Österreich bildet (nicht) aus: Sind die Sportdirektoren gut genug?
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Österreich bildet (nicht) aus: Sind die Sportdirektoren gut genug?

Österreich sucht den nächsten Christoph Freund, oder Andi Schicker - bislang ohne großen Erfolg. Lässt sich die Entwicklung der Bundesliga wirklich einzelnen Funktionären in die Schuhe schieben?

In den letzten fünf Jahren hat die österreichische ADMIRAL Bundesliga geschätzte 600 Millionen Euro an Transfereinnahmen erzielt. Das ist nicht schlecht und stellt einige vergleichbare Ligen in den Schatten.

Wer das heimische Sportgeschehen nicht näher verfolgt, könnte anhand der Zahlen zum Schluss kommen: In Österreich wird seriös, ruhig und kontinuierlich gearbeitet - ganz nach jener Linie, die Red Bull Salzburg vor Jahren etabliert hat.

Liga

Transfererlöse seit Jänner 2021

Österreich

600 Millionen Euro

Dänemark

700 Millionen Euro

Schweiz

400 Millionen Euro

Tschechien

330 Millionen Euro

Norwegen

350 Millionen Euro

Griechenland

320 Millionen Euro


Als Antwort darauf seien einige weitere Zahlen geboten: Sechs sportliche Leiter haben ihren Job erst innerhalb der letzten 15 Monate angetreten. Der längstdienende Sportchef der Bundesliga - hinter WSG-Manager Stefan Köck - ist Markus Katzer beim SK Rapid mit einer Amtszeit von knapp drei Jahren.

Mit der WSG Tirol, der SV Ried und dem TSV Hartberg gibt es lediglich drei Vereine, in denen Trainer und Sportdirektor länger als ein Jahr zusammenarbeiten. Mit Abgängen wegen durchschlagendem Erfolg hat diese Entwicklung freilich wenig zu tun, das Personalkarussel der Bundesliga ist schon vor Jahren aus seinen Verankerungen gebrochen.

Was ist Erfolg?

Einen Anteil an der Kurzlebigkeit der Bundesliga-Sportchefs hat wie bei Trainern die Ligareform. Neue Spieler wollen überzeugt werden - wer nach 22 Runden knapp unter dem Strich landet, wie der LASK 2024/25, fasst bei diesem Unterfangen zumindest für einige Wochen einen Nachteil aus.

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Zudem haben sich neben den Linzern auch der SK Rapid, Sturm Graz und der WAC erfolgreich zu Drehscheiben weiterentwickelt, die Spieler ausbilden und innerhalb kurzer Zeit gewinnbringend weiterverkaufen können.

Während für Fans der sportliche Erfolg im Vordergrund steht, haben sich die Vereine inzwischen einem Kurs verschrieben, in dem finanzielle Erträge eine nicht minder zentrale Rolle einnehmen.

So kann Markus Katzer zwar keine Meisterschaft vorweisen, dafür aber ein sattes Plus auf dem Transferkonto, welches im Sommer wohl weiter anwachsen wird. Die Erfolgs- und Berufsdefinition für Funktionäre hat sich deutlich gewandelt.

Was muss man können?

Darüber, was ein Sportdirektor überhaupt ist und genau können soll, gibt es verschiedene Meinungen. Bundesliga-Pressesprecher Matthias Slezak stellt fest: "Während rund um die Jahrtausendwende oft noch gesamtverantwortliche Manager für Sport und Wirtschaft das Sagen hatten, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten hier oft eine klare Trennung der Rollen in Finanz und Sport entwickelt."

Fragt man bei den Interessensvertretungen der Spieler nach, klingt die Sache eine Spur anders.

Gernot Baumgartner von der VdF erklärt: "Die Jobdescription ist nicht so klar wie beim Trainer. Der Trainer macht die Aufstellung und gibt vor, wie trainiert wird. Die Frage ist am Ende: Ist der Sportdirektor für den sportlichen Erfolg verantwortlich, oder den wirtschaftlichen?"

Die Zeit, dass einer nach der Karriere einen Job bekommen hat, ist vorbei.

Thomas Pichlmann

Younion-Vertreter Thomas Pichlmann meint: "Der Sportdirektor sollte sich mittlerweile nicht nur auf dem Fußballmarkt auskennen, sondern auch eine wirtschaftliche Ausbildung haben. Die Zeit, dass einer nach der Karriere einen Job bekommen hat, ist vorbei. Aktuell hat der Fußball eine Dimension, für die es eine wirtschaftliche Ausbildung braucht."

