Philipp Netzer: Darum kann Hartberg ein Vorbild sein
Der SCR Altach hat nicht nur im Frühjahr die Liga gehalten, sondern ist so gut gestartet, dass Trainer Fabio Ingolitsch zum Meister gehen konnte. Sportdirektor Philipp Netzer hofft indes auf Ruhe und weiß, welche Stellschrauben zu drehen sind.
Es dauerte fünf Spieltage, bis der SCR Altach erstmals ein Bundesligaspiel in der Saison 2025/26 verlor. Bis Spieltag sieben waren die Vorarlberger auf einem der vorderen sechs Tabellenplätze. Aktuell fehlen nur fünf Punkte aus vier Spielen, um erstmals an der Meistergruppe teilzunehmen.
Richten soll das Ognjen Zarić, weil Erfolgstrainer Fabio Ingolitsch zu Meister Sturm Graz ging. In der Verantwortung steht Philipp Netzer, Vereinslegende und Sportdirektor. Im Interview mit 90minuten ordnet er die letzten Monate ein.
Ausgangspunkt der (noch?) kleinen Vorarlberger Erfolgsgeschichte war die Verpflichtung von Ingolitsch im Herbst 2024, der Joachim Standfest beerbte, welcher wieder einmal einen knappen Klassenerhalt geschafft hatte.
"Jeder will Ruhe"
Den Verbleib in der obersten Spielklasse sicherte der nunmehrige Sturm-Trainer nur knapp. Geschäftsführer Christoph Längle bekam als das Gesicht nach außen massiv Kritik ab. Auf dieses Frühjahr blickt Netzer nun mit gemischten Gefühlen zurück.
"Es ist immer wichtig, Ruhe im Verein zu haben, um sich stetig weiterentwickeln zu können", denkt der 40-Jährige. "Wenn man sich diesen Beruf wählt, muss man sich bewusst sein, dass es Kritik von außen gibt. Ob diese dann berechtigt ist, sei dahingestellt. Es darf sich gerade in sozialen Medien jeder äußern, wie er will. Das ist alles legitim, auch wenn ich wenig Wert darauf lege, weil oftmals Einblicke fehlen."
Dass es immer wieder Hochs und Tiefs gibt, sei allen im Verein bewusst – insbesondere jenen, die schon länger im Rheindorf tätig sind. Daran gewöhnen werde man sich nie: "Angenehm ist es auch nicht. Aber wenn man zusammenhält, durchsteht man diese Phasen besser."
Was sein muss, muss eben sein. Zum Glück aus Altacher Sicht ist die Sachlage nun, acht Monate später, ganz anders.
Ein Zeichen für gute Arbeit
Im Gegensatz zu vielen anderen Klubs, die in der Tabelle am Ende oftmals auf hinteren Rängen liegen, kam der Trainer wegen sportlichen Erfolgs abhanden. "Der Umstand, dass Trainer, die sportlich gut arbeiten, aus laufenden Verträgen herausgekauft werden", meint er, sei ein positives Signal. Dass dies möglich ist, kann als Zeichen guter Arbeit im Verein gewertet werden – trotz der Turbulenzen.
Letztlich war es so, dass Ingolitsch seine Wechselbereitschaft signalisierte und die Vereine sich eben einigten. "Natürlich hätten wir mit Fabio gerne weitergearbeitet, aber es ist auch ein Signal für Trainer, die neu zu uns kommen: Hier könnt ihr eure DNA einbringen, in Ruhe arbeiten und habt Entwicklungsmöglichkeiten."
Eine Garantie gibt es nicht. Wir haben jedenfalls ein gutes Gefühl bei der Trainerbestellung und sind zuversichtlich, dass es in dieselbe Richtung gehen kann wie mit Ingolitsch.
Mit Ognjen Zarić steht nun ein Mann an der Seitenlinie, der trotz seiner erst 37 Jahre schon umfassende Erfahrung mitbringt: Cheftrainer bei 1860 Rosenheim mit 29 Jahren, danach Trainer und Sportdirektor beim FC Kufstein.
Schweizer Erfahrung für Vorarlberg
Danach heuerte er im Nachwuchs des FC Basel an, war dort Co-Trainer der Kampfmannschaft und Cheftrainer der U21. 2023 wechselte er zum FC Winterthur und war von Sommer 2024 bis Dezember desselben Jahres Chefcoach des Erstligisten.
