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Dominante Wiener Austria verliert gegen defensive Rieder [Spiel-Analyse]

In der ersten Runde der österreichischen Bundesliga kann sich die SV Ried gegen die Wiener Austria mit einem 2:1 durchsetzen. Ein tiefstehender 4-4-2-Block der Rieder stellte die Austria vor große Probleme.

+ + 90minuten.at Exklusiv + + Eine Spielanalyse von Simon Goigitzer

 

Am Wochenende startete die österreichische Bundesliga. FK Austria Wien war bei der SV Ried zu Gast, musste jedoch ohne Punkte die Heimreise antreten. Zu Beginn des Spieles war gleich erkennbar, welche Ausrichtungen beide Mannschaften in dieser Partie haben werden. Die Gastgeber entschieden sich für einen sehr defensivorientierten Ansatz. In einer 4-4-2-Formation verteidigten sie in einem Mittelfeldpressing und attackierten hauptsächlich auf der Höhe der Mittellinie. Auch mit dem Ball stand die Defensive im Vordergrund. Vor allem in der ersten Hälfte kamen von der ersten Aufbaulinie immer wieder hohe Bälle in die Spitze. Das bedeutet, dass sie im Spielaufbau in der eigenen Hälfte den Gästen keine Chance für eine Balleroberung ließen.
Die Wiener Austria dagegen spielte eine sehr dominante Partie. Bereits von Anfang an war der Ball beinahe nur in den Reihen der Gäste und am Ende des Spieles hatten sie 72% Ballbesitz. Dennoch hatten sie einige Probleme: Besonders in der gegnerischen Hälfte und im letzten Drittel mangelte es an der richtigen Entscheidungsfindung, um zu einer klaren Großchance zu kommen.

Ried und das „Beton anrühren“

Bereits im Interview meinte Chefcoach Andreas Heraf, dass er sich beim „Beton anrühren“ wohl fühle. Auch der Ballbesitzanteil war ihm nicht so wichtig. Die SV Ried zeigte einmal mehr, dass man im Fußball auch mit nur 30% Ballbesitz gegen einen dominanten Gegner gewinnen kann. Doch wie verteidigten die Rieder?

Wie schon erwähnt pressten die Gastgeber in einer 4-4-2-Formation. Dabei orientierten sie sich an der Mittellinie und rückten nur bei gewissen Pressingauslösern weiter nach vorne. Einer dieser Pressingtrigger war der Ball auf den Außenverteidiger. Kam der Ball auf den Flügel, so versuchten sie den Austrianer zu isolieren und vor allem Pässe nach vorne oder diagonale in die Mitte zu verhindern. Auch Rückpasse oder ungenaue beziehungsweise Fehlpässe waren Auslöser um den tiefen Abwehrblock weiter nach vorne zu schieben. Zudem stand das Ziel im Vordergrund, dass von der Austria so wenige Pässe wie möglich durch die Mitte gespielt werden. Hier machten die Rieder gute Arbeit und konnten mit ihrem Verschieben immer wieder die Austria zurück in die erste Aufbaulinie zwingen. Sehr auffällig war auch, dass sie auf den Flügel sehr nah zum Ball verschoben, um den Raum für den Gegenspieler auf der Seite eng zu machen.

Abbildung 1: Der tiefe Abwehrblock der SV Ried.

In der Offensive hatten die Gastgeber kaum längere Ballbesitzphasen. Vor allem in der ersten Hälfte kamen immer wieder hohe Bälle von der ersten Aufbaulinie in die Sturmspitzen. Einer dieser hohen Zuspiele leitete in der zweiten Hälfte auch den ersten Treffer ein, nachdem Seifeddin Chabbi durch ein gewonnenes Kopfballduell den Ball weiterleiten konnte.
Es gab nur einige kurze Phasen, in denen die Austria nicht hoch presste und die Rieder ein flaches Aufbauspiel gestalten konnten. In den ersten 45 Minuten kam es im Ballbesitz auch zu einer situativen Fünfer- beziehungsweise Dreierkette. Entweder Daniel Offenbacher oder Marcel Ziegl kippten zwischen den beiden Innenverteidigern ab. Daraufhin versuchten die Gastgeber mit vertikalen oder diagonalen Zuspielen aus dem Halbraum nach vorne zu kommen. Dabei waren diese Pässe mit sehr viel Risiko verbunden und landeten daher auch oft beim Gegner.

Fehlstart von Austria Wien?

Im ersten Bundesligaspiel der Wiener Austria unter Manfred Schmid gab es zwar keine drei Punkte, allerdings kann die Austria nicht von einer schlechten Leistung reden. Es fehlten nur die klaren Torabschlüsse und bessere Entscheidungsfindungen in der gegnerischen Hälfte.

Im gegnerischen Ballbesitz agierte die Wiener Austria in einer 4-3-3-/4-1-4-1-Formation. Im hohen Pressing liefen sie die Rieder in einem 4-3-3 an und kam es zu kurzen Anlaufpausen, so wechselten sie auf ein 4-1-4-1 und verteidigten im Mittelfeldpressing.
Im eigenen Ballbesitz orientiert sich die Austria klar in einem 4-3-3, wobei es hier öfters zu Positionswechseln und -änderung kam. Beispielsweise kippte Alexander Grünwald öfters als rechter Achter links neben den beiden Innenverteidiger ab und bildete eine Dreierkette. Auch Eric Martel bewegte sich einige Male auf die Höhe der Innenverteidiger. Durch die situative Dreierkette hatten die Außenverteidiger die Möglichkeit am Flügel höher zu rücken. Zu Beginn haben auch die Abläufe im Ballbesitz gut funktioniert. In der erste Aufbaulinie konnten die Austrianer den Gegner auf eine Seite locken und durch kurzes Kombinationsspiel den ballfernen Halbraum oder Flügel bespielen. So ermöglichten sie sich immer wieder am Flügel sehr viel Platz. Jedoch kam es immer wieder zu schlechten Entscheidungsfindungen, sodass die Pässe zu ungenau waren oder überhaupt ein Ballverlust resultierte. Dieses Problem zog sich durch das ganze Spiel und sorgte auch dafür, dass die Austria nur wenige Großchancen hatte.

