FC Midtjylland, Viktoria Pilsen, Ferencvaros Budapest, Roter Stern Belgrad – nur ein paar Klubs, die die Ligaphase der Europa League überstanden haben. Mit AEK Larnaca aus Zypern oder KF Drita aus dem Kosovo gibt es Klubs, die in der Conference League weiterspielen dürfen.
Der langjährige Dominator Red Bull Salzburg, der Meister Sturm Graz, Fanmagnet Rapid – alle ausgeschieden. Die Austria und Cupsieger WAC scheiterten in der Quali. Dorthin schaffte es der aktuelle Tabellenzweite LASK erst gar nicht.
Man kann xG- und Packing-Werte von links nach rechts drehen, am Ende ist die Tabelle der zwei Europacup-Bewerbe aktuell die aussagekräftigste Statistik. Und diese zeigt: Hinsichtlich internationaler Konkurrenzfähigkeit steht Österreich derzeit eher schwach da. Ein Paradoxon, kicken im Nationalteam doch zunehmend Kicker im Ausland.
Legionärstruppe Nationalteam
Spieler U24 | Anteil U24 | Legionäre* | Anteil Legionäre | gesamt eingesetzt | |
2004/05 | 12 | 26,1 % | 10 | 21,7 % | 46 |
2009/10 | 17 | 54,8 % | 10 | 32,3 % | 31 |
2014/15 | 12 | 46,2 % | 18 | 69,2 % | 26 |
2020/21** | 14 | 32,6 % | 31 | 72,1 % | 43 |
2024/25 | 9 | 25,7 % | 31 | 88,6 % | 35 |
In der oben stehenden Grafik sind alle in den jeweiligen Kalenderjahren eingesetzten Spieler aufgelistet. Dabei zeigen sich zwei Entwicklungen: Einerseits ist das aktuelle Nationalteam heute älter als noch vor zehn Jahren. Das ist zum Teil mit langjährigen und somit alternden Stützen wie Arnautović, Alaba oder Sabitzer zu erklären. Dass sich junge Spieler auf A-Ebene schwertun, alteingesessene Kicker zu verdrängen, liegt irgendwo in der Natur der Nationalteamsache.
Andererseits ist der Legionärsanteil, der in den letzten zwei Jahrzehnten von zwanzig Prozent auf knapp 90 angestiegen ist, bemerkenswert. Dieser bedeutet: Die besten Kicker mit rot-weiß-rotem Pass spielen nicht hierzulande. Diesen Wegfall kompensieren die Klubs wiederum durch nicht-Österreicher.
Das zeigt sich auch daran, dass der Österreicher-Anteil in der Liga sinkt. Nachdem es das Geschäftsmodell "Rohdiamanten billig ein- und teuer verkaufen" mit sich bringt, dass auch die sich gut entwickelnden Spieler schnell gehen, befindet sich der Klubfußball aktuell am absteigenden Ast.
Benchmarking
Das liegt zum Teil in der Natur der Sache, gehört Österreich nicht zu den großen Ländern des Kontinents. In dieser Kategorie ist man nicht alleine. Darum ist es naheliegend, dass vergleichbare Länder wie die Schweiz oder Tschechien einmal hinter, einmal vor Österreich zu finden sind.
Das wiederum bedeutet aber nicht, dass man die Entwicklung mit einem Achselzucken beiseite wischen sollte. Viel wichtiger ist es zu ergründen, was Qualität ist, wie man sie misst und ob sie ausreichend vorhanden ist.
Es gibt Vorgaben, wie schnell einer 20, 30 oder 40 Meter laufen muss.
Grundsätzlich ist "individuelle Klasse" ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren. Einen Parameter herauszugreifen, funktioniert nicht wirklich. 20 Goals in Österreich bedeutet nicht, dass einer genauso viele in der Premier League macht.
Oder: Jackson Tchatchoua von Wolverhampton ist mit 37,3 gemessenen km/h Topspeed aktuell der schnellste Premier-League-Kicker. Die Top-10 kommt aktuell an und über 36 km/h dran. Auch ein Philipp Schobesberger kam zu Bestzeiten in diesen Bereich, angerufen hat England aber nie.
Weil "Qualität" letztlich so schwierig eindeutig zu messen ist, nähert sich 90minuten in vielen Gesprächen dem Thema an und versucht herauszufinden, wo Österreich steht und wie die Bundesliga wieder besser werden kann.
Wie messe ich - und was?
