Challenge! Bundesliga erwägt Alternative zum VAR
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Challenge! Bundesliga erwägt Alternative zum VAR

Seit Monaten steht die Zukunft des VAR in Österreich auf der Kippe, über eine Verlängerung des aktuellen Systems wird demnächst entschieden. In absehbarer Zeit könnte sich aber auch eine spannende Alternative anbieten.

Der VAR polarisiert auch viereinhalb Jahre nach seiner Einführung in Österreich. Sein mögliches Ende hätte mit der öffentlichen Wahrnehmung aber höchstens am Rande zu tun.

Derzeit laufen Verhandlungen zwischen Bundesliga, ÖFB und technischen Anbietern über einen Fortbestand des bisherigen Setups, die in den kommenden Wochen zu einer Entscheidung führen sollen. Bisher griff man auf die Dienste der Firma "Hawkeye" zurück, die Vereinbarung läuft mit Saisonende aus.

Teures Unterfangen

Unter der Maßgabe, für mehr Gerechtigkeit im heimischen Fußball zu sorgen, werden Jahr für Jahr Millionen investiert. Ob der Sparkurs der Bundesliga ausgerechnet vor dem teuersten Posten der Schiedsrichterkosten Halt machen kann, ist jedenfalls fraglich.

Rund 1,5 Millionen Euro fallen alleine für den VAR an. Weitere 1,5 Millionen kosten die Referees in der Bundesliga, eine zusätzliche Million kommt dazu, weil der ÖFB die Kosten für die Schiedsrichter in der 2. Liga nicht weiter tragen möchte.

Zum Jahresende 2025 ließ ÖFB-Präsident Josef Pröll zwar den Rat durchklingen, man möge in Österreich am VAR festhalten. Innerhalb des finanziellen Rahmens, den der neue TV-Vertrag diktiert, könnte das für die Bundesliga alleine schwierig zu stemmen sein.

Einsparungspotenzial hat LAOLA1 schon im Herbst ausgelotet:


Alternative in Ausarbeitung

Für die kommende Saison ist eine Verlängerung des aktuellen Modells alternativlos. Perspektivisch wäre eine Umstellung auf ein Challenge-System ("Football Video Support"/FVS) aber durchaus denkbar, bestätigt die Bundesliga auf 90minuten-Anfrage:

"Es kann eine sehr interessante Alternative zum aktuellen VAR-Setup darstellen. Sobald die Rahmenbedingungen und Timeline zu einer möglichen Einführung seitens der FIFA geklärt sind, werden wir mit den Klubs und dem ÖFB darüber sprechen."

Sobald die Rahmenbedingungen seitens der FIFA geklärt sind, werden wir mit den Klubs und dem ÖFB sprechen.

Bundesliga

Bekannt ist der Football Video Support spätestens seit der U17-Weltmeisterschaft 2025. Mit einer Challenge-Karte darf ein Trainer jedes Teams zwei Mal pro Spiel die Überprüfung einer Szene einfordern. Vorgenommen wird sie vom Hauptschiedsrichter am Spielfeldrand, ähnlich der "On-Field Review", nur ohne VAR im Ohr.

Überprüfbar sind Torszenen, Elfmeter, Rote Karten und Verwechslungen von Spielern, herangezogen werden TV-Bilder. Man habe keinerlei Absicht, den VAR mit diesem System zu ersetzen, hieß es schon im Mai 2024 seitens der FIFA. Man wolle den Mitgliedsverbänden aber eine günstigere Alternative anbieten, nachdem es mehrere Anfragen dazu gegeben hat.

Der FVS benötigt in seiner aktuellen Form keine fixe Anzahl an Kameras, auch eine Zentrale - die Bundesliga betreibt sie in Wien-Meidling - wäre nicht mehr erforderlich.

Schiedrichter Alexander Harkam im Austausch mit dem VAR
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Schiedrichter Alexander Harkam im Austausch mit dem VAR

Malta macht's vor

Derzeit durchläuft der FVS eine geschlossene Testphase. Die Bundesliga hat den Kontakt mit der FIFA bereits gesucht, muss aber die Ergebnisse und Beurteilung abwarten. Vor einer Freigabe könnten auch noch Anpassungen vorgenommen werden.

