bis 2015 in Fallbach im Pulkautal, gefolgt von einem Jahr für Maccabi Wien in der Oberliga und am Ende für DSG Ruolfsheim. Parallel dazu arbeitet er an der Trainerkarriere.
Bereits 2009/10 war Fiala beim SV Leobendorf Co-Trainer, danach in derselben Funktion beim SC Team Wiener Linien. Von 2013 bis Dezember 2015 coacht er Maccabi neben der aktiven Tätigkeit. Im Sommer 2016 heuerte er bei ASV 13 an. Der Klub steigt 2017/18 in die viertklassige Stadtliga auf.
Schritt nach Ried
Doch man muss auch Geld verdienen. Fiala studiert an den Universitäten Wien und Salzburg, arbeitet als Datenanalytiker. 2017 nimmt er parallel zur Cheftrainertätigkeit die Arbeit als Videoanalyst bei Rapid II an, ab Februar 2018 ist er dann Co-Trainer und Spielanalyst beim Frauen-Nationalteam und von März 2019 bis Juni 2020 in der ÖFB-Trainerakademie angestellt.
Von 2013 an absolviert der Wiener alle UEFA-Trainerausbildungen bis zur Pro-Lizenz. 2020 folgt der bislang entscheidendste Schritt in seiner Karriere: Fiala übernimmt die Rolle des sportlichen Leiters im Rieder Nachwuchs.
In einer Vereinsaussendung sagt er damals: "Ich möchte die Verantwortung für unsere Akademie-Spieler übernehmen und sie auf ihrem Karriereweg unterstützen. Im Nachwuchsbereich steht die Entwicklung an erster Stelle. Das oberste Ziel ist es, Spieler für die eigene Profi-Mannschaft auszubilden."
Nächster Step
Mit nicht einmal 34 Jahren bestellt ihn die SV Ried dann zum Vorstand Sport. Die sportliche Gesamtverantwortung bekommt er 2023 als Geschäftsführer nach dem Bundesliga-Abstieg. Der Klub hatte sich von Sportdirektor Thomas Reifeltshammer getrennt. Fiala hat da eine seiner wichtigsten Karriereentscheidungen bereits im März getroffen.
Nach dem glücklosen Christian Heinle hievt er Maximilian Senft von den Jungen Wikingern in den Cheftrainersessel. Ein Wagnis: Der ehemalige Pokerspieler war damals auch erst 33 Jahre alt und hatte außer ein paar Saisonen im Fußball-Unterhaus und der Cheftrainertätigkeit bei Pinkafeld sowie bei den Frauen des FC Südburgenland bis zu seinem Wechsel ins Innviertel 2022 nur relativ kurzzeitige Co-Trainer-Tätigkeiten in der Vita stehen.
Diese aber immerhin unter anderem beim WAC, der Austria und Barnsley. Um das zu kompensieren, erfüllt Fiala Senft den Wunsch, mit Gerhard Schweitzer eine absolute Legende im Trainerteam zu haben.
Irgendwann wird das, was früher ein Meilenstein und eine Innovation war, zur Normalität.
Traditionsverein
Senft scheitert später am Klassenerhalt. Der gesamte Verein schwört sich auf einen Zweijahresplan ein, um wieder ins Oberhaus zurückzukehren. Schon damals weiß Fiala, wie schwierig das Erwartungshaltungsmanagement selbst bei einem relativ kleinen Verein ist.
"Irgendwann wird das, was früher ein Meilenstein und eine Innovation war, zur Normalität. Wenn man zwei Mal Cupsieger war, Herbst- und Vizemeister, dann ist ein Mittelfeldplatz in der Bundesliga auf einmal nichts Besonderes mehr", erklärt er später in einem 90minuten-Interview.
Aber obwohl Ried klarerweise kleiner als Rapid ist, gibt es Gemeinsamkeiten, die sich von damals ins Jetzt übertragen lassen: "Ried ist das Aushängeschild der Region und hat hier eine sehr große Strahlkraft. Manche loben und manche schimpfen. Mit dieser Aufmerksamkeit muss man umgehen können."
Fußballerische Entwicklung
Unter Fiala läuft die von ihm verantwortete Akademie gut. Gemeinsam mit Senft entwickelt er eine Spielidee, die im zweiten Jahr zum Aufstieg führt und anschließend den Klassenerhalt bringt.
Sein Zugang: "Wenn man nicht ganz genau weiß, wofür man als Verein stehen will, dann gibt es viele Entscheidungsmöglichkeiten. Dadurch werden die äußeren Umstände viel wichtiger. Der Druck, die Berichterstattung - all das wird wichtiger als der eigene Weg, weil man den ja in Wahrheit gar nicht genau kennt."