Eine langfristige Annäherung an das Thema liefert Peter Pacult. Er meint: "Trainer wollen schnelle, technisch versierte und laufstarke Spieler. Das war auch schon vor 20 Jahren so." Das Gesamtpaket hat sich offensichtlich nicht verändert und es gilt noch immer: Ein Stürmer muss Tore schießen, ein Abwehrspieler sollte groß und kopfballstark sein. Man sollte es nicht überkomplizieren.
Derselben Generation entstammt Werner Gregoritsch. Der ehemalige U21-Teamchef hat als Sky-Experte aktuell Zugang zu allen Daten. Er sieht in den Top5-Ligen einige leicht auflistbare Faktoren. Etwa: "Dort ist so gut wie jeder 1,90 Meter groß, kleinere und technisch versierte Spieler sind auf den Außenbahnen zu finden, Zentrumsspieler sind enorm athletisch."
Auch das, so ehrlich muss man sein, ist keine bahnbrechende Erkenntnis und kaum ein Unterschied zu früheren Zeiten. Heute weiß man schlichtweg, wie schnell einer ist.
Dieser "Grundspeed" habe sich in den 25 Jahren weiterentwickelt, in den Beinen und im Kopf. Auch die Anforderungsprofile sind heute umfangreicher. Ein Stürmer muss ein richtiges Anlaufverhalten an den Tag legen, der Innenverteidiger das Spiel eröffnen. Aus allem, was man messen kann, ergeben sich Vorgaben, wie er von einem heimischen Topklub berichtet: "Es gibt Vorgaben, wie schnell einer 20, 30 oder 40 Meter laufen muss."
Messen ist einfach
Gerade dieses Messen und Überwachen fällt heute viel leichter, weiß Ex-Legionär und Obstbauer Jakob Jantscher. Österreich braucht sich in dem Zusammenhang nicht verstecken.
"Unser Fußball funktioniert sehr datenorientiert", denkt er, bestätigt mit dem nächsten Satz aber auch die etwas altmodische Pacult-Sichtweise: "Wir verlassen uns vielleicht zu viel auf Daten. Wenn einer so und so schnell läuft, erfüllt er eine Anforderung. Ist das nicht der Fall, ist er nicht interessant." Für die Vorselektion sei das gut, Individualität und Kreativität fördert man mit starren Leistungsvorgaben eher wenig.
Ein Edelpratscherl wie Michael Liendl, mit dem aus terminlichen Gründen leider kein Interview zustande kam, würde heutzutage vielleicht in gar keinen Kader kommen, weil groß oder sonderlich schnell ist er nicht. Vielleicht war es wie bei Jantscher unter Ilzer. "JJ" schaffte die Intensität im offensiven Mittelfeld nicht (mehr), der Trainer machte ihn zum Stürmer. Das funktionierte dann.
Es geht darum, mit Erfolgen wie mit Misserfolgen umgehen zu können, sich auch von schwierigen Phasen oder Widerständen nicht aus der Bahn werfen zu lassen.
Einer, der recht gut weiß, wie man schnell Erfolg hat und vor allem auch, wie Spieler richtig und ihren Stärken entsprechend eingesetzt werden, ist Didi Kühbauer. Der LASK-Trainer erklärt: "Grundsätzlich ist es natürlich einmal wichtig, dass die Spieler auf ihren Positionen im technischen und taktischen Bereich gut ausgebildet sind und eine gewisse Spielintelligenz mitbringen. Gleiches gilt für die Athletik, die im heutigen Fußball einfach eine Grundvoraussetzung ist, um den hohen Anforderungen im körperlichen Bereich gerecht werden und seine Leistung bringen zu können."
Der Kopf entscheidet
Wenn die Parameter ähnlich (hoch) sind, kommt der Kopf dazu: "Es geht darum, mit Erfolgen wie mit Misserfolgen umgehen zu können, sich auch von schwierigen Phasen oder Widerständen nicht aus der Bahn werfen zu lassen und in der Lage zu sein, seine Qualität in den entscheidenden Momenten auf den Platz zu bringen."
Der erfahrene Kicker Alexander Gorgon sieht die Sachlage ähnlich. Fit sind viele: "Man erkennt kaum noch athletische Unterschiede zwischen Mannschaften aus der oberen und unteren Tabellenhälfte."
Erst mit Fortdauer des Spiels konnte "früher" festgestellt werden, dass das Abliefern der Qualität auch an der Physis liegt. Ein Unterschied zu heute: "Die Physis im Fußball hat sich in den letzten Jahren generell weiterentwickelt, auch im Ausland haben alle einen unfassbaren Grundspeed."