"Interessant wird, inwiefern die anstehenden möglichen Änderungen beim Einsatz des VAR berücksichtigt werden", heißt es dazu von der Bundesliga. Ende Februar entscheidet das Regelhüter-Gremium IFAB, ob künftigt auch Eckball-Entscheidungen oder Gelb-Rote-Karten per Videoschiedsrichter revidiert werden können.

Ein Vorreiter - neben unter anderem Australien und der italienischen Serie A der Frauen - ist Malta. Der Verband hat den FVS in einem Pokalbewerb, er kommt auch noch in den letzten Runden der maltesischen Premier League zum Einsatz. "Hoffentlich verwenden wir ihn nächste Saison in allen Spielen unserer höchsten Spielklasse", erklären die Schiedsrichterbosse Mario Apap und Alan Mario Sant gegenüber 90minuten.

Das Feedback von Trainern, Spielern und Schiedsrichtern war beinahe ausschließlich positiv.

Fußballverband Malta

Der Verband hat sich lange mit einer VAR-Einführung beschäftigt, letztlich scheiterte sie an limitierten Ressourcen. "In Gesprächen mit der FIFA wurden wir auf den FVS als Alternative aufmerksam gemacht, der Schiedsrichtern ähnlich gute, aber leistbarere Unterstützung bietet", sagen Apap und Sant.

Im Rahmen der Testphase sammeln sie Daten und liefern sie monatlich an FIFA und IFAB. Probleme, so die Verantwortlichen in Malta, hat es abgesehen von kleineren technischen Malheurs noch nicht gegeben:

"Das Feedback von Trainern, Spielern und Schiedsrichtern war beinahe ausschließlich positiv. Änderungen des Systems halten wir derzeit nicht für notwendig. Sobald wir ein Bild über eine gesamte Saison haben, wird es einen konstruktiven Austausch über die Zukunft des FVS geben."

Vizeweltmeisterliche Expertise

Auch einige Österreicher haben bereits Challenge-Erfahrung gesammelt. Christoph Witamwas hatte als Co-Trainer der ÖFB-U17 seinen Anteil am Vizeweltmeistertitel, inzwischen arbeitet er für Sturm Graz. Auf dem Weg ins Finale konnte man mehrere strittige Szenen per Überprüfung entlarven. Im Halbfinale gegen Italien reklamierte man erfolgreich für eine Rote Karte gegen Benit Borasio, den anschließenden Freistoß konnte Johannes Moser zur Entscheidung verwandeln.

Es war - theoretisch - die zweite Challenge in diesem Spiel. Dass man ÖFB-Kicker Vasilije Markovic trotzdem per Videobeweis vor einem Ausschluss wegen eines Gerangels nach Spielende bewahren konnte, war nicht selbstverständlich.

Vasilije Markovic (links) blieb eine Rote Karte erspart
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Vasilije Markovic (links) blieb eine Rote Karte erspart

Witamwas beschreibt die Szene im Gespräch mit 90minuten: "Die erste Rückmeldung vom Schiedsrichterteam war: Nach dem Spiel ist keine Challenge mehr möglich. Dann hatte eigentlich Sebastian Prödl einen Geistesblitz und hat gemeint, dass es sehr wohl gehen muss, wenn der Schiedsrichter noch Rote Karten geben kann. Dann hat man zum Glück noch eine Aufnahme gefunden, die die Szene aufgelöst hat."

Erlaubt war die Überprüfung, weil der Schiedsrichter Teamchef Hermann Stadler eine seiner beiden Karten nach der ersten Challenge wieder in die Hand gedrückt hatte. Bevor es zu einer strittigen Szene im Strafraum kam, war bereits auf Abseits entschieden worden. Im Endeffekt durfte Markovic im Finale spielen, die FIFA wiederum konnte Erfahrungen für die Weiterentwicklung des FVS sammeln.

Die Bank entscheidet

Mit Witamwas gibt es einen klaren Befürworter des Challenge-Systems, auch mit Blick auf die Bundesliga: "Oft wird hinterfragt, warum der VAR eingegriffen oder nicht eingegriffen hat. Diese Diskussion wäre damit hinfällig."