Wir nehmen daraus mit, dass ein idealer Sportdirektor alle Aspekte des Managements beherrschen sollte. Geht es nach Experten wie dem Deutschen Matthias Sammer, bringen sie zusätzlich Qualifikationen als Trainer mit. Hinter dieser Meinung haben sich zuletzt einige Branchenkenner versammelt.

Ab in die Praxis

Mangels einer verpflichtenden Ausbildung bahnen sich die meisten Funktionäre derzeit ihren eigenen Weg. Berufsbegleitende Studien neben der Profikarriere sind seit Jahren Gang und Gäbe, auch Austria-Legende Alex Grünwald hat ein solches absolviert.

Nach einem Jahr in der Geschäftsstelle der "Veilchen" legte er beim SV Stripfing einen Kaltstart als Sportdirektor hin. Von vernünftiger Aufgabenteilung war beim insolventen Zweitligisten keine Rede, Grünwald zog im Hintergrund beinahe alle Fäden und erledigte nebenbei Fahrtendienste, Zimmerreinigung und Reiseplanung für Neuzugänge aus dem Ausland.

Alex Grünwald half in Stripfing auch als Trainer aus
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Alex Grünwald half in Stripfing auch als Trainer aus

Der Kärntner schwört auf das Modell "learning by doing" und möchte die Erfahrung nicht missen, gesteht aber auch, dass Stripfing eine harte Schule war: "Viele glauben an das Märchen, dass der Sportdirektorenjob so funktioniert wie das Fußballmanager-Spiel am Laptop. Es gehört viel mehr dazu als Scouting und Kaderplanung." Bei größeren Vereinen laufe es wahrscheinlich anders, meint er.

"In Stripfing habe ich das alles gemanagt. Bei Transfers läuft viel im Hintergrund ab, von dem die meisten gar nichts mitbekommen. Mit dem Unterschreiben eines Vertrages ist es nicht getan: Die Verbände müssen den Transfer in ihrem System freigeben, es müssen Dokumente zusammengetragen und entsprechend hinterlegt werden. In den Datenbanken von FIFA und ÖFB muss alles richtig eingetragen sein."

Viele glauben an das Märchen, dass der Sportdirektorenjob so funktioniert, wie das Fußballmanager-Spiel am Laptop.

Alexander Grünwald

Erfahrung aus der eigenen Spielerkarriere und vorab geknüpfte Kontakte können helfen, sagt Grünwald. Auch Christoph Schößwendter erlebte eine Feuertaufe, nachdem Tino Wawra 2023 seinen Posten geräumt hatte, um zum SKN St. Pölten zu wechseln.

Statt als Assistent von Wawra zu lernen, übernahm der Ex-Profi unmittelbar nach dem Ende seiner Spielerkarriere die sportliche Verantwortung bei Blau-Weiß Linz und kommt seitdem kaum zur Ruhe: "Die Position ist sehr fordernd. Selbst wenn ich mir den einen oder anderen freien Tag herausarbeiten kann, sind die Gedanken immer wieder bei Spielern oder verschiedenen Themen. Wenn man sich dazu committen kann, hält man das aus. Schwierig wäre es, wenn man es nicht schafft, fast alles dem Job unterzuordnen."

Schößwendter hat mit seinem Verein zweimal den Klassenerhalt geschafft, das dritte Jahr gestaltet sich schwieriger. Unzufrieden mit seinem Karriereweg ist aber auch er nicht: "Ich glaube schon, dass ich mich trotz allem Stress und Druck entwickelt habe. Gefordert bin ich jetzt aber auch noch tagtäglich."

Wie Grünwald hat sich auch Schößwendter mit einem Wirtschafts-Studium auf die Zweit-Karriere vorbereitet.

Es geht auch langsamer

Nicht jeder sportliche Leiter in der Bundesliga geriet sofort in eine Führungsposition. Beim SCR Altach durfte Philipp Netzer über Jahre Erfahrung als Sportkoordinator sammeln.

Dino Buric, nunmehr Sportdirektor des LASK, wuchs als Sohn eines Trainers auf: "Ich habe früh miterlebt, was das mit sich bringt. Mein Ziel war es immer, etwas Längerfristiges aufzubauen, das ist als Trainer in der Form jedoch nicht immer möglich." Der Weg nach oben habe sich dann Schritt für Schritt ergeben, seit Mai 2025 steht der 35-Jährige in der ersten Reihe.

Michael Parensen kam mit Vorerfahrung nach Graz
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Michael Parensen kam mit Vorerfahrung nach Graz

GAK-Sportdirektor Tino Wawra machte nach der Spielerkarriere und einem Studium einen Schritt aus dem Vereinsfußball und war sowohl als Journalist, aber auch als Scout und Berater für eine Agentur tätig.

