Für immer dritte Liga, Seekirchen?

Für immer dritte Liga, Seekirchen?

Der SV Seekirchen ist hinter Wacker Innsbruck "best-of-the-rest" in der Regionalliga West. Während man am Tivoli auf US-Geld setzt, backen die Salzburger kleiner, aber vor allem regionale Brötchen.

Anton Feldinger hat "das Eutzerl" gefehlt. Dann wäre er vielleicht wie Alexander Manninger Fußballprofi geworden. Oder ÖFB-Frauenteamchef wie Alexander Schriebl. Mit dem Ex-Salzburg- und heutigen Bayern-Sportdirektor Christoph Freund muss er sich nicht vergleichen. Er hat im Nachwuchs mit all diesen Männern gekickt.

Ein wenig machen Freund und Feldinger das gleiche, bei Letzterem lautet die Funktion "Obmann" des SV teampool Seekirchen. "Der Traum jedes Burschen ist es, Profi zu werden", sagt er im Gespräch mit 90minuten und meint sich damit mit.

Das Dumme daran: Das gelingt pro Akademie und Jahrgang nur einer geringen Anzahl. Für alle anderen warten "normale" Jobs, vielleicht Amateur-Fußball, eventuell beides.

Dazu müssten sie unter anderem zum Regionalligisten vom Südwestufer des Wallersees gehen. Im 12.000-Menschen-Ort hat man sich zum Kicken in der Regionalliga dem Vereinsmotto "Ein TEAM. Eine REGION. Ein WEG." verschrieben.

Verhinderter Profikicker

Seit 15 Jahren ist Feldinger nun verantwortlich dafür, wie sich der Verein entwickelt. Der "Toni" war mit den erwähnten Kapazundern im Nachwuchs von Austria Salzburg. Dass er den Sprung aus dem Nachwuchszentrum nicht zu den Amateuren schaffte, war damals ein "Schock".

Er wechselt 1996 zum SAK 1914 in die Regionalliga West, geht dann einige Zeit zum Studieren in die USA. 2002/03 heuert er schließlich in Seekirchen an, wo er – mit Ausnahme der Saison 2009/10 bei Austria Salzburg – bis heute bleibt.

Er studiert ab 1998 in Salzburg, Informationswirtschaft und -Management. Später folgt noch ein MBA im Bereich Projekt- und Prozessmanagement. Das wird ihm als Funktionär später helfen. Neben dem Kicken ist er in der IT tätig, ab 2011 bei Skidata, zum Schluss als Director Corporate IT. Heute ist er Geschäftsführer der S4 Computer GmbH, einem IT-Dienstleister in der Autobranche.

Was hat dieser Steckbrief hier verloren? Er unterstreicht Feldingers Herangehensweise an Themen und auch, dass er Dinge bis nach oben durchziehen kann.

Du triffst dich jede Transferzeit mit 27 Spielern auf einen Kaffee und redest eigentlich nur über das Finanzielle. Irgendwann wollte ich meine Freizeit nicht mehr so verbringen.

Anton Feldinger

Ein paar Euro mehr

Nach der aktiven Karriere bringt er sich beim SVS ein und wird Sportlicher Leiter. "Meine Aufgabe war es, jedes Jahr eine Mannschaft zusammenzustellen, die, wie seit 2002, gut genug für die Regionalligist"", erzählt er.

Die Verhandlungen haben ihn irgendwann hauptsächlich genervt. "Du triffst dich jede Transferzeit mit 27 Spielern auf einen Kaffee und redest eigentlich nur über das Finanzielle", blickt er zurück, "Irgendwann wollte ich meine Freizeit nicht mehr so verbringen."

Einerseits ist es verständlich, dass die mittlerweile einwandfrei ausgebildeten Kicker die Entbehrungen ihrer Jugend vergolden möchten, wenn sie schon keine Profis werden. Andererseits wirkt es immer wieder absurd, wenn Spieler wegen 50 Euro mehr von hier nach dort gehen – im Amateursport, wohlgemerkt.

Er erinnert sich an seine Geschichte. Die umfasst mit Austria Salzburg, dem SAK 1914 und Seekirchen drei Vereine: "Ich habe es erlebt, wie cool es ist, wenn du eine funktionierende Nachwuchsabteilung hast. Ich dachte mir: Das muss man doch hier auch machen können." Also fängt er an, Dinge zu ändern.

Ernst Öbster und Feldinger, bei einem Duell zwischen den RB Juniors und dem SVS im Jahre 2007
Foto © GEPA
Ernst Öbster und Feldinger, bei einem Duell zwischen den RB Juniors und dem SVS im Jahre 2007

Operation am offenen Herzen

Die Vereinsphilosophie bedeutet vereinfacht ausgedrückt, dass möglichst wenig externe Spieler und Trainer geholt werden müssen. Die Kicker sollen aus dem eigenen Nachwuchs über die zweite Mannschaft kommen, der oder die Trainer im Idealfall ebenfalls.

Dass das nicht von heute auf morgen geht, war ihm klar. "Es war ein Operieren am offenen Herzen, eine Transformation, die du von unten angehen musst. Dann wirfst du halt einen Spieler aus der zweiten Mannschaft ins eiskalte Wasser und schaust, ob er schwimmen kann."

