Österreich hat ein Stürmer-Thema, das sich zum Problem auswachsen könnte. Marko Arnautovic spielt in Zukunft nicht mehr für das ÖFB-Team, Michael Gregoritsch ist jetzt schon 32 Jahre alt, Saša Kalajdžić wird bei der WM 2030 33 Jahre alt sein.
Ralf Rangnick hat allerdings die eine oder andere Alternative für ganz vorne. Raul Florucz (25) stand auf der WM-Abrufliste. Nikolaus Wurmbrand (20) und Marco Grüll (28) können Stürmer spielen, sind aber eher auf der Außenbahn zuhause.
In den Top-5-Ligen schnüren sonst noch Junior Adamu (25, Schalke) und Elias Havel (23, Genua) ihren Torschussstiefel. Sie müssen nun beweisen, dass sie ihre guten Ansätze auch auf höchstem Niveau dauerhaft bestätigen können. Gleiches gilt für interessante Zukunftsaktien wie Luka Reischl (22, ADO Den Haag/NED) oder Tobias Hedl (23, Zulte Waregem/BEL).
Hierzulande? Flaute
Das Spannende an den beiden letztgenannten Stürmern ist, dass sie - bis auf zwei Ligaspiele von Hedl - nicht in der ADMIRAL Bundesliga spielten. Allerdings ist die Liga ohnehin kaum eine Benchmark.
Karim Konate traf 2023/24 für Salzburg 20 Mal. Seine Nachfolger – Ronivaldo (14), Otar Kiteishvili (15) – kamen da nicht ran. An vorderster Front vertrauen die Sportchefs und Trainer sowieso entweder Oldies oder Legionären.
Mir persönlich wäre es ein Riesenanliegen, dass man in der Ausbildung einfach viel mehr auf die individuelle Entwicklung der Spieler eingeht und Einzelspieler fördert und entwickelt.
Nachdem von 2010/11 an bis 2012/13 mit Roland Linz, Jakob Jantscher/Stefan Maierhofer und Philipp Hosiner die Torjägerkanone drei Mal in Folge rot-weiß-rot war, schafften dieses Kunststück seither nur die Österreicher Guido Burgstaller und Ronivaldo. Zu dem Zeitpunkt galten beide auch schon lange nicht mehr als Zukunftshoffnungen.
Wirft man einen Blick auf die aktuellen Kader der Bundesliga-Klubs, wird sich daran wenig ändern: Meister LASK holte als Kalajdzić-Ersatz mit Ramiz Harakate einen Franzosen; bei Sturm spielt mit Belgim Beganovic nur einer mit österreichischem Pass im Sturm, er laborierte aber letztes Jahr an einigen Verletzungen.
Salzburg holte Haris Tabakovic, Rapid Tonni Adamsen, bei den Veilchen sorgt Johannes Eggestein für die Goals. All das klingt nicht nach tatkräftiger Unterstützung durch die Klubs. Klar ist aber auch: Das Anforderungsprofil ist komplex. Der klassische Strafraumstürmer hat sich verändert. Moderne Angreifer müssen pressen, Räume öffnen, kombinieren und trotzdem Tore garantieren.
Was können die Klubs tun?
Im Zuge des Mediadays der ADMIRAL Bundesliga hat 90minuten Trainer und Kapitäne befragt, wie Abhilfe geschaffen werden kann. Die Antworten sind gleichsam ernüchternd wie komplex.
Meistertrainer Didi Kühbauer sagt beispielsweise: "Kein Trainer wird einen jungen Österreicher nicht spielen lassen." Er räumt zudem ein, dass hierbei die Entwicklung in den letzten Jahren nicht gepasst hat.
Zwar ist das Dasein als Stürmer eine "schwere Aufgabe" - man wird schließlich quasi nur und ausschließlich an Toren gemessen - aber es brauche mehr Kreativität im Spiel und weniger Kollektivdenken: "Da wurden in der Nachwuchsarbeit meiner persönlichen Meinung nach Fehler gemacht."
Einer seiner Vorgänger, Markus Schopp, vermisst dies ebenfalls, sieht einen Christoph Baumgartner mit seinem offensiven Spielwitz und Pressingfähigkeiten als idealen Spieler.