Die Probleme der Wiener Austria

Die Entscheidungsfindung im letzten Drittel und der tiefe Block der Gastgeber stellten die Wiener vor große Probleme. Vor dem gegnerischen Strafraum agierten sie viel zu hektisch oder einige Spieler versuchten viel zu früh den „finalen Pass“ zu spielen. Längere Ballbesitzphasen in der gegnerischen Hälfte und in der nähe des Sechzehners gab es kaum und so konnten sie sich nur selten klare Großchancen erspielen. Hier ein Beispiel. (Abbildung 2)

Abbildung 2: Optimalere Entscheidungsfindung führt möglichweise zum Abschluss durch Martel

Markus Suttner bekam, nachdem die Austria auf der rechten Seite die Pressinglinien überspielen konnte  am Flügel den Ball von Aleksandar Jukic. Jukic lief dann direkt in die Tiefe weiter und gab Suttner eine Passoption. Suttner entschied sich für den diagonalen Pass in den gegnerischen Sechzehner auf Grünwald. Die Nummer Zehn der Austria stand mit dem Rücken zum Tor und versuchte mit dem ersten Kontakt auf Jukic prallen zu lassen. Da Grünwald jedoch direkt unter Druck gesetzt wurde, kam Jukic nicht mehr zum Ball. Zwar konnte die Wiener Austria noch einen Eckball herausholen, allerdings hätte die Situation bereits Suttner besser ausspielen können.
Die Austria versuchte wieder einmal, Überzahl am Flügel zu schaffen. Daher verschoben die Rieder wieder sehr stark auf den Flügel, sodass sich vier Spieler nah beim Ball befanden. Durch den tiefen Lauf von Jukic orientierten sich einige Spieler nach hinten. Dies ermöglichte Suttner den Ball auf Martel spielen zu können, der in der Mitte ohne Gegenspieler positioniert war. Durch die Positionierung des Mittelfeldspielers hätte er nach einem Querpass von Suttner womöglich zum Abschluss kommen können. Allerdings verpasste die Austria wieder, durch den Versuch so schnell wie möglich in den Strafraum und zum Abschluss zu kommen.

Ein weiteres Problem war, dass sie viel zu wenige vertikale Pässe aus der ersten Aufbaulinie versuchten. Besonders zu Beginn waren es hauptsächlich Querpässe und keine linienbrechenden Zuspiele. Zu selten schafften sie es mehrere Pressinglinien auf einmal zu überspielen und daraufhin in das letzte Drittel zu kommen. Hier ein Beispiel, wie es gegen die Rieder funktioniert. (Abbildung 3)

Abbildung 3: Vertikales Zuspiel von Eric Martel.

Martel bekam im Spielaufbau nach einem Doppelpass mit Grünwald wieder den Ball. Durch das Entgegenkommen von Grünwald wurden die beiden Mittelfeldspieler auseinandergezogen und Daniel Offenbacher bewegte sich zu Manfred Fischer und orientierte sich auf die linke Seite der Austria.
Da Martel zwischen die beiden Innenverteidigern abkippte, konnten die beiden Außenverteidiger am Flügel höher rücken. Somit bewegte sich auf der rechten Seite Georg Teigl in den Halbraum. Leo Mikic verlor seinen Gegenspieler und Martel konnte mit einem vertikalen Zuspiel Teigl im rechten Halbraum anspielen. Der Außenbahnspieler konnte sich nach vorne orientieren und auf Fischer spielen, der aus der Sechserposition in die Tiefe lief. In der Anschlussaktion kam die Austria über Marvin Santos in eine aussichtsreiche Flankenposition, jedoch wurde der Flankenversuch gerade noch abgeblockt.

Auffällig war auch, dass die Wiener sehr oft in Flankenpositionen kamen und aus diesen Positionen auch immer wieder versuchten den Ball in die Mitte zu spielen. Allerdings wurde diese Zuspiele immer wieder geblockt oder waren zu ungenau. Jedoch konnte man erkennen, dass die Strafraumbesetzung im Vergleich zum Vorjahr mehrere mal im Spiel besser funktionierte. Das heißt, dass sowohl auf der ersten und der zweite Stange ein Spieler war als auch der Rückraum besetzt wurde. Diese Strafraumbesetzung sorgte dann auch für den Anschlusstreffer durch Benedikt Pichler, da er mit gutem Timing nach einer Flanke von Suttner den Ball ins Tor köpfen konnte.

Fazit

Die Wiener Austria findet gegen ein defensivorientiertes SV Ried kaum Lösungen und erspielte sich nur wenige Torchancen. Auch die Entscheidungsfindung in der gegnerischen Hälfte war nicht optimal, sodass immer wieder unnötige Ballverluste entstanden. Auch der expected Goals-Wert war bei den Wienern unter 1. Die Rieder hatten ein Wert von 1,46. In der Defensive konnten die Oberösterreicher hervorragende Arbeit zeigen und stellte die Austria vor sehr großen Problemen. Im eigenen Ballbesitz wurden nur über Umschaltsituationen Chancen erspielt. Dennoch reichte es mit einem Treffer nach einem hohen Ball und einem Freistoßtor, die ersten drei Punkte in dieser Saison zu holen.

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