Achtzehn Spieler aus dem aktuellen Kader stammen direkt aus dem eigenen Nachwuchs, einige davon mit Zwischenstopps bei anderen Klubs. Trainer Marko Lapkalo wechselte 2014 hierher, war Sportlicher Leiter und einige Zeit Co-Trainer der Kampfmannschaft. Seit 2020 ist er Chefcoach, folgte damals Alexander Schriebl nach.

Es darf also attestiert werden: Der Eingriff gelingt. Und wenn es einen externen Spieler oder Betreuer braucht, dann "muss er sich mit dem Verein und unserem Weg identifizieren, ich will wissen, wer hier spielen will und nicht bloß Handelsreisender ist."

Auch bei uns spielt niemand wegen der guten Leberkässemmeln. Bei uns bekommen die Kicker eine Aufwandsentschädigung und gehen einem Beruf nach, sind Schüler oder Studenten.

Anton Feldinger

Keine Leberkäsesemmeln

Klar ist aber auch: Wegen Luft und Liebe spielt man nicht in Österreichs dritthöchster Liga. Je weiter westlich es geht, desto geringer sind die Entschädigungen, aber "auch bei uns spielt niemand wegen der guten Leberkässemmeln. Bei uns bekommen die Kicker eine Aufwandsentschädigung und gehen einem Beruf nach, sind Schüler oder Studenten." Diese sogenannte PRAE (Anm.: Pauschale Reiseaufwandsentschädigung) beträgt maximal 720 Euro im Monat.

Woanders, das wissen alle im Amateur-Fußball, gibt es das Doppelte oder noch mehr. Die Drop-Out-Quote abseits des Akademiebetriebs ist nach der Jugend hoch. Somit muss sich der Amateur-Fußball bei qualitativ schlechteren Spielern bedienen, da die besten ohnehin in den Akademien sind.

Wenn die dann keinen Profivertrag bekommen, gehen sie in die dritte oder vierte Liga und wollen entsprechend Geld verdienen. Das treibt dann auch die Gehälter der anderen in die Höhe.

Eine Liga höher spielen viele mehr ähnliche Spieler, das gleicht die Gehälter an und bringt sie in ein für Sportvereine erträglicheres Maß.

Die Regionalliga ist reformiert worden, aber wofür sie steht, möchte Feldinger von Günter Kreissl wissen
Foto © ÖFB/Jasmin Walter
Die Regionalliga ist reformiert worden, aber wofür sie steht, möchte Feldinger von Günter Kreissl wissen

Wofür stehen wir eigentlich?

Feldinger sucht sich indes Partner, um diesen Spagat mit Erfolg – siehe Tabelle – zu meistern. 2022 standen auf einmal sechs ukrainische Burschen aus Dnipro vor der Tür. Zwei sind immer noch hier, absolvieren Ausbildung und Job bei Frigologo, einer lokalen Firma: "Dort arbeiten sie und werden für Spiele und Trainings freigestellt. Das ist perfekt."

Der IT-Geschäftsführer ist überzeugt, dass die Gesellschaft bei den Kickern viel Potenzial ungenutzt lässt, vor allem die Wirtschaft: "Wer in der Jugend immer zum Training in einem Teamsport geht, hat Durchhaltevermögen und Teamfähigkeit sowie noch weitere Eigenschaften. Das ist für Firmen super."

Allerdings schafft es Österreichs höchste Amateurliga nicht wirklich, das auch abzubilden. Zwischen Zweitteams von Bundes- und Zweitligisten sowie hoch bezahlten, doch-nicht-Profi-Kickern weiß heutzutage niemand so recht, wofür die Regionalligen stehen.

Wer sich bis hier hin fragt, was der SV Seekirchen überhaupt erreichen will, dem sei gesagt: Genau das, was er gerade hat. Denn eine Liga weiter rauf ginge es nur mit massiven finanziellen Hilfen der öffentlichen Hand oder Großsponsoren – wie so oft hemmt die Intrastruktur, die ein Klub in der Größenordnung nicht von alleine auf das erforderliche Niveau bringen kann.

Weiter diskutieren

So wie dem SVS gibt es einige Vereine: Sie haben den Amateur-Fußball durchgespielt, stehen am Plafond dessen, was möglich ist. "Wir bekommen jetzt eine neue Regionalliga-Gliederung", sagt er, der sich auch im Salzburger Fußballverband als Vizepräsident engagiert.

Aber dazu gibt es begleitend (noch) "keine klaren Visionen für die dritthöchste Leistungsstufe. Wofür steht die dritte Liga eigentlich? Welche Perspektive gibt es überhaupt? Die angestoßenen Diskussionen dürfen nicht aufhören."

Natürlich ist auch in Seekirchen nicht alles Gold, was glänzt. Das weiß auch er, denn es geht "um den kleinsten, gemeinsamen Nenner" und nicht um ein Commitment in allen Belangen. Diskussionen, Enttäuschungen und Verletzungen des Egos gibt es überall.

Was angesichts der Vorgänge in Stripfing, Leoben und viel zu vielen anderen Ortschaften klar ist: Der Weg der Seekirchner wirkt um einiges nachhaltiger. Auch wenn der SVS für immer in der dritten Liga bleibt.


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