Ausbildung anpassen
Eine bessere Ausbildung fordert auch Sturm-Trainer Fabio Ingolitsch. Derzeit gehe es in Nachwuchs und Akademie sehr stark um das Kollektiv und den Mannschaftserfolg, mit einem Fokus auf die Resultate:
"Mir persönlich wäre es ein Riesenanliegen, dass man in der Ausbildung einfach viel mehr auf die individuelle Entwicklung der Spieler eingeht und Einzelspieler fördert und entwickelt, um dann im Profibereich wieder über den Mannschaftserfolg zu kommen."
WSG-Tirol-Trainer Philipp Semlic sieht das ähnlich, meint, dass man "zusätzlich zu fleißigen Pressingspielern wieder neue Eins-gegen-Eins-Spieler" ausbilden muss, die "tiefe Blöcke auflösen können. Daran fehlt es uns derzeit ein bisschen, in der Ausbildung sollten darauf wieder mehr Aufmerksamkeit legen".
Diese Stürmerdiskussion wurde schon zu meiner Zeit im Nationalteam geführt. Auch damals hat man gemeint, dass nichts nachkommt. Jetzt hatten wir aber über zehn Jahre den erfolgreichsten Stürmer und Rekordtorschützen im Kader.
Angst und Bange werden muss einem nicht werden, denkt Semlic dennoch. Im Kollektiv lasse sich viel auffangen und "Kalajdžić kann auch noch einmal einen Step machen".
Diese Diskussion gibt es schon ewig
Und auch andere Befragte schlagen nicht Alarm. WSG-Kapitän Lukas Hinterseer ordnet diese Überlegungen auch etwas anders ein: "Diese Stürmerdiskussion wurde schon zu meiner Zeit im Nationalteam geführt (2013-2019, Anm.). Auch damals hat man gemeint, dass nichts nachkommt. Jetzt hatten wir aber über zehn Jahre den erfolgreichsten Stürmer und Rekordtorschützen im Kader. Es wird auch diesmal die nächste Generation nachrücken."
WAC-Kapitän Nicolas Wimmer will auch nicht allzu schwarz malen und erinnert an einen, der von Wolfsberg zu Partizan Belgrad ging: "Erik Kojzek ist noch sehr jung, hat aber alles, was ein guter Stürmer braucht. Elias Havel hätte man auch zur WM mitnehmen können. Ich bin schon positiv gestimmt, dass jemand in die Rolle hineinwächst."
Man sieht bis hier hin: Ganz so schlimm schätzt die Szene die Stürmerfrage nicht ein. Jetzt gehe es darum, die, die es gibt, auf ein neues Level zu heben. Und dabei hilft nur Spielzeit.
Kojzek sucht sie in Belgrad. TSV-Kapitän Tobias Kainz, weiß, dass es eben Zeit braucht: "Der Eli Havel hat auch nicht gleich funktioniert, sondern hat ein bisschen gebraucht."
Was können die Routiniers tun?
Erfahrene Spieler wie Kainz nehmen in der Entwicklung junger Stürmer eine wichtige Rolle ein. Diese umreißt Meisterkapitän Sascha Horvath.
Er sinniert über seine eigene Zeit als junger Spieler nach und meint heute, dass Leistungsschwankungen dazugehören: "Ich freue mich, wenn junge Spieler Potenzial haben und dann gute Spiele zeigen. Aber klar, keiner kann jede Woche auf einem Topniveau spielen."
Manfred Fischer von der Wiener Austria mahnt aber ein: "In erster Linie geht es um die Spieler selbst, dass der Spieler den Anspruch hat, sich weiterzuentwickeln." Der Verein könne mit Spielzeit helfen, alles andere werde nicht funktionieren. Und: "Ich sage: Dem Spieler darfst du nichts schenken, er muss sich das verdienen und hart erarbeiten."
Letztlich erinnert Sascha Horvath noch an eine Sache: "Es macht auch nicht jeder alte Spieler jede Woche ein gutes Spiel." Vielleicht können Trainer das in den kommenden Monaten und Jahren beherzigen, wenn es darum geht, Stürmern die eine oder andere Minute mehr zu geben, um ihr Potenzial zu entfalten, auch wenn die letzten Leistungen nicht so gut waren.
Georg Sohler