Welche Lehren die Bundesliga-Trainer aus der WM ziehen
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Welche Lehren die Bundesliga-Trainer aus der WM ziehen

104 WM-Spiele haben gezeigt: Am Ende setzt sich nicht zwangsläufig die Mannschaft mit der besten Einzelqualität durch, sondern jene, die am komplettesten ist. Was heißt das für die Bundesliga?

Im Großen und Ganzen ist es fraglich, wie sehr eine Fußball-Weltmeisterschaft auf einen Ligabetrieb umlegbar ist. Das beginnt beim Format eines Ligabetriebs als großem Unterschied zu Gruppen- und K.-o.-Phase einer Endrunde. Diese wird durch Turnierbaum und Auslosungen noch einmal anders beeinflusst.

Allerdings bleibt eine Sache gleich: Der David soll dem Goliath eins auswischen können. Das war beim frühen Ausscheiden von Deutschland oder Brasilien gegen Paraguay bzw. Norwegen ersichtlich. In kleinerem Ausmaß überraschte es, dass Südafrika vor Südkorea und Tschechien landete, die Türkei Letzter wurde und Uruguay nicht nur Dritter, sondern sogar schlechtester Dritter wurde.

Dass die sogenannten Kleinen in K.-o.-Spielen mitunter stärker als Große sind, überrascht nicht und hat zuweilen wenig mit Taktik zu tun. Dennoch: Können die Klubs der ADMIRAL Bundesliga von der WM etwas mitnehmen? 90Minuten hat sich umgehört.

Schwer vergleichbar

Sturm-Kapitän Jon Gorenc-Stankovic formuliert die Unterschiede so: "Ich glaube, der Vergleich zwischen Weltmeisterschaften und Ligaspielen ist schwierig. Du spielst für dein Land und das hat eine andere Mentalität und Leidenschaft." Sein Coach Fabio Ingolitsch pflichtet bei: "Nationalmannschaften haben natürlich viel weniger Zeit und deswegen wird es dann auch simpler gehalten." Trotz aller Unterschiede lohnt sich der Blick über den Tellerrand.

Was ich als offensiv denkender Trainer mitnehmen kann: Wenn man Spiele gewinnen will, braucht man Spieler, die technisch stark sind, Eins-gegen-eins-Situationen auflösen und Torgefahr generieren können.

Philipp Semlic

Rapid-Trainer Johannes Hoff Thorup beobachtete genau, wie Topteams Abwehrlinien knacken, pressen und ihr Spiel aufbauen. Das sei "inspirierend. Man muss seine Stärken ausspielen, ins Spiel gehen und sehen, ob man es kontrollieren und dominieren kann - und nicht nur darauf warten, dass der Gegner Fehler macht."

Austria-Coach Stephan Helm hat sich Details angesehen. So war es beispielsweise "spannend, dass unterschiedliche Variationen in der Formation zu sehen waren. Die Niederlande, die für ein 4-3-3 stehen, haben im 5-4-1 verteidigt." Die Erkenntnis daraus: Moderne Mannschaften sind weniger über eine fixe Grundordnung definiert, sondern über ihre Fähigkeit, zwischen verschiedenen Phasen des Spiels umzuschalten.

Sein WSG-Pendant Philipp Semlic aber meint unmissverständlich: "Man hat gesehen, dass es für das Verteidigen an sich kein Talent braucht. Das ist erlernbar, es ist ein strukturelles Thema. Deswegen haben Mannschaften ohne außergewöhnliche Spieler eine gute Rolle spielen können."

Klasse versus Kollektiv

Die WM zeigte einen scheinbaren Widerspruch: Gute Organisation kann individuelle Unterschiede zwar ausgleichen – am Ende braucht es aber weiterhin Spieler, die Spiele entscheiden können.

Der einzige Trend, den ich erkannt habe, war, dass die Show rundherum viel wichtiger geworden ist als das Match selbst.

Thomas Silberberger

Semlic meint folglich weiters: "Was ich als offensiv denkender Trainer mitnehmen kann: Wenn man Spiele gewinnen will, braucht man Spieler, die technisch stark sind, Eins-gegen-eins-Situationen auflösen und Torgefahr generieren können." Auch Helm findet es "faszinierend, was die Top-Topspieler auf den Platz bringen".

Hartberg-Trainer Markus Schopp findet aber, dass die Mannschaftsleistung eines Kollektivs die individuelle Klasse noch einmal überflügeln kann. Die Franzosen wären stark, aber Spanien überzeugte durch Zusammenarbeit und etwa auch dadurch, dass sich Superstar Lamine Yamal unterordnete. "Das war schön anzusehen."