Lukas Hinterseer liefert zu dieser Annahme eine mögliche Erklärung. Diese basiert auf der jahrelangen Erfahrung in verschiedensten Ländern.
Das Training von früher ist heute gar nicht mehr zeitgemäß. Es hat sich alles komplett verändert, aber zum Guten.
"Das Training von früher ist heute gar nicht mehr zeitgemäß, die Trainer wären wahrscheinlich nach zwei Wochen weg vom Fenster. Damals war es okay, aber heute läuft alles mit viel mehr Professionalität. Das Training beginnt gefühlt schon eine Stunde früher mit Pre-Warm-Up und Warm-Up, davor und danach wird analysiert. Auch die jungen Spieler kommen mit viel Wissen nach oben. Es hat sich alles komplett verändert, aber zum Guten", denkt er.
Eine Sache des Trainings
Diese Informationen sind heute für alle Trainer zugänglich. Wenn alles, was messbar ist, in die Spielerbewertung einfließt, suchen die Vereine im Schnitt nach gleich guten Kickern. Werden diese dann durch sehr ähnliches Training in einen vergleichbaren Fitnesszustand gebracht und erhalten dabei eine "gleiche" taktische Ausbildung, entscheiden irgendwann andere Dinge.
ÖFB-Trainerausbilder Thomas Eidler meint demzufolge: "Du brauchst einen USP, etwas Besonderes: Ein Spieler kann extrem groß sein, schnell, weit einwerfen, technisch sehr, sehr gut oder Ähnliches."
Diese scheint es aber hierzulande eben immer weniger zu geben. Unter den Top15-Scorern der Bundesliga befinden sich aktuell nur fünf Österreicher: Daniel Maderner, Patrick Greil, Alessandro Schöpf, Valentino Müller und Elias Havel.
Ein Problem, schließlich enden knapp zwei Drittel aller Fußballspiele mit maximal zwei Toren pro Mannschaft. In den anderen Mannschaftsteilen braucht sich der Teamchef zudem nicht beschweren: Er kann bis zu acht Innenverteidiger aus den besten Ligen der Welt aufstellen. Im zentralen Mittelfeld gibt es ebenfalls mehr versierte Kicker als Plätze am Feld. Auf den Außenbahnen und gerade im kreativen Offensivzentrum ist die Luft dünner und angesichts der hier erwähnten Topscorer ist die Aussicht auf Besserung eher bescheiden.
Durch die ausbleibenden internationalen Erfolge überholen uns andere Nationen und die Spieler gehen dann dorthin.
Immer schon ein Problem?
Herumrennen und Tore zu vermeiden, ist naheliegenderweise auch einfacher, als ein Spiel zu gestalten. Passende Stürmer zu finden, war laut Pacult schon vor 40 Jahren schwierig. Auch Gregoritsch sieht, dass die Kreativen heute nicht mehr so im Fokus stehen: "Individualität geht zugunsten von taktischen Überlegungen verloren. Aber die Fans wollen Kreativität erleben. Doch dazu braucht es Geduld und Individualtraining."
Jantscher zeigt sich in dem Zusammenhang nicht verwundert, dass ein Spieler wie Otar Kiteishvili seit Jahren der beste Fußballer Österreichs ist. Es gibt eben keinen, der über die Kombination dieser Fertigkeiten verfügt. Allerdings ist der Sturm-Akteur bereits 29 Jahre alt. Andere Kicker spielen in diesem Alter ganz woanders.
Auch Hinterseer merkt an, dass es extrem außergewöhnliche Spieler nicht mehr in die Liga schaffen – Mané, Soriano, Haaland, Hojlund. Für Jantscher ist das die Konsequenz aus den Entwicklungen der letzten Jahre: "Durch die ausbleibenden internationalen Erfolge überholen uns andere Nationen und die Spieler gehen dann dorthin." Eine Spirale, denn sinkende Europacup-Einnahmen und -Präsenz füllen die Kassen der heimischen Klubs nicht gerade an.
Leistung entscheidet
Und letztlich geht es den Trainern als Verantwortungsträgern um den Erfolg und mit welchen Spielern sich dieser erreichen lässt. Das berichtet Kühbauer: "Welche Spieler man dazuholt, hängt immer davon ab, welche Philosophie ein Verein verfolgt und mit welcher Idee man Fußball spielen möchte. Dann muss man sich ansehen, welche Spielertypen – sowohl fußballerisch als auch charakterlich – es in einer Mannschaft noch braucht, um so erfolgreich wie möglich sein zu können."