"In der 2. Liga habe ich dann bei Blau-Weiß Linz meine ersten Erfahrungen als Sportdirektor gesammelt. Wenn es eine fixe Ausbildung für Sportdirektoren geben würde, sollte sie das beinhalten, was ich in den letzten Jahren erlebt und gelernt habe. Viel lernt man aber trotzdem erst in der Praxis dazu", sagt Wawra.

Einen Einstieg wie sein Nachfolger Christoph Schößwendter hätte er ungerne hingelegt: "Ich hätte es mir nicht vorstellen können, direkt nach der Profikarriere Sportdirektor zu werden - schon gar nicht in der Bundesliga. Es fehlen einfach gewisse Basics, die sich erst mit der Zeit festigen."

Ich hätte es mir nicht vorstellen können, direkt nach der Profikarriere Sportdirektor zu werden - schon gar nicht in der Bundesliga.

Tino Wawra

Ähnlich sieht die Sache der zweite Bundesliga-Sportchef in Graz, Michael Parensen. Der Deutsche durfte bei Union Berlin als Assistent der Geschäftsführung und technischer Direktor heranwachsen, ehe er zu Sturm Graz kam.

"Es hat natürlich auch etwas für sich, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Ich denke aber, dass es ohne Vorerfahrung nur schwer möglich ist, sofort gut zu arbeiten", meint Parensen.

"Ich glaube, es ist - neben einer Ausbildung - sehr wichtig, Erfahrung zu sammeln. Im Fußball ist man ständig mit öffentlicher Berichterstattung und zeitkritischen Themen konfrontiert, weswegen es immer turbulent zugehen kann. Es kann nur helfen, mit verschiedenen und manchmal unangenehmen Situationen konfrontiert zu werden. Step by Step die Entwicklung in eine Führungsposition zu nehmen, halte ich für einen guten Weg."

Die nächste Generation

Setzt sich die Funktionärs-Rotation in Österreich in einem ähnlichen Tempo wie bislang fort, wird sie in den nächsten Jahren neue Namen nach oben spülen. Aktuell bereiten sich mehrere noch aktive Spieler auf ihre Zukunft im Fußball vor.

Christoph Haas ist Ersatztorwart bei der zweiten Mannschaft des SK Rapid, parallel arbeitet er seit Jahresbeginn in der Geschäftsstelle mit. Im vergangenen Herbst hat der 33-Jährige das UEFA-Zertifikat für Football Management erhalten, das Grundkenntnisse in zehn Teilbereichen vermitteln soll. "Ich habe nach dem Studium etwas gesucht, um mich auch noch konkret in Richtung Fußball weiterzubilden. Das hat mir noch gefehlt", erklärt Haas, der den Kurs gemeinsam mit Michael Essien und Georg Teigl absolviert hat.

An einer Karriere als Sportdirektor hat der Keeper aktuell kein Interesse: "Mich interessiert die Weiterentwicklung von Vereinen und Verbänden, vor allem auf der wirtschaftlichen Seite. Wer baut neue Stadien, wie entwickelt sich das Interesse - das hat mich schon als Kind interessiert, in diese Richtung möchte ich gehen."

Es wird gut vermittelt, wie man sich einem Problem nähern kann, mit dem man konfrontiert ist.

Lukas Wedl über seine Ausbildung

Auf den UEFA-Kurs angesetzt wurde er von Lukas Wedl (30), dritter Torwart der Wiener Austria. Er war der erste Österreicher, der das Diplom in einem speziellen Lehrgang für Spieler erhalten hat. Wedl sammelt schon seit zwei Jahren in einer Doppelrolle Berufserfahrung neben dem Platz, für die Austria übernimmt er Aufgaben in den Bereichen Stadion- und Projektmanagement.

"Ich befinde mich in einer privilegierten Situation. Natürlich trage ich als dritter Tormann Verantwortung und muss meine Leistung bringen. Wenn ich in der ersten Reihe stehen würde, wären die beiden Rollen eigentlich unvereinbar. Es ist kein Modell, das sich einfach so auf andere Spieler umlegen lässt", erklärt er.

Eine Funktionärskarriere im Sportbereich kann er sich in Zukunft vorstellen und sieht sich dafür gut gerüstet. Zum UEFA-Zertifikat sagt Wedl: "Es wird gut vermittelt, wie man sich einem Problem nähern kann, mit dem man konfrontiert ist. Dabei geht es um eine Grundhaltung und ein Gerüst an Theorie, das sich dann auch auf die Praxis umlegen lässt. Es gibt viele Dinge, für die man kein Experte ist, aber trotzdem einen Zugang finden muss."

