Der österreichische Fußball ist in Bewegung. Im Anschluss an die WM 2026 ist eine öffentliche Diskussion darüber entstanden, wohin sich der heimische Kick entwickeln soll, wie er sich verbessern kann.
Das wenig berauschende Auftreten des ÖFB-Teams war nur ein Stein des Anstoßes. Schon vor dem Turnier gab es genügend Gründe, ins Grübeln zu kommen. Man erinnere sich nur an die schwachen Auftritte unserer Top-Klubs im Europacup, an den Absturz in der Fünfjahres-Wertung.
Der Fußball gehört uns allen
Es ist nicht nur begrüßenswert, sondern auch allerhöchste Zeit, dass hierzulande über Grundsätzliches diskutiert wird.
Und zwar von allen Menschen, die in den österreichischen Fußball investieren – vom Nachwuchstrainer, der für ein paar Euro PRAE Kindern die ersten Schritte in diesem Sport ermöglicht, über den Fan, der Zeit und Geld opfert, um seinen Herzensverein Wochenende für Wochenende zu unterstützen, bis hin zu den großen Namen, ob Spitzen-Funktionär, Legende oder Aktiver.
Der Fußball gehört uns allen. Jede Idee muss willkommen sein, unabhängig von ihrem Entwickler.
Wofür soll der österreichische Fußball stehen? Diese Frage treibt aktuell viele um. Aber braucht es darauf überhaupt eine Antwort? Benötigt eine Nation eine spezifische fußballerische Identität, eine gemeinsame Spielidee?
Ausbildung ist eine Wette auf eine ungewisse Zukunft
Wer die Zukunft gestalten will, muss bei jenen Menschen ansetzen, die dann für die Umsetzung verantwortlich sind – die Kinder. Es geht darum, wie wir die fußballerischen Aushängeschilder von morgen heute ausbilden.
Doch ein Ausbildungskonzept ist immer eine Wette auf eine ungewisse Zukunft. Man kann Mutmaßungen anstellen, wie der Fußball 2035 oder 2040 aussieht, mehr aber auch nicht.
Es gilt, Spieler zu entwickeln, die auf alle Eventualitäten vorbereitet sind. Der entscheidende Schlüssel dazu ist Spielintelligenz.
Also gilt es, Spieler zu entwickeln, die auf alle Eventualitäten vorbereitet sind. Der entscheidende Schlüssel dazu ist Spielintelligenz.
Wer das Spiel versteht und imstande ist, seine Spielweise zu adaptieren, sich an neue taktische Herausforderungen anzupassen, wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit künftig reüssieren können – unabhängig davon, was dann gerade en vogue ist.
Eine Einschränkung gibt es: die Ausbildung im Spiel mit dem Ball muss im Fokus stehen. Es muss nicht jeder Nachwuchsspieler Eins-gegen-Eins-Situationen im Dribbling lösen können, er muss aber die Fähigkeiten mitbringen, sich so vorzupositionieren und den Ball vom ersten Kontakt an so zu behandeln, dass er Trainervorgaben entsprechend erfüllen kann.
Was ein 18-Jähriger nicht mehr lernen kann
Du kannst einem 18-Jährigen beibringen, wie er anlaufen soll, wie er Positionen zustellen soll, welche Laufwege er machen muss. Kicken kannst du ihm nicht mehr lernen.
Dass grundsätzliche athletische Voraussetzungen erfüllt werden müssen, ist darüber hinaus klar, soll aber der Vollständigkeit halber noch erwähnt werden.
Der Spielerpool ist klein
Ob das nächste Talent der Güteklasse David Alaba dann aber ein 1,95 Meter großer Innenverteidiger, ein 1,65 Meter kleiner Dribblanski oder ein Mittelfeldspieler, der Lücken sieht, die andere nicht erkennen, ist, lässt sich nicht vorhersagen.
Der Spielerpool in Österreich wird jedenfalls nie so groß sein, dass 20 perfekt auf einen Spielstil zugeschnittene Kicker, die internationale Top-Klasse haben, zur Verfügung stehen.
Es wird Flexibilität brauchen, um das Optimum aus den besten österreichischen Fußballern herauszuholen.
Dementsprechend wäre es ein Fehler, sich auf einen Plan A zu versteifen und sämtliche anderen Herangehensweisen praktisch auszuschließen. Es wird Flexibilität brauchen, um das Optimum aus den besten österreichischen Fußballern – und Fußballerinnen, für die gilt alles Geschriebene freilich ganz genauso – herauszuholen.
Nerdige Diskussionen
Wahrscheinlich braucht es also gar nicht die eine, große Spielphilosophie, diese eine festgeschriebene Identität, diesen ganz großen Wurf, um sich für eine ungewisse Zukunft bestmöglich zu rüsten.
Vielmehr sind es viele Stellschrauben, an denen gedreht werden muss, um in den kommenden Jahren auf alle Entwicklungen gut reagieren zu können.
Diskussionen über die Trainerausbildung, das Nachwuchssystem, die Akademien, das Ligensystem, Transferentschädigungen und vieles mehr mögen oft trocken und nerdig sein, sie sind es aber, die Österreichs Fußball wirklich voranbringen.
Harald Prantl