Meistertrainer Didi Kühbauer merkt jedoch auch an, dass die individuelle Qualität am Ende siegt. Bei Spanien hätte jeder aus dem Kader spielen können, alle wären "handlungsschnell. Sie sind dermaßen klar in ihrem Spiel." Sprich: Klasse ohne Kollektiv ist genauso wenig gewinnbringend wie umgekehrt.

Eigenverantwortung

Mario Despotovic, seit dem Sommer Trainer der SV Ried, attestiert, dass das Spiel mit dem Ball nach wie vor entscheidend sei. Aber der wichtige Faktor ist aus seiner Sicht, dass sich "eine Mannschaft am Feld selber coachen kann und sich an den Gegner anpasst." Diese Selbststeuerung statt starrer Vorgaben zieht sich durch mehrere Wortmeldungen.

Es gibt kein Richtig oder Falsch. Im Fokus steht also die Frage, welche Spieler du hast – und dementsprechend spielst du Fußball.

Ferdinand Feldhofer

Gerade diese Fähigkeit zur Anpassung könnte einer der wichtigsten Punkte sein, die Vereine aus der WM mitnehmen können.

GAK-Trainer Ferdinand Feldhofer meint überhaupt: "Man hat gesehen, dass man mit vielen Mitteln erfolgreich Fußball spielen kann. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Im Fokus steht also die Frage, welche Spieler du hast – und dementsprechend spielst du Fußball." Kühbauer meint dazu lapidar: "Die Kleinen haben verteidigt, die Großen hatten dementsprechend Probleme."

Show überwiegt Erkenntnis

Viel mit Taktik hat das aber nicht zu tun, sucht man beispielsweise nach neuen Trends à la: Alle spielen Positionsspiel, oder alle pressen an.

Insofern meint WAC-Coach Thomas Silberberger: "Bei Weltmeisterschaften hat man eigentlich immer Trends erkennen können, diesmal war es anders. Der einzige Trend, den ich erkannt habe, war, dass die Show rundherum viel wichtiger geworden ist als das Match selbst." Ein Attest, das er sich mit Semlic teilt.

"Die WM hat für mich keine neuen Trends gebracht", so der WSG-Trainer, der aber auch meint, dass er sich nicht viel anderes erwartet hatte. Überhaupt: "Der Fußball entwickelt sich meiner Meinung nach in keine gute Richtung. Viele Top-Spieler, die den Unterschied ausmachen sollen, hatten schon vor dem Turnier 60 oder 70 Spiele in den Beinen. Die WM selbst wurde auch zusätzlich aufgebläht. Für mich bleibt der Schutz der Spieler dabei vollkommen auf der Strecke."

Dieses "Theater rundherum" bemängelt auch Ried-Kapitän Andreas Leitner.

Ich habe mich während des Finales gefragt, wie man sich da so kurz davor fühlen muss. Ob die genauso nervös sind wie wir vor dem Finalspiel gegen Blau-Weiß Linz – oder ob die Gefühle irgendwie anders sind.

Daniel Maderner

Der Fußball hat gesiegt

Man soll sich schon nach der Decke strecken, aber Sascha Horvath hat auch einen Punkt, wenn er sagt: "Wenn du Fußball liebst, willst du so spielen wie Spanien, aber die haben eine andere Qualität." Gelernt hat er insofern "gar nichts, wir schauen auf uns".

Abschließend kann man festhalten: Mit dem zuweilen übertrieben physischen Kick der Argentinier konnte kaum jemand etwas anfangen. Der Grundtenor lautet, dass mit Spanien letztlich der Fußball gewonnen hat.

Als vermutlich unerreichbares Beispiel nennt Feldhofer hierbei den Weltmeister: "Man hat schon gesehen, dass der ganzheitliche Fußball bei dieser WM gesiegt hat. Speziell mit Spanien, das einfach in jeder Phase des Spiels die beste Mannschaft war. Das hat mir schon gefallen."

Nachdem alle Mannschaften aber eine gewisse Grundphysis mitbringen, ist es vermutlich das Mentale, das man mitnehmen kann. Darüber kann man nachdenken, wie der Kapitän der Rotjacken, Daniel Maderner, meint: "Ich habe mich während des Finales gefragt, wie man sich da so kurz davor fühlen muss. Ob die genauso nervös sind wie wir vor dem Finalspiel gegen Blau-Weiß Linz – oder ob die Gefühle irgendwie anders sind."

Den spanischen Fußball wird man am Ende aber wohl nie kopieren können, Details wie mentale Stärke oder Eigenverantwortung kann man sich aber sehr wohl abschauen.


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