Er verweist auf die Episode mit Miron Muslic, der vor dem Intermezzo in Ried beim FAC super Arbeit leistete und dann in England und nun auf Schalke für Furore sorgt: "Wir wussten noch nicht genau, wofür wir als SV Ried stehen wollen, daher haben äußere Umstände die Überhand gewonnen und es wurde jemand geholt, der ganz andere Dinge wollte, die aber sehr gut zu den äußeren Umständen gepasst haben."
Sport im Zentrum, aber richtig
Genau auf der Suche nach dieser Linie scheint auch der SK Rapid zu sein. Wenn die Antwort auf den Klauß'schen Spielstil Peter Stöger war und danach der aktuelle Coach Johannes Hoff Thorup, dann hapert es wohl an der Ausrichtung, egal, um wie viel Millionen die Spieler gehen.
Fiala sieht sich in dem Zusammenhang zwar als "Kluboptimierer", wie er es nach dem Aufstieg 2025 nennt, verweist aber mit Blick auf die Infrastruktur und Co. damals auf eine wichtige Sache: "Ein schönes Stadion und tolles Trainingszentrum zu haben, wird dir am Platz nicht helfen, schwierige Phasen zu überstehen."
Wir achten darauf, dass der Spieler seine Stärken bei uns auch einbringen kann. Da passieren viele Fehler, weil man etwa einen Stürmer mit einer guten Torquote holt, der aber mit seinen Stärken nicht zur Idee oder zum Kader passt.
Fiala sagt auch noch einen weiteren klugen Satz, der in Hütteldorf wichtig sein könnte: "Natürlich wollen wir in den Kader investieren. Es geht dabei aber vielleicht auch darum, einen Co-Trainer zu holen, der sich um die Belange der jungen Spieler kümmert."
Denn eine Sache ist in Wien-West auffällig: Der eigene Nachwuchs gehört nicht zu den Kassenschlagern am Transfermarkt, zumindest nicht in den Dimensionen der Jansson- und Sangaré-Transfers.
Genau hinsehen
Der größte Mehrwert, den Fiala in Ried geschaffen hat, sei neben der Spielidee ein Konzept für den internen Spielerbewertungsprozess: "Wir achten dabei insbesondere auf zwei Dinge: Dass der Spieler seine Stärken bei uns auch einbringen kann. Da passieren viele Fehler, weil man etwa einen Stürmer mit einer guten Torquote holt, der aber mit seinen Stärken nicht zur Idee oder zum Kader passt."
Somit wurde ein System erschaffen, das einen guten Überblick bietet und einen Blick in Nischen. In seinen Worten: "Vielleicht bringt uns ein Spieler etwas, was wir gerade brauchen, auch wenn er den Durchbruch noch nicht geschafft hat. Der zweite Punkt ist, dass wir sehr stark auf den Charakter achten. Der Spieler muss Ambitionen haben, egal in welchem Alter, muss er sich weiterentwickeln wollen."
Diese Aussagen lassen sich mit gewinnbringenden Transfers untermauern: Mit Arjan Malic, Belmin Beganovic (Sturm) oder Fabian Wohlmuth (zum damaligen Cupsieger WAC) wechselten Talente. Nikki Havenaar oder Antonio van Wyk brachten ebenfalls Geld, sind aber nicht mehr die allerjüngsten, vor allem nicht der Innenverteidiger.
Out of the box
Diese ungewöhnlichen Wege sind für einen kleinen Verein notwendig. Bei einem großen wie Rapid wird es unter Umständen andere Möglichkeiten geben, als Färöer-Kicker aus der finnischen Liga wie Samuel Chukwudi oder Trainer, die eigentlich Sportdirektoren in Ägypten waren wie Mario Despotovic. Aber mit den ausgetretenen Pfaden ist Rapid der Sehnsucht Meisterteller auch wieder nicht näher gekommen.
"Unser Idealweg ist, mit Spielern aus der eigenen Akademie sportlich erfolgreich zu sein und später Transfererlöse zu erzielen. Dort ist die Wertschöpfung für den Verein naturgemäß am größten", sagt Fiala im letzten Interview mit 90minuten. Ein wahrer Satz.
Denn dann ist nicht nur die Wertschöpfung am größten, sondern auch das Wir-Gefühl. Wenn ein Team mit klarem fußballerischem Plan letztlich an einem Ziel scheitern sollte, vergeben das Fans noch eher, als wenn es elf Legionäre aus aller Herren Länder sind. Das gilt im Innviertel genauso wie in Wien-Hütteldorf.
Georg Sohler