"Wir haben uns nach guten Gesprächen bewusst entschieden, dass wir mit ihm arbeiten wollen", so Netzer. Die Einigung kam dementsprechend schnell, Verein und Trainer teilen viele Vorstellungen. "Dass er einige eigene Ideen und andere Sichtweisen in den Verein bringt, war uns auch wichtig. So sollen Dinge richtig gelenkt werden und wir wollen ihn dabei bestmöglich unterstützen."
Allerdings gilt: "Eine Garantie gibt es nicht. Wir haben jedenfalls ein gutes Gefühl bei der Trainerbestellung und sind zuversichtlich, dass es in dieselbe Richtung gehen kann wie mit Ingolitsch."
Mehr Offensivpower fördern
An einem Tabellenplatz oder der Meistergruppenteilnahme möchte Netzer die Zielvorgabe nicht festmachen. Vielmehr geht es um die Entwicklung der Mannschaft. Die Defensive funktioniert gut, festzumachen ist das daran, dass sie ligaweit die beste ist.
In der Offensive gibt es noch Potenzial. Es liegt aber nicht nur an den Stürmern, "sondern an allen Spielern, dem Trainerteam und uns in der sportlichen Leitung, die Torgefahr zu erhöhen." Weiter betont er: "Wir müssen die offensiven Situationen besser ausspielen und mehr Torchancen kreieren." Dann gilt: "Wenn wir das schaffen, sind wir für jeden Gegner unangenehm."
Schaffen soll das der bestehende Kader. Den kolportierten Rapid-Avancen hinsichtlich Stürmer Ousmane Diawara schob man schon im Dezember einen Riegel vor. Schon damals hieß es, man werde nicht über einen Wechsel sprechen, Spieler und Berater hätten dies auch akzeptiert.
Die Kaderpolitik
Der neue Trainer soll also das gut bestellte Feld weiter hegen und pflegen, dabei für mehr offensiven Ertrag sorgen – möglicherweise ohne Paul Koller. Der Abwehrspieler weckt Begehrlichkeiten; werden die finanziellen Anforderungen der Altacher erfüllt, könnte er gehen.
Sturm vor Koller-Verpflichtung, ein Abgang wohl fix >>>
Aber nochmals: Die Defensive ist aktuell keine Achillesferse, und ein Koller-Transfer würde ins Bild der Kaderpolitik passen. Weil der Verein den Österreicher-Topf ausschöpfen möchte, hat man den heimischen Markt im Blick. Koller kam vom GAK, entwickelte sich und könnte nun weiterziehen.
Ich erachte den Hartberger Weg mit dem ruhigen Umfeld und bewussten, klugen Entscheidungen ohne große Experimente als interessant.
Ähnliches gilt für Kicker etwa aus Afrika. Diesen Markt bearbeitet man laut Netzer sehr "effektiv". Der Hauptfokus liegt aber auf der unmittelbaren Heimat: "Ein Verein wie Altach muss eine klare Philosophie bei Transfers und Kaderpolitik haben. Wir möchten jungen Talenten einen Weg aufzeigen, über die Juniors in die erste Mannschaft zu kommen. Benedikt Zech, Lukas Jäger oder Dejan Stojanovic sind drei Vorarlberger Jungs, die schon gestandene Bundesliga-Kicker sind. Sie sollen das Gerüst bilden, damit wir mit jungen Spielern wie Filip Milojevic oder Erkin Yalcin den Vorarlberger Weg gehen können."
Vorbild Hartberg?
Im Gegensatz zur klaren Vorstellung in der Kaderpolitik besteht bei den Trainern Freiheit in der taktischen Umsetzung. Eine zu enge Vorgabe, die mit den Gegebenheiten am Transfermarkt bzw. im Kader nicht vereinbar ist, wäre keine gute Sache.
Bei all dieser Arbeit darf man sich nicht allzu sehr nur auf sich selbst verlassen, sondern muss Stellschrauben erkennen und sie dann auch drehen. Darauf angesprochen hilft auch ein Blick über die Landesgrenzen hinaus, etwa nach Hartberg.
Der dortige TSV mache schon Dinge, die sich der SCRA abschauen könne: "Sie bedienen sich auch immer wieder in Regionalligen, die Jungs können ruhig wachsen, die Vereinsführung hat Geduld mit ihnen. Ich erachte den Hartberger Weg mit dem ruhigen Umfeld und bewussten, klugen Entscheidungen ohne große Experimente als interessant."
Vielleicht ist diese vermehrte Ruhe der entscheidende Punkt, um die Vorarlberger am Ende endlich auch einmal nach oben zu bringen. Sehnsucht nach der Meistergruppe, nannte das Geschäftsführer Christoph Längle einmal. Kann sein, dass das sportliche Leitungsteam Netzer/Zarić schafft.
Georg Sohler