Das ÖFB-Trainerteam hat sich während der WM gut auf den FVS eingestellt. Normalerweise könne man sich auf der Bank entscheiden, ob man das Scouting- oder das TV-Bild angezeigt bekommt, sagt Witamwas. "Wir haben uns bewusst für die TV-Option entschieden, um schneller Nahaufnahmen zu bekommen."

Man geht schon sehr bewusst mit diesen zwei Möglichkeiten um.

Christoph Witamwas

Oft habe man sich schnell entscheiden müssen, der Teamchef selbst sei weit vorne in der Coaching-Zone gestanden, um Anweisungen an die Spieler zu geben. Die Entscheidung lag daher mehrfach bei den Assistenten: "Wir haben uns so schnell wie möglich ein Bild gemacht, dann bin ich mit der Karte in der Hand zu Hermann gelaufen, weil nur der Teamchef sie zeigen durfte."

Hin und wieder wurden auch die Spieler für eine kurze Beratung beigezogen, nicht immer könne man ihrer Empfehlung folgen: "Es gab auch Situationen, in denen die Spieler eine Challenge wollten, wir aber realistisch beurteilen müssen, dass unsere Chancen schlecht stehen."

Witamwas hält fest: "Man geht schon sehr bewusst mit diesen zwei Möglichkeiten um. Es geht natürlich nicht, bei jeder Situation, für die es vielleicht eine Rote Karte oder einen Elfmeter geben könnte, leichtfertig eine Überprüfung einzufordern."

Neues Berufsfeld

Das eine oder andere Problem, das während der U17-WM aufkam, würde sich bei einer Einführung in Österreich erübrigen. Kommunikationsprobleme, zum Beispiel, sollte es hierzulande keine geben - in Katar war es anders: "Man muss dazu sagen, dass nicht alle Schiedsrichter gut Englisch gesprochen haben. In manchen Situationen war nicht immer ganz klar, worüber wir eigentlich genau reden."

Christoph Witamwas, jetzt Co-Trainer von Fabio Ingolitsch bei Sturm Graz
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Christoph Witamwas, jetzt Co-Trainer von Fabio Ingolitsch bei Sturm Graz

Denkbarer wäre wohl auch das Engagement von Experten. Darauf hat der ÖFB bei der Weltmeisterschaft verzichtet. "Wir haben überlegt, einen Schiedsrichter zur WM mitzunehmen. Am Ende haben wir das nicht gemacht. Wenn es schnell gehen muss, kann das natürlich eine Hilfe sein", so Christoph Witamwas. Auch in anderen Sportarten, die auf ähnliche Systeme zurückgreifen, werden Ex-Referees als Berater engagiert.

Rückblickend fällt das Fazit positiv aus. Der Co-Trainer ist sich sicher, dass man das System besser nutzen konnte, als die Konkurrenz: "Im Spiel gegen Mali hat es eine strittige Elfmetersituation in unserem Strafraum gegeben. Sie haben erst zwei Unterbrechungen später gesagt, dass sie gerne eine Challenge verwenden würden. Wir waren schon gut vorbereitet und hatten auch die notwendige Manpower."

Klubkonferenz entscheidet

Für eine Entscheidung für oder gegen den Football Video Support ist letztlich die Klubkonferenz zuständig. Gegenüber 90minuten erklärt die Bundesliga: "Das Thema wurde bei der Klubkonferenz im Dezember atmosphärisch besprochen. Die Klubs zeigen sich grundsätzlich offen, müssen aber ebenso wie wir nähere Infos abwarten."

Das Thema wurde atmosphärisch besprochen. Die Klubs zeigen sich grundsätzlich offen.

Bundesliga

Der ÖFB hielt sich auf Anfrage im Dezember noch bedeckt: "Der ÖFB steht Innovationen grundsätzlich offen gegenüber. Aktuell befindet sich das System in einer Testphase. Es liegen derzeit keine Informationen darüber vor, ob und in welcher Form eine Freigabe durch die FIFA für Ligen und Bewerbe erfolgt. Es handelt sich um eines von mehreren Versuchsprojekten, die die FIFA unter anderem im Rahmen von Nachwuchsturnieren verfolgt."

VIDEO: Herzog lästert über den VAR


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