Naheliegend ist hierbei, dass die Sportdirektoren in erster Linie auf das Gesamtpackage achten, weniger auf den Geburtsort. Wer den eigenen Nachwuchs mit Plan an die erste Mannschaft heranführt, kann sich die Scouts dann - bis zu einem gewissen Punkt - sparen.
Bessere Trainer führen zu besseren Spielern.
Womit man wieder bei Ausbildung, Zeit und Geduld ist. Gregoritsch erinnnert an Phillipp Mwene, den "wollte zunächst keiner im Kader haben, weil er ein Spätentwickler ist." Mittlerweile ist dieser seit Jahren Stammspieler in Deutschland.
Allerdings, so Hinterseer: "Es ist eine reine Philosophiefrage, wie man die Talente einbauen will und kann. Das wird Zeit brauchen und vor allem Verständnis von eigenen Fans. Ob man beides bekommt, ist die Frage. Ich glaube nicht, dass in der Ausbildung Barfüßige herumlaufen."
Das ist leicht zu belegen, wie Kühbauer hinsichtlich des U17-Teams meint. Er schränkt ein: "Möglicherweise hat es in den vergangenen Jahren eine Entwicklung gegeben, wonach der Fokus teilweise zu sehr am Spiel gegen den Ball gelegen ist und schon relativ früh an mannschaftstaktischen Inhalten gearbeitet wurde."
Zeit geben
Ob Spiel mit oder gegen den Ball, unabhängig von Vereinsphilosophien: Den Spielern die notwendige Entwicklungszeit zu geben, dafür plädieren eigentlich alle. Dass dann auch noch alles beim Spieler selbst und im Umfeld passen muss, liegt auf der Hand. Nicht erst ein ach so großes Talent scheiterte letztlich an sich selbst. Gut kicken können ohnehin viele, Talent alleine, so Gregoritsch, sei ohne die entsprechende Arbeit und den richtigen Charakter wenig wert.
Stellvertretend bzw. zusammenfassend sagt Kühbauer: "Ich glaube, dass wir uns in Österreich nicht verstecken müssen, und dass wir viele junge Talente haben, mit denen gut gearbeitet wird."
Das Entscheidende bei der Spielerqualität ist demzufolge die Führung durch die Trainer. Diese, so Eidler, sind der eigentliche Garant dafür, dass Kicker ihr Talent über einen längeren Zeitraum konstant abrufen – was eigentlich die Definition von fußballerischer Qualität sein sollte.
"Bessere Trainer führen zu besseren Spielern", sagt er demzufolge. Ein Indiz, dass der Verband dies erkannt hat, ist, dass Eidler vor vielen Jahren alleine in der Abteilung war und es mit Stöger und Hütter zwei Trainer im Ausland gab. Mittlerweile arbeiten in der Trainerausbildung acht Personen. Glasner, Ilzer, Struber, Muslic, Scheiblehner und wie sie alle heißen sind mittlerweile gefragte Coaches in den größten Fußballligen.
Ein paar Beispiele
Die Weichen wirken derzeit gestellt, um die Qualität der rot-weiß-roten Kicker wieder zu heben. Sprintgeschwindigkeit, Ausdauer, Intensität, Kraft, Sprunghöhe sind die Eintrittstickets in den Profifußball - ein kluger Trainer filtert dann noch raus, ob der, der das Eutzerl zu klein, zu langsam oder zu schmächtig ist nicht doch woanders am Feld bestens funktioniert.
Konrad Laimer mag nicht der edelste Techniker sein, ist aber gefühlt gleichzeitig überall am Feld. Kevin Danso ist möglicherweise nicht der schnellste Innenverteidiger, hat aber – ebenso gefühlt – einen Ruhepuls im einstelligen Bereich. Nikolaus Wurmbrand ist mit 1,73 Metern Körpergröße hart an der Grenze, was das Gardemaß im Fußball betrifft – überzeugt aber mit Speed, Spielwitz und Scorerpunkten.
Wenn Wurmbrand oder wer auch immer derartig gute und zeitweise schwer messbare Attribute ("Spielwitz") längerfristig abruft, landet er unweigerlich dort, wo ein Laimer und ein Danso sind. Weil man ihn fördert und fordert. Das macht ihn oder jeden anderen, an den man gerade denkt, zu einem Qualitätsspieler.
Sprich: Die Antwort auf die Ausgangsfrage, wie man Qualität misst, ist eine Kombination aus knallharten Fakten und einer Reihe an Softskills, die vor allem eine Position hegen und pflegen muss.
Georg Sohler
Daniel Sauer