Lukas Wedl (links) mit Ex-Austria-Sportdirektor Manuel Ortlechner (rechts)
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Lukas Wedl (links) mit Ex-Austria-Sportdirektor Manuel Ortlechner (rechts)

Am Ende, sagt Christoph Haas, hängt bei jeder Ausbildung aber viel von Eigenverantwortung ab. “Man bekommt eine enorme Bandbreite an Material und Inhalten zur Verfügung gestellt. Wie viel man wirklich daraus zieht, bestimmt man selbst."

Inzwischen bietet auch die UEFA einen spezifischen Kurs für Sportdirektoren an, der erste Durchlauf begann 2025 mit Namen wie Marko Marin und Giovanni van Bronckhorst, aber ohne österreichische Beteiligung. Ein eigenes Ausbildungsangebot liefert seit 30 Jahren der Bundesliga-Campus.

Matthias Slezak zählt im Gespräch mit 90minuten diverse Absolventen und Absolventinnen auf: Steffen Hofmann, Dino Buric, Thomas Gebauer, Rene Swete, Christoph Freund, Peter Schöttel, Markus Schopp.

Verpflichtende Ausbildung ist denkbar

Wer einen Bundesliga-Verein trainieren will, braucht die UEFA-Pro-Lizenz. Wer eine UEFA-Pro-Lizenz erwerben möchte, braucht - abgesehen von einigen tausend Euro - zuvor das A-, B- und C-Diplom. Für eine Anstellung als Sportdirektor braucht es in erster Linie das Vertrauen der übergeordneten Vereinsgremien, sonst nichts.

Aus meiner Sicht gehört das in weiterer Folge auch ins Lizenzierungsverfahren.

Thomas Eidler über eine Sportdirektoren-Ausbildung

In Zukunft könnte sich das ändern, auch wenn es aktuell keinen konkreten Ansatz gibt. Seitens der UEFA gibt es keine Vorgaben, auch der Lizenzierungsprozess schreibt nichts vor. Liga-Sprecher Slezak bestätigt aber: "Wir werden uns gemeinsam mit dem ÖFB im Rahmen des Strategieprozesses inhaltlich auch dem Thema spezialisierte Ausbildung für Sportdirektoren widmen."

Von Thomas Eidler, Leiter der Trainerausbildung im ÖFB, heißt es: "Wir sind diesbezüglich mit der Liga in Kontakt. Aus meiner Sicht gehört das in weiterer Folge auch ins Lizenzierungsverfahren, sonst machen es nicht alle." Am Ende sei eine Ausbildung natürlich nur ein Impuls, am Ende liege die Entschiedung bei den Vereinen, meint Eidler.

Einen Daumen nach oben gibt es auch vom VdF-Vorsitzenden Baumgartner: "Ein Verein braucht laut Bundesliga-Lizenz keinen Sportdirektor, aber einen Trainer mit UEFA-Diplom. Man solle schon fragen, ob es nicht gut wäre, wenn hier bei der Lizenzierung dieser Posten klarer definiert wird." Thomas Pichlmann zweifelt an einer Verpflichtung, befürwortet aber die Festlegung eines Mindeststandards.

Seitens der Sportdirektoren selbst hält Dino Buric eine verpflichtende Qualifikation für vorstellbar. Alex Grünwald spricht aus eigener Erfahrung: "Natürlich kann man darüber nachdenken, dass auch ein Sportdirektor gewisse formale Basics erfüllen muss. Eine gewisse Vorbereitungsphase auf den Job schadet sicher nicht - das kann ich im Nachhinein sagen."

Eine gewisse Vorbereitungsphase auf den Job schadet sicher nicht - das kann ich im Nachhinein sagen.

Alexander Grünwald

Am Ende sei eine Ausbildung aber natürlich kein Erfolgsgarant. "Die Spreu trennt sich dann schon vom Weizen. Es braucht ein gutes Gespür für das Kerngeschäft, den richtigen Trainer, das richtige Personal und die richtigen Spieler auszusuchen. Man kann sich mit Ausbildungen vorbereiten, Talent braucht es trotzdem", so Grünwald.

Zeit wird's

Die strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen in Österreich diktieren, dass es aktuell nicht allen Vereinen möglich ist, ein Leitungsteam im Sportbereich zu erhalten, in dem junge Funktionäre behutsam heranwachsen können.

Solange sich daran nichts ändert, wird es auch in Zukunft schnelle Aufstiege geben. Unerfahrene Sportdirektoren lernen dann "on the Job" und machen Fehler - die Zeit, um sie wiedergutzumachen, bekommen sie dann aber vielleicht gar nicht mehr.

Es ist ein Rad, das sich ohne Eingriff unkontrolliert weiterdrehen wird. Sportliche Projekte werden in Österreich inzwischen im Halbjahrestakt präsentiert und wieder verworfen. Der Qualität der Bundesliga kann mehr Kontinuität nur zugute kommen.

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