Was im Zuge der Ligareform in der Saison 2018/19 seinen Anfang genommen hat, bleibt Österreichs Bundesligisten künftig erspart: Noch vor ihrem zehnten Geburtstag wurde die Punkteteilung nach 22 Runden in Qualifikations- und Meistergruppe abgeschafft.
Nicht vorwerfen kann man ihr, dass sie keinen Effekt gehabt hätte. Der Abstand zwischen den zwölf Vereinen fiel im Schnitt um 1,4 Punkte geringer aus. Die größte Lücke klaffte mit 15 statt 24 Punkten. Die Zahl der Punktgleichstände wurde gegenüber einer Tabelle ohne Teilung verdreifacht. Spannender wurde es also.
Zahlenspiele
Die beißende Frage war, um welchen Preis die Spannung bis Saisonende hochgehalten werden sollte. Zweimal blieb dem SCR Altach ein Abstieg erspart, weil der Konkurrenz nach 22 Runden mehr Zähler abgezogen wurden. Admira und Austria Klagenfurt mussten stattdessen den Gang in die 2. Liga antreten.
Ohne Punkteteilung hätte 2024 Red Bull Salzburg, nicht Sturm Graz, die Meisterschaft gewonnen. Auch der Europacup-Startplatz, der Rapid 2024/25 bis in das Viertelfinale der UEFA Conference League geführt hat, wäre ohne Eingriff an den TSV Hartberg gegangen.
Eine Punkteteilungs-Bilanz:
Positionsverschiebungen | 29 |
|---|---|
Insgesamt gestrichene Punkte | 1.477 |
Mit insgesamt drei gewonnenen Plätzen zählt der SK Rapid statistisch zu den größten Profiteuren der Punkteteilung. Mit drei verlorenen Platzierungen ist Hartberg der größte Verlierer. Wie schlimm die Auswirkungen der Verschiebungen ausfallen, hängt aber klar von der jeweiligen Saison ab.
Die Top 5 nach insgesamt verlorenen Punkten:
Verein | Verlorene Punkte |
|---|---|
Red Bull Salzburg | 197 |
Sturm Graz | 160 |
LASK | 160 |
SK Rapid | 141 |
Austria Wien | 135 |
Bessere Entwicklungsmöglichkeiten
Im Kreis der Bundesliga-Cheftrainer findet sich inzwischen kein Befürworter mehr. Mario Despotovic, Senft-Nachfolger bei der SV Ried, spricht dabei sogar aus Erfahrung: "In Ägypten wurde die Liga nach der ersten Hälfte zwar geteilt, die Punkte wurden aber beibehalten. Für uns war das gut, weil wir früh viele Punkte gesammelt haben und wir uns dann auf das Entwickeln junger Spieler fokussieren konnten."
Für die Zukunft der Bundesliga macht das Hoffnung, sie funktioniert jetzt ähnlich. Auch Meistertrainer Didi Kühbauer vom LASK unterstreicht, dass der bisherige Modus für Trainer sicherlich kein Anreiz für Experimente war: "Ich war nie ein Freund davon. Durch die Halbierung war alles sehr eng. Dadurch schaut der eine oder andere Trainer eher in Richtung der erfahrenen Spieler."
Jedes Spiel hat den gleichen Wert
Von einigen Übungsleitern war zu hören, dass vor allem die Gleichwertigkeit der Punkte von der ersten bis zur letzten Runde schmerzlich vermisst wurde. "Alle, die selbst Fußball gespielt haben, wissen, wie wichtig jeder Punkt ist, den man sich hart erarbeitet. Es ist der fairere Modus", sagt beispielsweise Stephan Helm.
Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker. Wenn dir etwas genommen wird, das du erreicht hast, ist es kein fairer Wettbewerb.
Auch WSG-Trainer Philipp Semlic kommt auf das Thema Fairness zu sprechen: "Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker. Wenn dir etwas genommen wird, das du erreicht hast, ist es kein fairer Wettbewerb. Letztes Jahr hat man gesehen, dass es den Bewerb verfälscht." Mit einem Augenzwinkern schiebt er dann aber doch noch nach: "Natürlich hoffe ich, dass wir sie nicht ausgerechnet dieses Jahr brauchen könnten und ihr dann nachweinen müssen."
Rapid-Cheftrainer Johannes Hoff Thorup kam mit Erfahrung aus Dänemark nach Wien. Dort wird die Liga geteilt, die Punkte jedoch nicht. Dass man in Österreich jetzt einen ähnlichen Weg geht, sieht er positiv: "Jedes Spiel hat den gleichen Stellenwert. Wenn man zu Saisonbeginn drei Punkte einfährt, ist es nicht weniger wert, als am Ende der Saison."
Matthias Seidl stimmt zu: "Man hat über Monate Punkte gesammelt, dann wird die Hälfte einfach weggenommen. Das ist nie schön. Es ist insgesamt fairer, wenn die Mannschaft gewinnt, die über die ganze Saison hinweg Leistung gebracht hat."
Nervliche Strapazen
Als Feuerwehrmann des WAC kehrte Thomas Silberberger im Frühjahr in die Qualifikationsgruppe der Bundesliga zurück. Die mühsame Rettung der Kärntner hat seine ablehnende Haltung zur Punkteteilung nicht verändert: "Gott sei Dank ist sie weg. Letztes Jahr hätten wir ohne sie vielleicht zwei Wochen früher nach Mallorca fliegen können. Vielleicht wäre ich dann auch gar nicht da."
"Es war spannend, aber keiner hat gesehen, wie das für uns Spieler ist. Wir wären eigentlich schon zwei Runden vor Schluss abgesichert gewesen und haben in der Quali-Gruppe die meisten Punkte geholt, trotzdem mussten wir im Finalspiel zittern. Das ist ein Nervenkitzel, der nicht unbedingt sein muss", merkt GAK-Kapitän Daniel Maderner an.
Weitere Reformideen
Sturm-Coach Fabio Ingolitsch bezeichnet die Abschaffung der bisherigen Regelung als "die einzig richtige und faire Lösung. Wir wissen natürlich, warum es so gemacht wurde. Fußball ist Teil der Unterhaltungsbranche, für die Zuseher waren die letzten Jahre unheimlich spannend. Ob das so bleiben wird, müssen wir uns anschauen."
WAC-Kapitän Nicolas Wimmer hätte die Punkteteilung in der Meistergruppe gerne behalten, schließt sich nach den Strapazen der Qualifikationsgruppe aber seinem Trainer an. Am Ende sei eine Abschaffung die fairste Lösung, meint er.
Seitens der Wiener Austria äußert sich Manfred Fischer als Befürworter weiterer Reformen: "Was jetzt noch fallen sollte, ist das obere und untere Playoff. Man spielt 22 Runden, zerreißt sich, um vorne dabei zu bleiben. Dann schafft man es um einen Punkt nicht und rutscht nach unten ab. Mir wäre eine Zwölferliga lieber, in der alle gegen alle spielen. Gott sei Dank fällt jetzt die Punkteteilung weg. Alles andere werden wir sehen."
Daniel Sauer